Energieabhängigkeit

Putin kontrolliert nuklearen Brennstoff – doch die USA haben jetzt einen Plan B

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Ein US-Atomkraftwerk an der Küste Kaliforniens (Symbolbild).
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Die Abhängigkeit des Westens von russischem Gas und Erdöl ist bekannt. Putin kontrolliert allerdings auch die Herstellung eines wichtigen Brennstoffs für Kernkraftwerke.

Washington DC – Die USA verfügen über die meisten Kernkraftwerke weltweit, doch auch in den Vereinigten Staaten ist die Kernenergie im Rückgang begriffen. Angesichts des Ukraine-Kriegs und des Klimawandels versucht Washington, seine Abhängigkeit von Energie aus Russland reduzieren. Doch es gibt ein Problem: Weltweit gibt es nur einen Hersteller für das konzentrierte Uran, das moderne Atomkraftwerke (Akws) benötigen – und das ist ausgerechnet ein russischer Staatskonzern. Nun haben die USA aber offenbar einen Plan B.

Russland: Staatskonzern hat weltweites Monopol auf die konzentrierte Uran-Anreicherung

Zu Beginn des Atomzeitalters bauten die USA ihr eigenes Uran ab. Seit den 80er-Jahren kamen in den Vereinigten Staaten aber kaum neue Atomkraftwerke hinzu – auch aufgrund von Bedenken hinsichtlich der Sicherheit und der Endlagerung von Atommüll. Das Interesse an Kernenergie erhielt jüngst wieder Auftrieb, denn in Zeiten der Klimakrise erfreut sich diese CO₂-arme Energiequelle wieder größerer Beliebtheit. Neben den USA setzt beispielsweise auch Frankreich weiterhin auf Atomkraft und kritisiert Deutschlands Abkehr von der Technologie. Nach dem Zerfall der Sowjetunion schlossen die USA in den 1990er Jahren einen Vertrag mit Russland über die Lieferung von Uran und die heimische Produktion zerfiel zusehends. Derzeit produzieren die USA nur etwa fünf Prozent ihres Eigenbedarfs.

Über die vergangenen Dekaden entwickelte sich so eine Abhängigkeit von Moskau, die Washington nun vor Probleme stellt. Heute hat der russische Staatskonzern Rosatom das Monopol auf die Herstellung konzentrierten Urans, das moderne Kernkraftwerke benötigen. US-amerikanische Unternehmen versuchen derzeit neue Reaktortypen auf den Markt zu bringen, wie Huffington Post und die Nachrichtenagentur Reuters berichteten. Offenbar zeigen sich sowohl Demokraten als auch Republikaner im Kongress bereit, diese Bemühungen zu beschleunigen. Eine wichtige Rolle spielt dabei auch eine Investmentfirma von Sam Altman, dem Chef des US-Unternehmens Open AI, das durch die Künstliche Intelligenz ChatGPT bekannt wurde.

Trotz „Henne-Ei-Problem“: USA haben Plan B zur Atomkraft

Der Haleu genannte Brennstoff ist im Englischen eine Abkürzung für „high assay low enriched uranium“ und bezeichnet Uran, das auf Werte von bis zu 20 Prozent angereichert wird. Herkömmliche Akws laufen mit etwa 5-prozentigem-Uran. Wenn das Haleu nicht zur Verfügung steht, so befürchten Entwickler, könnte das Investoren in neue Atomkraftanlagen abschrecken. Und ohne die Investition in die neuen Kernkraftwerke sei es unwahrscheinlich, dass potenzielle Hersteller des Brennstoffs kommerzielle Lieferketten aufbauen, um das russische Uran zu ersetzen, berichtete Reuters. Ein klassisches „Henne-Ei-Problem“ also.

