Abtreibungsrecht

Bundesverfassungsgericht: Kritik an Brosius-Gersdorf – liberal waren andere auch

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Brosius-Gersdorf vertritt eine offene Haltung zur Abtreibung, wie frühere Richterinnen und Richter auch. Eine Rückschau.

Wer die Verfassungsrichterkandidatin Frauke Brosius-Gersdorf als unwählbar bezeichnet, weil sie sich für die Rechtmäßigkeit von Schwangerschaftsabbrüchen in den ersten drei Monaten einsetzt, spekuliert offenbar darauf, dass niemand die bisherige Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts zum Paragrafen 218 kennt.

Urteile des Bundesverfassungsgerichts zum Abtreibungs-Paragrafen: Zweimal gab es Sondervoten

Zweimal hat das Bundesverfassungsgericht Urteile zu dem Abtreibungs-Paragrafen gefällt. Und ja, 1975 und 1993 wurde die Fristenregelung – also die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen in den ersten drei Monaten – in Karlsruhe mehrheitlich für verfassungswidrig erklärt. Aber es gab auch zweimal Sondervoten. Jedes Mal erklärten zwei von acht Richtern beziehungsweise Richterinnen, dass Schwangerschaftsabbrüche in den ersten drei Monaten nicht mit Strafe bedroht oder rechtswidrig sein müssen. Das Grundgesetz verlange das nicht.

Jedes Mal gaben die insgesamt vier Richterinnen und Richter ihre Meinung in einem Sondervotum zu Protokoll. Und man kann ihre abweichenden Meinungen nachlesen. Das erste stammt von der Verfassungsrichterin Rupp-von-Brünneck und Richter Helmut Simon aus dem Jahr 1973. Sie schrieben, die Senatsmehrheit gehe von einer verfassungsrechtlichen „Pflicht zum Strafen“ aus, auch wenn sich die als nutzlos erwiesen habe.

Das Bundesverfassungsgericht ist das höchste und größte Verfassungsgericht Deutschlands.

Es sei aber umgekehrt. Zitat: „Jedoch braucht auch nach dem freiheitlichen Charakter unserer Verfassung der Gesetzgeber eine verfassungsrechtliche Rechtfertigung dafür, dass er straft, nicht aber dafür, dass er von Strafe absieht, weil nach seiner Auffassung eine Strafdrohung keinen Erfolg verspricht oder aus anderen Gründen als unangemessene Reaktion erscheint“.

Abtreibungs-Paragraf: Auch innerhalb des Bundesverfassungsgerichts kontroverse Debatte

Schon damals wurde das Thema innerhalb des Bundesverfassungsgerichts so emotional und kontrovers diskutiert wie in der Gesellschaft. Als 1975 die abweichende Meinung der Verfassungsrichterin Rupp-von Brünneck und des Richters Helmut Simon verlesen wurde, verließ einer der Richter sogar den Saal. Aber nie wurden die beiden als Fehlbesetzung diffamiert oder gar ihre Entlassung gefordert.

Fast 20 Jahre später, beim zweiten Urteil, gaben die Verfassungsrichter Ernst-Gottfried Mahrenholz und Bertold Sommer ebenfalls ein Sondervotum ab. Dort schrieben sie, das Grundgesetz gebe nicht vor, dass Abtreibungen in der Frühphase der Schwangerschaft trotz vorangegangener Beratung rechtswidrig seien.

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke

Wörtlich: „Jede gesetzliche Regelung des Schwangerschaftsabbruchs muss deshalb nicht nur mit der Schutzpflicht für das ungeborene Leben …, sondern auch mit dem Anspruch der Frau auf Schutz und Achtung ihrer Menschenwürde, ihrem Recht auf körperliche Unversehrtheit und ihrem Persönlichkeitsrecht vereinbar sein.“ Schwangerschaft sei ein Prozess. In der Frühphase liege die Letztentscheidung nach vorangegangener Beratung bei der Frau. Der Staat erfülle seine Schutzpflicht für das ungeborene Leben hier durch die Beratungspflicht. Erst mit der weiteren Entwicklung des Embryos liege die Letztentscheidung nicht mehr bei der Schwangeren.

Bundesverfassungsgericht: Debatte um SPD-Kandidatin – liberal waren andere auch

Der Staat könne davon ausgehen, dass dem Abbruchverlangen der Frau „eine Konfliktsituation zugrunde liegt, in der sich schutzwürdige Interessen der Frau mit solcher Dringlichkeit geltend machen, dass die staatliche Rechtsordnung nicht verlangen kann, die Schwangere müsse dem Recht des Ungeborenen dennoch den Vorrang einräumen.“ Mahrenholz, der das Sondervotum zusammen mit Sommer abgab, war damals sogar Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts. Heute, 32 Jahre später, hält man eine Juristin, die Ähnliches sagt, als Verfassungsrichterin für untragbar.

Einmal gab es tatsächlich Entlassungsforderungen gegenüber einem Richter wegen seiner Äußerungen zum Abtreibungsrecht. Es traf Wolfgang Zeidler, damals Gerichtspräsident. Er war zwar nie mit einem Abtreibungsurteil befasst, aber er hatte auf einer nicht-öffentlichen Tagung offenbar geäußert, er könne die Empörung über die Fristenregelung, wonach Abbrüche in den ersten drei Monaten straflos sein sollen, nicht nachvollziehen. Es wurde kolportiert, er habe eine befruchtete Eizelle als „himbeerähnliches Gebilde“ bezeichnet. Die Entlassungsforderung kam von der Katholischen Kirche. Zeidler beendete seine zwölfjährige Amtszeit in Karlsruhe aber ganz regulär im Jahr 1987.

Rubriklistenbild: © Uli Deck/dpa

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