Aufstand gegen Putin

„Er kennt das Risiko“ - Hat Prigoschin mit Putschversuch gegen Putin tatsächlich eine Chance?

  • schließen

Kurzschlussreaktion oder lang gehegter Plan: Der Putschversuch Prigoschin bringt Russland an den Rand des Bürgerkriegs. Doch hat der Söldner eine Chance?

Moskau - Straßensperren, Militäraufmärschen und Notstandsgesetze - in Russland herrscht am Samstag (24. Juni) die Panik. Vor allem die russische Elite ist alarmiert. Denn die Gefahr für einen Putsch ist real. Nach dem Aufruf von Jewgeni Prigoschin, dem Boss der Wagner-Gruppe, zum Aufstand wächst die Bedrohung eines Bürgerkriegs. Die Lage ist jedoch noch unklar: Kommt der Sturz von Putin tatsächlich näher? Hat die Wagner-Gruppe überhaupt genug Macht, um dies ernsthaft zu versuchen? Oder erhält der Söldner-Chef Unterstützung von mächtigen Verbündeten? Es gibt noch viele offene Fragen, aber hier sind einige mögliche Antworten.

Wagner gegen Putin: Prigoschin zettelt einen Putschversuch in Russland an

Der Machtkampf zwischen Jewgeni Prigoschin und Russlands Präsident Wladimir Putin hat sich seit Monaten zugespitzt. Nun erreicht er seinen Höhepunkt: In einer Rede am Samstag (24. Juni) ordnete der Kremlherrscher eine harte Bestrafung der Aufständischen an. Zuvor hatte Prigoschin zum bewaffneten Widerstand gegen die russische Armeeführung aufgerufen. In einer Sprachnachricht über den Messenger-Dienst Telegram verkündete der Söldner-Boss: „Wir werden alles vernichten, was sich uns in den Weg stellt. Wir werden unbeirrt voranschreiten, bis zum bitteren Ende.“ Er behauptete, 25.000 erfahrene Kämpfer an seiner Seite zu haben.

Putsch gegen Putin: Wagner-Boss weiß laut Experten um „Risiko“

Doch eine Frage bleibt: Reicht dies aus, um einen ernsthaften Putsch gegen Putin anzuzetteln? „Prigoschin ist sich sehr wohl bewusst, wie hoch sein Risiko ist“, erklärte der ehemalige CIA-Geheimdienstoffizier Steve Hall dem US-amerikanischen Nachrichtensender CNN. Diese Tatsache sei interessant, denn sie bedeute, dass Prigoschin wohl davon überzeugt sei, dass er es schaffen kann. Er wisse jedoch auch, dass es für ihn andernfalls äußerst schlecht enden wird.

Ringen um die Macht in Russland: Wagner-Boss Jewgeni Prigoschin und Präsident Wladimir Putin.

Im Ukraine-Krieg spielte die Wagner-Gruppe zuletzt eine bedeutende Rolle. Die von Prigoschin gegründete Privatarmee wurde vor allem an den stark umkämpften Frontabschnitten eingesetzt. Dabei erlitten die Söldner schwere Verluste, insbesondere während der blutigen Schlacht um Bachmut. Dies führte zu Spannungen zwischen der russischen Armeeführung und Prigoschin, der dem Kreml öffentlich vorwarf, seine Truppe bei der Versorgung mit Munition im Stich zu lassen. Immer häufiger kritisierte er Verteidigungsminister Sergei Schoigu wegen dessen angeblicher Unfähigkeit.

Seit Wochen gab es zahlreiche Vermutungen, dass Prigoschin möglicherweise einen Staatsstreich vorbereitet. Der ehemalige russische Geheimdienstoffizier Igor Girkin prophezeite einen Aufstand von Prigoschin. In einem im Juni verbreiteten Video erklärte er, dass der Söldner-Boss einen „Krieg“ gegen Teile der russischen Armee und Elite in Erwägung ziehe. Girkin behauptete, Prigoschin plane, die ersten Risse innerhalb der russischen Führung auszunutzen. Er sagte: „Wenn Prigoschin weiterhin Chef der Wagner-Gruppe bleibt, wird die Meuterei schnell und radikal kommen.“

