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Die Deutsche Bahn gewinnt viele Fahrerinnen und Fahrer für die Riedbahn-Sperrung im Ausland – und setzt alles daran, sie nicht zu verlieren.
Wenn die Deutsche Bahn jene Strecke sperrt, die sie als ihre wichtigste erklärt, ist logisch: Abhilfe zu schaffen, wird aufwendig. Das gilt vor allem für den Regionalverkehr, wo zwischen Mannheim und Frankfurt jeden Tag 16 000-mal Reisende in eine S-Bahn oder einen Regionalexpress steigen. Von Montag an kommen sie allenfalls mit Bussen weiter.
DB-Regio-Programmleiter Felix Thielmann verspricht ihnen: „Wir schaffen den größten Ersatzverkehr, den die Bahn bisher auf die Straße gebracht hat.“
Die Fakten dazu: Bis zu tausend Fahrten pro Tag, 170 speziell entwickelte und neu angeschaffte Überland- und Gelenkbusse, von denen bis zu 150 unterwegs sind. Und: 400 Frauen und Männer, die sie steuern.
Riedbahn: Mehr als die Hälfte der 400 nötigen Fahrerinnen und Fahrer aus EU-Ausland
Sie zu finden, war schwierig. Denn schon im regulären Nahverkehr fehlt Personal, das Züge oder Busse auf den Weg bringt. Deshalb blickten Thielmann und sein Team während der neunmonatigen Suche auch ins Ausland. DB Regio spannte dort Vermittlungsagenturen ein. Und polnisch sprechende Bahn-Beschäftigte verfassten Stellenanzeigen, die sie in Zeitungen des Nachbarlands veröffentlichten.
Ergebnis: Mehr als die Hälfte der 400 nötigen Fahrerinnen und Fahrer reisten aus anderen europäischen Staaten ein, darunter eine 50-köpfige Gruppe, die gemeinsam aus Polen kam.
Riedbahn: „Wollen die Fahrerinnen und Fahrer unbedingt halten“
Die Bahn weiß ihr mühevoll gewonnenes Personal zu schätzen. Obwohl offen ist, ob DB Regio den Zuschlag für die Ersatzverkehre der folgenden Sanierungen bekommt, sind die angebotenen Arbeitsverträge unbefristet. „Wir wollen die Fahrerinnen und Fahrer unbedingt halten“, sagt Thielmann. Bedarf sieht er bundesweit genug.
Damit sich die Eingereisten zurechtfinden, stehen ihnen Integrationsteams zur Seite, etwa bei Behördengängen. Die Bahn besorgt Wohnungen in der Nähe der Einsatzorte – und organisiert sogar gemeinsames EM-Schauen mit Grillparty. Das Busteam wird wertschätzend behandelt wie in anderen Firmen das Topmanagement.
Riedbahn: Konzept überzeugt auch die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi)
Dazu kommt die Vorbereitung auf den Job. Deutschkurse etwa mit Fokus auf vorhersehbare Fragen der Fahrgäste sowie deren mögliche Antworten. Und an zweimal zwei Tagen ließ die Bahn den kompletten Ersatzplan probehalber abfahren.
Umleitungen
Fernverkehr bei der Riedbahnsperre: ICE und IC auf der wichtigen Nord-Süd-Achse werden über die parallelen Strecken Mainz–Worms–Mannheim und Frankfurt–Darmstadt–Heidelberg umgeleitet. Das bringt den Zügen durchschnittlich eine zusätzliche Fahrzeit von einer halben Stunde. Ein Drittel der Fernverkehrszüge muss zwischen Frankfurt und Mannheim ausfallen. Trotzdem stehen nach Berechnungen der Deutschen Bahn dank des Einsatzes längerer Fahrzeuge drei Viertel der üblichen Sitzplatzkapazität bereit.
Der Güterverkehr macht große Bogen um die Region. Beispielsweise biegen Züge aus dem Mittelrheintal kommend bei Koblenz ab und rollen entlang der Mosel nach Trier – und weiter über Saarbrücken nach Mannheim. bay
Das Konzept überzeugt auch die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi). „Hier handelt die Bahn verantwortungsbewusst“, lobt Andreas Schackert, Bundesfachgruppenleiter Busse und Bahnen. Und wundert sich sogar ein wenig über den Erfolg: „Eigentlich ist der europäische Markt längst abgegrast.“ Fahrpersonal werde derzeit vor allem in Asien gesucht.
Ob angesichts der umfassenden Hilfe Neid beim bestehenden Personal aufkomme? „Das in den Betrieben zu handhaben, ist nicht immer einfach“, räumt Schackert ein. Er erkenne aber auch eine Tendenz, dass kommunale Verkehrsbetriebe erwögen, Wohnraum zu bauen – um auch für einheimische Beschäftigte wieder attraktiv zu werden.
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