Zeichen der Entspannung

„Entscheidend für die Zukunft des Planeten“: China und der Westen gehen wieder aufeinander zu

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Xi Jinping und Joe Biden trafen sich zuletzt im November auf Bali.
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Es sind nur kleine Schritte, aber immerhin: Sie sprechen wieder miteinander. Das eisige Schweigen, das zwischen China und den USA nach der Ballon-Affäre herrschte, ist gebrochen.

München – Noch ist es wohl zu früh, von einem Tauwetter zwischen China und den USA zu sprechen. Aber es kommt Bewegung in die Beziehungen, die Chinas Außenminister Qin Gang einmal als „entscheidend für die Zukunft des Planeten“ bezeichnet hat. Und auch in Richtung Deutschland hat Peking unlängst eine kleine Charmeoffensive gestartet, inklusive eines wenig beachteten Treffens von Minister Qin mit Bundeskanzler Olaf Scholz in Berlin. Trippelschritte vielleicht, aber immerhin. Denn auf dem Spiel steht einiges – von der wirtschaftlichen Entwicklung auf beiden Seiten bis hin zum Frieden in der Taiwanstraße.

Vor ein paar Monaten noch sah es so aus, als seien die Fronten zwischen Washington und Peking derart verhärtet, dass auch mit viel gutem Willen nicht mehr viel zu retten ist. Schon unter Donald Trump, der einen Handelskrieg gegen China vom Zaun gebrochen hatte, begann die Geschichte der Entfremdung zwischen beiden Ländern. Vorläufiger Höhepunkt war der Taiwan-Besuch der damaligen Vorsitzenden des US-Repräsentantenhauses Nancy Pelosi im vergangenen August. Peking, das Taiwan als abtrünnige Provinz betrachtet, kündigte daraufhin mehrere Gesprächskanäle mit Washington auf und schickte sein Militär zu mehrtägigen Übungen in die Region.