Für Sturz von Putin: Prigoschin auf dem Weg nach Moskau

Dies scheint nun tatsächlich eingetreten zu sein. Am Samstag setzte Prigoschin seine Truppen in Richtung Moskau in Bewegung, auch wenn der Söldner-Boss selbst nicht von einem Putsch sprach. Er betonte: „Das ist kein Militärputsch. Das ist ein Marsch für Gerechtigkeit.“

Bisher waren Experten für Russland immer davon ausgegangen, dass ein Sturz von Putin innerhalb des eigenen Machtapparats angestoßen werden müsste. Angesichts der Schwäche der russischen Zivilbevölkerung sei ein Aufstand von der Straße eher unwahrscheinlich, hieß es in vielen Analysen. Es sei daher logischer anzunehmen, dass innerhalb der Machtelite ein Umsturzversuch initiiert werden könnte, aus Frustration über die Fortschritte im Ukraine-Krieg und den wirtschaftlichen Niedergang infolge der harten westlichen Sanktionen.

Putschversuch in Russland: Potenzielle Nachfolger Putins stehen bereit - eine Liste

Es wurde bereits öffentlich über potenzielle Nachfolger Putins spekuliert, darunter auch Ministerpräsident Michail Mischustin. Auch andere Namen wurden immer wieder als mögliche Kandidaten genannt. Es blieb jedoch am Samstag unklar, ob Prigoschin alleine handelt oder einflussreiche Unterstützer aus den Reihen der Enttäuschten hat.

  • Michail Misustin: Der 56-Jährige ist nur für den Übergang gesetzt. Als Vorsitzender der Regierung müsste er qua Verfassung die Amtsgeschäfte übernehmen und Neuwahlen einleiten. Aussichten auf eine dauerhafte Nachfolge: null. Musustin gilt als fähiger Technokrat und Beamter, aber er besitzt keine eigene Hausmacht im Kreml.
  • Nikolai Platonowitsch Patruschew: Er ist der Sekretär des Nationalen Sicherheitsrates und gilt als die rechte Hand Putins. Manche sagen sogar, Patruschew sei der gefährlichste Mann Russlands. In Fachkreisen gilt er dennoch als der Mann mit den größten Chancen auf die Nachfolge. Er ist ein Vertrauter des Präsidenten und löste ihn einst schon als Chef des Inlandsgeheimdienstes FSB ab. Beide kennen sich seit den 1970er Jahren. Patruschew, der als Oberst der Armee mit mehreren Orden ausgezeichnet ist, gilt als absoluter Hardliner.
  • Sergej Schoigu: Der Verteidigungsminister stand lange weit oben in der Gunst von Putin. Beide gelten als Freunde und teilen ihre Spleen zum Schamanismus. Doch der Stern von Schoigu sinkt parallel zu Putins. Denn als Chef des Wehrressorts wird auch ihm der verlustreiche Ukraine-Krieg angekreidet. Weiterer Nachteil im Rennen um das Präsidentenamt: Sein Vater war Tuwaner, weswegen Schoigu aus einer ethnischen Minderheit entstammt, was in Russland eher keinen Wahlerfolg verspricht.
  • Igor Iwanowitsch Setschin: Der Name des russischen Oligarchen wird auch immer wieder bei der Suche nach dem Nachfolger ins Spiel gebracht. Der Vorstandsvorsitzende von Rosneft ist ebenfalls ein Vertrauter des jetzigen Präsidenten. Jedoch räumen Russlandexperten ihm nur Außenseiterchancen ein. Ähnlich sieht es beim Moskauer Bürgermeister Sergej Sobjanin und beim Gouverneur von Tula, Aleksej Djumin, aus.

Geheimdienst warnt: Russland könnte Bürgerkrieg drohen

Der Aufstand der Söldnertruppe Wagner stellt nach Ansicht britischer Geheimdienste jedenfalls die „größte Herausforderung“ für den russischen Staat in jüngster Zeit dar. Das Verteidigungsministerium in London betonte, dass die Loyalität der russischen Sicherheitskräfte, insbesondere der russischen Nationalgarde, in den kommenden Stunden entscheidend für den Verlauf der Krise sein werde. Es gebe bisher nur „sehr begrenzte Beweise“ für Kämpfe zwischen Wagner und den Sicherheitskräften. Dies deute darauf hin, dass einige russische Truppen wahrscheinlich „passiv“ geblieben seien und Wagner nachgegeben habe. Ein möglicher Hinweis auf eine breite Unterstützung für Prigoschin?

