Nachgeladen: Russische Artilleristen munitionieren ein Iskander-Trägerfahrzeug auf. Die Raketen mit bis zu 400 Kilometern Reichweite können Standard-Sprengköpfe genauso tragen wie atomare oder solche mit Streumunition.
Russland schießt weiter auf Zivilisten – offenbar ohne Rücksicht auf Verluste. Experten sehen darin erste Anzeichen eines taktischen Atomschlages.
Charkiw – „Es ist absolut sicher, dass Streumunition abgefeuert wurde, um die Retter und die Polizisten zu treffen, die dort waren“, sagte Wolodymyr Timoschko. Ihm zufolge grenze es an ein Wunder, dass keinem der Rettungskräfte etwas passiert sei, sagte der Polizeichef der Region Charkiw dem ukrainischen Sender Suspilno.
Verluste durch Iksander-Waffen im Ukraine-Krieg: Putins Raketen schlagen an Charkiw-Front zu
Zwei Iskander-Raketen hatten zuvor offenbar die Infrastruktur in der Kleinstadt Barvinkove nahe Charkiw im Nordosten des Landes beschädigt, wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet – mit nur wenigen Minuten Abstand und Rettungskräften, die sich vor dem zweiten Einschlag knapp in Sicherheit bringen konnten; dennoch seien zwei Menschen getötet und drei weitere verletzt worden. Wladimir Putin setzt im Ukraine-Krieg also weiterhin auf die weltweit geächtete Munitionsart – ohne Rücksicht auf Verluste;
Die Iskander-Raketen sind der absolute HIMARS-Schreck. Nach Angaben des Magazins Forbes war Russland im März dieses Jahres der erste Treffer gegen eine HIMARS (High Mobility Artillery Rocket System)-Batterie gelungen; zuvor hatten anscheinend Drohnen das Trägerfahrzeug sowie seine Begleit-Kolonne ausgemacht und sie dann „neben einer Baumgrenze in Nykanorivka“ in der Ostukraine zerstört, wie Forbes schreibt. Das soll 40 Kilometer hinter der Frontlinie gewesen sein. Neben Standard-Geschossen kann eine Iskander-Rakete auch einen Kopf mit Streumunition tragen. „Jede dieser Raketen verschießt 182.000 Wolframkugeln – wie riesige Schrotpatronen“, schreibt Forbes-Autor David Axe.
Streumunition als Iksander-Sprengkopf: Acht Mal so viele Verluste wie durch Standard-Sprenggeschosse
Die Anzahl und Beschaffenheit dieser „Bomblets“ sind allerdings eher nebensächlich, denn sie ähneln einander in der Wirkung, wie Mark F. Cancian sagt: „Eine Analyse des Einsatzes von Streumunition während des Vietnamkriegs ergab, dass diese achtmal so viele Opfer forderte wie herkömmliche Sprenggeschosse. Bei Tests gegen Fahrzeuge in Friedenszeiten war Streumunition 60-mal so wirksam“, sagte der ehemalige Artillerieoffizier und heute Berater des Thinktanks Center for Strategic & International Studies zu den möglichen Verlusten.
„Wenn die Toleranz der USA und ihrer Verbündeten gegenüber Verlusten beim eigenen Personal und Material um ein Vielfaches geringer ist als die Russlands, dann könnte für Russland im Fall einer direkten Konfrontation ein Anreiz bestehen, den Nato-Streitkräften mit Atomwaffen inakzeptable Verluste zuzufügen und sie so zur Kapitulation zu zwingen.“
Ihm zufolge seien einheitliche Sprengköpfe gegen Punktziele, wie beispielsweise Gebäude, deutlich effizienter. Der durch die Streumunition entfesselte „Stahlregen“ wirke eher über eine große Fläche – und mache keine Unterschiede zwischen militärischen wie zivilen Zielen. Sie verbreitet eher Terror. Nach ukrainischen Angaben sind durch den jüngsten Angriff in der Region Charkiw mehr als 50 Wohnhäuser sowie Verwaltungs- und Geschäftsgebäude beschädigt worden, wie Reuters berichtet. Russland hatte insgesamt vier Iskander-Raketen abgefeuert, die ukrainische Luftwaffe habe, nach eigenen Angaben, keine davon neutralisieren können.
Allerdings setzt die Ukraine ebenfalls Streumunition ein; bereits ein Jahr nach Beginn des Krieges im Februar 2022 hatten sich beide Seiten den Einsatz dieser Waffen vorgeworfen, wie Reuters berichtet und beispielsweise den russischen Präsidenten Wladimir Putin zitiert hatte: „Ich möchte darauf hinweisen, dass es in der Russischen Föderation ausreichende Vorräte an Streubomben verschiedener Art gibt. Wir haben sie bisher nicht eingesetzt. Aber falls sie gegen uns eingesetzt werden, behalten wir uns natürlich das Recht vor, entsprechende Gegenmaßnahmen zu ergreifen.“
Streumunition an Ukraine-Front: Ukraine und Russland schießen mit gleichen Waffen aufeinander
Anfang Juli vergangenen Jahres hatte die Ukraine Streumunition aus den USA für den Front-Einsatz erhalten. Präsident Wolodymyr Selenskyj zufolge wolle sein Land diese Waffe „nur zur ,Deokkupation‘ ihres Territoriums einsetzen und nicht in städtischen Gebieten“, wie Reuters berichtet hatte. Die Streumunition hatte die ukrainische Gegenoffensive vorbereiten sollen; also Ziele anvisieren wie Infanterie, Artillerie und Konvois. Aufgrund des großen Streuradius‘ hätte die Ukraine andernfalls für den gleichen Effekt eine erhebliche Menge an Standard-Geschossen verschießen und ihre Geschütze für einen längeren Zeitraum der gegnerischen Aufklärung und eventuellem Gegenfeuer offenbaren müssen.