China und Taiwan: Darum geht es in dem Konflikt

Taiwans F-16-Kampfjet (links) überwacht einen der beiden chinesischen H-6-Bomber, die den Bashi-Kanal südlich von Taiwan und die Miyako-Straße in der Nähe der japanischen Insel Okinawa überflogen.
Seit Jahrzehnten schon schwelt der Taiwan-Konflikt. Noch bleibt es bei Provokationen der Volksrepublik China; eines Tages aber könnte Peking Ernst machen und in Taiwan einmarschieren. Denn die chinesische Regierung hält die demokratisch regierte Insel für eine „abtrünnige Provinz“ und droht mit einer gewaltsamen „Wiedervereinigung“. Die Hintergründe des Konflikts reichen zurück bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. © Taiwan Ministry of Defence/AFP
Chinas letzter Kaiser Puyi
Im Jahr 1911 zerbricht das viele Jahrtausende alte chinesische Kaiserreich. Der letzte Kaiser Puyi (Bild) wird abgesetzt, die Xinhai-Revolution verändert China für immer. Doch der Weg in die Moderne ist steinig. Die Jahre nach der Republikgründung waren von Wirren und internen Konflikten geprägt.  © Imago
Porträt von Sun Yatsen auf dem Tiananmen-Platz in Peking
Im Jahr 1912 gründet Sun Yat-sen (Bild) die Republik China. Es folgen Jahre des Konflikts. 1921 gründeten Aktivisten in Shanghai die Kommunistische Partei, die zum erbitterten Gegner der Nationalisten (Guomindang) Suns wird. Unter seinem Nachfolger Chiang Kai-shek kommt es zum Bürgerkrieg mit den Kommunisten. Erst der Einmarsch Japans in China ab 1937 setzt den Kämpfen ein vorübergehendes Ende. © Imago
Mao Zedong ruft die Volksrepublik China aus
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der Kapitulation Japans flammt der Bürgerkrieg wieder auf. Aus diesem gehen 1949 die Kommunisten als Sieger hervor. Mao Zedong ruft am 1. Oktober in Peking die Volksrepublik China aus (Bild).  © Imago Images
Chiang Kai-shek
Verlierer des Bürgerkriegs sind die Nationalisten um General Chiang Kai-shek (Bild). Sie fliehen 1949 auf die Insel Taiwan. Diese war von 1895 bis 1945 japanische Kolonie und nach der Niederlage der Japaner an China zurückgegeben worden. Auf Taiwan lebt seitdem die 1912 gegründete Republik China weiter. Viele Jahre lang träumt Chiang davon, das kommunistisch regierte Festland zurückzuerobern – während er zu Hause in Taiwan mit eiserner Hand als Diktator regiert. © Imago
Richard Nixon und Zhou Enlai 1972
Nach 1949 gibt es zwei Chinas: die 1949 gegründete Volksrepublik China und die Republik China auf Taiwan, die 1912 gegründet wurde. Über Jahre gilt die taiwanische Regierung als legitime Vertreterin Chinas. Doch in den 70er-Jahren wenden sich immer mehr Staaten von Taiwan ab und erkennen die kommunistische Volksrepublik offiziell an. 1972 verliert Taiwan auch seinen Sitz in den Vereinten Nationen, und Peking übernimmt. Auch die USA brechen mit Taiwan und erkennen 1979 – sieben Jahre nach Richard Nixons legendärem Peking-Besuch (Bild) – die Regierung in Peking an. Gleichzeitig verpflichten sie sich, Taiwan mit Waffenlieferungen zu unterstützen. © Imago/UIG
Chiang Ching-Kuo in Taipeh
Im Jahr 1975 stirbt Taiwans Dikator Chiang Kai-shek. Neuer Präsident wird drei Jahre später dessen Sohn Chiang Ching-kuo (Bild). Dieser öffnet Taiwan zur Welt und beginnt mit demokratischen Reformen. © imago stock&people
Chip made in Taiwan
Ab den 80er-Jahren erlebt Taiwan ein Wirtschaftswunder: „Made in Taiwan“ wird weltweit zum Inbegriff für günstige Waren aus Fernost. Im Laufe der Jahre wandelt sich das Land vom Produzenten billiger Produkte wie Plastikspielzeug zur Hightech-Nation. Heute hat in Taiwan einer der wichtigsten Halbleiter-Hersteller der Welt - das Unternehmen TSMC ist Weltmarktführer. © Torsten Becker/Imago
Tsai Ing-wen
Taiwan gilt heute als eines der gesellschaftlich liberalsten und demokratischsten Länder der Welt. In Demokratie-Ranglisten landet die Insel mit ihren knapp 24 Millionen Einwohnern immer wieder auf den vordersten Plätzen. Als bislang einziges Land in Asien führte Taiwan 2019 sogar die Ehe für alle ein. Regiert wurde das Land von 2016 bis 2024 von Präsidentin Tsai Ing-wen (Bild) von der Demokratischen Fortschrittspartei. Ihr folgte im Mai 2024 ihr Parteifreund Lai Ching-te. © Sam Yeh/AFP
Xi Jinping
Obwohl Taiwan nie Teil der Volksrepublik China war, will Staats- und Parteichef Xi Jinping (Bild) die Insel gewaltsam eingliedern. Seit Jahrzehnten droht die kommunistische Führung mit der Anwendung von Gewalt. Die meisten Staaten der Welt – auch Deutschland und die USA – sehen Taiwan zwar als einen Teil von China an – betonen aber, dass eine „Wiedervereinigung“ nur friedlich vonstattengehen dürfe. Danach sieht es derzeit allerdings nicht aus. Die kommunistiche Diktatur Chinas ist für die meisten Taiwaner nicht attraktiv. © Dale de la Rey/AFP
Militärübung in Kaohsiung
Ob und wann China Ernst macht und in Taiwan einmarschiert, ist völlig offen. Es gibt Analysten, die mit einer Invasion bereits in den nächsten Jahren rechnen – etwa 2027, wenn sich die Gründung der Volksbefreiungsarmee zum 100. Mal jährt. Auch das Jahr 2049 – dann wird die Volksrepublik China 100 Jahre alt – wird genannt. Entscheidend dürfte sein, wie sicher sich China ist, einen Krieg auch zu gewinnen. Zahlenmäßig ist Pekings Armee der Volksrepublik den taiwanischen Streitkräften überlegen. Die Taiwaner sind dennoch gut vorbereitet. Jedes Jahr finden große Militärübungen statt; die Bevölkerung trainiert den Ernstfall, und die USA liefern Hightech-Waffen.  © Sam Yeh/AFP
Xi Jinping auf einem chinesischen Kriegsschiff
Analysten halten es für ebenso möglich, dass China zunächst nicht zu einer Invasion Taiwans blasen wird, sondern mit gezielten Nadelstichen versuchen könnte, den Kampfgeist der Taiwaner zu schwächen. So könnte Xi Jinping (Bild) eine Seeblockade anordnen, um die Insel Taiwan vom Rest der Welt abzuschneiden. Auch ein massiver Cyberangriff wird für möglich gehalten.  © Li Gang/Xinhua/Imago
Protest in Taiwan
Auch wenn die Volksrepublik weiterhin auf eine friedliche „Wiedervereinigung“ mit Taiwan setzt: Danach sieht es derzeit nicht aus. Denn die meisten Taiwaner fühlen sich längst nicht mehr als Chinesen, sondern eben als Taiwaner. Für sie ist es eine Horrorvorstellung, Teil der kommunistischen Volksrepublik zu werden und ihre demokratischen Traditionen und Freiheiten opfern zu müssen. Vor allem das chinesische Vorgehen gegen die Demokratiebewegung in Hongkong hat ihnen gezeigt, was passiert, wenn die Kommunistische Partei den Menschen ihre Freiheiten nimmt. © Ritchie B. Tongo/EPA/dpa