Zumindest an zwei Stellen haben Einheiten der Wagner-Gruppe die ukrainische Grenze überschritten. Es wird vermutet, dass Wagner in der südrussischen Stadt Rostow „mit ziemlicher Sicherheit wichtige Sicherheitseinrichtungen, einschließlich des Hauptquartiers, das die russischen Militäroperationen in der Ukraine leitet, besetzt hat“. Berichten zufolge durchziehen nun Wagner-Einheiten das Gebiet im Südwesten Russlands in Richtung Moskau.

Was will der Wagner-Boss? Prigoschin in Russland immer beliebter

Kann Putin den Aufstand noch bewältigen? Noch vor einigen Tagen äußerte die russische Politologin Tatjana Stanowaja die Vermutung, dass der Kremlchef immer noch genug Machtressourcen habe, um in Moskau das Gleichgewicht zu bewahren, berichtete die Nachrichtenagentur dpa. Allerdings betonte sie auch, dass die Wagner-Gruppe im Verlauf des Ukraine-Krieges ein Eigenleben entwickelt habe. „Der Krieg bringt Monster hervor, die mit ihrer Rücksichtslosigkeit und Verzweiflung eine Herausforderung für den Staat darstellen können“, sagte sie und prophezeite: Bei der kleinsten Schwäche könnte das System ins Wanken geraten.

Doch worauf hat Prigoschin es genau abgesehen? Auf den Präsidentenstuhl als Nachfolger von Putin? Bis vor Kurzem betrachteten Analysten dies als unmögliches Szenario. „Prigoschins öffentliches Auftreten spricht eher dagegen, dass er tatsächliche politische Ambitionen hat, ein politisches Amt zu erlangen“, sagte der Russland-Experte Nikita Gerasimov gegenüber dem Portal watson.de. Auch der Politologe Andreas Umland betrachtete Prigoschin trotz aller politischen Ambitionen bisher eher als eine Person „in der zweiten Reihe“.

