Empörung nach Kleiner Anfrage

Anfrage zu NGOs: „Union will Zivilgesellschaft und Presse einen Maulkorb verpassen“

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Merz und seine Fraktion sorgen mit Verdächtigungen gegen NGOs für Empörung. SPD-Fraktionschef Klingbeil sieht darin ein „Foulspiel“.

Selten hat eine Kleine Anfrage im Deutschen Bundestag so viel Wirbel ausgelöst wie die jüngste Drucksache 20/15035 der CDU/CSU-Fraktion. Sie will von der Bundesregierung rund 550 Fragen zur Förderung und den Aktivitäten von zivilgesellschaftlichen Organisationen in Deutschland beantwortet bekommen.

Die „Frage nach der politischen Neutralität staatlich geförderter Organisationen“ sorge „zunehmend für Debatten“, behaupten Friedrich Merz, Alexander Dobrindt und die anderen Unionsabgeordneten. Ihre Klage gilt „Protesten gegen die CDU Deutschlands, die teils von gemeinnützigen Vereinen oder staatlich finanzierten Organisationen organisiert oder unterstützt“ worden seien.

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Im Weiteren stellt die Fraktion finanzielle Förderung, etwa im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben“ infrage. Zudem müsse die Gemeinnützigkeit der betreffenden Organisationen überprüft werden. In den Fokus nimmt die Union dabei die Medien-Initiativen Correctiv, Netzwerk Recherche und Neue Deutsche Medienmacher*innen, Umweltorganisationen wie die Deutsche Umwelthilfe, BUND und Greenpeace, die Tierschutzorganisationen Peta und Animal Rights Watch, das Forschungsinstitut Dezernat Zukunft und Organisationen wie Omas gegen Rechts, Campact, Attac, die Amadeu-Antonio-Stiftung, Foodwatch und Agora Energiewende.

Union-Anfrage zu NGOs sorgt für Empörung

Die NGOs zeigten sich erschüttert bis empört. Unterstützung erhielten sie aus den Reihen von SPD, Grünen und Linken. Der neue SPD-Fraktionschef Lars Klingbeil bezeichnete die parlamentarische Anfrage der Union als „Foulspiel“. Er fügte hinzu: „Die Union sollte noch mal sehr schnell in sich gehen, ob sie daran festhält.“

Grünen-Fraktionschefin Britta Haßelmann nannte die Anfrage ungeheuerlich. „Es sieht alles danach aus, dass Teile der Zivilgesellschaft hier eingeschüchtert werden sollen“, sagte sie. Die Linken-Abgeordnete Clara Bünger urteilte, mit der Anfrage räche sich die Union für die antifaschistischen Proteste und starte einen beispiellosen Angriff auf die demokratische Zivilgesellschaft. Das erinnere an autoritäre Staaten.

