Vor „Herbst der Reformen“

Angst vor Ampel 2.0: Merz-Regierung strebt Neustart in Würzburg an

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In der Union steigt die Angst vor der Implosion der schwarz-roten Koalition. Nach viel Zoff sollen vertrauensbildende Maßnahmen das Schlimmste abwenden.

Berlin – Nach nicht mal vier Monaten im Amt plant die schwarz-rote Koalition einen Neustart: Nach Beratungen von Kanzler Friedrich Merz (CDU) mit den Unionsspitzen wollen am Donnerstag und Freitag (28./29. August) die Spitzen der Fraktionen von Union und SPD bei einer Klausur in Würzburg den Fahrplan für die kommenden Monate festlegen. Ein richtiger „Herbst der Reformen“ soll es werden. Dem ging allerdings ein Sommer des Missvergnügens voraus – und der Frust, vor allem auf Merz, wächst.

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke

Denn die Sorge in der Partei ist groß, dass nach mauen Anfangswochen, schlechter Stimmung im Land, alarmierenden Umfragewerten und Streitereien mit der SPD das schwarz-rote Regierungsbündnis zu einer Ampel 2.0 wird. Kurz: Es geht in der CDU die Angst vor einer Kernschmelze der Koalition um. Kanzler Merz hatte selbst eingeräumt: „Ich bin mit dem, was wir bis jetzt geschafft haben, nicht zufrieden. Das muss mehr werden“, zitiert ihn die Welt.

Schwarz-Rot will in Würzburg „Kraft tanken“ für den Herbst der Reformen

SPD-Fraktionschef Matthias Miersch sagte zum Auftakt einer gemeinsamen Klausurtagung in Würzburg, man werde sich Zeit nehmen, miteinander zu reden, um Fehler künftig zu vermeiden. „Diese offene Aussprache ist die Grundvoraussetzung dafür, dass wir dann auch die großen Dinge angehen können.“

Unionsfraktionschef Jens Spahn (CDU) sagte, es habe „manche scharfe Kurve schon gegeben, die uns durchgeruckelt hat“. Die Koalition sei aber zum Erfolg verpflichtet, um Vertrauen in den Entscheidungswillen und die Entscheidungsfähigkeit von Politik wiederzugewinnen. CSU-Landesgruppenchef Alexander Hoffmann als Gastgeber des Treffens in seiner Geburtsstadt sagte, man wolle „Kraft tanken“ und dann kraftvoll in einen Herbst der Reformen starten. 

Die geschäftsführenden Fraktionsvorstände wollen bei der zweitägigen Klausur über Schwerpunkte im zweiten Halbjahr beraten. Ärger hatte zuletzt das Scheitern einer Verfassungsrichterwahl ausgelöst, nachdem die Union ihr Ja zur SPD-Kandidatin Frauke Brosius-Gersdorf nicht mehr garantieren konnte. Nach Angaben Mierschs soll das weitere Verfahren nicht Thema in Würzburg sein.

Merz-Regierung droht Ampel-Fiasko: Misstrauen und Verdruss prägen Klima zwischen Union und SPD

Ein kritischer Befund aus der CDU-Zentrale: „Die Stimmung ist derzeit nicht so gut, wie wir uns das gewünscht haben“, schrieb CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann in einem Brief an die Parteimitglieder. „Bis zur Winterpause des Parlaments müssen die entscheidenden Pflöcke eingeschlagen sein“, sagte ein Präsidiumsmitglied der Welt.

Innerhalb der kommenden zehn Wochen will man die Reform von Rente und Bürgergeld, die Änderung des Heizungsgesetzes sowie Maßnahmen zur Entbürokratisierung auf den Weg bringen. Ein Herbst der Reformen soll es werden. Dabei prägen Misstrauen und Verdruss das Klima zwischen Union und SPD.

Nach mehr als 100 Tagen schwarz-rote Regierung stehen die Zeichen auf Konfrontation: Alexander Dobrindt (CSU), Lars Klingbeil (SPD) und Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) wollen dennoch durch den „Herbst der Reformen“ lenken.

