Streit um Rentenpaket

Altersarmut bedroht Millionen Rentner – Vorwurf an „Schnösel“ der Jungen Union

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Drohende Altersarmut für Babyboomer beim Renteneintritt beunruhigt Experten. Gleichzeitig richten Grüne und Linke deutliche Worte an die Junge Union.

Berlin – Deutschland steuert auf eine massive Unwucht bei der Rente zu: Die geburtenstarken Jahrgänge der 50er und 60er Jahre – die Babyboomer – gehen nach und nach in Rente. Bis 2039 werden 13,4 Millionen Babyboomer das Rentenalter erreicht haben, schätzt das Statistische Bundesamt. Das ist fast ein Drittel der aktuellen Erwerbstätigen. Für ihre Rente müssen die Jüngeren zahlen. Allerdings haben die Babyboomer obendrein besonders weniger Kinder bekommen, also für zu wenig Nachwuchs gesorgt, als dass ihre Rente gut finanzierbar wäre.

Sind die Babyboomer ohne Haltelinie nach 2031 von Altersarmut bedroht? Linke und Grüne wettern gegen die Kritik der Jungen Union am Rentenpaket, auf dem Bild: Pascal Reddig (r.) und Johannes Volkmann.

Das Ergebnis: das umlagefinanzierte Rentensystem in Deutschland scheint nicht mehr aufzugehen. Kommen heute 33 Rentner auf 100 Beitragszahler, werden es 2035 schon 44 sein. Bis zum Jahr 2060 könnten laut einer Hochrechnung der Deutschen Rentenversicherung bis zu 67 Rentner 100 Beitragszahlern gegenüberstehen – also doppelt so viel wie heute. Dabei fließt aktuell schon ein Fünftel des Bundeshaushalts in die Rentenkassen, weil die Beiträge der Arbeitnehmer nicht mehr ausreichen.

„Werden bei Babyboomern schlimme Altersarmut beobachten“ – Sinn warnt vor Renten-Debakel

Der bekannte Ökonom und ehemalige Leiter des Ifo-Instituts, Hans Werner Sinn, sieht wegen dieser Unwucht fatale Konsequenzen auf die Rentner in Deutschland zukommen: „Wir werden bei den Babyboomern eine schlimme Altersarmut und Pflegebedürftigkeit beobachten“, warnte er gegenüber t-online.de.

Die dramatische Situation für die Babyboomer im Alter werde „voraussichtlich zu einem gesellschaftlichen Umdenken führen“. Das sei auch dringend nötig, so Sinn. Sein Ratschlag an die Jüngeren lautet: „Bekommt Kinder! Diese Vorstellung, dass man ohne Kinder in dieser Welt leben und überleben kann, fällt doch jetzt gerade in sich zusammen.“

Zukunft bringt erheblich mehr Rentner im Verhältnis zu Erwerbstätigen

Jahr65-Jährige und Ältere je 100 Personen, die 20 bis 64 Jahre alt sind
195016
198027
201034
202039
204062
206067

Grüne warnen vor Altersarmut ohne Haltelinie – „wenn die Junge Union das will...“

Die Grünen blasen in dasselbe Horn – und verknüpfen die Warnung vor Altersarmut mit Vorwürfen an die Junge Union, die die aktuellen Rentenpläne der Regierung wegen einer geplanten Rentengarantie nach 2031 ablehnt. „Wenn die Junge Union will, dass Millionen Erwerbstätige zukünftig in die Grundrente oder in die Grundsicherung im Alter rutschen, soll sie das offen sagen“, sagte Grünen-Chefin Franziska Brantner zur Rheinischen Post.

Die Grünen-Vorsitzende empfindet es außerdem als „zutiefst unehrlich, wenn die Junge Union weder die teure Aktivrente noch die ebenfalls milliardenschwere Mütterrente kritisiert. Allein die Mütterrente kostet rund fünf Milliarden Euro jährlich und damit über die ersten Jahre deutlich mehr als die Stabilisierung des Rentenniveaus auf 48 Prozent.“

Wirtschaftweise widerspricht Rechnung der Grünen zum Rentenpaket – Kritik auch an Merz und SPD

Dieser Rechnung der Grünen widerspricht jedoch der Wirtschaftsweise Martin Werding. „Die Haltelinie beim Rentenniveau kostet uns erst ab 2029 Geld, dann aber bis 2040 etwa 145 Milliarden Euro.“ Das Rentenpaket der Bundesregierung, auf das vor allem die SPD pocht, sei „kein seriöser Umgang mit dem Alterungsschub, der unmittelbar auf uns zukommt.“

Allerdings kritisiert auch Wirtschaftsweise Werding teure Rentenprojekte der Merz-Regierung wie Mütterrente und Aktivrente. „Auf Betreiben der CSU soll die Mütterrente ausgeweitet werden, das kostet sofort fünf Milliarden Euro im Jahr. Die Aktivrente, mit der Rentner bis zu 2000 Euro monatlich steuerfrei verdienen können sollen, bringt den Staat außerdem um Steuereinnahmen.“ Auch die Wirtschaftswissenschaftlerin Silke Übelmesser fordert, dass die CDU/CSU auf die Ausweitung der Mütterrente verzichten soll, wenn die SPD im Gegenzug von der garantierten Haltelinie nach 2031 ablässt.

Link wittern Kalkül bei Kritik am Rentenpaket: „Schnösel von der Jungen Union“

Auf volle Konfrontation geht Linken-Chefin Ines Schwerdtner im Streit um das Rentenpaket. „Die Schnösel von der Jungen Union wollen, dass sich die Menschen privat absichern. Je niedriger das Rentenniveau, desto mehr treibt man die Menschen in die private Altersvorsorge“, sagte sie laut Rheinische Post. Hinter der Kritik der Jungen Union an den Rentenplänen vermutet die Linken-Vorsitzende Klientelpolitik zugunsten von Konzernen wie der Deutschen Vermögensberatung. Auch hier gibt es jedoch eine andere Seite: Ökonomen warnen, dass ohne eine Stärkung der privaten und betrieblichen Altersvorsorge das deutsche Rentensystem erst recht kollabiert.

Die Linke hält sich indes offen, den Plänen der Koalition zur Sicherung des Rentenniveaus bei 48 Prozent im Bundestag zuzustimmen. „Wir werden das beraten“, sagte Schwerdtner. Ausgeschlossen sei eine Zustimmung, falls das Paket, wie von der Jungen Union gefordert, abgeschwächt werde.

Die 64 Abgeordneten der Linken könnten helfen, der schwarz-roten Koalition eine Mehrheit zu sichern. Politisch wäre es allerdings für Kanzler Friedrich Merz sehr heikel, auf Stimmen der Opposition angewiesen zu sein. Die Grünen haben angekündigt, dem Rentengesetz nicht zuzustimmen, weil es nicht generationengerecht sei. (Quellen: T-Online, Rheinische Post, Die Welt, Deutsche Rentenversicherung, dpa) (smu)

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