Die neue Generation an Kernreaktoren in den USA ist kleiner, effizienter und kostengünstiger, aber weiterhin abhängig von Uran-Lieferungen aus Russland. Bisher zumindest. Am Anfang der Woche kam nun Bewegung in die Sache: Der US-Kernbrennstoffhersteller Centrus Energy gab am Montag (28. August) bekannt, das Atomkraftwerk in Kalifornien mit Haleu beliefern zu wollen, wie Huffington Post berichtete. In die neue Reaktortechnologie sind Unternehmen wie Oklo involviert, ebenso die von Bill Gates unterstützte Firma TerraPower und der US-Konzern X-energy. Sie alle wollen die neue Generation der Akws in den kommenden Jahren marktfähig machen.

Neue Akw: Private und staatliche Investitionen kurbeln Produktion des neuen Kernbrennstoffs an

Dass dieses Ziel nun in greifbarer Nähe rückt, liegt auch an größeren Investitionen aus dem privaten Sektor. Die Zusammenarbeit mit dem privaten Unternehmen Centrus sei eine „weitreichende, bahnbrechende Partnerschaft“ und ein Wendepunkt für die Kernenergie in den USA, erklärte Oklo-Chef Jacob DeWitte. Zudem sei es ein Zeichen, dass sich der private Markt für eine Technologie erwärme, in die viele Banken noch immer nicht finanzieren wollen, so der Firmenchef weiter. Vor rund einem Monat war zudem die Investmentfirma AltC Acquisition Corp des ChatGPT-Erfinders Sam Altman mit Oklo fusioniert. „Diese Partnerschaft ist ein wichtiger Schritt zur Senkung der Energiekosten durch den Aufbau einer kritischen Kraftstoffversorgungsinfrastruktur in den USA“, hatte Altman dazu in einer Mitteilung gesagt.

Auch TerraPower kündigte eine Zusammenarbeit mit Centrus zur Haleu-Produtkion an. Im Zuge des neuen Klimagesetzes investierte die US-Regierung zudem 700 Millionen US-Dollar in die heimische Produktion von Haleu. Die Gesetzesentwürfe von Demokraten und Republikanern im Senat und im Repräsentantenhaus sehen Milliardenbeträge für die Brennstoffanreicherung in den USA vor. Sobald die Nachfrage nach Haleu da sei, könnte es schnell gehen, glaubt der Vize-Chef des Centrus-Konzerns, Dan Leistikow, wie Huffington Post berichtete. Rund dreieinhalb Jahre würde es dauern, um genügend Zentrifugen für die Produktion von sechs Tonnen Haleu pro Jahr in Betrieb zu nehmen. Danach verdopple sich die Produktionskapazität alle sechs Monate, sofern die entsprechenden Investitionen fließen würden, hieß es.

Rund 40 Prozent des Uranbedarfs Europas kommt aus Russland

Die Sanktionen der westlichen Staaten zielen darauf ab, die Kriegskassen des russischen Präsidenten Wladimir Putin zu leeren. Während die Abhängigkeit von russischem Erdgas und Erdöl öffentlich diskutiert wurde, blieb die Lieferung von russischem Uran weitgehend unbeachtet. Vor dem Krieg bezog Europa rund 40 Prozent seines Uranbedarfs aus Russland und seinem engen Verbündeten Kasachstan, wie aus Daten der Europäischen Atomgemeinschaft Euratom hervorgeht.

Seitdem hat sich die Abhängigkeit kaum reduziert. Auch Deutschland bezog seit Beginn des Ukraine-Kriegs weiterhin Uran-Lieferungen aus Russland. Im September vergangenen Jahres gingen etwa angereichertes Uranhexafluorid nach Lingen im niedersächsischen Emsland. Mitte April dieses Jahres nahm Deutschland dann seine letzten drei Atomkraftwerke vom Netz. Die deutsche Abhängigkeit von Putins Hilfe endete damit aber noch nicht ganz: Der Staatskonzern Rosatom spielt beim Rückbau von Atomkraftwerken und der Lagerung radioaktiver Abfälle aus Deutschland eine Rolle.

Trotz Sanktionen kaufen die USA Uran aus Russland – zuletzt wurden die Einfuhren drastisch erhöht.

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