Widerstand hat viele Gesichter: Inzwischen bereiten sich auch Zivilisten beiderlei Geschlechts auf eine Konfrontation mit Russlands Militär vor – ob offen in Tarnkleidung oder im Schatten als Partisanen.
Widerstand hat viele Gesichter. Atesh-Partisanen spionieren Logistik-Ketten aus, Zivilsten fangen an Schießen zu lernen. Die Ukraine bäumt sich auf.
Simferopol – „Solche Bemühungen haben unseren Freunden wiederholt geholfen, ganze feindliche Konvois erfolgreich zu zerstören“, schreibt ein Sprecher der Atesh-Bewegung. Die Partisanen auf der Krim haben jetzt offenbar die Treibstoff-Vorräte von Wladimir Putins Invasionsarmee ins Visier genommen. Russland gerät auf der Krim in Gefahr, demnächst auf dem Trockenen zu sitzen.
Die Invasionsarmee ist jetzt möglicherweise gezwungen, die Versorgung der Front mit Treibstoff anders als bisher zu organisieren – der Grund liegt in den zunehmend erfolgreicheren Offensiven der Ukraine auf die Depots der Aggressoren. Die Atesh-Partisanen berichten darüber auf ihren Telegram-Kanälen. Vor kurzem sei Agenten der Bewegung gelungen, Videos aufzunehmen von ganzen Tanklastwagen-Kolonnen, „die die Krim verließen, sich in Richtung Frontlinie bewegten und sich dann in Wohngebieten und Höfen der Ukrainer getarnt versteckten“, schreibt das Magazin Defense Express.
Horrende Verluste: Möglicherweise ist Russland außerstande, seine originäre Infrastruktur zu schützen
Möglicherweise ist Russland mittlerweile außerstande, seine originäre Infrastruktur zu schützen und hat eventuell begonnen, rollende Lager einzurichten beziehungsweise zivile Infrastruktur zu nutzen: unter Schuppendächern, in Scheunen, in der Nähe von Geschäften und Wohnhäusern beziehungsweise allen Verstecken, in denen der Treibstoff Platz findet. Allerdings ist die Atesh-Bewegung darauf spezialisiert, jeder Spur der Besatzer zu folgen.
„Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die russische Invasion in der Ukraine die Bedeutung des Partisanenkriegs und des Gegenpartisanenkriegs als Kernaspekt des modernen IW (Irregular Warfare) unterstreicht. Die Länder, denen es gelingt, die Kunst des Partisanenkriegs vorzubereiten und in ihre nationalen Verteidigungsstrategien zu integrieren, werden in zukünftigen Konflikten am besten aufgestellt sein, um einen strategischen Vorteil zu haben.“
Und die Spuren müssen reichhaltig sein, denn Putins Krieg ist ein durstiges Monster, wie das Magazin Forbes berichtet hat: „Eine einzelne russische Bataillonstaktische Gruppe (BTG) führt in ihren Tanklastwagen etwa 10.000 Gallonen (umgerechnet fast 40.000 Liter) Kraftstoff zur Nachschubversorgung mit; dieser Kraftstoff soll für einen Tag Kampfhandlungen ausreichen“, schreibt Autor Vikram Mittal. Ein Leopard-2-Kampfpanzer verbraucht etwa 530 Liter Treibstoff auf 100 Kilometern, wobei das Aggregat dieses modernen Panzers als sparsam gilt – der Verbrauch hängt allerdings vom Gelände und vom Einsatz ab.
Ein Abrams-Panzer benötigt für eine Meile (rund 1,6 Kilometer) bis zu drei Galonen, also fast zwölf Liter Treibstoff. Obwohl moderne Panzer durchaus mehrere Treibstoffarten nutzen können, erfordern Kampfpanzer dennoch eine enorme Logistik-Kette. Der Treibstoff versorgt neben dem Antrieb auch Zielgeräte, Funkgeräte und andere elektronische Geräte mit Strom, weswegen Panzermotoren ständig laufen.
Putins Problem: Je stärker der Strom an Treibstoff versiegt, desto mehr Motoren blieben stumm
Je stärker der Strom an Treibstoff versiegt, desto mehr Motoren blieben stumm – das ist ein Ziel der Atesh-Partisanen, die ihre Hauptaufgabe darin sehen, Ziele auszukundschaften und zu markieren. „Mit unorthodoxen und einfallsreichen Taktiken erzielen die irregulären Krieger der Ukraine erstaunliche Erfolge“, urteilen Philip Wasielewski und William Courtney: Je stärker die Verteidiger gegen die Aggression Wladimir Putins in die Defensive gedrängt würden, desto mehr Bedeutung gewinne die irreguläre Kriegführung hinter den feindlichen Linien, schreiben sie im Magazin Defense News.
Jade McGlynn verweist auf den entscheidenden Beitrag der Guerillas zu den militärischen Bemühungen der Ukraine: Die Analystin des Thinktanks Center for Strategic & International Studies (CSSI) betont deren wesentliche Rolle bei der Sammlung und Übermittlung von Informationen, der Unterstützung militärischer Operationen, der Sabotage feindlicher Logistik- und Kommandostrukturen sowie für die Vorbereitung ukrainischer Militärinitiativen.
Die ukrainische Widerstandsbewegung sei in den elf Jahren seit Beginn der russischen Militäraggression gegen die Ukraine und besonders die Krim erheblich erstarkt und sei nach Beginn der völkerrechtswidrigen Invasion im Februar 2022 „dramatisch eskaliert“, schreibt Omar Ashour. Als Ziele der Widerstandsbewegung zählt der Analyst des Thinktanks Atlantic Council auf: Demoralisierung der Besatzungsbehörden, Untergrabung der Logistik der russischen Invasionstruppen, Eliminierung russischer Truppen und Ausrüstung sowie Bereitstellung wichtiger Geheimdienstinformationen für das ukrainische Militär.
