Wegen Gaskrise

Ausweg Streckbetrieb? Debatte um Atomkraft in Deutschland spaltet weiter

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Das Atomkraftwerk Isar 2 in Niederbayern. Das AKW soll schon in wenigen Monaten vom Netz gehen – doch nun könnte ein Streckbetrieb für längere Laufzeiten sorgen. (Archivbild)
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Die Debatte um Laufzeiten bei der Atomkraft in Deutschland wegen der Gaskrise geht weiter. Grünen-Politiker halten einen Streckbetrieb nicht für abwegig.

Berlin – Bleiben die restlichen Atomkraftwerke in Deutschland länger am Netz? Seit Tagen debattiert die Politik über Atomlaufzeiten, die Energiesicherheit in Deutschland und die Gaskrise. Während klar ist, dass sich die Bundesrepublik aus der Abhängigkeit Russlands lösen will, ist das künftige Vorgehen beim Umgang mit den Atommeilern hingegen undeutlich. Fest steht aber: Deutschland nimmt Abstand vom „Atomkraft, nein danke!“ Immer mehr Politiker sprechen sich für einen Diskurs aus, der frei von ideologischen Gedanken geführt werden muss.

„Sind nicht ideologisch unterwegs“: Politik streitet über Laufzeit bei Atomkraft in Deutschland

In der Debatte um eine Laufzeitverlängerung für die Atomkraft in Deutschland hat nun auch SPD-Chefin Saskia Esken eine sachliche Herangehensweise betont. „Wir sind an der Stelle nicht ideologisch unterwegs“, sagte die Politikerin im ZDF-Morgenmagazin. Für sie sei aber auch klar, dass die Gründe für einen Atomausstieg auch trotz der gegenwärtigen Energiekrise in Deutschland weiter von Belang sind. Viele Fragen bei der Atomkraft seien laut Esken weiterhin ungeklärt. Das beinhaltet auch die Suche nach einer Lösung für die Endlagerung von Atommüll.

Wie es um einen Fortbestand der Atomkraft in Deutschland steht, konnte Esken nicht sagen und verwies vielmehr auf den geplanten Stresstest zur Sicherheit der Stromversorgung. Unter anderem vor dem Hintergrund der stockenden Energielieferung aus Russland, soll in verschiedenen Szenarien ein Notstand simuliert werden, um Erkenntnisse für den Ernstfall zu sammeln. „Das Wirtschaftsministerium als Teil der Bundesregierung hat ja schon zu Beginn des Jahres eine Abschätzung dazu vorgenommen und wird jetzt nochmals prüfen, inwieweit Streckbetriebe und ähnliches, was da vorgeschlagen wird, hilfreich sein können“, erklärte Esken.

Streckbetrieb der Atomkraft in Deutschland unter Vorbehalt möglich – Göring-Eckardt: „Wahnsinnig gefährliche Technologie“

Mit einem Streckbetrieb könnte die Atomkraft in Deutschland mit den vorhandenen Brennstäben über das geplante Abschaltdatum hinaus weiterlaufen – allerdings bei gedrosselter Leistung. Während die Grünen in der Vergangenheit eher als Partei der Atomgegner bekannt waren, scheinen sich einige Mitglieder angesichts der möglichen Energiekrise und Gaskrise in Deutschland allerdings mit einem gestreckten Betrieb der Atomkraftwerke anfreunden zu können. Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt (Grüne) sagte dazu am Sonntagabend bei Anne Will: „Wenn es dazu kommt, dass wir eine wirkliche Notsituation haben, dass Krankenhäuser nicht mehr arbeiten können, wenn eine solche Notsituation eintritt, dann müssen wir darüber reden, was mit den Brennstäben ist.“

