Merz reißt CDU in Führungskrise – Wittert Söder neue Chance auf Kanzlerkandidatur?
VonStephanie Munk
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Friedrich Merz ist angeschlagen. In der CDU wird wegen seiner AfD-Aussagen an seiner Kanzlereignung gezweifelt. Kommt die zweite Chance für Markus Söder?
Berlin/München – Friedrich Merz hat als Parteichef ein gewisses Vorrecht auf die Unions-Kanzlerkandidatur für die kommenden Bundestagswahlen. Doch spätestens seit seinem ZDF-Sommerinterview, in dem der CDU-Vorsitzende von einer Zusammenarbeit mit der AfD auf Gemeindeebene sprach, scheint dieses Privileg zu wackeln. Die Entrüstung und Verärgerung ist groß – auch innerhalb Merz‘ eigener Partei. Da half auch alles Zurückrudern bisher nichts.
Mit einem Autoritätsproblem kämpft Merz nicht erst seit dem Interview: Spätestens, seit Hendrik Wüst sich vor einigen Wochen mit einem Gastbeitrag als mögliche Alternative zu Merz als Kanzlerkandidat in Stellung brachte, scheint Merz‘ Stuhl zu wackeln. Auch sein Versprechen bei Amtsantritt, er werde die Zahlen der AfD als Parteichef halbieren, fällt Merz derzeit auf die Füße – die rechtsradikale Partei hat ihre Zustimmung in Umfragen stattdessen verdoppelt.
Wird Merz‘ das alles zum Verhängnis – kostet es ihm am Ende gar die Kanzlerkandidatur? Und wittert der ehrgeizige CSU-Chef und bayerische Ministerpräsident Markus Söder seine zweite Chance und sieht sich als der bessere Kanzlerkandidat als Friedrich Merz? So wie 2021, als Söder sich reichlich spät als Alternative zu Armin Laschet anbot, und der CDU damit einen unrühmlichen Machtkampf mitten im Wahlkampf bescherte?
Merz mit umstrittenen Aussagen zur AfD im Sommerinterview - Söder sofort auf Distanz
Eins ist klar: Merz‘ Prestige innerhalb der Union hat gelitten. Und Söder nutzte sofort die Chance, um klar auf Distanz zum CDU-Chef zu gehen. Bayerns Ministerpräsident schrieb am Morgen nach dem umstrittenen Interview auf Twitter: „Die CSU lehnt jede Zusammenarbeit mit der AfD ab – egal auf welcher politischen Ebene.“ Söder ergänzte: „Wir grenzen uns klar ab und setzen dagegen auf gute Politik: Wir nehmen die Sorgen und Nöte der Menschen ernst.“ Der Hinweis auf „gute Politik“ kann dabei durchaus als vielsagender Seitenhieb auf Merz gewertet werden.
Der prominente CDU-Politiker Tobias Hans zweifelte in einem Interview mittlerweile offen die Führungsstärke von Merz an – und auch dessen Eignung als Kanzlerkandidat. „Ich möchte mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass ein von der CDU gestellter Bundeskanzler solche Sorgen hervorruft“, sagte der Ex-Ministerpräsident des Saarlands und betonte, die Frage, ob Merz Kanzlerkandidat der CD werde, sei „völlig offen“.
Merz wird in Union als „unprofessionell“ kritisiert
Damit nicht genug Kritik aus eigenen Reihen an Merz: Ein anonym bleibender Spitzen-Politiker der Union bezeichnete gegenüber welt.de das Verhalten von Merz als „unprofessionell“: Die Union ziehe „ohne Not mitten in der Sommerpause mit einem solchen Interview feindliches Feuer“ auf sich. Ein anderer „Top-CDU-Mann“ fühle sich an die Zeit erinnert, als Armin Laschet CDU-Vorsitzender war, schreibt welt.de: Auch jetzt wieder verfolge man „jedes Chef-Interview mit Schweißperlen auf der Stirn“.
Armin Laschet wurde damals zwar trotz parteiinterner Bedenken Kanzlerkandidat – scheiterte jedoch wie bekannt gegen Olaf Scholz (SPD). Wäre das mit Markus Söder – der 2021 mehr oder weniger freiwillig Laschet den Vortritt ließ – auch passiert? Ein Bundestagsabgeordneter brachte ihn gegenüberwelt.de jedenfalls wieder ins Spiel: Würde Merz sich weitere Fehltritte erlauben, stelle „sich die Kanzlerkandidatenfrage am Ende doch neu“, sagte er. Und dann werde „es am Ende doch Söder“.
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Nach Merz‘ Fehltritt: Söders Generalsekretär wehrt Fragen nach Kanzlerkandidatur ab
Söder hatte zuletzt immer erklärt, sein Platz sei in München und er habe keine Ambitionen, Kanzler zu werden. Doch viele trauen ihm offenbar zu, dass er seine Meinung noch ändert – es wäre schließlich nicht das erste Mal. CSU-Generalsekretär Martin Huber muss jedenfalls schon Fragen nach möglichen neuen Ambitionen Söders, als Kanzler zu kandidieren, abwehren: „Personalfragen sind keine Fragen, die jetzt diskutiert werden“, sagte Huber am Dienstag (25. Juli) im RTL/ntv-„Frühstart“ auf eine entsprechende Frage. Für die CSU gehe es darum, mit voller Kraft auf die Wahlen in Bayern am 8. Oktober hinzuarbeiten. Dann ist Landtagswahl in Bayern. Die nächste reguläre Bundestagswahl steht im Herbst 2025 an.
Die Debatte um eine mögliche Zusammenarbeit mit der AfD sei jedoch nicht hilfreich, sagte Huber. Die AfD werde in weiten Teilen völlig zu Recht vom Verfassungsschutz beobachtet. „Deswegen kann, wird und darf es für uns als CSU auf keiner politischen Ebene eine Zusammenarbeit mit der AfD geben.“(smu)