Blutige Eskalation in Syrien: Gewalt zwischen Drusen und Beduinen – Israel greift ein
VonFelix Busjaeger
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Die Gewalt in Syrien zwischen Drusen und Beduinen eskaliert weiter. Israel will eigenen Angaben nach die Minderheit schützen. Nun gibt es einen neuen Angriff.
Damaskus – Trotz einer angekündigten Waffenruhe ist Syrien erneut Schauplatz eskalierender Gewalt – insbesondere in der strategisch sensiblen Provinz Suwaida. Bei Kämpfen und durch „Hinrichtungen“ seien seit Dienstag rund 100 Menschen getötet worden. Damit seien seit Sonntag insgesamt mehr als 200 Menschen ums Leben gekommen, teilte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit.
Unter den Toten in Syrien seien den Informationen nach etwa 90 Angehörige der Truppen und anderer Sicherheitskräfte der Regierung in Damaskus und etwa 20 sunnitische Beduinen. Zudem seien rund 70 Anwohner der mehrheitlich von Drusen bewohnten Provinz getötet worden. Israels Armee hat derweil eigenen Angaben nach den Eingang zum Militärhauptquartier der syrischen Führung im Raum Damaskus angegriffen. Das israelische Militär setzte den Angriff in Zusammenhang mit den Ereignissen in Südsyrien: Man beobachte das Vorgehen der Führung des Nachbarlandes gegen drusische Zivilisten in der Region, hieß es.
Gewalt in Syrien zwischen Drusen und Beduinen: Lage in Suwaida eskaliert
Am Dienstag, dem 15. Juli, war die syrische Armee in eine Hochburg der Drusen im Süden des Landes eingedrungen. Die Truppen würden Zivilisten beschützen und Sicherheit wiederherstellen, teilte Ahmed al-Dalati, Kommandeur für innere Sicherheit in der Provinz, mit. Dies habe die Angst vor Angriffen auf Minderheiten neu entfacht und erneute israelische Angriffe auf die von Damaskus entsandten Streitkräfte ausgelöst.
Wer sind die Drusen in Syrien?
Die Drusen sind eine arabische Gruppierung, die etwa eine Million Angehörige hat. Sie leben hauptsächlich in Syrien, dem Libanon und Israel. In der Provinz Suwaida geriet die Gemeinschaft während des Bürgerkriegs zwischen die Fronten des ehemaligen Assad-Regimes und extremistischen Gruppen.
Drusen in Suwaida: Gewalt in Syrien gegen Minderheit
Israel wolle verhindern, dass Syriens Regierung der drusischen Minderheit Leid zufüge, hieß es in einer gemeinsamen Stellungnahme von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und Verteidigungsminister Israel Katz als Reaktion auf die jüngste Gewalt in Syrien. Zudem wolle das Land eine Entmilitarisierung des grenznahen Gebiets sicherstellen. Die syrischen Regierungstruppen und ihre Waffen stellten eine Gefahr für Israel dar. Die Armee sei nach Damaskus’ „Angriff auf die Drusen in Syrien“ angewiesen worden, syrische Soldaten und Waffen in der Gegend ins Visier zu nehmen, hieß es am Dienstag weiter.
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„Das syrische Regime muss die Drusen in Suwaida in Ruhe lassen und seine Truppen abziehen“, teilte der israelische Verteidigungsminister Israel Katz mit. Sein Land werde die Drusen „nicht im Stich lassen“. Israels Militär werde seine Angriffe auf die syrischen Truppen noch verstärken, „wenn die Botschaft nicht ankommt“.
Opferzahlen in Syrien steigen: Berichte über „Schnell-Hinrichtungen“
Unabhängige Verifikationen der Opferzahlen stehen aus. Die Angaben der in London ansässigen Beobachtungsstelle gelten jedoch als weithin zuverlässig, auch wenn ihre Quellenlage nicht transparent ist. Wie weiter berichtet wird, kommt es auch zu „Schnell-Hinrichtungen“ durch die Regierungstruppen und die mit ihnen verbündeten Kämpfer.
Die Truppen hätten in mehreren Dörfern der Provinz Eigentum zerstört, gestohlen und Feuer gelegt. Aus Angst vor Beschuss und Diebstahl hätten die meisten Ladenbesitzer ihre Geschäfte geschlossen. Weil Straßen gesperrt seien, gebe es ernsthafte Sorgen über eine Knappheit an Lebensmitteln und auch Medikamenten.
Gewalt an Drusen in Syrien: Neue Eskalation im Nahen Osten
Die Gewalt in Syrien fing wohl mit einem Raubüberfall auf der Straße nach Damaskus an, bei dem ein junger Druse das Opfer war. Als Reaktion auf den Überfall haben Verwandte anscheinend am Freitag acht Beduinen entführt. Die Entführung führte binnen Stunden zu einer Kettenreaktion militanter Gewaltakte – eine neue Eskalationsspirale nahm ihren Lauf. „Seit Dezember hat Damaskus keine Kontrolle über Suwaida. Die Regierung hat versucht, die Situation friedlich durch Verhandlungen zu lösen. Es wurden Vereinbarungen getroffen, die jedoch von Teilen der drusischen Führung torpediert wurden“, sagte Ömer Özkizilcik, Syrienexperte bei der Denkfabrik Atlantic Council, laut dem Spiegel.
„Jetzt sehen wir, wie Damaskus die staatliche Kontrolle mit Gewalt wiederherstellt. Die Auswirkungen von 14 Jahren Bürgerkrieg lassen sich nicht über Nacht beseitigen. Das braucht Zeit.“ Dass Israel nun in Syrien Unterstützung für die Drusen leistet, ist nicht unumstritten. Viele syrische Drusen lehnen israelische Hilfe jedoch ab, da sie eine Einmischung als potenziell gefährlich betrachten. Laut Syrienexperte Charles Lister gieße Israel mit seinem Handeln weiter Öl ins Feuer, wie der Spiegel schreibt.
Israel verteidigt Drusen in Syrien – Einsatz nicht unumstritten
Dennoch: Israel ist gegenüber extremistischen Gruppen an seinen Grenzen misstrauisch und verfolgt trotz der Bemühungen der Trump-Regierung, die syrisch-israelische Versöhnung zu fördern und die Normalisierung im Nahen Osten voranzutreiben, einen konfrontativen Kurs gegenüber potenziellen Widersachern. Inwieweit sich die Lage der Drusen in Syrien weiter verschärfen könnte, bleibt abzuwarten. Vor dem Hintergrund der jüngsten Eskalation hatte der drusische Geistliche Hikmat Al-Hijri am Dienstag „alle Länder“ um internationalen Schutz gebeten, um der „barbarischen Kampagne“ der Regierung und ihrer Verbündeten entgegenzutreten. „Wir stehen vor einem umfassenden Vernichtungskrieg“, sagte Al-Hijri in einer Videobotschaft.
Die Wortwahl deutet auf die existenzielle Bedrohung hin, die Teile der drusischen Gemeinschaft empfinden – eine Eskalationsrhetorik, die die internationale Dimension des Konflikts unterstreicht. Andere drusische Führer begrüßten laut CNN hingegen in einer Erklärung die Intervention der syrischen Regierung in Suwaida und forderten den Staat auf, seine Autorität zu wahren. Sie forderten außerdem die bewaffneten Gruppen in der Stadt auf, ihre Waffen an die Regierungstruppen zu übergeben und einen Dialog mit Damaskus aufzunehmen. (fbu)
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