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Raketeneinschlag in Polen zeigt die Gefahren von Fehleinschätzungen

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In Przewodów im Südosten Polens, etwa fünf Kilometer vor der Grenze zur Ukraine, töten Raketentrümmer zwei Menschen.
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Nach dem Raketeneinschlag in Polen gingen anfänglich viele von einem russischen Angriff aus. Das Risiko, voreilige Schlüsse zu ziehen, ist groß.

Update vom 19. November um 12:55 Uhr: Der polnische Innenminister Mariusz Kamiński hat mittlerweile bekräftigt, dass es sich höchstwahrscheinlich bei der Rakete um ein Geschoss aus der Ukraine handelt. Zu diesem Zeitpunkt könne er verantwortungsvoll sagen, dass es zu einem „unglücklichen Unfall“ gekommen sei, sagte Kamiński am Samstagmorgen (19. November) im Gespräch mit dem Radiosender RMF FM

Erstmeldung vom 19. November um 12:15 Uhr: Polen – Nach dem Raketeneinschlag in Polen, bei dem zwei Menschen starben, wurde die Schuldfrage von vielen diskutiert. Nach anfänglichen Beschuldigungen gegen Russland wurden Ermittlungen eingeleitet, die untersuchen, wer verantwortlich für den Abschuss der Rakete in Polen war. Polens Präsident Andrzej Duda, der den Einschlagort besuchte, warnte vor weiteren Vorfällen dieser Art. „Leider müssen wir in gewissem Sinne darauf vorbereitet sein, dass sich Unfälle als Folge des Krieges an unserer Grenze wiederholen können“, sagte Duda am Freitag. Polen könne sich nicht sich vor so einem Ereignis wie dem Raketeneinschlag schützen.

Rakete vom Typ S-300 schlägt in Polen ein – zwei Menschen sterben bei Raketeneinschlag

Die Rakete war am Dienstagnachmittag im polnischen Ort Przewodów in einem landwirtschaftlichen Betrieb eingeschlagen. Dabei kamen zwei Menschen ums Leben kamen. Besonders heikel ist die Frage des Raketen-Ursprungs, da es sich bei Polen um einen Mitgliedsstaat der NATO handelt. Ein Angriff auf polnisches Staatsgebiet seitens Russland hätte möglicherweise den NATO-Bündnisfall auf Grundlage des Artikel 4 der Nato auslösen können.

Bei der Rakete handelt es sich um das Flugabwehrsystem S-300. Die S-300 ist ein mobiles sowjetisches Flugabwehrsystem, das seit 1979 im Dienst ist. Die S-300 werden sowohl im russischen als auch im ukrainischen Militär eingesetzt. Auch im Angriffskrieg gegen die Ukraine hat Russland die Raketen des S-300-Systems nicht nur gegen Ziele in der Luft, sondern vielfach auch zum Beschuss ukrainischer Städte benutzt.

Raketeneinschlag in Polen: Neue Details aus Polen widersprechen Nato-Verdacht zur Rakete

Ungeklärt ist noch die Frage, wer die Verantwortung für den Raketeneinschlag in Polen nimmt. Im Nato-Hauptquartier geht man beim Raketeneinschlag laut Business Insider von einem Unfall aus, der durch einen technischen Fehler verursacht wurde. Doch neue Details aus Polen werfen Zweifel an dieser These auf. Die polnische Zeitung Gazeta Wyborcza widerlegte die Behauptung, dass das Geschoss nicht rechtzeitig in der Luft zerstört wurde. Die Rakete sei explodiert, woraufhin Trümmerteile auf die polnischen Gebiete einschlugen. Laut Informationen der Zeitung habe die polnische Behörde frühzeitig davon gewusst, und die Informationen vorenthalten.

Inzwischen haben sich Vermutungen verdichtet, dass es sich beim Geschoss um eine fehlgeleitete Rakete aus der Ukraine handelt. Nach anfänglichen Beschuldigungen hatte Präsident Selenskyj dementiert, dass es sich um ein ukrainisches Geschoss handelt und forderte gleichzeitig eine vollständige Untersuchung. Polen und die Ukraine verhandelten deshalb um den Einsatz einer internationalen Ermittlergruppe.

Raketeneinschlag: Anfängliche Beschuldigungen Russland – Gefahr vor Fehleinschätzungen

Das Rätseln, wer verantwortlich für den Raketeneinschlag ist, hat sich in Medien und Agenturen hochgeschaukelt und teils zu Fehleinschätzungen geführt. Die Neigung, voreilige Schlüsse zu ziehen, ist hoch – davor warnte auch Bundeskanzler Scholz, der zu dem Vorfall berufen wurde. In Medienberichten war unmittelbar nach der Explosion die Rede von einer russischen Rakete. Auch wenn keine schlüssigen Beweise vorlagen, wer die Rakete abgefeuert hatte, mutmaßten Duda und das polnische Außenministerium den Einschlag einer Rakete aus russischer Produktion.

Die Anschuldigungen kamen vor allem aus der ukrainischen Führung. Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba twitterte, dass Russland eine Verschwörungstheorie verbreiten würde, dass hinter dem Raketeneinschlag eine ukrainische Luftabwehr steckt.

Nach Raketeneinschlag in Polen: Linken-Chef Dietmar Bartsch lobt USA für Reaktion

Nach den anfänglichen Beschuldigungen, es würde sich beim Raketeneinschlag um russisches Geschoss handeln, hatte unter anderem Joe Biden die aufgeheizte Nachrichtenlage entschärft: „Es gibt erste Informationen, die das bestreiten. Ich möchte das nicht sagen, bevor wir das nicht vollständig untersucht haben. Aber in Anbetracht der Flugbahn ist es unwahrscheinlich, dass sie aus Russland abgefeuert wurde“, zitierte der Guardian Biden. Vor dem Hintergrund der laufenden Ermittlungen fügte Biden hinzu: „Aber wir werden sehen, wir werden sehen.“

Dietmar Bartsch, der Chef der linken Bundestagsfraktion, hat US-Präsident Joe Biden für die besonnene Reaktion gelobt. Die Nato und Politik der EU könnte sich an dem amerikanischen Präsidenten ein Beispiel nehmen, der zurückhaltend auf den Vorfall reagierte. Die Linke galt lange als eher Moskau-freundlich und als kritisch gegenüber Washington. Den russischen Angriff auf die Ukraine verurteilte sie aber klar.

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