Putins Zirkel der Macht im Kreml – die Vertrauten des russischen Präsidenten

Zu den Scharfmachern im Ukraine-Krieg gehört auch Ramsan Kadyrow.
Zu den Scharfmachern im Ukraine-Krieg gehört auch Ramsan Kadyrow, der als Oberhaupt der russischen Teilrepublik Tschetschenien im Nordkaukasus eigene Truppen befehligt. „Putins Bluthund“, der für seinen brutalen Führungsstil im muslimisch geprägten Tschetschenien bekannt ist, tat sich seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine als einer der glühendsten Kriegsbefürworter hervor. Mehrfach kritisierte er nach russischen Niederlagen die militärische Führung seines Landes scharf und forderte weitreichende Konsequenzen. © Yelena Afonina/imago
Am 2. März 2007 wählte das tschetschenische Parlament ihn auf Putins Vorschlag zum Präsidenten des Landes
Am 2. März 2007 wählte das tschetschenische Parlament ihn auf Putins Vorschlag zum Präsidenten des Landes, nachdem er das 30. Lebensjahr vollendet hatte, das Mindestalter für die Wahl des tschetschenischen Oberhaupts. Im März 2015 erhielt Kadyrow den russischen Orden der Ehre. Kadyrows diktatorische Amtsführung ist geprägt von schweren Menschenrechtsverletzungen, Korruption und einem ausufernden Personenkult. Seit Oktober 2022 ist er darüber hinaus Generaloberst der russischen Streitkräfte. © Yelena Afonina/imago
Der russische Außenminister Sergei Lawrow ist so etwas wie „Putins rechte Hand“.
Der russische Außenminister Sergei Lawrow ist so etwas wie „Putins rechte Hand“. Seit März 2004 im Amt, verteidigt Lawrow seit Beginn des Ukraine-Kriegs immer wieder die Behauptung, dass Russland die Ukraine von den dort regierenden Nazis befreien zu wollen. Anfang Mai 2022 versuchte Lawrow im italienischen Fernsehen das Argument zu entkräften, als Jude könne der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj kein Nazi sein: „Adolf Hitler hatte auch jüdisches Blut. Das heißt überhaupt nichts. Das weise jüdische Volk sagt, dass die eifrigsten Antisemiten in der Regel Juden sind.“ © Imago
Seit Beginn des Ukraine-Kriegs wiederholt Lawrow seine Vorwürfe, der Westen führe in der Ukraine Krieg gegen Russland.
Seit Beginn des Ukraine-Kriegs wiederholt Lawrow seine Vorwürfe, der Westen führe in der Ukraine Krieg gegen Russland. „Wenn wir über das sprechen, was in der Ukraine vorgeht, so ist das kein hybrider, sondern schon fast ein richtiger Krieg, den der Westen lange gegen Russland vorbereitet hat“, sagte Lawrow während einer Afrika-Reise im Januar 2023, die ihn u. a. auch nach Angola führte. Der Westen wolle alles Russische zerstören, von der Sprache bis zur Kultur, so Lawrow. © Imago
Als „Putins Marionette“ kann Dmitri Medwedew gelten.
Als „Putins Marionette“ kann Dmitri Medwedew gelten. Der Gefolgsmann des russischen Präsidenten war von 2008 bis 2012 Präsident Russlands und anschließend bis 2020 Ministerpräsident der Russischen Föderation. Seit Beginn des Ukraine-Kriegs macht Medwedew, inzwischen Vizechef des russischen Sicherheitsrates, ein ums andere Mal mit Verschwörungserzählungen und martialischen Äußerungen über die Ukraine und den Westen auf sich aufmerksam. Unter anderem drohte er mit dem „Verschwinden der Ukraine von der Landkarte“. © Artyom Geodakyan/imago
Der promovierte Jurist, der einst als Stimme der Vernunft galt, hat sich inzwischen zu einem radikalen Hetzer entwickelt.
Der promovierte Jurist, der einst als Stimme der Vernunft galt, hat sich inzwischen zu einem radikalen Hetzer entwickelt. Gerne droht der Vizechef des russischen Sicherheitsrates den Nato-Staaten mit einem Angriff oder gar mit Atomschlägen. Im Sommer 2022 bezeichnete er die Regierung in Kiew als „vereinzelte Missgeburten, die sich selbst als ‚ukrainische Regierung‘ bezeichnen“, die US-Regierung waren für ihn „Puppenspieler jenseits des Ozeans mit deutlichen Anzeichen senilen Wahnsinns“. Ende 2022 versuchte er sich als Prophet für das Jahr 2023: In Deutschland entsteht demnach ein „Viertes Reich“, die EU zerfällt, in den USA bricht ein Bürgerkrieg aus. © Yekaterina Shtukina/imago
