„Kabinett blamiert sich“

Merz-Regierung einig bei Wirtschafts-Hilfen: Es hagelt sofort massive Kritik – „schlechter Scherz“

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Union und SPD haben sich beim Koalitionsausschuss auf wichtige Hilfen für die Wirtschaft geeinigt. Doch Klimaschützer und Opposition sparen nicht mit Kritik.

Update, 22:12 Uhr: Der Grünen-Chef Felix Banaszak hat die Entscheidungen der Koalition am Donnerstag als mutlos bezeichnet. „Zu glauben, die Wirtschaftskrise mit dem Rasieren der Luftverkehrsabgabe und einem Deutschlandfonds zu beenden, ist schon stark vermessen“, sagte Banaszak. „Wir können nur hoffen, dass die Regierung ein bisschen mehr an der Ambitionsschraube dreht. Mich wundert, dass dem Kanzler diese Mutlosigkeit nicht peinlich ist.“

Versuchen das Ruder in der Wirtschaftspolitik herumzureißen: Union und SPD tagen am Donnerstag wieder im Koalitionsausschuss.

Die Bundesregierung will einen Deutschlandfonds auflegen für mehr private Investitionen. Zudem wurde beschlossen, die Ticketsteuer im Luftverkehr zu senken. Der niedrigere Industriestrompreis soll zum 1. Januar 2026 eingeführt und staatlich subventioniert werden, und zwar bis 2028. Nach Angaben von Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) wird er aus dem Klima- und Transformationsfonds finanziert werden, einem Sondertopf des Bundes. Banaszak kritisierte das: „Ein Industriestrompreis ist richtig. Aber mit Klimaschutz hat der nichts zu tun.“

Kritik nach Koalitionsausschuss an Merz – „ist wohl ein schlechter Scherz“

Update, 21.40 Uhr: Die Koalition von Friedrich Merz feiert die Neuerungen, auf die man sich im Koalitionsausschuss einigen konnte: Industriestrompreis und „Kraftwerkstrategie“ und die Senkung der Ticket-Steuer im Luftverkehr. Doch dafür hagelt es sofort massiv Kritik.

Klimaschützer reagieren empört: „Das ist wohl ein schlechter Scherz“, sagte der deutsche Greenpeace-Chef Martin Kaiser der Deutschen Presse-Agentur und nahm Bezug auf die laufende Weltklimakonferenz in Brasilien. „Während die Staatengemeinschaft auf der COP30 in Belém um die Reduktion von CO2-Emissionen ringt, verteilt die Bundesregierung Steuer- und Preisgeschenke an die fossilen Industrien.“ Damit sende das Kabinett Merz ein fatales Signal, schwäche Deutschlands Glaubwürdigkeit und heize die Erderhitzung weiter an. „Das Kabinett Merz blamiert sich erneut auf offener Bühne.“

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke

Auch die Fridays-for-Future-Aktivistin Luisa Neubauer teilte aus: „Mal wieder beweist der Kanzler sein feines Gespür für explosive Rückwärtspolitik. Den Preis dafür zahlen wir alle, direkt und im übertragenden Sinne“, sagte sie der dpa und bezeichnete die Pläne als ein „als Konsumgeschenk getarntes Steuergeschenk an die Flugindustrie“. „Nichts anderes ist diese Entscheidung, die wenige Monate nach der erneuerten Verteuerung des 49-Euro-Tickets erneut den fossilen Kurs der Regierung verstärkt.“

Wegen der eingeschränkten Stromsteuer-Senkung nur für die Industrie äußerte dagegen die Opposition deutliche Kritik. „Für Otto Normalverbraucher haben Sie nichts übrig“, warf Linken-Finanzpolitiker Christian Görke der schwarz-roten Koalition vor. Der energiepolitische Sprecher der Grünen-Fraktion, Michael Kellner, kritisierte, zu den Profiteuren gehörten nur ein Bruchteil der 3,5 Millionen Unternehmen in Deutschland und keine einzige Familie. Rainer Groß von der AfD warb sogar dafür, die Stromsteuer komplett abzuschaffen.

Koalition beschließt Industriestrompreis und senkt Ticketsteuer im Luftverkehr

Update, 19:41 Uhr: Die Koalition aus SPD und CDU/CSU hat einen Industriestrompreis bis 2028 beschlossen. Das berichtet die Nachrichtenagentur AFP. Bundeskanzler Friedrich Merz hatte die Entscheidung bereits beim Handelskongress in Berlin zuvor angekündigt. Wie Kanzler Friedrich Merz (CDU) am Donnerstagabend sagte, soll ein vergünstigter Preis von etwa fünf Cent pro Kilowattstunde für die Jahre 2026 bis 2028 gelten. Einig wurde die Koalition demnach auch bei der Kraftwerksstrategie zum Bau von Gaskraftwerken und beim Deutschlandfonds zur Förderung von Mittelstand und wachstumsfähigen Start-ups.