Zwar schließt Göring-Eckart damit einen Streckbetrieb bei der Atomkraft in Deutschland nicht aus, allerdings machte sie am Sonntag auch klar, dass es eine Laufzeitverlängerung für AKWs in Deutschland nicht geben werde. Allerdings müsse ihrer Einschätzung nach das „Sonderproblem“ in Bayern gesondert berücksichtigt werden. Im Freistaat wird befürchtet, dass dort die Elektrizitätsversorgung bei einer Gasnotlage ohne Atomkraft nicht gesichert sein könnte. Trotz ihrer Gedanken zu einem möglichen Streckbetrieb warnte Göring-Eckardt vor der nuklearen Energiegewinnung: „Die Atomkraft, das muss man einfach noch mal klar sagen, ist eine wahnsinnig gefährliche Technologie in unterschiedlicher Weise.“

Atomkraft in Deutschland: Stresstest könnte über längere Laufzeit bei AKWs entscheiden

Ebenfalls am Sonntag war bekannt geworden, dass Deutschland bei der Frage nach der längeren Laufzeit der Atomkraft in Deutschland die Lage in Frankreich mit berücksichtigen will. Das sagte die parlamentarische Staatssekretärin im Bundeswirtschaftsministerium, Franziska Brantner (Grüne), der Tagesschau. „Wir werden bei dem jetzt ja stattfindenden Stresstest auch natürlich berücksichtigen, in welcher schwierigen Lage Frankreich gerade ist, weil eben dort sehr, sehr viele Atomkraftwerke nicht laufen. Das werden wir bei uns mit einbeziehen, damit wir im Zweifel auch solidarisch sein können“, erklärte die Politikerin.

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Während bundesweit die Frage nach der Atomkraft in Deutschland hitzig diskutiert wird, sagte EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen, dass sie derzeit beobachtet, dass in vielen EU-Mitgliedsstaaten davon ausgegangen wird, dass die Atomkraft eine Brückentechnologie sei und gebraucht werde. „Für mich persönlich ist die erste Priorität, dass wir in Europa so viel wie möglich in die Erneuerbaren investieren, denn das ist die Zukunft“, sagte von der Leyen der dpa.

Wegen Gaskrise in Deutschland: Politik debattiert über Verlängerung der Atomkraft

Die gegenwärtige Gaskrise in Deutschland und der drohende Gasnotstand war zuletzt der Auslöser für die Debatte über die Verlängerung der Atomlaufzeiten gewesen. Während noch am Jahresanfang viele Politiker der Ampel-Koalition um Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) ein Ende der Atomkraft befürwortet haben, scheint es zumindest jetzt nicht mehr komplett ausgeschlossen, dass die Kernkraftwerke doch noch länger am Netz bleiben.

Mit den Meilern Neckarwestheim 2, Emsland und Isar 2 befinden sich derzeit noch drei Atomkraftwerke in Deutschland im Betrieb. Ursprünglich war vorgesehen, dass die verbleibenden AKWs spätestens am 31. Dezember abgeschaltet werden sollen. Kern der jetzigen Debatte ist, dass Stimmen fordern, fehlende Gaslieferungen mit Atomkraft zu kompensieren. Die drei Meiler machen derzeit bei der Nettostromerzeugung knapp sechs Prozent aus. Mit Erdgas wurden bisher etwa zehn Prozent des Stroms erzeugt.

Kritik an Atomkraft in Deutschland: Habeck sieht keine Stromkrise – Mangel bei Gas droht

Ein großer Kritikpunkt an der Atomkraft in Deutschland: Die Stromerzeugung hat keine Nebeneffekte für die weitere Energiesicherheit. Anders als beispielsweise bei der Stromgewinnung mit Gas kann nämlich keine Wärme gewonnen werden. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) betont deshalb immer wieder, dass Deutschland derzeit kein Hauptmangel beim Strom drohe. Vielmehr stehe die Bundesrepublik vor einem Mangel an Gas und Wärme. Atomkraft in Deutschland würde deshalb keine Abhilfe schaffen.

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