„Verklärter Sehnsuchtsort“

Russland mauert Krim zu: Vermasselt Putin großes Versprechen? Was ihm Sewastopol bedeutet

  • schließen

Russische Truppen verschanzen sich auf der Krim in Erwartung der ukrainischen Gegenoffensive. Osteuropa-Experte Klaus Gestwa erklärt, worum es Wladimir Putin dort geht.

München/Moskau/Sewastopol - „Fällt die Halbinsel an die Ukraine, dürfte es vermutlich um Putins Macht im Kreml geschehen sein.“ Der Historiker Prof. Dr. Klaus Gestwa von der Universität Tübingen gilt als ausgewiesener Osteuropa-Experte. Für ihn ist die Macht von Wladimir Putin in Moskau eng mit der fernen Krim verbunden.

Ukraine-Gegenoffensive: Russische Armee mauert die Krim zu

Gestwa erklärt: „Die Krim spielt für das aktuelle imperiale Bewusstsein Russlands eine wichtige Rolle.“ Eben jene Schwarzmeer-Halbinsel wurde von den russischen Besatzern im Norden mit riesigen Verteidigungsanlagen regelrecht zugemauert.

Im Gespräch mit IPPEN.MEDIA erklärt Wissenschaftler Gestwa, warum die Krim und der dortige Militärhafen Sewastopol Putin so viel bedeuten. Und warum es für die russischen Truppen seiner Ansicht nach mit zunehmender Zeit im Ukraine-Krieg schwieriger wird, das 2014 völkerrechtswidrig annektierte Gebiet zu halten, während die ukrainische Gegenoffensive läuft.

Gezeichnet? Moskau-Machthaber Wladimir Putin am 21. Juni 2023, nachdem der von ihm losgetretene Ukraine-Krieg schon eineinhalb Jahre dauert.

„Der militärische Ruhm Sewastopols rührt daher, dass die Stadt im Krimkrieg elf Monate lang dem überlegenem Gegner Widerstand leistete. In der dem Hafen vorgelagerten sieben Kilometer langen Bucht versenkte die Schwarzmeerflotte ihre Schiffe, um die gegnerischen Flotte von der Stadt fernzuhalten“, erzählt der Historiker.

Bedeutung der Krim für Russland: Krimkrieg wird von Moskau historisch verklärt

Im Krimkrieg kämpften zwischen 1853 und 1856 das russische Zarenreich sowie eine Koalition aus Osmanischem Reich, Frankreich, Großbritannien und Piemont-Sardinien gegeneinander. Die militärische Auseinandersetzung endete mit einer Niederlage Moskaus, das Schwarze Meer wurde zur neutralen Zone erklärt, nachdem Russland die Krim 1783 unter Katharina der Großen erstmals annektiert hatte, von der Putin immer wieder schwärmt. Katharina II. hatte damals auch den Militärstützpunkt Sewastopol gegründet, der 1991 nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, vertraglich fixiert, bis heute unverändert in russischen Händen blieb.

Die pathetisch überhöhte Aufopferungsbereitschaft der russischen Verteidiger Sewastopols entwickelte in der russischen Erinnerungskultur eine heroische Eigendynamik.

Prof. Dr. Klaus Gestwa, Osteuropa-Experte der Uni Tübingen

„Die vielen Schrecken des Krieges stellte der damals aufstrebende Schriftsteller Lew Tolstoi in seinen realitätsnahen Sewastopoler Erzählungen eindrucksvoll dar und beeinflusste damit nachhaltig das Genre der Kriegsreportagen. In der Folgezeit entwickelte die pathetisch überhöhte Aufopferungsbereitschaft der russischen Verteidiger Sewastopols in der russischen Erinnerungskultur eine heroische Eigendynamik“, erklärt Gestwa. Im Krimkrieg sollen bis zu 450.000 russische Soldaten getötet oder verwundet worden sein. Besagte heroische Erinnerungskultur habe sich im Zweiten Weltkrieg gesteigert, in der Russischen Föderation Großer Vaterländischer Krieg genannt.

Bedeutung der Krim für Russland: Rote Armee hielt hier lange die Wehrmacht auf

„Die deutschen Truppen versuchten, seit dem Herbst 1941 die Krim einzunehmen. Sie wurden aber durch den starken Widerstand der sowjetischen Verbände bei Sewastopol gebunden. Dort tobten bis Juli 1942 heftige Schlachten“, sagt der Osteuropa-Experte im Gespräch mit IPPEN.MEDIA: „Das setzte die von der Wehrmacht angeführte Achsenmächte unter Druck. Sie mussten ihre Truppen binden und verloren bei ihrem Vormarsch an Schlagkraft.“

Längst ist die Krim nach dem russischen Überfall auf die Ukraine wieder militärisch in den Fokus gerückt. Am 22. Juni veröffentlichte Anton Gerashchenko, Berater des ukrainischen Innenministers, ein Foto, wonach angeblich die Brücke bei Tschonhar mit einer Rakete beschossen wurde und dieser russische Nachschubweg über das Festland angeblich geschlossen werden musste.

Ukraine-Gegenoffensive: Russland verstärkt Verteidigungsanlagen auf der Krim

Zuvor hatte Russland seine Verteidigungsanlagen unter erheblichen Anstrengungen ausgebaut, wie das britische Verteidigungsministerium am 21. Juni mitteilte. „Dazu gehört eine ausgedehnte Verteidigungszone von neun Kilometern Länge, 3,5 Kilometer nördlich der Stadt Armjansk, auf der schmalen Landbrücke, die die Krim mit dem Gebiet Cherson verbindet“, erklärte das Ministerium. Das unterstreiche, dass Moskau glaubt, dass die Ukraine in der Lage sei, die Krim direkt anzugreifen, hieß es aus London: „Für Russland hat die Aufrechterhaltung der Kontrolle über die Halbinsel weiterhin höchste politische Priorität.“

Nicht zuletzt gilt das wohl für Putin, der laut Gestwa „seine imperiale Geschichtspolitik über das Völkerrecht gestellt“ habe, als er 2014 Truppen ohne Hoheitsabzeichen auf der Halbinsel aufmarschieren ließ. Die kürzliche Sprengung des Kachowkaer Staudamms am Dnipro wähnt der Geschichtswissenschaftler langfristig als Eigentor des Kreml, während die Ukraine unvermindert die südliche Front zwischen Stausee und Orichiw attackiert.

Osteuropa-Experte an der Uni Tübingen: der Historiker Prof. Dr. Klaus Gestwa.

Ukraine-Gegenoffensive: Russland erleidet wohl riesige Verluste

Der Grund: Über den Nord-Krim-Kanal fließe weniger Wasser. „Die Abwanderungswelle von der Krim wird sich noch verstärken, auch weil viele Betriebe Bankrott gehen werden. Der Nord-Krim-Kanal ist und bleibt die Lebensader der Halbinsel. Wenn sie abgeschnürt ist, lässt sich die Krim nicht in eine blühende Landschaft verwandeln, wie es Putin 2014 versprochen hatte“, erklärt Gestwa.

Bei seinem „Krim unser“ nutze Putin indes die Bedeutung der Halbinsel als von russischen Literaten und Touristen verklärten Sehnsuchtsorts politisch ungeniert aus, „um die russische Gesellschaft hinter seinen Kriegskurs zu bringen“. Aber: Wie lange funktioniert das angesichts der riesigen Verluste Russlands noch? (pm)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Gavriil Grigorov

Kommentare