Inflation stürzt Land in Krise

Argentinien steht vor der Wahl schon am Abgrund

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Eine Mitarbeiterin der Stiftung Barrientos schenkt in einer Armenküche in Buenos Aires als Vorspeise Suppe ein. (Archivfoto)
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Die Inflation in Argentinien treibt immer mehr Menschen in die Armut – und jetzt wird gewählt. Ein ultrarechter Trump-Nachahmer könnte die Krise für sich nutzen.

Buenos Aires – Es ist ein ungewöhnlich kühler Vormittag in Buenos Aires. Der Frühling zeigt sich in der argentinischen Hauptstadt dieses Jahr selbst Mitte Oktober noch launisch. In Villa Soldati, einem ärmeren Viertel im Südwesten, weht ein schneidend kalter Wind durch die schmalen Gassen. In den weitgehend unverputzten Häusern leben vor allem Tagelöhner:innen, Handwerker, Reinigungskräfte, Hausangestellte. Hier draußen in der Vorstadt ist das glamouröse Buenos Aires eine ganz normale lateinamerikanische Stadt.

Die Kriminalität steige, der Drogenhandel sei auf dem Vormarsch, die Jugendlichen hätten immer weniger Perspektiven, klagen die Menschen hier. Aber vor allem schlagen vielen von ihnen die Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf Gemüt und Geldbeutel. Soldati ist eines der vielen Viertel der Metropole, in denen sich die sprichwörtliche argentinische Krise der vergangenen Jahrzehnte manifestiert.

Steigenden Inflation vor Wahl in Argentinien: „Jeden Tag werden es mehr Menschen, die nach Essen fragen“

In dicken Pullovern und Winterjacken warten vor dem Gemeindezentrum kurz vor Mittag Frauen, alte Männer und Kinder mit Stofftaschen, in denen große Tupperdosen stecken. Pünktlich um zwölf öffnet sich die bunt bemalte Schiebetür des Gemeindezentrums: „Wer ist der Erste?“, fragt Köchin Rita Trocha. Schnell reihen sich zwei Dutzend Menschen auf. Heute gibt es eine warme Suppe mit Hühnerfleisch und Spaghetti. „Jeden Tag werden es mehr Menschen, die nach Essen fragen“, sagt Trocha. 200 bis 300 Mahlzeiten geben sie in der „Olla comunitaria“, der Gemeinschaftsküche von Soldati, täglich aus.

An dritter Stelle in der Schlange steht Ramona Carrera, eine 52-jährige Hausfrau, die seit drei Monaten hier Essen holt. Sie bittet um vier Rationen – für sich, ihren Mann und die beiden heranwachsenden Töchter. „Ich habe mich lange geweigert, weil es mir peinlich war, aber vor drei Monaten ging es nicht mehr.“ Carreras Mann verdient als Maurer pro Tag 9000 Pesos. Das waren im Mai noch 18 Euro. Mitte Oktober sind es gerade noch neun Euro. Die Inflation frisst alles. Also gibt es morgens einen Mate-Tee mit Keksen für die Familie. „Das macht aber nicht satt.“ Mittags dann in die Suppenküche – und abends? Das, was noch im Kühlschrank ist. Carrera denkt nicht, wie sie es bis zum Monatsende schaffen kann. „Wir wissen manchmal nicht, wie wir es bis zum Wochenende schaffen sollen.“

Wenn der Peso gegenüber dem Dollar sinkt, steigen die Preise

Die Menschen in Soldati und im ganzen Land sehen, wie ihnen sprichwörtlich das Geld wie Sand durch die Finger rinnt, wie die Preise im Monatsrhythmus, manchmal sogar im Wochenrhythmus steigen. Alles wird ständig teurer, die Miete, die Busfahrkarte, der Handyvertrag. Milch, Brot und vor allem Fleisch, so wichtig für die Menschen in Argentinien, hat sich allein im August um 30 Prozent verteuert. Immer wenn der Peso wieder gegenüber dem Dollar an Wert verliert, ziehen die Preise an.

Zwar stiegen die Löhne in den vergangenen fünf Jahren in Argentinien um mehr als 400 Prozent, doch mit fast 600 Prozent war die Teuerung in gewisser Weise schneller. In der Folge sind mittlerweile 40 Prozent der 46 Millionen Argentinierinnen und Argentinier offiziell arm. Und wenn es keine Suppenküchen wie in Villa Soldati gäbe, dann wäre das Elend noch viel größer.

Wahl-Favorit Milei: Ultrarechter Polemiker, Anarchokapitalist, Fan von Trump und Bolsonaro

Und gerade jetzt wird am Sonntag auch noch ein neuer Präsident gewählt. Und vieles deutet darauf hin, dass mit Javier Milei (52) ein absoluter Outsider mit radikalen Ideen und gefährlichen Vorschlägen das Rennen machen könnte. Denn die Menschen haben von den etablierten Parteien genug, die seit Jahrzehnten nichts an der chronischen Abwärtsspirale haben ändern können.