Hochrangige Gespräche zwischen China und den USA in Wien

Nach einem Treffen zwischen US-Präsident Joe Biden und Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping am Rande des G20-Gipfels auf Bali im November schien dann das Ärgste überstanden – bis zwei Monate später ein mutmaßlicher Spionageballon aus China am Himmel der USA auftauchte und Außenminister Antony Blinken seinen geplanten Peking-Besuch kurzerhand absagte. Wann die Reise nachgeholt wird, ist derzeit offen.

Seit dieser Woche aber spricht man immerhin wieder miteinander. Am Montag traf in Peking US-Botschafter Nicholas Burns mit dem chinesischen Außenminister Qin Gang zusammen. Die Beziehungen zwischen beiden Ländern seien „nicht nur für China und die USA, sondern auch für die Welt von großer Bedeutung“, erklärte Qin, der bis März Botschafter in Washington gewesen war. Um „unerwünschte Vorfälle“ zu vermeiden, müssten die Beziehungen „stabilisiert“ werden.

Noch hochrangiger war zwei Tage später eine Begegnung in Wien, bei der Chinas oberster Außenpolitiker Wang Yi auf Jake Sullivan traf, den Nationalen Sicherheitsberater von US-Präsident Joe Biden. Peking sprach nach den zweitägigen Beratungen von „offenen, ausführlichen, substantiellen und konstruktiven Gesprächen“, die das Ziel hätten, den „Niedergang“ der Beziehungen zu „stoppen“. Die US-Seite erklärte, man sei bereit, die Affäre um den Spionage-Ballon hinter sich zu lassen.