Seit vielen Jahren an Putins Seite ist Dimitri Peskow. Schon im Jahr 2000 wurde er stellvertretender Pressesprecher des Präsidenten. Als Putin 2008 Ministerpräsident wurde, wechselte Peskow das Büro. Vier Jahre später kehrte er dann ins Präsidialamt zurück. Nach Beginn des Ukraine-Kriegs setzte die EU ihn auf die Sanktionsliste und ließ sein gesamtes Vermögen einfrieren.
Seit vielen Jahren an Putins Seite ist Dimitri Peskow. Schon im Jahr 2000 wurde er stellvertretender Pressesprecher des Präsidenten. Als Putin 2008 Ministerpräsident wurde, wechselte Peskow das Büro. Vier Jahre später kehrte er dann ins Präsidialamt zurück. Nach Beginn des Ukraine-Kriegs setzte die EU ihn auf die Sanktionsliste und ließ sein gesamtes Vermögen einfrieren. © Sergei Ilnitsky/AFP
Alina Kabajewa ist wahrscheinlich so etwas wie „Putins Ballerina“.
Alina Kabajewa ist wahrscheinlich so etwas wie „Putins Ballerina“. Die frühere Spitzensportlerin galt in der Rhythmischen Sportgymnastik jahrelang als Nonplusultra. Ihre Erfolge (Olympiagold 2004 in Athen, neun WM- sowie 15 EM-Titel) sprechen für sich. Von 2007 bis 2014 war sie Abgeordnete der Russischen Staatsduma für die Partei „Einiges Russland“, seit September 2014 ist sie Vorsitzende des Verwaltungsrates der Nationalen Mediengruppe (NMG). Sie gilt Medienberichten zufolge als Geliebte des russischen Präsidenten und soll mit diesem mehrere Kinder haben, was von Kabajewa und russischen Regierungsstellen aber dementiert wird. © Imago
Schon seit Jahren gilt Kabajewa als heimliche Geliebte oder gar Ehefrau des russischen Präsidenten.
Schon seit Jahren gilt Kabajewa als heimliche Geliebte oder gar Ehefrau des russischen Präsidenten. Eine offizielle Bestätigung aus Russland hat es aber nie gegeben. Der britischen Regierung zufolge steht sie „in enger persönlicher Beziehung zu Putin“. Kabajewa soll mehrere Kinder von Putin haben, was von Kabajewa und russischen Regierungsstellen aber dementiert wird. 2015 soll sie in Lugano Zwillinge zur Welt gebracht haben, andere Quellen berichten von einer Geburt eines Jungen im Kanton Tessin und einer weiteren Geburt eines Sohnes in Moskau. Gesichert ist, dass Kabajewa nach 2015 für einige Jahre aus dem öffentlichen Rampenlicht verschwand und auch heute nur äußerst selten öffentlich auftritt. © Valery Sharifulin/imago
Wladimir Solowjow ist Putins Chefpropagandist im Ukraine-Krieg.
Wladimir Solowjow ist Putins Chefpropagandist im Ukraine-Krieg. Seine seit 2012 im Sender Rossija 1 ausgestrahlte politische Talkshow „Sonntagabend mit Wladimir Solowjow“ gilt als vielleicht wichtigste innerrussischen Propagandasendung. Im Dezember 2022 drohte er dort zahlreichen europäischen Ländern mit militärischen Interventionen, weil diese die Ukraine unterstützen würden und Teil des europäischen Nazismus seien. Auch forderte er wiederholt den Einsatz von russischen Atombomben gegen Nato-Staaten. Im April 2022 bezeichnete er die Massaker von Butscha sowie Srebrenica als inszeniert. © Sergei Karpukhin/imago
Solowjow wird in seiner Sendung oft laut
Solowjow wird in seiner Sendung oft laut, beschimpft die deutsche Regierung, streut deutsche Wörter ein und imitiert dabei eine schroffe Nazi-Aussprache. Einmal bezeichnete er Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) als „Miss Ribbentrop“. Joachim von Ribbentrop war deutscher Außenminister unter Adolf Hitler, den Solowjow im Februar 2021 in seiner Sendung einmal als „sehr mutigen Menschen“ und „tapferen Soldaten“ bezeichnet hatte. Von seiner 2014 geäußerten Meinung, „Gott verbietet, dass die Krim nach Russland zurückkehrt“, hat er sich nach dem Euromaidan, der Revolution der Würde, schnell distanziert. © Artyom Geodakyan/imago
Der russische Inlandsgeheimdienst FSB wird von einem engen Weggefährten des Präsidenten geleitet.
Der russische Inlandsgeheimdienst FSB wird von einem engen Weggefährten des Präsidenten geleitet. Schon in den 1970er Jahren war Alexander Bortnikow zeitgleich mit Putin in St. Petersburg für den KGB im Einsatz. Putin, der einst selbst Direktor des FSB war, ernannte ihn im Mai 2008 zum Chef des Geheimdienstes und sicherte sich so maximalen Einfluss. Es gilt als gesichert, dass Putin auch als Präsident entscheidende Befehle selbst übermittelt.  © Alexei Druzhinin/imago
