VonMaria Sterklschließen
Die israelische Armee steht bereit zur Offensive gegen Gaza, aber vielerlei Gründe sprechen für weiteres Warten.
Bereits vor zwölf Tagen sagte ein Armeesprecher, Israel sei „bereit für den nächsten Level“ – also für den Einmarsch von Bodentruppen in den Gazastreifen. Seither warten die vor der palästinensischen Enklave aufgefahrenen Brigaden aber immer noch auf den Einsatzbefehl. Nicht nur die Soldat:innen werden langsam unruhig, auch die Öffentlichkeit. Sogar das Netanjahu-freundliche Gratisblatt Israel HaYom titelte schließlich: „Netanjahu fehlt es an Entschlossenheit“.
Warum das Warten? Militärische Gründe gibt es dafür eher nicht. In der Armee ist man sich einig, dass das Ziel, die Hamas zu beseitigen, nur mit einer schnellen Invasion und anschließend mühseligem Häuserkampf erreicht werden kann.
Es ist die Politik, die auf dem Bremspedal steht. Und das hat triftige Gründe. Zuvorderst: die Geiseln. Die Verhandlungen mit Katar über die Freilassung Dutzender Verschleppter sollen weit fortgeschritten sein. Um die 50 stehen demnach kurz vor der Freilassung. Eine Bodenoffensive zum jetzigen Zeitpunkt würde diesen Erfolg vereiteln.
Knackpunkt Geiseln im Israel-Krieg: Sorge vor Propaganda der Hamas
Mehrere ausländische Regierungen – darunter die USA, also der wichtigste Partner, – setzen sich für ihre nach Gaza entführten Staatsangehörigen ein. Man geht davon aus, dass die Hamas als erstes die mit doppelter Staatsangehörigkeit freilässt.
Aus israelischer Sicht ist diese abwartende Haltung aber auch riskant: Was, wenn die Hamas die Freilassung der Geiseln auf Monate hinauszögert und nur alle paar Tage ein paar wenige an das Rote Kreuz übergibt? Je länger sich das hinzieht, desto größer wird die Gefahr, dass die Welt die Gräuel vom 7. Oktober verdrängt und die Freilassungen der Geiseln als Beweis für eine angeblich „menschliche“ Seite der Hamas betrachtet. Aus israelischer Sicht konsequent weitergedacht, könnte das dazu führen, dass der Westen kein Verständnis für das harte Vorgehen gegen die Hamas aufbringt.
Kriegslage
Die israelische Luftwaffe hat nach eigenen Angaben seit Montagmittag mehr als 400 „Terrorziele“ attackiert. Dabei sollen mehrere Kampfgruppenkommandeure der Hamas und Dutzende ihrer Untergebenen getötet worden sein. Diverse Raketenstellungen hätten nun kein Personal mehr. Ein Flieger habe zudem einen Tunnel bombardiert, der Terroristen schnellen Zugang zur Küste ermöglichte. Ferner seien in der Nacht Kommandozentralen und Aufenthaltsorte in von der Hamas genutzten Moscheen angegriffen worden. Die Angriffe dauerten am Dienstag weiter an, während es auf israelischem Gebiet an der Grenze wieder mehrfach Raketenalarm gab.
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat sich bei seinem Besuch in Israel für den Einsatz eines internationalen Bündnisses gegen die Hamas ausgesprochen. Die internationale Allianz gegen den „Islamischen Staat“ für den Einsatz im Irak und in Syrien könne „auch die Hamas bekämpfen“.
Zweifel an der Bodenoffensive Israels stehen im Raum
Aus den USA kommen aber auch strategische Bedenken, wie die New York Times recherchiert hat: In Washington gebe es Zweifel, dass die israelische Armee den Herausforderungen der Bodenoffensive gewachsen sei, insbesondere, wenn es zu einem Mehrfrontenkrieg kommen sollte. Die Hisbollah im Libanon hatte angedroht, bei einem Gaza-Einmarsch ihren laufenden Beschuss des Nordens Israel noch zu intensivieren. Die Fernattacken mit Artillerie und Raketen forderte laut israelischer Armee sieben Tote, alle von ihnen Soldat:innen. Mehrere Zivilist:innen wurden verwundet. Diverse Ortschaften zur Grenze hin wurden evakuiert.
Während die Bodentruppen abwarten, konzentrieren sich Israels Luftwaffe und Artillerie auf intensiven Beschuss des Gazastreifens, Hauptziel bleibt dabei Gaza-Stadt, wo eine Konzentration der Hamas vermutet wird. Dort sollen sich immer noch Tausende Zivilpersonen aufhalten. Israel hatte die Menschen nördlich des Wadi Gaza aufgerufen, sich in den Süden zu begeben, die Flucht verläuft aber schleppend, angeblich auch behindert durch Hamas-Checkpoints.
„Wir bombardieren auch, um bessere Bedingungen für den Bodenkampf zu schaffen“, sagt Yossi Kupperwasser, früher leitender Offizier im Militärgeheimdienst. Israel müsse sich auf einen langen Krieg einstellen. „Es gibt keine Stoppuhr dafür und keine Deadline“, warnt er. „Wir müssen die Hamas aus dem Gazastreifen hinauswerfen und haben dabei überhaupt keinen Zeitdruck.“
Die humanitäre Lage in Gaza verschlimmert sich zusehends. Auch das bewog Washington, Israel von einer baldigen Bodenoffensive abzuraten. Erst müsse gesichert sein, dass ein Minimum an humanitärer Versorgung in den Gazastreifen gelangt, heißt es. Zuletzt schafften es rund 20 Container an Hilfslieferungen über den ägyptischen Grenzübergang Rafah in den Streifen.
