Energiekrise in Deutschland

Atomkraft: Regierung nimmt wegen Gaskrise in Deutschland Abstand vom „Nein“

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Sollen Atomkraftwerke länger laufen, um Gas zu sparen? Die letzten Atomkraftwerke in Deutschland könnten vielleicht länger bleiben.
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Lange wollte die Regierung den Ausstieg aus der Atomkraft in Deutschland. Doch wegen der Gaskrise und dem möglichen Gasnotstand könnte sich das ändern.

Berlin – Eigentlich war die Atomkraft in Deutschland längst vom Tisch: Ende des Jahres sollten die verbleibenden Meiler vom Stromnetz gehen. Doch jetzt könnte wieder alles anders sein. Die Regierung will wegen der Gaskrise in Deutschland über verlängerte Atomlaufzeiten nachdenken. Der Weiterbetrieb der Atommeiler wird für die Stromversorgung in Deutschland erneut zum Dauerthema. „Atomkraft, nein danke!“ war einmal. Die Furcht vor einer Notlage könnte die Debatte neu anstoßen.

Stresstest wegen Gaskrise in Deutschland: Regierung will über längere Laufzeiten von AKWs entscheiden

Der 31. Dezember 2022 sollte das Ende der Atomenergie in Deutschland darstellen. Isar 2 in Bayern, das AKW Emsland in Niedersachsen und Neckarwestheim 2 in Baden-Württemberg sind die letzten Zeitzeugen einer nuklearen Energiepolitik und sollten als letzte Meiler vom Stromnetz genommen werden. Doch laufen die drei verbliebenen Atomkraftwerke in Deutschland wegen des drohenden Gasnotstands nun weiter? Das deutliche Nein der Bundesregierung zum Thema ist inzwischen aufgeweicht, inzwischen soll ein neuer Stresstest zur Sicherheit der Stromversorgung in Deutschland Grundlage für weitere Überlegung bezüglich der Atomkraft in Deutschland werden.

„Aber dennoch, wir rechnen jetzt noch mal und entscheiden dann auf der Basis von klaren Fakten“, wird am Montag, dem 18. Juli, eine Sprecherin von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) zitiert. Das Wirtschaftsministerium hatte am Sonntag einen zweiten Stresstest durch die Übertragungsnetzbetreiber zur Sicherheit der Stromversorgung angekündigt. Mit Ergebnissen sei „in den nächsten Wochen“ zu rechnen. Noch vor wenigen Monaten hieß es, dass die Versorgungssicherheit gewährleistet sei. Doch durch den Ukraine-Krieg und die angespannte Situation bei den Gaslieferungen hat sich die Lage mutmaßlich geändert.

Atomkraft in Deutschland: Gaskrise und drohender Gasnotstand führen zu Stresstest

Der zweite Stresstest soll mit verschärften Szenarien den Ernstfall simulieren, die die Versorgungssicherheit in Deutschland bedrohen könnten. Dazu gehören laut Ministerium etwa noch höhere Preisannahmen als im ersten Stresstest, ein noch gravierenderer Ausfall von Gaslieferungen und ein stärkerer Ausfall von französischen Atomkraftwerken. Zudem soll die größere Abhängigkeit Bayern von der nuklearen Stromversorgung gesondert geprüft werden. Derweil explodieren die Strompreise.

Wegen der Gaskrise in Deutschland und dem drohenden Gasnotstand läuft seit Monaten. Bisher war die Position der Regierung, dass die deutsche Stromgewinnung bis Ende des Jahres frei von Atomkraft sei. Robert Habeck, der angesichts der Energiekrise in einem Energie-Dilemma steckt, und Umweltministerin Steffi Lemke (Grüne)  hatten von einem Weiterbetrieb abgeraten. Doch besonders schnell könnten die drei verbleibenden Meiler nicht einen großen Anteil an der Stromgewinnung leisten: Frühestens ab Herbst 2023 und nach erneuter Befüllung mit neu hergestellten Brennstäben könnte die Produktion gesteigert werden. Die drei Atomkraftwerke stellen rund 5 Prozent der deutschen Stromproduktion dar.

Debatte spaltet Regierung: Atomkraft in Deutschland wird zum Zankapfel der Ampel

Die Debatte um die Stromversorgung mit Atomkraft in Deutschland spaltet derzeit die Koalition. Parteimitglieder der FDP stehen einer verlängerten Atomlaufzeit am ehesten positiv gegenüber. Kritik kommt hingegen von den Grünen. Auch die SPD hält bislang dagegen und spricht von einer „Scheindebatte“. FDP-Fraktionschef Christian Dürr lehnte indes einen „Kuhhandel“ zur Einführung eines Tempolimits ab. Die Verlängerung der AKW-Laufzeiten könne einen nennenswerten Beitrag leisten, um eine drohende Gaslücke zu schließen, das Tempolimit nicht, so der Politiker.

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Welche Bedeutung eine Verlängerung der Atomlaufzeiten in Deutschland haben könnte, ist indes ebenfalls nicht vollumfänglich geklärt. Zwar könnte die Atomkraft in Deutschland zur Stromgewinnung genutzt werden, Gegner der Debatte verweisen aber darauf, dass Atomkraftwerke zusätzlich keine Wärmeenergie liefern könnten. Sie seien also kein wirklicher Ersatz für ausbleibende Gaslieferungen. Anfang Juni hatte Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) mit seinem Vorstoß, „ideologiefrei“ über Atomkraft zu diskutieren, noch verblüfft.

Atomkraft in Deutschland: Können Atomkraftwerke länger betrieben werden?

Neben den rechtlichen Fragen, ist vielen Menschen in Deutschland unklar, ob die Atomkraftwerke in Deutschland überhaupt länger betrieben werden könnten. Kernphysiker Clemens Walther vom Institut für Radioökologie und Strahlenschutz an der Leibniz Universität Hannover sagte dazu der Tagesschau: „Die Brennstoffelemente, die für einen Weiterbetrieb nötig wären, wären bis Sommer 2023 verfügbar. Bis dahin wäre ein Streckbetrieb möglich, und die Kraftwerke könnten mit rund 80 Prozent der Leistung weiter betrieben werden.“ Auch Nuklearexperte Thomas Walter Tromm vom Karlsruher Institut für Technologie hält eine Verlängerung über mehrere Monate für möglich.

FDP-Politiker Dürr sieht derweil klare Vorteile bei der Atomkraft in Deutschland: „Wenn wir die Kernkraftwerke länger am Netz lassen, sparen wir Gas – denn wir verhindern, dass knappe Gasressourcen zur Stromerzeugung eingesetzt werden“, sagte er. Anders als beim Tempolimit sieht er daher klare Vorteile, um den Energiemarkt in Deutschland mit Hinblick auf den kommenden Winter zu entlasten.

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