Tunnelsystem im Gazastreifen: Ein „Albtraum“ im Untergrund für Israels Armee
VonChristoph Gschoßmann
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Wenn Israel Bodentruppen nach Gaza schickt, braucht die Armee einen Plan für das Tunnel-Netzwerk der Hamas. Eine Invasion wird wohl extrem diffizil.
Tel Aviv - Die israelische Bodenoffensive in den Gazastreifen könnte im Krieg in Israel nahen. Das selbsterklärte Ziel Israels ist es, die Hamas „auszulöschen“. Eine der militärisch schwierigsten Aspekte der möglichen Mission ist das Tunnelsystem unterhalb von Gaza. Die Thematik hat zuletzt unter anderem das US-amerikanische Institute for the Study of War beleuchtet. Das Institut bezeichnete die Tunnelsysteme als „Albtraum“ für Israels Truppen.
Neben dem unterirdischen Anlagennetz Nordkoreas betreibt die Hamas das wohl größte Tunnelnetz der Welt. John Spencer, Leiter des Fachgebietes „Urban Warfare Studies“ am Modern War Institute der United States Military Academy in West Point, erklärte, die Herausforderung in Gaza mit unterirdischen Tunneln sei „einzigartig“. Der ehemalige Offizier der US-Armee fügte hinzu, das riesige und wachsende Tunnelnetz sei ein Problem, für das es „keine perfekte Lösung gibt“.
Israels mögliche Gaza-Operation: 1300 Tunnel auf 500 Kilometern - bis zu 70 Meter unter der Erde
Schätzungen zufolge umfasst das Tunnelnetz 1300 Tunnel mit einer Gesamtlänge von etwa 500 Kilometern, wobei einige der Tunnel bis zu 70 Meter unter der Erde liegen. Berichten zufolge sind die meisten dieser Tunnel lediglich zwei Meter hoch und zwei Meter breit. Experten glauben, dass die Tunnel neben Hamas-Gefangenen auch Lagerorte für Waffen, Lebensmittel, Wasser und Treibstoff beherbergen. Forscher, die angeblich zuvor das Tunnelnetzwerk der Hamas untersucht haben, gehen davon aus, dass sich einige der Anführer der Organisation in diesen Tunneln aufhalten.
Spencer erklärte, die Tunnel werden es den „Kämpfern ermöglichen, sich sicher und frei zwischen verschiedenen Kampfgebieten zu bewegen“. Israel hingegen sei sich der Schwierigkeiten einer möglichen Invasion der Tunnel-Systeme bewusst. Die Armee bezeichnet diese demnach oft als „Metro“. Die Zerstörung der Tunnel war eines der Ziele früherer Bodenkampagnen in Gaza in den Jahren 2008 und 2014. Auch wenn damals etwa 100 Kilometer an Tunneln zerstört worden sein sollen, verbleibt ein ausgedehntes Netzwerk.
Tunnel im Gazastreifen ursprünglich für Schmuggel eingerichtet
Mike Martin, ein Kriegspsychologe am King‘s College London, sagte der Jerusalem Post: „Kurz gesagt, diese Tunnel gleichen sich dadurch aus, dass sie Israels Vorteile in Bezug auf Feuerkraft, Taktik, Technologie und Organisation neutralisieren und das Risiko, nicht in der Lage zu sein, zwischen militärischen und zivilen Zielen zu unterscheiden, zunichtemachen.“
Er sprach von „dreidimensionaler Kriegsführung“: „Es wird Elemente geben, die sich über den ‚lebenden Türmen‘ bewegen, und Elemente, die unter der Erde agieren. Wenn ein Gebäude zerstört wird, wird es zu einem Trümmerhaufen, der dann sehr zerstörerisch wird. Stadtkrieg ist eines der schwierigsten Gebiete, mit denen sich eine Armee auseinandersetzen kann.“
Die Tunnel im Gazastreifen waren ursprünglich dazu gedacht, Waren in die Küstenenklave und nach Ägypten zu schmuggeln und aus ihnen heraus zu schmuggeln. Doch im Laufe der Zeit begann die Hamas aufgrund der zunehmenden israelischen Luftüberwachung durch Drohnen und andere elektronische Spionageausrüstung, das Tunnelnetz auszubauen.
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Laut Experten könnte Israel sogenannte „Bunker-Buster-Bomben“ einsetzen, die dazu bestimmt sind, in den Untergrund einzudringen. Dies könne jedoch zu vielen zivilen Opfern führen. Doch auch für den Bodeneinsatz scheint Israel bereit: Seit 2014 hat die Armee des Landes spezielle Kampfeinheiten für diese Tunnel vorbereitet, an simulierten Tunneln trainiert und gelernt, mithilfe spezifischer Sensoren das Geschehen in den Tunneln zu verstehen, sowie spezielle Elemente für den Kampf in ihnen mithilfe von Robotern und Hunden. Spencer bemerkte, dass er noch nie von einer Armee gehört habe, die so gut in der Tunnelkriegsführung ausgebildet sei wie das israelische Militär.
Die Autorin des Buches „Underground War“, Daphne Richmond-Barak eine Expertin im Feld der Gaza-Tunnel, erklärte der Financial Times, Israel müsse „eine langfristige und umfangreiche Luft- und Bodenoperation durchführen, um diese unterirdische Infrastruktur zu zerstören“. Experte Martin warnte zudem vor der Lücke im Spionagenetzwerk Israels, die auch jetzt noch nicht geschlossen sein könnte - und im Falle eines Angriffs ähnlich dramatische Konsequenzen für Israel haben könnte wie am 7. Oktober. (cgsc)