Denn auch bei der SPD sitzt der Ärger tief: „Das Nichteinhalten von Zusagen hat den Gang in die Sommerpause belastet“, sagt deren parlamentarischer Geschäftsführer Dirk Wiese. Würzburg solle dazu beitragen, „wieder in einen vernünftigen Arbeitsmodus zu kommen“. Anfang September soll dann ein Grillabend der Fraktionen folgen, um ein geselliges Kennenlernen zu ermöglichen.

Klingbeils Haushaltslücke wird zur Zerreißprobe: SPD und Union bei Steuerthemen uneinig

Die Ausgangslage ist herausfordernd: Finanzminister Klingbeil rechnet für 2027 bis 2029 mit einer Haushaltslücke von 172 Milliarden Euro. Ohne Härten werden die Sozialstaatsreformen nicht durchzusetzen sein. Die SPD will jedoch Spitzenverdiener höher besteuern, für die CDU inakzeptabel. Es gelte: keine Steuererhöhungen.

Chronik 100 Tage Schwarz-Rot: Die Pannen-Serie im Überblick

  • Mai: Kanzlerwahl von Friedrich Merz gelingt erst im zweiten Anlauf
  • Juni: SPD-Chef Klingbeil nur mit 64,9 Prozent wiedergewählt
  • Juni/Juli: Streit um Stromsteuer-Senkung: Union protestiert gegen begrenzten Umfang
  • Juli: Verfassungsrichterwahl scheitert - SPD-Kandidatin Brosius-Gersdorf zieht zurück
  • August: Ärger über Merz‘ Teilstopp für Israel-Waffenlieferungen ohne Absprache
  • August: Schwaches Abschneiden bei Umfragen - AfD teilweise vor der Union
  • August: Uneinigkeit um Wehrpflichtgesetz von Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD)

Die Umfragewerte sind schlecht, in manchen Erhebungen liegt die AfD vor der Union auf Platz eins. „Bei Merz ist von einem Kanzlerbonus nichts zu spüren“, resümiert Forsa-Chef Manfred Güllner. Der Plan der Koalition, durch gutes Regieren die AfD zu schwächen, geht bislang nicht auf. Es zeigt sich: Die Koalition ist nur ein Zweckbündnis, denn Union und SPD liegen in vielen Fragen auseinander.

Der SPD-Parteitag bestätigte Vizekanzler Lars Klingbeil mit nur 65 Prozent als Parteichef. Hat der angeschlagene Vorsitzende noch genug Macht, die von der Union geforderten Sozialreformen in der SPD durchzusetzen? Die Jusos drohen bereits mit Widerstand. Auf Unionsseite wirft das Debakel um die Richterwahl die Frage auf, ob Fraktionschef Spahn seine Fraktion wirklich im Griff hat. Und Kanzler Merz verärgerte Teile der Union durch seine einsam getroffene Entscheidung zum Waffen-Lieferstopp für Israel.

Schonfrist bis zur NRW-Kommunalwahl: Union sorgt sich vor Destabilisierung der Merz-Regierung

Bis zur Kommunalwahl in Nordrhein-Westfalen Mitte September wollen sich Christdemokraten zurückhalten. Zu groß ist die Sorge, dass die SPD abstürzt und das schwarz-rote Regierungsbündnis insgesamt destabilisiert wird. Allerdings fällt vielen in der CDU das Stillhalten nicht leicht - schon beim Wehrpflichtgesetz droht neue Eskalation.

Am Donnerstag und Freitag besprechen sich in Würzburg die Fraktionsvorstände von Union und SPD. Es folgen Koalitionsausschuss, Bundeskabinett und CDU-Präsidiumsklausur. An Strategierunden mangelt es nicht - und an Konfliktstoff auch nicht. Der „Reform-Herbst“ wird zur Bewährungsprobe für eine Koalition, in der bereits die Angst vor der Implosion umgeht. (bg/dpa)

Rubriklistenbild: © IMAGO/(c) Mike Schmidt

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