Diese bekannten Politiker sitzen jetzt nicht mehr im Bundestag

Christian Lindner
Die FDP ist an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert und scheidet damit aus dem Bundestag aus. Noch 2017 hatte Parteichef Christian Lindner sie mit neuem Image und einem zweistelligen Ergebnis nach vier Jahren außerparlamentarischer Opposition wieder ins Parlament geführt – doch die Rechnung ging dieses Mal nach Ampel-Bruch und Unzufriedenheit der Wählerinnen und Wähler mit der Partei nicht auf.  © imago
Johannes Vogel, Fraktionsgeschäftsführer der FDP
Dem Wahlergebnis fiel damit auch Johannes Vogel zum Opfer. Er war zuletzt Fraktionsgeschäftsführer der FDP im Bundestag sowie stellvertretender Bundesvorsitzender. Durch das Scheitern an der Fünf-Prozent-Hürde zieht auch er nicht wieder in den Bundestag ein.  © Rabea Gruber/dpa
FDP-Politikerin und frühere JuLi-Chefin Ria Schröder
Ria Schröder gilt als eine der personellen Hoffnungen der Freien Demokraten. Die Juristin war Vorsitzende der Jugendbewegung Junge Liberale und ist Mitglied des FDP-Bundesvorstands.  © Hannes P. Albert/dpa
Früherer FDP-Generalsekretär Bijan Djir-Sarai
Bijan Djir-Sarai saß ebenfalls für die FDP im Bundestag und war bis November 2024 ihr Generalsekretär. Nach dem Ampel-Bruch trat er von der Position zurück.  © Sebastian Gollnow/dpa
Linda Teuteberg, FDP-Spitzenkandidatin in Brandenburg
Linda Teuteberg hatte viel vor mit der FDP, als sie 2019 Generalsekretärin wurde. Von diesem Amt entfernte Christian Lindner sie jedoch zugunsten Volker Wissings schon vor dem Ende ihrer Amtszeit wegen Streitigkeiten. Auch sie ist durch das schlechte Abschneiden der FDP bei der Bundestagswahl 2025 nicht mehr im Bundestag vertreten. © Bernd von Jutrczenka/dpa
Wolfgang Kubicki (FDP)
Auch den stellvertretenden Bundesvorsitzenden und FDP-Urgestein Wolfgang Kubicki werden wir in dieser Legislaturperiode wegen des Scheiterns an der Fünf-Prozent-Hürde nicht im Deutschen Bundestag sehen.  © Michael Kappeler/dpa
Christian Dürr, Fraktionschef der FDP im Bundestag
Christian Dürr ist Mitglied im Bundesvorstand der FDP und war zuletzt Fraktionsvorsitzender der Liberalen im Bundestag. Auch er scheidet mit seiner Partei wegen ihres schlechten Wahlergebnisses aus dem Bundestag aus.  © imago
Marco Buschmann, FDP
Marco Buschmann war in der Ampel-Koalition als Bundesjustizminister tätig. Mit dem Bruch der Ampel gab er das Amt jedoch an Volker Wissing ab, der nach dem Zerwürfnis der Koalition aus der Partei austrat.  © Michael Kappeler/dpa
Volker Wissing, ehemals FDP und mittlerweile parteilos
Volker Wissing, in der Ampel-Koalition Verkehrsminister und später zusätzlich Justizminister, ließ zwar nach dem Scheitern der Ampel seine Partei hinter sich. In den neuen Bundestag zieht der jetzt parteilose Rechtsanwalt aber trotzdem nicht ein. Er möchte sich aus der Politik zurückziehen und in seiner Kanzlei arbeiten. © Hannes P Albert/dpa
Jens Teutrine, früherer Chef der Jungen Liberalen
Jens Teutrine war wie Ria Schröder auch Chef der Jungen Liberalen, bevor er in den Bundestag einzog. Mit dem Ausscheiden der FDP aus dem Bundestag endet auch sein Mandat. © Serhat Kocak/dpa
Bettina Stark-Watzinger, ehemalige FDP-Bundesbildungsministerin
Ein weiteres prominentes Gesicht der Ampel-Koalition verlässt den Bundestag: Bettina Stark-Watzinger, die während der letzten Legislaturperiode Bundesbildungsministerin war.  © Christine Schultze/dpa
Sahra Wagenknecht, BSW-Gründerin und frühere Linken-Chefin
Politisch eklatant unterschiedlich, eint sie doch dasselbe Schicksal: Wie die FDP scheiterte auch das BSW an der Fünf-Prozent-Hürde – und zwar äußerst knapp. Einst Linken-Chefin, gründete Sahra Wagenknecht Anfang 2024 das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW). Trotz des aus dem Stand starken Abschneidens bei den Landtagswahlen in Thüringen, Sachsen und Brandenburg zieht das Bündnis nach der Bundestagswahl knapp nicht ins Parlament ein.  © Frank Ossenbrink/imago
Amira Mohamed Ali, frühere Linken-Politikerin, zum BSW gewechselt
Amira Mohamed Ali war einst Abgeordnete der Linken, gründete jedoch zusammen mit Sahra Wagenknecht das BSW. Sie ist Parteivorsitzende – und nicht mehr im Bundestag. © Christoph Hardt/imago
Sevim Dagdelen, frühere Linken-Politikerin, zum BSW gewechselt
Auch Sevim Dagdelen entschied sich zum Parteiaustritt aus der Linken und zum Eintritt ins BSW, das bei der Bundestagswahl an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterte und somit nicht im Bundestag vertreten ist.  © imago