Außerdem will die schwarz-rote-Koalition zum 1. Juli 2026 die Ticketsteuer im Luftverkehr senken. Das teilte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) nach dem Koalitionsausschuss mit. Er sprach von einer Größenordnung von etwa 350 Millionen Euro zugunsten der Luftverkehrsindustrie in Deutschland. Wenn es damit Steuerausfälle geben sollte, würden diese in Verkehrsetat verbucht. 

Erstmeldung: München – Die schwarz-rote Koalition unter Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat für den heutigen Donnerstagabend einen Koalitionsausschuss anberaumt, um Maßnahmen zur Stärkung der deutschen Wirtschaft zu diskutieren. Angesichts der anhaltend schwachen Konjunktur wollen Union und SPD ein deutliches Signal zur Unterstützung der Wirtschaft senden.

Ein zentrales Thema des Treffens wird voraussichtlich die Einführung eines Industriestrompreises sein. Unionsfraktionschef Jens Spahn (CDU) erklärte im Vorlauf dem Tagesspiegel: „Ich rechne mit Entscheidungen zu einem Industriestrompreis und zu Gaskraftwerken für bezahlbare Energie“. Diese Maßnahmen zielen darauf ab, insbesondere energieintensive Industrien und den Mittelstand zu entlasten. „Die Strompreise müssen runter“, betonte Spahn weiter.

Koalitionsausschuss von Union und SPD: Söder macht bei Rückzug vom Verbrenner-Aus Druck

SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf bestätigte gegenüber RTL/ntv die Priorität dieser Themen und fügte hinzu: „Wenn wir das heute Abend noch mal gut ergänzen – um Industriestrompreis, Kraftwerksstrategie, aber auch um das Thema Deutschlandfonds – dann sind wir auf einem sehr guten Weg“. Der Deutschlandfonds, der mit mindestens zehn Milliarden Euro staatlicher Gelder ausgestattet werden soll, zielt darauf ab, den Mittelstand und wachstumsfähige Start-ups zu fördern.

Neben den wirtschaftspolitischen Maßnahmen stehen auch kontroverse Themen auf der Agenda. CSU-Chef Markus Söder forderte ein Einlenken der SPD im Streit um die Zulassung neuer Verbrenner-Autos ab 2035. „Wir brauchen endlich Klarheit beim Auto, das Verbrenner-Aus muss gekippt werden“, sagte Söder der Augsburger Allgemeinen. Er verwies darauf, dass sich auch Ministerpräsidenten von SPD und Grünen für eine Überarbeitung der EU-Regelung ausgesprochen hätten. „Deshalb sollte sich jetzt auch die SPD-Spitze bewegen und nichts mehr verzögern oder blockieren.“

Auch die Rentenreform bleibt weiterhin ein Streitpunkt. Während jüngere Unionsabgeordnete das von Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) vorgelegte Gesetz zur Stabilisierung des Rentenniveaus bis 2031 kritisch sehen, lehnt SPD-Generalsekretär Klüssendorf Nachverhandlungen ab. Eine sofortige Entscheidung in dieser Frage wird jedoch nicht erwartet.

„Herbst der Reformen“ abgesagt? Merz-Regierung strebt weiter Wirtschaftswende an

Seit ihrem Amtsantritt Anfang Mai 2025 hat die Koalition bereits verschiedene Wirtschaftshilfen beschlossen. Dazu gehören ein Investitionsbooster, der Unternehmen erweiterte Abschreibungsmöglichkeiten bietet, sowie geplante Erhöhungen der Pendlerpauschale und Steuersenkungen in der Gastronomie. Trotz dieser Maßnahmen bleibt die wirtschaftliche Stimmung gedämpft.

Peter Leibinger, Präsident des Bundesverbandes der deutschen Industrie (BDI), äußerte sich im Deutschlandfunk skeptisch über die Aussichten auf rasche Strukturreformen. Er sieht im Parlament keine Mehrheit für solche tiefgreifenden Veränderungen und erwartet, dass der angekündigte „Herbst der Reformen“ ausbleiben wird.

Der Koalitionsausschuss beginnt am Donnerstagnachmittag gegen 17.00 Uhr im Bundestag. Eine Pressekonferenz mit Bundeskanzler Merz, CSU-Chef Söder sowie den SPD-Vorsitzenden Lars Klingbeil und Bärbel Bas ist für etwa 19.00 Uhr geplant. Die Ergebnisse des Treffens werden mit Spannung erwartet, da sie richtungsweisend für die weitere Wirtschaftspolitik der Regierung sein könnten. (Quellen: AFP, Tagesspiegel, ntv, Augsburger Allgemeine, Deutschlandfunk) (fdu)

Rubriklistenbild: © Kay Nietfeld/dpa

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