„Entlastungskabinett“ geplant

Bürokratie-Brandbrief an Minister-Kollegen – bekommt Merz seinen eigenen Musk?

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Karsten Wildberger erhöht den Druck auf die Regierung. Der Digitalminister stellt ein knallhartes Anti-Bürokratie-Ultimatum.

Berlin – Mit einem Paukenschlag meldet sich Deutschlands erster Digitalminister Karsten Wildberger (CDU, 55) nach der Sommerpause zurück. In einem Brandbrief an seine Kabinettskollegen fordert er konkrete Pläne zum Bürokratieabbau – und zwar bis Mitte September. Das Ziel: ein spürbarer Abbau von Kosten und Vorschriften, die Bürger und Unternehmen lähmen.

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke

Wildberger fordert von jedem Ressort konkrete Vorhaben, die Verwaltung zu entschlacken und Hürden abzubauen. Schon bei der Kabinettsklausur Ende September sollen die Vorschläge diskutiert werden, im Oktober will die Regierung erste Maßnahmen beschließen.

Bürokratie-Brandbrief an Minister-Kollegen: Ein Musk für Merz?

Nach BILD-Informationen plant Wildberger dafür ein eigenes „Entlastungskabinett“, bei dem sämtliche Ressorts ihre Strukturen auf den Prüfstand stellen müssen. Auf der Regierungsklausur Ende September soll die Staatsmodernisierung zum Schwerpunkt werden.

In Berlin wird bereits, wenn auch eher humorvoll, spekuliert: Entwickelt sich Wildberger zum Pendant von Musk im Kabinett von Friedrich Merz? Der Vergleich kommt nicht von ungefähr – denn sein Ministerium könnte in gewisser Weise nach dem Vorbild der US-Behörde „DOGE“ handeln, die einst von Tesla-Chef Elon Musk übernommen wurde und für radikalen Bürokratieabbau stand.

Digitalminister Karsten Wildberger (l.) will den Bürokratie-Beton abtragen – radikal und kompromisslos. Beobachter fragen bereits, wenn auch eher humorvoll gemeint: Bekommt Kanzler Merz mit ihm seinen eigenen Elon Musk (r.)?

Rundumschlag von Wildberger: Bekommt Merz seinen eigenen Musk?

Der Ton in Wildbergers Schreiben erinnert ebenfalls an Musks kompromisslosen Managementstil: ungeduldig, fordernd, ohne Schonfrist. Sein Ultimatum wirkt wie ein Weckruf an die gesamte Regierung – nach dem Motto: Jetzt liefern oder scheitern.

Allerdings ist freilich klar, dass Wildberger keine direkte Verbindung zu Elon Musk hat und das deutsche System viel behäbiger und konservativer ist. Manche Experten sehen zwar Parallelen im radikalen Modernisierungsansatz, gehen aber davon aus, dass Wildberger nicht ganz so radikal vorgehen wird, will und kann wie Musk.

Merz‘ Digitalminister Wildberger: Milliarden-Einsparungen im Visier

Wildbergers Ziel ist ambitioniert: Die Bürokratiekosten sollen um 25 Prozent – rund 16 Milliarden Euro – sinken. Möglich machen soll das unter anderem eine „One in two out“-Regel: Für jede neue Belastung soll es an anderer Stelle doppelte Entlastung geben.

„Deutschland hat über Jahrzehnte bürokratischen Beton angehäuft – jetzt müssen wir ihn konsequent abtragen. Der Staat muss Bürgern und Unternehmen wieder mehr vertrauen und ihnen mehr zutrauen“, erklärt Wildberger gegenüber BILD.

Deutsche Bürokratie als „Regulierungswut“: Wirtschaft und Mittelstand im Würgegriff

Die Kritik aus der Wirtschaft an der „Regulierungswut“ ist massiv. Neun von zehn Unternehmen fordern laut einer Bitkom-Umfrage schnelle Entlastungen, um digitaler arbeiten zu können.

