„Längst überfällige Entscheidung“

Ukraine bekommt F-16-Kampfjets: Der Deal hat mehrere Haken

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Die Niederlande und Dänemark liefern der Ukraine die lange geforderten F-16-Kampfjets. Auf Kiew warten jetzt neue Herausforderungen.

München/Eindhoven – Kiew soll sie im Ukraine-Krieg endlich erhalten: Monate lang bat Präsident Wolodymyr Selenskyj um F-16-Kampfjets für die ukrainischen Streitkräfte. Jetzt kündigten die Niederlande und Dänemark die Lieferung der Kampfflugzeuge an. Die Dänen wollen 19 liefern, Selenskyj hofft laut ZDF insgesamt auf 42.

Ukraine-Krieg: Niederlande und Dänemark liefern Kiew F-16-Kampfjets

Der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte hat der Ukraine am Sonntag (20. August) während eines Besuchs Selenskyjs die Lieferung zugesagt. „Die Niederlande und Dänemark verpflichten sich, F-16 an die Ukraine zu übergeben, sobald die Bedingungen für einen derartigen Transfer erfüllt sind“, sagte Rutte an der Seite Selenskyjs auf einem Luftwaffenstützpunkt in Eindhoven.

Die USA hatten am Freitag grünes Licht für die Entsendung von F-16-Kampfjets aus Dänemark und den Niederlanden gegeben. Trotz der Erleichterung der Ukraine gibt es Haken an dieser Waffenlieferung.

Denn: Für die ukrainische Offensive, die weiter bei Bachmut im Osten und bei Robotyne im Süden feststeckt, kommen die F-16-Kampfjets reichlich spät. Zu spät. Bezeichnend: Außenminister Dmytro Kuleba hatte Kritik zuletzt aus dem Westen wegen ausbleibender militärischer Erfolge mit dem Verweis auf fehlende Kampfflugzeuge zurückgewiesen.

F-16-Kampfjets für die Ukraine: Können sie die russische Lufthoheit brechen?

So seien die russische Lufthoheit und breitflächig angelegte Minenfelder die größten Probleme für die ukrainischen Truppen bei ihrer Gegenoffensive, erklärte Kuleba im Gespräch mit den Tageszeitungen Bild und Welt sowie mit der Nachrichten-Website Politico. Die Russen seien in der Lage, mit Kampfhubschraubern und Kampfflugzeugen „unsere Gegenoffensivkräfte zu treffen“.

Kein Game-Changer für die Gegenoffensive, aber Planbarkeit in der Verteidigung des ukrainischen Luftraumes. Längst überfällige Entscheidung.

Militärexperte Gustav Gressel bei „Welt“

Diesen Makel betonten auch viel zitierte Militärexperten. „Man sieht, dass Fähigkeitslücken wie mangelnde Kampfjets einen hohen Preis haben“, erklärte unlängst Gustav Gressel vom European Council on Foreign Relations, während nach erheblichen Verlusten die Ukrainer auf dem Schlachtfeld mittlerweile auch deutsche Marder-Panzer auffahren. Die große Herausforderung ist die Schulung von Piloten und Bodenpersonal.

F-16-Kampfjets für die Ukraine: Ausbildung ukrainischer Piloten hat schon begonnen

„Die Ausbildung hat schon angefangen“, erzählte der ukrainische Verteidigungsminister Olexij Resnikow dem Fernsehsender 24 Kanal. Auch Ingenieure und Techniker würden demnach bereits geschult. Wo genau die Schulungen stattfinden, schilderte Resnikow nicht. Das Portal Yahoo News hatte kürzlich von einer internen Einschätzung der US-Luftwaffe berichtet, wonach es nur vier Monate dauern könnte, ukrainische Piloten für den Einsatz mit F-16-Kampfjets aus amerikanischer Produktion auszubilden. Und damit deutlich kürzer als üblich. Heißt: Sie wären im Winter einsatzbereit.

„Kein Game-Changer für die Gegenoffensive, aber Planbarkeit in der Verteidigung des ukrainischen Luftraumes. Längst überfällige Entscheidung“, kommentierte Gressel bei Welt die Ankündigung der F-16-Lieferungen: „Es wird der Ukraine erlauben, ihren Luftraum nachhaltig zu schützen.“ Dabei dürfte es vor allem um den Schutz kritischer Infrastruktur gehen. Denn: So groß dürfte die Anzahl gelieferter F-16-Kampfjets nicht sein, da Rutte erzählte, dass die Niederlande selbst nur 42 dieser Kampfflugzeuge besitzen. Entsprechend überschaubar dürfte die Zahl jener Flugzeuge sein, die abgegeben werden.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj (Mi.) und der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte (re.) vor einem F-16-Kampfjet in Eindhoven.

Dänemark geht offenbar in Vorleistung: Laut Global Firepower Index hat das kleine skandinavische Land mit seinen rund sechs Millionen Einwohnern nur 33 F-16-Kampjets, von denen demnach aktuell nur 25 einsatzbereit sind, was sich nicht unabhängig überprüfen lässt. 19 F-16 kann Dänemark liefern, weil diese gerade ausgemustert und neue F-35 beschafft werden. Unklar ist indes, ob auch die Amerikaner nachziehen und ihrerseits Kampfflugzeuge schicken. Nur so ließe sich eine wirkungsvolle Luftstreitmacht aufbauen, mit der auch die Krim und der Stützpunkt der russischen Schwarzmeerflotte in Sewastopol angegriffen werden könnten.

F-16-Kampfjets für die Ukraine: Flugzeuge können Storm-Shadow-Marschflugkörper abfeuern

Zuletzt hatte die Ukraine mit Fotos von einem Besuch Selenskyjs auf einem Luftwaffenstützpunkt gezeigt, dass sie ihre wenigen MiG-29-Kampfjets mit den hoch effektiven Storm-Shadow-Marschflugkörpern ausstatten kann. Bei den F-16 ist dies ebenso technisch möglich. Jetzt bleibt abzuwarten, wie viele F-16-Kampfjets die Ukraine wirklich bekommt. Und wann diese schließlich einsatzbereit sind. (pm)

Rubriklistenbild: © IMAGO/ROB ENGELAAR

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