Und Milei ist so etwas wie ein Systemsprenger. Ein Politiker, der bis vor kurzem fast unbekannt war, TV-Wirtschaftsexperte, ultrarechter Polemiker, selbsternannter Anarchokapitalist, ein Anhänger von Donald Trump und Jair Bolsonaro. Lange hat er sogar dem Tragen von Waffen und dem Verkauf von Organen und Kindern das Wort geredet. Gerade diese Verrücktheit macht ihn in den Augen Millionen Argentinierinnen und Argentinier wählbar. Manche sagen, mit ihm als möglichem Präsidenten springe das Land ins kalte Wasser, andere warnen vor dem Sturz in den Abgrund.

Jährliche Inflationsrate liegt in Argentinien bei nahezu 140 Prozent

Aber was heißt das schon in Argentinien? Wo Land und Leute seit Jahrzehnten am Abgrund tanzen. Und irgendwie geht das Leben doch weiter. Derzeit lebt das südamerikanische Land mit einer Inflation, die zwischen sechs und zwölf Prozent schwankt. Monatlich. Die jährliche Teuerungsrate liegt bei nahezu 140 Prozent.

Hilfsprojekte mit Küchen und Kantinen für Hungernde wie in Villa Soldati gibt es überall. 35 000 sind es derzeit. Sie werden oft von Nachbarschaftshilfen geführt, die sich in der bislang letzten großen Krise zu Beginn der Nullerjahre gebildet haben. Manche werden von internationalen Hilfsorganisationen unterstützt, auch die argentinische Regierung gibt Nahrungsmittel.

182 Sozialpläne gegen Argentiniens Elend

Zudem hat die Regierung insgesamt 182 Sozialpläne aufgelegt, um die Menschen zu unterstützen. Von Kindergeld und Unterstützung für alleinerziehende Mütter bis zum Honorar für Sozialarbeit. Wirtschaftsminister Sergio Massa, zugleich Präsidentschaftskandidat der regierenden Peronisten, senkt seit Wochen die Steuern und zahlt Boni an formell und informell Beschäftigte und Rentner:innen aus. Laut einer Umfrage der Sozialen Beobachtungsstelle der Katholischen Universität Argentiniens (ODSA) aus dem Jahr 2022 erhält mehr als die Hälfte der Bevölkerung mindestens eine Art von Sozialhilfe vom Staat.

Diese staatlichen Pläne und Suppenküchen seien ein essenzielles Auffangnetz, sagt Laura Toledo von „La Poderosa“, der Organisation, die in Soldati die Suppenküche führt. Wenn es sie nicht gäbe, wäre die Armut noch schlimmer und die Menschen würden vermutlich wie in früheren Krisen auf die Straßen gehen und plündern, betont Delgado. Allein „La Poderosa“ betreibt landauf, landab 140 Suppenküchen.

Argentinien noch vor 70 Jahren eines der reichsten Länder der Welt

Aber trotzdem sieht man überall Bilder, die verstören. In einer so reichen Stadt wie Buenos Aires plündern Hungernde abends die Müllcontainer, vor den Restaurants warten ganze Familien nachts auf die Essensreste. In den Cafés hat die Zahl der Bettler sprunghaft zugenommen.

Noch vor 70 Jahren gehörte der Agrarstaat Argentinien zu den reichsten Ländern der Welt mit einem Pro-Kopf-Wachstum so hoch wie das in Westeuropa. Fachleute sagen, dass es kein anderes Land auf der Welt gebe, das sich in einem Jahrhundert von einer der reichsten Volkswirtschaften weltweit zu einem Entwicklungsland zurückentwickelt hat.

Gespaltenes Argentinien: Konsumrausch in den hippen Vierteln von Buenos Aires

Mit den Armutsbildern kontrastiert der krasse Konsumrausch in den hippen Vierteln von Buenos Aires, der letztlich doch nur eine Seite der gleichen Medaille ist. Die Restaurants sind voll, die Theater und Konzerthäuser melden „ausverkauft“. Wer Geld hat, der haut es raus, anstatt unter die Matratze zu legen. Denn morgen ist es weniger wert. Allein in den ersten drei Wochen des Oktobers büßte der Peso fast ein Drittel ein. Deswegen stehen auch mitternachts auf der Vergnügungsmeile der Avenida Corrientes auch noch Dutzende Menschen Schlange vor den gehyptesten Pizzerien und Eisläden. Gepusht wird der Konsumrausch noch von Tausenden Touristinnen und Touristen aus Brasilien, Chile und auch aus Europa, die ihre Dollar und Euro zum halblegalen Wechselkurs „blue“ tauschen und in Argentinien leben wie Gott in Frankreich.

Im Zentrum von Buenos Aires, eine Autostunde von Villa Soldati entfernt, sitzt Sergio Berensztein in seinem Büro und sinniert über Wahnwitz und Elend seines Landes und der Hauptstadt. „Buenos Aires ist so schön“, sagt der bekannte Analyst und Meinungsforscher, als er von seinem Büro im 12. Stock aus über die Stadt blickt.

Tatsächlich wirkt die Metropole an vielen Stellen wie eine Mischung aus Paris und Rom mit ihrer Vielzahl an Gebäuden aus der Neoklassik, dem Eklektizismus, Art déco und Jugendstil. Es gibt Straßencafés mit livrierten Kellnern, breite Alleen. Die Stadt strahlt an so vielen Stellen Großzügigkeit und Großspurigkeit aus, was nicht passen will zu dem chronischen Chaos im zweitgrößten Land Lateinamerikas. (Klaus Ehringfeld)

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