Steigende Lebenshaltungskosten

Altersarmut trifft auf Inflation - was bleibt von der Rente wirklich zum Leben?

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Das Kabinett hat das Entlastungspaket für Verbraucher verabschiedet. Rentner profitieren dabei allerdings nicht von allen Maßnahmen. Dabei ist ihre finanzielle Lage oft ernst.

Berlin – Millionen Deutsche können angesichts der steigenden Lebenshaltungskosten aufatmen: Das milliardenschwere Entlastungspaket der Bundesregierung ist akzeptierte Sache. Während die Entlastungen für viele Verbraucher deutliche finanzielle Vorteile mit sich bringen, dürften sie einer Gruppe nur ein müdes Lächeln abgewinnen: Rentnern. Denn die sind etwa von der Energiepauschale in Höhe von 300 Euro ausgenommen - außer sie betreiben einen Midi-Job mit Gehalt zwischen 450 und 1300 Euro im Monat. Dabei steigt die Altersarmut in Deutschland bereits seit Jahren an. Daran ändert auch das Entlastungspaket 2022 nichts.

Rente: Was bleibt wirklich zum Leben?

Grundsicherung: Rente
Betroffene: Rund 21 Millionen
Durchschnittshöhe: 1.100 Euro brutto im Monat

Im Jahr 2021 lag die Standardrente bei rund 1500 Euro brutto im Monat. Diese Summe bekommen allerdings nur Rentner, die 45 Jahre lang für ein deutsches Durchschnittseinkommen gearbeitet haben. Kein Wunder, dass die Durchschnittsrente in Deutschland deutlich unter dieser Ausgangssumme liegt - vor allem bei Frauen. Laut einer Statistik der Deutschen Rentenversicherung haben Männer im vergangenen Jahr in Ostdeutschland durchschnittlich 1139 Euro und in Westdeutschland 1212 Euro Rente bekommen. Frauen kamen im Westen auf 1023 Euro Rente im Monat, im Osten auf 710 Euro im Schnitt. 

Rentner landen mit der Durchschnittsrente unter der offiziellen Armutsgrenze in Deutschland

Die angegebenen Werte sind dabei die Brutto-Beträge. Zwar zahlen Rentner keine klassische Einkommenssteuer, aber auch sie müssen reduzierte Sozialabgaben wie Kranken- und Pflegeversicherung zahlen. Wenn der Grundfreibetrag von 9984 Euro im Jahr überschritten wird, dann fallen außerdem noch weitere Steuern an. Wer eine Rente von 1100 Euro bezieht, kann mit einem monatlichen Einkommen von rund 950 Euro rechnen. Wer nicht auf zusätzliche Ersparnisse oder Einkommen aus einem Mini-Job setzen kann, der gilt dann bereits als arm – mit der Durchschnittsrente in Deutschland. 

Inflation und Energiepreise belasten Rentner – die Energiepreis-Pauschale bekommen sie aber nicht.

Die Armutsgrenze ist nämlich sehr genau definiert. Als arm gilt, wer 60 Prozent oder weniger vom durchschnittlichen Einkommen des Landes verdient. Das aktuelle Durchschnittseinkommen in Deutschland liegt bei 3975 Euro brutto im Monat. Darauf basierend gilt offiziell als arm, wer weniger als 2385 Euro brutto monatlich verdient. Streng genommen fällt hier sogar die Standardrente drunter. Aber natürlich ist die bürokratische Definition von Armut nicht immer auch Realität. Im Fall von vielen Rentnern allerdings schon. Denn: Laut Angaben des Bundessozialministeriums hat aktuell jeder fünfte Pensionär in Deutschland weniger als 500 Euro im Monat zur Verfügung.

Amira Mohamed Ali (Linke): Energiepauschale für Rentner nur „Tropfen auf dem heißen Stein“

Bei einer Rekord-Inflationsrate von 7,3 Prozent ist es damit für viele Rentner kaum möglich, bis zum Monatsende durchzukommen. Im März 2022 lagen die Lebensmittelpreise in Deutschland bereits 33,6 Prozent höher als im März 2021. Vor allem gesunde Lebensmittel wie Obst und Gemüse, pflanzliche Öle und Backwaren sind so teuer wie noch nie. Damit stehen viele Rentner nun vor ähnlichen Herausforderungen wie Sozialhilfeempfänger. Denn das, was sich Hartz-IV-Empfänger leisten können, wird auch immer weniger.

Angesichts der steigenden Altersarmut in Deutschland ist sich Amira Mohamed Ali, Fraktionschefin der Linken im Bundestag, sicher: „Selbst, wenn die Rentner beim Entlastungspaket mehr Beachtung gefunden hätten, wäre das nur ein Tropfen auf dem heißen Stein gewesen“, sagt sie im Interview mit kreiszeitung.de. „Wir müssen deshalb nicht nur die Renten stabilisieren, sondern das Rentenniveau wieder auf 53 Prozent erhöhen.“ Auch IG Metall-Gewerkschaftssekretärin Berlin-Brandenburg Iris Billich fordert eine Erhöhung des Rentenniveaus: „Von der Inflation wird die geplante Erhöhung im Grunde sofort wieder aufgefressen.“

Um das Koalitionsversprechen der Rentenstabilisierung einzuhalten, plant die Bundesregierung die größte Rentenerhöhung seit 40 Jahren. Am 1. Juli 2022 sollen die Renten um bis zu 7,2 Prozent steigen. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) verspricht außerdem, dass das Rentenniveau stabil auf 48 Prozent bleibt und die Finanzierung der Rente langfristig gesichert ist. Ein Punkt, den viele Kritiker als unrealistisch betrachten. Denn die aktuelle Zeit bringt auch Schwierigkeiten für die Rentner von Morgen mit sich.

Inflation, Ukraine-Krieg und Corona-Pandemie trifft auch Rentner von morgen finanziell

Dorothea Mohn, Leiterin des Bereichs Finanzen beim Bundesverband der Verbraucherzentralen sagt in der Augsburger Allgemeinen: „Die Inflation mindert auch die Kaufkraft der zukünftigen Renten.“ Durch die höheren Kosten bei der Lebenshaltung hätten die Menschen weniger Geld, um es für später bei Seite zu legen. Durch die niedrigen Zinsen bei der Altersvorsorge werde auch das dort angelegte Geld weniger wert. Ein ähnliches Signal sendet auch der Deutsche Altersvorsorge-Index aus. Das Stimmungsbarometer des Deutschen Instituts für Vermögensbildung und Alterssicherung befindet sich mit einem Minus von 3,2 auf einem Rekord-Tiefstand. Der Ökonom und langjährige Ifo-Chef Hans-Werner Sinn gibt Arbeitnehmern im Focus deshalb einen Tipp: „Sorgt selber für euch. Glaubt nicht daran, dass der Staat das schafft.“

Für die Rentner von heute bleibt vorerst nur die Hoffnung auf eine baldige Stabilisierung der Renten und mehr Aufmerksamkeit für ihre Belange. Denn das Leben wird in einem Tempo teurer, bei dem die Renten kaum hinterherkommen. In Bezug auf das Entlastungspaket der Bundesregierung kommt die Präsidentin des Sozialverbandes VdK, Verena Bentele, in der Bild-Zeitung zu folgendem Schluss: „Gerade Seniorinnen und Senioren mit kleinen Renten sind besonders auf das Geld angewiesen, weil sie am Ende des Monats nicht mehr wissen, wie sie über die Runden kommen sollen.“

Rubriklistenbild: © Jens Kalaene/dpa

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