Verhärtete Fronten

Boris Palmer kritisiert Proteste vor CDU-Parteizentralen - „wem soll das bitte nützen?“

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Im ganzen Land regt sich massiver Widerstand gegen die Pläne von CDU und AfD. Dass vor allem die Union den Unmut zu spüren bekommt, sieht Boris Palmer nicht als zielführend.

Tübingen - Nachdem Friedrich Merz (CDU) mit Stimmen der AfD erfolgreich den umstrittenen Migrationsantrag im Bundestag durchgebracht und bei der Abstimmung für ein Gesetz erneut die Stimmen der Partei in Kauf genommen hatte, regt sich im gesamten Land massiver Protest – auch wenn die Abstimmung am 31. Januar gescheitert war. In Berlin, Hamburg, aber auch in Stuttgart oder Mannheim gingen tausende Menschen auf die Straße, um gegen die Zusammenarbeit von rechts mit Rechtsaußen zu demonstrieren. Ziele waren dabei vor allem die CDU-Parteizentrale in Berlin sowie die Landesbüros.

Boris Palmer: Der polarisierende Oberbürgermeister der Stadt Tübingen

Blick auf Geradstetten, ein Ortsteil der Gemeinde Remshalden im Rems-Murr-Kreis, Baden-Württemberg.
Boris Palmer wurde 1972 in Waiblingen geboren und wuchs in Geradstetten im Remstal auf. © IMAGO/Panthermedia
Helmut Palmer demonstriert am 21.08.2000 lautstark in Asperg bei Ludwigsburg in Häftlingskleidung und mit einem Judenstern versehen gegen die gegen ihn verhängte dreimonatige Freiheitsstrafe wegen angeblicher Beamtenbeleidigung.
Der Vater von Boris Palmer, Helmut Palmer (1930-2004), war als „Remstall-Rebell“ bekannt. (Archivfoto) © Norbert Försterling/dpa
Boris Palmer im Jahr 2004 auf dem Balkon seiner Wohnung in Tübingen.
Nach dem Abitur (mit Note 1,0) studierte Boris Palmer in Tübingen Mathematik und Geschichte auf Lehramt. © IMAGO/Horst Rudel
Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen, spricht, bei der Bundesdelegiertenkonferenz von Bündnis 90/Die Grünen in der Neuen Messe Freiburg.
1996 wurde er Mitglied der Partei Bündnis 90/Die Grünen und 2001 erstmals in den Landtag gewählt. © Uli Deck/dpa
Joschka Fischer (GER Bündnis 90 Die Grünen Bundesaußenminister) und Boris Palmer (GER Bündnis 90 Die Grünen MdL Spitzenkandidat für das Amt des Oberbürgermeisters von Stuttgart) anlässlich einer Wahlkampfveranstaltung in Stuttgart.
Im Jahr 2004 trat Boris Palmer als Kandidat der Grünen bei der Oberbürgermeisterwahl in Stuttgart an. © IMAGO/Horst Rudel
Boris Palmer, Spitzenkandidat der Grünen für das Amt des Oberbürgermeisters von Stuttgart, legt den Rollrasen anlässlich einer Wahlkampfveranstaltung am Marktplatz in Stuttgart aus.
Im ersten Wahlgang landete Palmer hinter Wolfgang Schuster (CDU) und Ute Kumpf (SPD) auf dem dritten Platz.  © IMAGO/Horst Rudel
Boris Palmer telefoniert kurz vor einer Wahlkampfveranstaltung am Marktplatz in Stuttgart.
Da der Abstand zur Zweitplatzierten Ute Kempf zu groß war, zog Boris Palmer seine Kandidatur für einen zweiten Wahlgang zurück. © IMAGO/Horst Rudel
Brigitte Russ-Scherer (SPD) und Boris Palmer (Grüne) stellen sich in der Hermann-Hepper-Turnhalle Tübingen als Bewerberin und Bewerber für die Oberbürgermeisterwahl der Öffentlichkeit vor.
Im Jahr 2006 trat Boris Palmer (links) gegen Amtsinhaberin Brigitte Russ-Scherer (rechts) bei der OB-Wahl in Tübingen an.  © Norbert Försterling/dpa
Boris Palmer, der Gewinner der Wahl zum Tübinger Oberbürgermeister, gibt am Sonntag (22.10.2006) im Rathaus von Tübingen der Verliererin, der Amtsinhaberin Brigitte Russ-Scherer (SPD) die Hand.
Er konnte sich bereits im ersten Wahlgang durchsetzen und wurde zum Oberbürgermeister von Tübingen gewählt. © Bernd Weißbrod/dpa
Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer zeigt am Mittwoch (07.02.2007) auf dem Marktplatz in Tübingen auf seinen neuen Dienstwagen, einen Toyota Prius.