Grünen-Politiker Cem Özdemir
Die Grünen verlieren nach der Bundestagswahl 2025 sogar ein Ministergesicht: Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir wird nicht mehr im Parlament vertreten sein. Jedoch entschied er das bereits selbst lange vor der Wahl. Er will der Bundespolitik den Rücken kehren und strebt in seiner Heimat Baden-Württemberg das Amt des Ministerpräsidenten an. © Hannes P Albert/dpa
Grünen-Politiker Stefan Gelbhaar
Grünen-Politiker Stefan Gelbhaar dürfte über die Grenzen Berlins hinaus nicht besonders bekannt gewesen sein – bis Ende 2024 Vorwürfe der Belästigung gegen ihn laut wurden. Eigentlich wollte er in seinem Wahlkreis Berlin-Pankow wieder zur Bundestagswahl antreten, jedoch entschied sich der Kreisverband bei einer erneuten Abstimmung stattdessen für Julia Schneider, die nun in den Bundestag einzieht. Die Vorwürfe hatten sich im Übrigen als falsch erwiesen.  © imago
Grünen-Politikerin Tessa Ganserer
Tessa Ganserer ist eine der bekanntesten Trans*-Politikerinnen Deutschlands. Im Bundestag setzte sich die Grüne vor allem für die Rechte queerer Menschen ein. Dass sie in der 21. Wahlperiode nicht mehr im Parlament sitzt, war ihre eigene Entscheidung. Sie trat nicht mehr als Kandidatin an. Wegen des „menschenverachtenden Hasses“, der ihrer Person entgegengebracht worden sei, wolle sie ihrem Leben noch einmal eine andere Richtung geben. © Dwi Anoraganingrum/imago
Grünen-Politikerin Renate Künast
Auch die prominente Grünen-Politikerin Renate Künast wird nicht mehr im neuen Bundestag vertreten sein – ebenfalls aus freien Stücken. Sie wollte nicht mehr antreten, „um Platz für Jüngere zu machen“, hatte Künast im Sommer 2024 erklärt. Vorher war sie bereits Landwirtschaftsministerin, Grünen-Fraktionschefin und Parteivorsitzende gewesen.  © Christoph Soeder/dpa
SPD-Politikerin Michelle Müntefering
Auch bei der SPD verlassen bekannte Gesichter den Bundestag. Michelle Müntefering (SPD), Ehefrau von Franz Müntefering, sitzt ebenfalls nicht mehr im Parlament. Das war jedoch schon vor der Bundestagswahl klar: Die SPD hatte nicht mehr sie, sondern Hendrik Bollmann für ihren Wahlkreis Herne - Bochum II nominiert. © M. Popow/imago
SPD-Politiker und ehemaliger Regierender Bürgermeister von Berlin, Michael Müller
Michael Müller (SPD) war einst Regierender Bürgermeister von Berlin und zog 2021 in den Bundestag ein. Damals hatte er in seinem Wahlkreis Berlin-Charlottenburg-Wilmersdorf die meisten Stimmen bekommen, diesmal landete er hinter Lukas Krieger (CDU) und Lisa Paus (Grüne) nur auf dem dritten Platz und verpasste damit sein Ticket ins Parlament.  © Bernd von Jutrczenka/dpa
Der frühere SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert
SPD-Promi Kevin Kühnert hatte eine steile politische Karriere hingelegt. Er war Vorsitzender der SPD-Jugendorganisation Jusos, stellvertretender Bundesvorsitzender der SPD und seit 2021 Generalsekretär. Von dem Amt trat er 2024 zurück und kündigte an, sich aus gesundheitlichen Gründen aus der Politik zurückzuziehen und nicht mehr für den Bundestag kandidieren zu wollen.  © Michael Kappeler/dpa
SPD-Politiker Michael Roth
Der hessische SPD-Politiker Michael Roth entschied sich ebenfalls weit vor der Wahl, nicht mehr für den Bundestag anzutreten. In seinem Fall spielte auch sein Einsatz für die Ukraine eine Rolle, der nicht allen in der Partei gefallen habe, und er habe sich mit der Zeit von den Sozialdemokraten und dem Politikbetrieb entfremdet. © imago
CDU-Politiker Helge Braun
Trotz ihres Wahlsiegs verliert auch die Union ein bekanntes Gesicht: Helge Braun war unter Angela Merkel Kanzleramtschef. Ende 2024 kündigte der Arzt aus Gießen an, sich aus der Politik zurückziehen zu wollen.  © Kay Nietfeld/dpa
CSU-Politiker Peter Ramsauer
Auch aus der Schwesterpartei CSU verschwindet eine bekannte Persönlichkeit: Der frühere Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer scheidet aus dem Bundestag aus – auf eigenen Wunsch war er nicht mehr angetreten. © Michael Kappeler/dpa
Susanne Hennig-Wellsow, Die Linke
Auch die Linke verbüßt trotz überraschend starkem Wahlergebnis Abgänge: unter anderem Susanne Hennig-Wellsow. Die frühere Bundesparteivorsitzende ist nicht mehr zur Bundestagswahl angetreten. Sie wollte sich beruflich etwas Neuem widmen. © Frederic Kern/imago

