VonLeonie Zimmermannschließen
In Taiwan blicken die Menschen gerade ganz genau auf den Ukraine-Krieg. Denn sie haben mit China eine ähnliche Geschichte wie Russland und die Ukraine.
Berlin – Während die ganze Welt gerade auf die dramatischen Ereignisse des Ukraine-Kriegs blickt, rüstet sich Taiwan zunehmend gegen einen möglichen Angriff von China, das sich zuletzt zu Russland und Wladimir Putin bekannte. Erst vor wenigen Tagen hat das US-Außenministerium den Verkauf eines Raketenabwehrsystems nach Taiwan genehmigt. Das Ministerium erklärte, dass das Ziel der Transaktion sei, die taiwanesische Verteidigung zu stärken, um zur politischen und militärischen Stabilität der Region beizutragen.
| Land: | Taiwan |
| Einwohner: | 23,5 Millionen |
| Regierungspartei: | DPP |
| Regierungsform: | Demokratie |
Chinas Antwort ließ nicht lange auf sich warten: Peking hat wegen der Waffenlieferungen Sanktionen gegen zwei Rüstungskonzerne verhängt. Bereits im Februar hatten die beiden Rüstungskonzerne Waffen im Wert von 100 Millionen Dollar an Taiwan verkauft. In der entsprechenden Erklärung hieß es, die Waffengeschäfte hätten Chinas Sicherheitsinteressen, die Beziehungen zwischen China und den USA „sowie den Frieden und die Stabilität in der Straße von Taiwan ernsthaft“ gefährdet.
Geschichte von Taiwan und China: Chinesischer Bürgerkrieg sorgte für Abspaltung
Diese Argumentation ergibt erst dann Sinn, wenn man sich das chinesische Selbstverständnis im Hinblick auf den kleinen Nachbarstaat und die Geschichte von Taiwan und China einmal genauer anschaut. Denn die chinesische Regierung sieht Taiwan nicht als eigenen Staat, sondern als chinesische Provinz an. Und ganz so weit hergeholt ist die Annahme auch nicht. Denn Taiwan gehörte tatsächlich mehrere Jahrhunderte zu China. Beim Chinesischen Bürgerkrieg im Jahr 1949 hat sich Taiwan dann aber von seinem großen Nachbarn abgespalten.
Konflikt zwischen Taiwan und China: Lösung nicht in Sicht
Heute ist Taiwan ein demokratischer Staat mit 23,5 Millionen Einwohnern und einer Fläche, die mit Baden-Württemberg vergleichbar ist. Die Regierungspartei DPP setzt auf die Unabhängigkeit von der kommunistischen Volksrepublik China, die als eine der letzten Verbündeten Russlands gilt. Die militärischen Spannungen zwischen Peking und der taiwanischen Hauptstadt Taipeh haben sich in den vergangenen Jahren allerdings immer mehr zugespitzt.
Seit Russlands Präsident Wladimir Putin einen Krieg in der Ukraine führt, hört man die Leute auf der Straße in Taiwan oft einen Satz sagen: „Die Ukraine von heute ist das Taiwan von morgen“. Die Sorge ist groß, dass der chinesische Präsident Xi Jinping den Angriff seines Verbündeten Wladimir Putin als eine Art Testlauf ansieht. Eine Lösung des Konflikts zwischen Taiwan und China ist derweil nicht in Sicht.
Ukraine-Russland-Krieg: Putins Invasion ist Weckruf für Taiwan
„Der Ukraine-Russland-Krieg ist ein Weckruf für uns in Taiwan“, erzählt die gebürtige Taiwanerin Cindy im Interview mit kreiszeitung.de. Sie lebt heute eigentlich in Deutschland, pflegt aber gerade ihre Eltern in ihrer Heimat. Auch sie berichtet davon, dass die Menschen vor Ort sehr aufmerksam beobachten, was in der Ukraine geschieht. „Wir sehen jetzt, dass wir uns im Ernstfall auf uns selbst verlassen müssen, wenn China angreift – und wir bereiten uns darauf vor.“ Der Ukraine-Russland-Krieg führe zur Desillusionierung des US-Schutzes für Taiwan.
Schon seit Wochen gibt es auf Taiwan deshalb vermehrt Militärübungen. Außerdem investiert die Regierung wieder mehr Geld in Rüstung, wie das jüngste Geschäft mit den USA zeigt. Zudem fällt auf, dass in letzter Zeit gleich mehrere ranghohe ehemalige US-Regierungsvertreter nach Taiwan aufgebrochen warne, um ihre Unterstützung zu signalisieren. Cindy sieht allerdings nicht nur die chinesischen Aktivitäten kritisch: „Die DPP-Partei provoziert China mit ihrer lautstarken Pro-Unabhängigkeit“, sagt die Taiwanerin, die ihren Nachnamen lieber geheim halten möchte.
Wegen des Hasses sei auch ihre Gesellschaft gespalten. „Viele Familien und Freundeskreise vermeiden mittlerweile politische Themen, um sich nicht über die verschiedenen Positionen zu streiten“, erzählt Cindy. Manchmal habe sie das Gefühl, aus der einstigen Demokratie sei eine Diktatur geworden. „Die DPP hat hart dafür gearbeitet, die absolute Kontrolle in der Regierung zu besitzen. Sie hat die legale Macht der Oppositionspartei KMT ignoriert und unsere Staatskasse in den letzten Jahren erschöpft.“
Während Ukraine-Krieg: China steigert Rüstungsausgaben zunehmend – Taiwan fürchtet eine Eskalation
Der Konflikt zwischen China und Taiwan sei deshalb vor allem auf Emotionen aufgebaut. Denn zur Wahrheit gehöre auch, dass Taiwan einen guten wirtschaftlichen und kulturellen Austausch mit dem mächtigen Nachbarn pflege. Trotzdem sei die Angst vor einem Angriff Chinas auf Taiwan nicht unbegründet. Vor allem dann, wenn man die Rüstungsausgaben der Volksrepublik im Blick hat. Alleine in den vergangenen zehn Jahren sind Chinas Rüstungsausgaben um 76 Prozent auf 252 Milliarden US-Dollar gestiegen. Nach Informationen des US-Geheimdienstes könnte das Land in sechs Jahren sogar der USA die Stirn bieten, wenn es sich entsprechend weiter aufrüstet.
Für Cindy gibt es deshalb nur eine kluge Lösung für den Konflikt der beiden Staaten: „Nur wenn beide Seiten bereit sind, das Problem pragmatisch anzugehen, können wir weiterhin friedlich und in Wohlstand nebeneinander leben.“ Denn abgesehen von der aktuellen Situation gelte Taiwan als eines der glücklichsten Länder der Welt. Und das laut der gebürtigen Taiwanerin aus gutem Grund: „Die Menschen hier sind immer freundlich und aufgeschlossen, es gibt viel unberührte Natur und fantastisches Essen – und die Sonne scheint meistens.“ *kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.
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