Alle gegen Russland: ziviler Widerstand, Partisanenaktivitäten und verdeckte Militäroperationen
Der Widerstand ziehe sich nach Ashours Beschreibung wie ein Spinnennetz durch das gesamte von Russland besetzte Gebiet. Zu der gesamten Bewegung gehörten demnach Aktivisten des zivilen Widerstands, aktive Partisanen und militärische Spezialeinheiten – aus dem Schatten heraus sammeln sie Informationen oder zerstören militärische Einrichtungen – bis hin zu gezielten Tötungen.
Auch Giftanschläge scheinen Teil des Ukraine-Krieges geworden zu sein. Eine möglicherweise auf diese Methode spezialisierte Guerilla-Einheit tritt auf als die „Krim-Kampfmöwen“ – die Krim wurde bereits 2014 von Russland besetzt und bildet den Brückenkopf von Putins Fantasien, die Ukraine in die Russische Föderation einzugliedern. Atesh ist insofern auch nur eine Gruppe unter vielen, die Widerstand leistet.
Omar Ashour teilt den Widerstand grob in drei Kategorien ein: zivilen Widerstand, Partisanenaktivitäten und verdeckte Militäroperationen. Atesh liegt an der Schnittstelle zwischen Partisanenaktivitäten und verdeckten Militäroperationen. Der Erfolg der einzelnen Operationen ist unbestritten, aber ihr Beitrag zur Gesamt-Entwicklung des Ukraine-Krieges bleibt diskutabel. Im vergangenen Jahr hatten die in der Atesh-Gruppe versammelten Krim-Tataren die Luftabwehr-Stellungen rund um Wladimir Putins Sommerresidenz in Sotchi ausgekundschaftet. Mehr scheint dann dort aber auch nicht passiert zu sein.
Selenskyjs Erkenntnis: Offene militärische Operationen ohne verdeckte kaum möglich
Eine Wirkungsanalyse wird insofern zwangsläufig schwierig, so lange die russische Armee in ihren überwiegenden Teilen handlungsfähig bleibt. Aber immer wieder wird kolportiert, dass die Partisanen einzelne Mosaik-Steinchen aus Putins Apparat neutralisierten. Funktionäre, Soldaten, Ausrüstung, Infrastruktur – alles nimmt Atesh unter die Lupe und das ukrainische Militär später unter Feuer. Den Grundstein für militärische Einsätze legen aber tatsächlich oft die Schattenkrieger – auch außerhalb der Krim: Sie hätten viele Präzisionsschlägen auf hochrangige Ziele ermöglicht und große Operationen erst möglich gemacht, wie Ashour schreibt. Er denkt da beispielsweise an die erfolgreiche Gegenoffensive der Ukraine im September 2022 in der Region Charkiw.
„Diejenigen Länder, denen es gelingt, die Kunst des Partisanenkriegs vorzubereiten und in ihre nationalen Verteidigungsstrategien zu integrieren, werden in zukünftigen Konflikten am besten aufgestellt sein, um einen strategischen Vorteil zu haben“, schreibt Oleg Ryazanov. Der Oberstleutnant der russischen Spezialeinheit Speznas hat 2008 über „Die Grundlagen des Partisanenkriegs“ publiziert, woran der US-Thinktank Irregular Warfare Center (IWC) erinnert. Die Kunst des Partisanenkriegs sei nicht tot, hatten die Autoren zum Ende des zweiten Jahres des Ukraine-Krieges verdeutlicht – da hatte sich gezeigt, dass offene militärische Operationen ohne verdeckte kaum möglich zu sein scheinen.
Ukraine-Krieg lehrt: Kunst des Partisanenkriegs in zukünftigen Konflikten ein strategischer Vorteil
Widerstand sei demzufolge ein asymmetrisches Mittel, das von Unterdrückten im Kampf gegen Unterdrücker oder ausländische Militärbesatzungen eingesetzt werden kann; und das funktioniert in der Ukraine in beide Richtungen, wie das IWC bewies: Deren Autoren übersetzten das Handbuch des prorussischen zivilen Widerstand in der Ukraine als Blaupause für durch Russland bedrohte Völker, um adäquat auf asymmetrische Kriegsführung reagieren zu können – „wertvolle Einblicke in die Taktiken, Techniken und Verfahren, die Russen einsetzen könnten, um in den von der Ukraine besetzten Gebieten Widerstand zu schüren“, wie Sandor Fabian, Kevin Stringer und Andrew Liflyandchick schreiben.
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Die Bedeutung der Schattenkrieger mag aktuell für die Ukraine existenziell wichtig sein, aber nicht minder für die Länder, die künftig mit Wladimir Putins Großmannssucht konfrontiert werden: Georgien, Moldawien, Lettland und Estland könnten für ähnliche Kampagnen besonders anfällig sein, schreiben die IWC-Analysten: „Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die russische Invasion in der Ukraine die Bedeutung des Partisanenkriegs und des Gegenpartisanenkriegs als Kernaspekt des modernen IW (Irregular Warfare) unterstreicht. Die Länder, denen es gelingt, die Kunst des Partisanenkriegs vorzubereiten und in ihre nationalen Verteidigungsstrategien zu integrieren, werden in zukünftigen Konflikten am besten aufgestellt sein, um einen strategischen Vorteil zu haben.“