Gerade kleine Betriebe ächzen unter überbordenden Vorschriften. Das zeigt das Beispiel der Brüder Wolfsdorf, die ihre Druckerei in Niedersachsen führen. Trotz moderner Technik müssen sie weiterhin Papierberge archivieren – weil das Finanzamt digitale Verfahren nicht anerkennt. „Da könnte der Staat natürlich auch mal die Sachen ein bisschen einfacher gestalten“, klagt Geschäftsführer Timo Wolfsdorf gegenüber ZDFheute.

Deutschlands erster Minister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger

KategorieInformation
NameKarsten Wildberger
Geburtsdatum5. September 1969
GeburtsortGießen, Hessen
AusbildungPhysikstudium an der TU München und RWTH Aachen (1989–1995), Promotion in Physik an RWTH Aachen und Forschungszentrum Jülich (1995–1997), MBA an INSEAD (2000)
Berufliche StationenUnternehmensberater Boston Consulting Group (1998–2003), Führungspositionen bei Deutsche Telekom, Vodafone (2006–2011), Partner bei Boston Consulting Group (2011–2012), Vorstand bei Telstra (2012–2016), Vorstand E.ON SE (2016–2021), Vorsitzender der Geschäftsführung Media-Saturn-Holding und CEO Ceconomy AG (2021–2025)
ParteizugehörigkeitMitglied der CDU seit Mai 2025
AmtBundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung seit 6. Mai 2025
Zuständigkeiten im MinisteriumDigitalisierung und Modernisierung der Bundesverwaltung, Datenpolitik, Künstliche Intelligenz, Registermodernisierung, IT-Sicherheit, Breitbandausbau, digitale Souveränität, internationale Digitalpolitik
BesonderheitenQuereinstieg aus der Wirtschaft direkt an die Spitze der Exekutive; vorheriger CEO eines großen Medien- und Elektronikkonzerns; Fokus auf Digitalisierung und Modernisierung des Staates

Quellen: bundesregierung.de, ZDF heute, Behörden Spiegel.

Merz-Regierung unter Zugzwang beim Thema Bürokratieabbau

Bundeskanzler Friedrich Merz hatte Wildberger ins Kabinett geholt, um die Verwaltung zu modernisieren. Das eigens geschaffene Ministerium für Digitales und Staatsmodernisierung soll nicht nur Bürokratie abbauen, sondern auch den Netzausbau und die digitale Infrastruktur vorantreiben.

Wildberger macht deshalb Druck. In seinem Schreiben an die Ressorts, das unter anderem auch der dpa vorliegt, betont er: „Die Fachebene meines Hauses wird zur Vorbereitung der erwähnten Vorhaben in Kürze auf Ihre Ressorts zukommen und nach dem aktuellen Stand der Bürokratierückbauvorhaben fragen.“

Mehr Effizienz, weniger Regulierung: Internationale Vorbilder und Erwartungen

Andere Länder zeigen, dass es auch einfacher geht. Schweden gilt als Musterbeispiel, konstatiert etwa die IHK München: Ein hohes Maß an Vertrauen zwischen Staat und Bürgern, digitale Identifikationssysteme und durchgehend digitale Verwaltungsprozesse erleichtern dort Unternehmen den Alltag erheblich.

Wildberger selbst sieht die Modernisierung nicht nur als wirtschaftliche Notwendigkeit, sondern auch als gesellschaftliche Aufgabe. „Weniger Regulierung, mehr Freiraum: Denn Entbürokratisierung und Vertrauen in die kreative Kraft der Menschen bringt nicht nur Wirtschaftswachstum, sondern auch gesellschaftlichen Aufbruch“, sagt er im Gespräch mit BILD.

Wildbergers Brandbrief an die Merz-Minister: Ultimatum mit Sprengkraft

Bis zum 15. September müssen die Ministerien liefern. Spätestens im Oktober soll klar sein, ob die Merz-Regierung den Worten ihres Digitalministers folgt – oder ob Wildbergers Bürokratieoffensive im Behördenlabyrinth stecken bleibt.

„Nachhaltige Veränderung braucht Richtung, Mut und Ausdauer – und den politischen Willen. Dafür setze ich meine ganze Kraft ein“, verspricht der CDU-Mann und promovierte Physiker. (chnnn/dpa)

Rubriklistenbild: © Foto links: IMAGO / Bernd Elmenthaler | Foto rechts: IMAGO / ZUMA Press Wire

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