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Baltenstaaten rüsten sich für „Tag X“ – und erinnern an Nato-Gesetz: „Wir sind ready to win“

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Sabotage und Drohnen sind Alltag in Litauen. Die Baltenstaaten rüsten sich gegen Putin – und senden ein deutliches Signal auch an Deutschland.

Vilnius – Nur der rote Turm steht noch. Hoch oben auf dem Hügel über Litauens Hauptstadt Vilnius wacht er über die Altstadt auf der einen und die Neustadt auf der anderen Seite der Neris, einem Nebenfluss der Memel, die weit bis nach Belarus reicht. Bauzäune und Stahlseile sichern die seit Jahren gefährlich instabilen Hänge darunter. Im Mittelalter, als Litauen Großmacht war, thronte dort eine mächtige Burg, als Schutz vor Angriffen des Deutschen Ordens. Heute ist der Turm Wahrzeichen der Stadt – und als stilisiertes Bild ziert er das Verbandsabzeichen der deutschen Panzerbrigade 45.

Generalleutnant Andrus Merilo, Generalmajor Kaspars Pudāns und Raimundas Vaikšnoras (v.l.) bei der „Defending Baltics“-Konferenz in Vilnius.

Die ist seit Mai dauerhaft in Litauen stationiert – und soll helfen, die Nato-Ostflanke zu sichern. Der baltische Staat hat direkte Grenzen zur russischen Exklave Kaliningrad auf der einen und zum Putin-Verbündeten Belarus auf der anderen Seite. Und die Bedrohung durch Russland wird seit Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine immer greifbarer. Überall in der Stadt sieht man die gelb-blauen Flaggen an Wohnhäusern, auch vor dem Verteidigungsministerium ist die Flagge ständig gehisst. Eine Solidaritätsbekundung, die das Signal senden soll: Wir wissen, dass die Ukrainer auch für uns kämpfen. Das spürte man Anfang der Woche auch bei der internationalen Konferenz „Defending Baltics“ im Palast der Großherzöge am Fuß des Burghügels. Hunderte Offiziere, Militärexperten und Vertreter von Rüstungskonzernen sowie Start-ups waren angereist, viele aus Nord- und Osteuropa, aus der Ukraine, aber auch aus den USA.

Die Botschaft: Putins Krieg gegen die Nato-Staaten ist längst im Gange. Fast täglich gibt es in Litauen Sabotageakte und Drohnensichtungen. Vor wenigen Wochen erst war eine Gerbera-Drohne, die die russische Armee unter anderem als Kamikaze-Flugobjekt nutzt, auf einem Militärgebiet abgestürzt. Und seit Wochen stören regelmäßig Wetterballons aus Belarus den Flugverkehr am Flughafen der Hauptstadt. „Diese ständigen Attacken sind keine Einzelfälle. Sie sind Teil eines konzertierten Angriffs auf unsere Freiheit, der unsere Resilienz schwächen soll“, sagte Litauens stellvertretender Verteidigungsminister Tomas Godliauskas. Nur Stunden später explodierte eine Sprengladung an einer Eisenbahnstrecke in Polen, die in die Ukraine führt. Die polnische Regierung geht von einem russischen Sabotageakt aus.

Nato-Verteidigung gegen Putin: „Müssen der Ukraine dankbar sein“

Resilienz – eines der beiden großen Themen auf der Konferenz. Es gehe um Gesamtverteidigung, so Godliauskas. „Militär und zivile Einrichtungen müssen mit einer einheitlichen Strategie zusammenarbeiten, nur so können wir der Bedrohung standhalten.“ Das zweite große Thema: der Tag X. Eine Formulierung, die immer wieder fiel, und den Tag meint, an dem Putin angreifen könnte. Experten zufolge dürfte Russlands Armee 2029 wieder in der Lage sein, einen Nato-Staat angreifen zu können. Von Spekulationen auf bestimmte Daten hält man in den baltischen Staaten indes nicht viel. „Gib ihnen eine Deadline, und sie werden vorher angreifen“, sagte etwa Sandis Šrāders, Direktor für Verteidigungstechnologie an der Technischen Universität im lettischen Riga.