USA müssen „ihre Wahrnehmung Chinas korrigieren und zur Rationalität zurückkehren“

Schon bald wird zudem der US-Sondergesandte für den Klimawandel, John Kerry, in Peking erwartet. Sein chinesisches Gegenüber habe ihn eingeladen, sagte der Politiker der Nachrichtenagentur Reuters. „Die beiden größten Volkswirtschaften, die am meisten zu diesem Problem beitragen, müssen zusammenkommen und versuchen, eine Lösung zu finden“, so Kerry mit Blick auf die Erderwärmung. Nach dem Besuch der damaligen Vorsitzenden des US-Repräsentantenhauses Nancy Pelosi in Taiwan hatte Peking den Klimadialog mit Washington vorübergehend ausgesetzt.

Alles eitel Sonnenschein also? Mitnichten. Bei seinem Treffen mit Botschafter Burns machte Chinas Außenminister klar, dass er gar nicht daran denke, Washington in strittigen Fragen entgegenzukommen. Vielmehr seien es die USA, die sich bewegen müssten. Die Vereinigten Staaten sollten „ihre Wahrnehmung Chinas korrigieren und zur Rationalität zurückkehren“, forderte Qin. Schon im März hatte Staatschef Xi den Amerikanern vorgeworfen, „eine umfassende Eindämmung und Unterdrückung Chinas“ zu betreiben. Pekings Vorwurf: Durch Exportbeschränkungen, etwa für hoch entwickelte Mikrochips und Maschinen zu deren Herstellung, wollten die USA den Aufstieg der Volksrepublik zur Weltmacht aufhalten.

Auch die Taiwan-Frage sorgt weiterhin für Zwist. Peking beharrt auf seinem „Ein-China-Prinzip“, die USA bestehen hingegen darauf, Taipeh weiterhin Waffen zur Verteidigung zu liefern. Beide Supermächte definieren die Ein-China-Politik unterschiedlich. Zudem fordert Washington, dass der Konflikt friedlich und in Einvernehmen mit der taiwanischen Bevölkerung gelöst werden müsse. China wiederum will die Anwendung von Gewalt nicht ausschließen.

Beim Treffen in Berlin findet Baerbock klare Worte in Richtung China

In Peking weiß man, dass sich der amerikanische Blick auf China so bald nicht verändern wird. Denn wenn es etwas gibt, bei dem sich Demokraten und Republikaner einig sind, dann ist es ihre harte China-Politik. Wohl auch deshalb reiste Außenminister Qin unmittelbar nach seiner Unterredung mit Botschafter Burns weiter nach Europa. Peking will die Europäer, die es bisweilen als bloßes Anhängsel der Amerikaner betrachtet, offenbar noch nicht ganz verloren geben.

Qin Gangs Treffen mit der deutschen Außenministerin Annalena Baerbock am Dienstag – das dritte in diesem Jahr – dürfte allerdings wenig Bewegung ins Verhältnis zwischen Berlin und Peking gebracht haben. Baerbock gab sich gewohnt angriffslustig und warf China indirekt vor, sich im Ukraine-Krieg auf die Seite des russischen Aggressors gestellt zu haben. Qin Gang wiederum hatte für die Grünen-Politikerin vor allem Floskeln im Gepäck – und stellte China reichlich großspurig als „Wahrer des Weltfriedens“ hin. Immerhin, beim anschließenden Treffen mit Olaf Scholz, über das inhaltlich so gut wie nichts bekannt wurde, dürfte es harmonischer zugegangen sein. Zudem überbrachte Qin dem unlängst von Peking ausgeladenen FDP-Finanzminister Christian Lindner eine herzliche Einladung nach China.

Ob das reicht, um in Berlin gut Wetter zu machen? Man darf es bezweifeln. Zwar arbeitet die Bundesregierung noch immer an ihrer China-Strategie, die irgendwann in den nächsten Monaten vorgelegt wird. Die Marschrichtung aber ist schon jetzt klar: China sei Partner, Wettbewerber und systemischer Rivale – wobei aber Rivalität und Wettbewerb seitens Chinas ohne jeden Zweifel zugenommen hätten. Gesagt hat das am vergangenen Dienstag übrigens nicht Annalena Baerbock – sondern, bei einer Grundsatzrede in Straßburg: Olaf Scholz.

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