Für Kritik sorgte der frisch gewählte Tübinger OB, weil er sich im Heimatland von Mercedes und Porsche für einen ausländischen Hybridwagen entschied. © Marijan Murat/dpa
Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (Bündnis 90/Die Grünen, l) steht am 24.10.2012 mit seinem Elektrorad in Tübingen (Baden-Württemberg) neben seinem Kontrahenten im Auto, Florian Nuxoll.
2012 gewann Boris Palmer mit seinem Elektrofahrrad ein Wettrennen gegen ein Auto. © Jan-Philipp Strobel/dpa
Bürger gratulieren Boris Palmer (M, Grüne) am 19.10.2014 in Tübingen (Baden-Württemberg) zum erneuten Gewinn der Oberbürgermeisterwahl.
Bei der Wahl 2014 wurde Boris Palmer mit einer deutlichen Mehrheit im ersten Wahlgang wiedergewählt. © Thomas Niedermüller/dpa
Der grüne Oberbürgermeister von Tübingen, Boris Palmer, spricht am Samstag (20.11.2010) in Freiburg bei der Bundesdelegiertenkonferenz von Bündnis90/Die Grünen.
Im Jahr 2021 beantragte der Landesvorstand der Grünen in Baden-Württemberg ein Parteiausschlussverfahren gegen Boris Palmer. © Rolf Haid/dpa
Boris Palmer, Oberbürgermeister der Stadt Tübingen, gibt in seinem Arbeitszimmer ein Interview.
Nach einem Kompromiss ließ Palmer seine Mitgliedschaft bei den Grünen bis Ende 2023 ruhen. © Sebastian Gollnow/dpa
Boris Palmer, der alte und neue Oberbürgermeister von Tübingen, kommt nach seiner Wiederwahl auf den Marktplatz und empfängt Glückwünsche.
Auch 2022 konnte sich Boris Palmer bei der OB-Wahl erneut durchsetzen, allerdings als parteiloser Kandidat. © Bernd Weißbrod/dpa
Boris Palmer bei einer Sportlerehrung in Tübingen.
Im Jahr 2023 trat Boris Palmer nach einem Eklat bei einer Konferenz aus der Partei Bündnis 90/Die Grünen aus. © IMAGO/ULMER
Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen, sitzt am 04.08.2016 auf einem Sofa im Rathaus von Tübingen
Die deutlichen Wahlgewinne zeigen, dass Boris Palmer in Tübingen durchaus beliebt und für seine Stadt sehr erfolgreich ist. © Christoph Schmidt/dpa
Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen, trägt eine FFP2-Maske bei einem Pressetermin der Stadt Tübingen zur Übergabe von Corona-Schnelltests.
Bundesweite Aufmerksamkeit erlangte das „Tübinger Modell“ während der Corona-Pandemie. © Marijan Murat/dpa
Lisa Federle, Notärztin, und Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen, nehmen an einem Pressetermin der Stadt Tübingen zur Übergabe von Corona-Schnelltests teil.
Dieses Modell hatte Boris Palmer zusammen mit der Tübinger Notärztin Lisa Federle (links) entwickelt. © Marijan Murat/dpa
Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer nimmt an der Gemeinderatssitzung im Rathaus teil.
Allerdings steht Palmer immer wieder in der Kritik und gilt deshalb als polarisierender Politiker. © Tom Weller/dpa
Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer nimmt an der Gemeinderatssitzung im Rathaus teil.
Unter anderem wurden ihm mehrfach rassistische Äußerungen vorgeworfen, auch von seiner früheren Partei.  © Tom Weller/dpa
Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen, spricht im Landratsamt bei einer Pressekonerenz.
Durch seine konfrontative Art gilt Boris Palmer als einer der streitbarsten Bürgermeister Deutschlands.  © Bernd Weißbrod/dpa
Boris Palmer im Oktober 2024 bei der Eröffnung der bundesweit ersten beheizbaren Fahrradbrücke in Tübingen.
Die Kontroversen um ihn, aber auch seine politischen Leistungen machen Palmer zu einem der bekanntesten Oberbürgermeister Deutschlands. © IMAGO/Markus Ulmer
Talkrunde Markus Lanz im ZDF mit Boris Palmer (Bildmitte).
Er ist regelmäßig Gast in großen Talkformaten, wie hier bei Markus Lanz. © IMAGO/teutopress GmbH
Boris Palmer im Oktober 2024 bei Markus Lanz im ZDF.
Dort äußert sich Boris Palmer auch regelmäßig zur Politik auf Bundesebene. © IMAGO/teutopress GmbH