„Das Wichtigste, was wir von der Ukraine lernen, ist, die Zeit, die uns bleibt, zu nutzen“, sagte General Raimundas Vaikšnoras, Oberbefehlshaber der litauischen Streitkräfte. „Wir müssen die Verteidigungslinien aller baltischen Länder verknüpfen und verstärken.“ Man dürfe sich nicht zurücklehnen und darauf verlassen, dass die Nato das Land verteidige. „Alle sprechen ständig von Artikel 5 der Nato. Aber es gibt auch noch Artikel 3, der kaum zur Sprache kommt“, so der Offizier. Artikel 5 meint den sogenannten „Bündnisfall“, der die Nato-Länder verpflichtet, einem verbündeten Staat im Angriffsfall beizustehen. Artikel 3 wiederum verpflichtet alle Staaten, ihre eigene Widerstandskraft zu stärken und Verbündete dabei zu unterstützen. „Die europäischen Länder müssen sich selbst verteidigen können.“

Die Solidarität ist groß: Die ukrainische Flagge neben Litauens Flagge am Verteidigungsministerium in Vilnius.

Vor allem weiter im Westen des Kontinents sei das aber noch nicht recht angekommen, glaubt Analyst Sandis Šrāders. „Wir sollten der Ukraine dankbar sein, dass sie jeden Tag standhält“, so Šrāders. „Wenn die Ukraine fällt, sind wir die nächsten, und danach irgendwann Deutschland.“ Er sei oft irritiert, dass „manche Deutsche“ die Bedrohung als nicht allzu akut wahrnähmen. „Die Russen wollen die Sowjetunion wiederherstellen. Das heißt: Ostdeutschland wäre verloren. Welchen Teil des Satzes verstehen die Deutschen nicht?“

Andrus Merilo, Generalleutnant und Befehlshaber der estnischen Streitkräfte, plädiert derweil dafür, nicht in Panik zu verfallen. „Ja, es wird eine Eskalation geben. Wir wissen nicht, wann und wo, aber es wird passieren“, sagte er. Der Krieg in der Ukraine werde nicht plötzlich enden, Putin werde mögliche Friedensintervalle nur nutzen, um erneut aufzurüsten. „Aber der größte Fehler ist, immer nur Angst vor Putin zu haben. Russland ist nicht unbesiegbar. Unser Signal lautet: Wir sind ready to win“, so Merilo.

„Defending Baltics“

Die internationale Konferenz fand 2025 zum zweiten Mal statt.

Organisiert wird sie von „Locked N’ Loaded“, einem zivilgesellschaftlichen Zentrum für Verteidigungs- und Sicherheitsanalysen, der „Civic Resilience Initiative“, dem litauischen Verteidigungsministerium, der Europäischen Kommission sowie der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung.

Wer mit Litauern ins Gespräch kommt, nimmt derweil immer wieder Sorgen darüber wahr, dass die aktuelle Regierung Litauens zu sehr mit innerkoalitionären Konflikten beschäftigt ist und nicht mit der nötigen Ernsthaftigkeit gegen die Bedrohung durch Russland vorgeht. Die Dreier-Koalition unter der Führung der Sozialdemokraten (LSDP) ist vor allem wegen der rechtspopulistischen Partei „Morgenröte von Nemunas“ umstritten. Und erst im Juli war Ministerpräsident Gintautas Paluckas (LSDP) nach Korruptionsvorwürfen von seinem Amt zurückgetreten, was die Regierung in eine Krise stürzte. (pen) (Quellen: Eigene Recherchen vor Ort, Gespräche mit Militärvertretern und Experten)

Rubriklistenbild: © Peter Sieben, Alexander Zemlianichenko/dpa (Montage)

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