Kritik an „AfD-Taktiken“: Union wolle der Gesellschaft und Presse „einen Maulkorb verpassen“

Die betroffene Kampagnen-Plattform Campact postete auf Bluesky: „Die Union will jetzt der Zivilgesellschaft und Presse einen Maulkorb verpassen und nutzt dafür altbekannte AfD-Taktiken.“ Campact startete eine Petition, die innerhalb weniger Stunden auf weit über 60 000 Unterschriften kam. Darin heißt es: „Natürlich kann eine Überprüfung der Finanzierung und Gemeinnützigkeit von NGOs aus verschiedenen Perspektiven gerechtfertigt werden.“ Die CDU erkundige sich aber nur nach Organisationen, „die sich gegen Rechtsextremismus, für Klimaschutz oder für Demokratiearbeit engagieren“. Das sei „politisch motiviert“.

Campact-Sprecherin Iris Rath sagte der FR: „Gemeinnützige Organisationen dürfen die politische Willensbildung und die öffentliche Meinung beeinflussen und auch Parteien kritisieren – ob es der Union passt oder nicht.“ Das Neutralitätsgebot gelte nur für Projekte, die staatlich gefördert würden.

Greenpeace-Vorstand Martin Kaiser stellte fest: „Diese Kanonade an Fragen ist der erstaunlich plumpe Versuch der Union, die Zivilgesellschaft einzuschüchtern.“ Kaiser erinnerte daran, dass Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Großdemonstrationen gegen Rechtsextremismus gelobt hatte. Die Union wolle dieses Engagement „nun offenbar unterbinden“.

Auch humorvolle Kritik an Merz kommt in der CDU schlecht an: Demo gegen rechts in Düsseldorf.

„Getroffen und irritiert“ nach Vorwürfen der Union

Die Umweltschutzorganisation BUND zeigte sich „getroffen und irritiert“. Man habe mit der Union seit Jahren „in einem kontinuierlichen Austausch“ über ökologischen Fragen gestanden und „immer wieder eng mit Bundes- und Landesregierungen der Union, sowie Landräten und Bürgermeistern kooperiert“. Der BUND verteidigte seine Unterstützung für Demos vor der Bundestagswahl. „Wenn demokratische Parteien im Bundestag Mehrheiten für Gesetze mit in Teilen gesichert rechtsextremen und demokratiefeindlichen Kräften suchen, überschreiten sie eine Grenze“, befand ein BUND-Sprecher. Es sei dem BUND „wichtig zu betonen, dass wir für die ,Brandmauer‘ demonstriert haben und nicht gegen die CDU.“

Correctiv kommentierte, die Union suggeriere, „dass es einen zivilgesellschaftlichen Block gegen sie gäbe“. Correctiv-Sprecherin Anna-Maria Wagner fügte hinzu: „Mit unserer Arbeit hat diese Anfrage nichts zu tun.“

NGO-Finanzierungen „fast vollständig aus privaten Spenden und Mitgliedsbeträgen“

Die NGOs machten auf FR-Anfrage deutlich, dass ihre Finanzierung sich im gesetzlichen Rahmen bewege. Der BUND finanziert sich nach eigenen Angaben „fast vollständig aus privaten Spenden und Mitgliedsbeiträgen“. Drittmittel und Zuschüsse würden nur „für die konkreten Projekte eingesetzt und nicht für die allgemeinpolitische Arbeit verwendet“. Greenpeace betonte, man nehme kein Geld von Kommunen, Ländern oder ministeriellen Programmen, ebenso wenig von Parteien und Unternehmen.

Peta teilte mit, man werde sich nicht einschüchtern lassen, sondern weiter Versäumnisse in der Tierschutzpolitik kritisieren. Peta erhalte keine Zuwendungen aus staatlichen Programmen. (mit dpa)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Uwe Kraft

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