Am 16. Juli 2023 zitierte Reuters den russischen Präsidenten Wladimir Putin, wonach er „den Einsatz von Streubomben als Verbrechen“ betrachte. Russland habe diese bislang selbst nicht einsetzen müssen. Am 7. Juli 2023 hatte Jake Sullivan allerdings der Presse gegenüber erklärt, dass Russland seit Beginn des Krieges bereits Streumunition eingesetzt hätte – mit hochproblematischen Folgen, wie der Nationale Sicherheitsberater von US-Präsident Joe Biden erläuterte.
Streumunition: Russlands Blindgängerquote eine Gefahr für die Zivilbevölkerung
„Russland hat Streumunition mit hohen Blindgänger- oder Ausfallraten von 30 bis 40 Prozent eingesetzt. Vor diesem Hintergrund hat die Ukraine Streumunition angefordert, um ihr eigenes souveränes Territorium zu verteidigen. Die Streumunition, die wir liefern würden, hat eine weit unter der von Russland gelieferten Blindgängerrate von nicht mehr als 2,5 Prozent“, wie er während einer Pressekonferenz des Weißen Hauses sagte. Die Nichtregierungsorganisation Human Rights Watch hatte bereits im vergangenen Jahr beiden kriegführenden Parteien mögliche Kriegsverbrechen unterstellt.
„Streumunition ist in 123 Ländern, die das Übereinkommen über Streumunition unterzeichnet oder ratifiziert haben, grundsätzlich verboten. Die Ukraine und Russland sind dem Abkommen nicht beigetreten. Unabhängig davon stellt der Einsatz von Streumunition in Gebieten mit Zivilistinnen und Zivilisten einen wahllosen Angriff dar, der gegen das humanitäre Völkerrecht verstößt und möglicherweise ein Kriegsverbrechen darstellt“, schreibt die NGO. Reuters berichtet davon, dass auch die USA die Ächtung dieser Munitionsart nicht paraphiert hätte.
Iskander-Raketen als Teil der Atomkrieg-Strategie: Rückfall in die Denkmuster des Kalten Krieges
Im vergangenen Dezember hatte das Military Watch Magazine geschrieben,Russlands Diktator setzt im Ukraine-Krieg jetzt offenbar verstärkt auf seine ballistische Rakete Iskander-M, um die Verluste unter den Verteidigern zu maximieren. Der Einsatz des Iskander-Systems in der Ukraine bedeutet für Russland tatsächlich mehr oder weniger einen Nebenkriegsschauplatz. Das Gros dieses Systems ist gegen die bisherigen Nato-Partner und künftige Verbündete gerichtet. Bereits 2013 hatte der ehemalige deutsche Nato-General Egon Ramms in der Bild gewarnt, Putins Raketen-Strategie bedeute einen Rückfall in Denkmuster des Kalten Krieges und sie als klare machtpolitische Kampfansage an die Nato gewertet.
Ramms: „Die Nato muss zur Kenntnis nehmen, dass Russland eine intensive Machtpolitik betreibt und auf keinen Fall ein Verbündeter ist. Russland macht auf dem Weg hin zur Demokratie keine Fortschritte. Die Raketen-Strategie folgt dem alten sowjetischen Drohmuster.“ Die Iskander-Rakete ist tatsächlich Teil der russischen Abschreckungs-Strategie mittels taktischer nuklearer Waffen – die Waffe kann mit einem nuklearen Sprengkopf aufgerüstet werden.
Iskander: Reale Bedrohung der Nato mit atomaren Sprengköpfen durch Putin
In der Region Kaliningrad sind die bereits stationiert sowie in Belarus. „Von hier aus könnten sie im Falle einer umfassenden Eskalation theoretisch große Teile Polens, Litauens, Lettlands und Estlands, Schwedens und Deutschlands abdecken. Eine dauerhafte Stationierung taktischer Atomwaffen in Belarus würde das regionale Machtgleichgewicht oder die Bedrohungslage nicht wesentlich verändern“, schreiben András Rácz Christian Mölling für den Thinktank Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine
Obwohl die beiden Wissenschaftler in der Stationierung einen Grund zur Sorge sähen, aber noch keinen zur Panik, betrachten das andere Stimmen differenzierter: „Während Russland die zivile Infrastruktur in der Ukraine zerstört, scheint es, dass Moskau eine Strategie verfolgt, bei der zivile Opfer ein Merkmal und nicht eine Folge seines Vorgehens sind“, schreibt William Alberque. Der ehemalige Nato-Direktor für Strategie, Technologie und Rüstungskontrolle sieht einen kriegsentscheidenden Faktor in der jeweiligen Toleranz gegenüber militärischen sowie zivilen Opfern – und die hält er auf russischer Seite für weitaus stärker ausgeprägt als auf westlicher.
„Wenn die Toleranz der USA und ihrer Verbündeten gegenüber Verlusten beim eigenen Personal und Material um ein Vielfaches geringer ist als die Russlands, dann könnte für Russland im Fall einer direkten Konfrontation ein Anreiz bestehen, den Nato-Streitkräften mit Atomwaffen inakzeptable Verluste zuzufügen und sie so zur Kapitulation zu zwingen“, wie er aktuell für den Thinktank International Institute for Strategic Studies schreibt. Russland könnte seine Toleranz gegenüber zivilen Verluste letztendlich leichter als gedacht zu einem taktischen Atomschlag verführen, „möglicherweise indem es Atomwaffen auf Städte richtet, um den Willen des Westens schnell zu brechen, ohne zu einem allgemeinen Atomkrieg mit den USA zu eskalieren.