Gaskrise in Deutschland

Bäder machen dicht: Gasnotstand fordert vor den Sommerferien seinen Tribut

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Ein Wellenbrecher liegt in einem Schwimmbad auf dem spiegelglatten Wasser des Beckens.
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Der Gasnotstand schränkt das Leben im Deutschland ein. Während Freibäder kühler werden, müssen Hallenbäder vorübergehend schließen, um Energie zu sparen.

Berlin/Nürnberg – Der Sommer steht vor der Tür und einige Bundesländer sind bereits in die Sommerferien gestartet. Wer in diesem Jahr nicht wegfährt und hierzulande schöne Tage erleben will, könnte in den kommenden Tagen vor einer großen Enttäuschung stehen. Denn der Ukraine-Krieg und seine Folgen treffen Deutschland immer härter. Spätestens seit Mitte Juni verschärft sich die Gaskrise in der Bundesrepublik zunehmend. Während Vizekanzler und Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) zuletzt die Alarmstufe des Notfallplans Gas und die Deutschen zum Energiesparen aufrief, kommt es jetzt noch dicker: Bundesweit müssen Hallenbäder schließen, weil sie die Energiekosten nicht mehr bezahlen können.

Gasnotstand in Deutschland: Erste Schwimmbäder müssen wegen Energiekrise schließen

Mit der Drosselung der Gaslieferungen über die Pipeline Nord Stream 1 nimmt Russlands Präsident Wladimir Putin derzeit Deutschland fest in den Griff. Auch wenn viele Verbraucher derzeit noch nicht die Auswirkungen des möglichen Gasnotstands auf ihren Abrechnungen sehen, könnte spätestens im kommenden Jahr das böse Erwachen drohen. Jetzt hat die Reduzierung der Gaslieferungen auf 40 Prozent noch unangenehmere Folgen, denn viele kommunale Betreiber von Schwimmbädern können die Energiepreise nicht mehr begleichen und müssen schließen – zumindest vorübergehend. Die EU plant wegen der Energiekrise auf verlängerte Laufzeiten bei Atomkraft zu setzen.

Wie der Business Insider berichtet, sind aber nicht nur Schwimmbäder betroffen. Wegen der steigenden Energiepreise sehen auch knapp 600 Wellnesshotels ihr Geschäftsmodell bedroht. Das Ausmaß der Energiekrise zeigte sich am Freitag in Nürnberg. Laut Deutscher Presse-Agentur macht die Stadt drei von vier ihrer Hallenbäder in den Sommermonaten vorübergehend dicht. Im Gegenzug soll die Saison in den Freibädern verlängert werden. Begründet wurde das Vorgehen mit notwendigen Sparmaßnahmen. „Wir müssen uns auf mögliche Einschränkungen der Gasversorgung rechtzeitig vorbereiten“, sagte Nürnbergs Oberbürgermeister Marcus König (CSU). Derweil wird über eine Gasförderung in der Nordsee debattiert.

Schwimmbäder schließen wegen Gaskrise: Nürnberg will Energie sparen

Insgesamt sollen die Hallenbäder für 72 Tage geschlossen werden. Dadurch erhofft sich die Stadt Wärmeenergie für 383 Haushalte oder rund 1500 Menschen in der Stadt sowie Strom für 789 Haushalte oder 3100 Menschen. Auch die Freibäder der Stadt liefen derzeit ohne zusätzliche Beckenbeheizung. „Die Lage ist ernst und ich habe mich in Absprache mit den Kolleginnen und Kollegen der Stadtspitze dazu entschieden, diesen Schritt zu gehen“, sagte Bürgermeister Christian Vogel (SPD).

Die gegenwärtige Situation in Nürnberg hat auch Auswirkung auf den Vereinssport und die Schwimmkurse. Seepferdchen-Kurse sollen allerdings weiter stattfinden. Um angesichts des Krieges in der Ukraine Gas zu sparen, greift die Stadt Twistringen auf andere Maßnahmen zurück und senkt die Wassertemperatur im Schwimmpark. Die Stadt hat die Gasheizung des Freibades abgestellt, um vor dem Hintergrund des Krieges Gas für den Winter zu sparen. Sie möchte zudem ein Zeichen der Solidarität mit der Ukraine setzen, ließ der Bürgermeister mitteilen.

Gasnotstand in Deutschland: Bundesnetzagentur sichert „geschützten Kunden“ Gaslieferung zu

Bereits als Habeck im vergangenen Monat vor einem Gasnotstand in Deutschland gewarnt hat, war schnell klar, dass es im Ernstfall zur Abschaltung einzelner Einrichtungen kommen könnte. Klaus Müller, Präsident der Bundesnetzagentur, kündigte damals schon die mögliche Schließung von Schwimmbädern an und sicherte der Bevölkerung im Gegenzug eine warme Wohnung für den Fall eines akuten Gasmangels zu. Denn private Haushalte zählen zu den „geschützten Kunden“, die auch im Fall eines russischen Lieferstopps weiter mit Gas versorgt werden, ebenso wie Feuerwehr, Polizei, Krankenhäuser, Schulen, Kitas, Gefängnisse oder die Bundeswehr.

Im Bundestag wurde am Donnerstag, dem 7. Juli, ein umfangreiches Gesetzespaket für einen schnellen Ausbau des Ökostroms in Deutschland beschlossen – mit dieser Maßnahme soll der Ausbau von Wind- und Sonnenenergie vorangetrieben und so die Energiekrise in Deutschland abgefedert werden.

Gaskrise bedroht Wirtschaft: Scholz kündigt schnellen Ausbau von LNG-Terminals an

Während die Schwimmbäder auf den drohenden Gasnotstand reagieren, steht die Politik vor einer weitaus größeren Herausforderung: Am Montag wird die Gaspipeline Nord Stream 1 wegen der Wartungsarbeiten vollständig abgeschaltet. Befürchtet wird, dass Russland die Leitung dauerhaft kappt. Inmitten der Gaskrise hat Deutschlands Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) der deutschen Wirtschaft „größtes Tempo“ bei der kurzfristigen Sicherung der Gaslieferungen und dem Aufbau einer CO2-neutralen Energieversorgung zugesichert. „Unsere ehrgeizigen Ziele können nur mit größtem Tempo erreicht werden“, sagte der SPD-Politiker.

Unter anderem soll der Ausbau von LNG-Terminals in Norddeutschland verstärkt vorangetrieben werden. Vorausgegangen war eine gemeinsame Erklärung von Industrieverband BDI, Arbeitgeber, Industrie- und Handelskammertag (DIHK) und Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH). Sie forderten eine stabile Gasversorgung. BDI-Präsident Siegried Russwurm hält einen Stopp der russischen Gaslieferungen für nicht ausgeschlossen. „Die Entscheidung liegt bei einem Mann im Kreml“, sagte Russwurm vor dem Treffen mit Scholz. „Man muss sich vorbereiten aufs Schlimmste, aufs Beste hoffen und die Krise nicht herbeireden.“

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