Boris Palmer, der nach dem erfolgreichen Antrag bereits einen Sieger im Kanzlerrennen gesehen hatte, nach der Merkel-Kritik an Merz aber zurückgerudert war, kritisiert in einem aktuellen Beitrag auf seiner Facebook-Seite, dass die Demonstrationen gegen die CDU aktuell nicht zielführend seien. Stattdessen sollten die demokratischen Parteien „vor der eigenen Tür kehren“, da nur durch eine Kooperation eine Mehrheit ohne Stimmen der AfD möglich sei. Boris Palmer hatte bereits bei den Protesten gegen die AfD im vergangenen Jahr erklärt, warum die Partei dadurch keine Stimmen verliert.

Boris Palmer sieht AfD als Nutznießer der Proteste gegen die CDU

Die Proteste gegen die AfD und den CDU-Kurs trieben allein in Berlin 160.000 Menschen auf die Straße, wie die Polizei mitteilte. Boris Palmer kritisiert in seinem Post auch nicht den Protest selbst, sondern den derzeitigen Fokus der Demonstrationen auf Büros der Union. Demonstriert werde an den CDU-Parteizentralen, nicht an denen der AfD, schreibt der Oberbürgermeister von Tübingen (Baden-Württemberg). „Wem soll das bitte nützen?“, fragt Palmer und beantwortet die Frage gleich selbst. „Okay, Alice im Wunderland, aber wer sonst hat davon etwas?“

Der ehemalige Grünen-Politiker sieht demnach die AfD, in Person von Parteichefin Alice Weidel, im Vorteil, wenn sich die Proteste auf die CDU und Friedrich Merz verlagern. Das lässt sich durchaus nicht verneinen, da die SPD und die Grünen Merz vorgeworfen haben, „das Tor zur Hölle“ aufgestoßen zu haben und die Kluft zwischen den demokratischen Parteien im Land immer tiefer wird. „Bei aller sprachlichen Übertreibung steckt dahinter eine Überzeugung, die ja auch Angela Merkel und Michel Friedman teilen“, schreibt Palmer.

Boris Palmer sieht Problem darin, dass demokratische Parteien nicht aufeinander zugehen

Diese Überzeugung sei eben, dass es niemals mehr zu einer Zusammenarbeit mit „Parteien, die Faschisten und Nazis, gesichert Rechtsextreme und Verfassungsfeinde in ihren Reihen haben“ kommen dürfe. Wenn nur die Stimmen der AfD einem Antrag oder Gesetz zur Mehrheit reichen, müssten die anderen Parteien so lange miteinander verhandeln, bis sie eine Mehrheit ohne die Stimmen der Partei erreicht haben. „Das ist ehrenwert“, so Palmer. „Dagegen ist nichts einzuwenden.“ In dem Post wird allerdings auch deutlich, dass er beide Seiten grundsätzlich verstehen kann.

Boris Palmer sieht die Proteste gegen die CDU nicht als zielführend und rät stattdessen zum Zusammenhalt der demokratischen Parteien.

Die einen, also die Union und die FDP, würden gerade nach Vorfällen wie Aschaffenburg, mehr Ordnung und Sicherheit im Land und seien nicht mehr bereit, diesbezüglich Kompromisse einzugehen. Die andere Seite, also die SPD und die Grünen, würden dagegen „keinen Zipfel Macht“ an eine Partei abgeben wollen, die einen Zweifel an ihrer Verfassungstreue nicht ausräumen will oder kann. „Fatal verheddert haben sich beide Seite, weil sie nicht bereit waren, auf die anderen zuzugehen“, schreibt Palmer. Aktuell heißt es bereits, Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) könne im Wahlkampf aus dem Merz-Dilemma Profit schlagen.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Carsten Thesing & Silas Stein/dpa

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