Der FSB dient vor allem dazu, die Opposition gegen Putins Machtelite zu unterdrücken.
Der FSB dient vor allem dazu, die Opposition gegen Putins Machtelite zu unterdrücken. Ein Beispiel ist der Anschlag auf den Kremlkritiker Alexej Nawalny, der nach Angaben des Recherchekollektivs Bellingcat zuvor monatelang von FSB-Agenten verfolgt worden war. Unter Bortnikow wurde die Macht des FSB durch mehrere Reformen immer stärker ausgeweitet. Zudem soll der FSB die prorussischen Separatisten im Osten des Landes unterstützt haben. Nach der Annexion der Halbinsel Krim ging der FSB gegen Medien und Kultur vor. © Mikhail Metzel/imago
Seit November 2012 hat der Armeegeneral Sergei Schoigu das Amt des russischen Verteidigungsministers inne.
Seit November 2012 hat der Armeegeneral Sergei Schoigu das Amt des russischen Verteidigungsministers inne. In Schoigus Amtszeit fallen zunächst die militärische Unterstützung der Separatisten in der Ostukraine, die Annexion der Krim 2014 sowie das Eingreifen Russlands in den syrischen Bürgerkrieg aufseiten des Assad-Regimes. Wegen der Intervention zugunsten der Separatisten im Donbass eröffnete die Ukraine 2014 ein strafrechtliches Ermittlungsverfahren gegen ihn. Seit Februar befehligt Schoigu als Verteidigungsminister die russischen Truppen im Ukraine-Krieg. © Pavel Golovkin/dpa
Schoigus Verhältnis zu Putin gilt bisher als sehr eng.
Schoigus Verhältnis zu Putin gilt bisher als sehr eng. So verbringt er regelmäßig seinen Sommerurlaub zusammen mit dem russischen Präsidenten im südsibirischen Tuwa – Schoigus Heimatregion, wo sich die beiden, wie hier im Jahr 2017, auch schon mal ein Sonnenbad in einer Pause vom Angeln gönnen. Ob das auch in Zukunft so bleiben wird, ist offen. So wies das „Institute for the Study of War“ in einem Bericht im Herbst 2022 darauf hin, dass Putin Schoigu für die Fehler im Ukraine-Krieg verantwortlich macht. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Putin seinen Vertrauten doch noch zum Sündenbock macht.  © Alexei Nikolsky/dpa
Russia s First Deputy Prime Minister Andrei Belousov
Schoigus Nachfolger soll der bisherige Vize-Regierungschef Andrej Beloussow werden. Die militärische Komponente im Verteidigungsministerium bleibe auch nach der Ernennung Beloussows unverändert. „Heute gewinnt auf dem Schlachtfeld derjenige, der offener für Innovationen und deren Umsetzung ist“, erklärte Kremlsprecher Peskow Putins Entscheidung für einen Zivilisten an der Spitze des Verteidigungsministeriums. Beloussow sei nicht nur Zivilbeamter, sondern habe auch viele Jahre erfolgreich in der Politik gearbeitet und Putin in Wirtschaftsfragen beraten. © IMAGO/Alexander Astafyev
Das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche ist heute nur noch unter seinem Namen Kirill I. bekannt.
Das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche ist heute nur noch unter seinem Namen Kyrill I. bekannt. Bürgerlich heißt der Patriarch allerdings Wladimir Gundjajew – und hat eine bewegte Vergangenheit. Unter dem Decknamen „Michailow“ hat er laut dem schweizerischen Bundesarchiv in den 1970er Jahren in Genf als Agent für den früheren sowjetischen Auslandsgeheimdienst KGB gearbeitet. Diese Vergangenheit verbindet ihn mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. © Sergei Chirikov/dpa
Seit Februar 2009 ist Gunjajew als Kyrill I. Patriarch von Moskau und der ganzen Rus und damit der Vorsteher der Russisch-Orthodoxen Kirche.
Seit Februar 2009 ist Gundjajew als Kyrill I. Patriarch von Moskau und der ganzen Rus und damit der Vorsteher der Russisch-Orthodoxen Kirche. Er gilt als enger Verbündeter Putins, dessen Regentschaft er im Zuge der Präsidentschaftswahl in Russland 2012 als „Wunder Gottes“ bezeichnete. Seit Beginn des Ukraine-Kriegs fällt er zunehmend durch Hasspredigten auf. Einmal bezeichnete er die Gegner Russlands als „Kräfte des Bösen“, zudem sprach er der Ukraine ihr Existenzrecht ab. Verbal lässt Kyrill I., anders als im April 2017 in Moskau, jedenfalls keine Tauben fliegen.  © Alexander Zemlianichenko/dpa
Der rechtsnationalistische Ideologe Alexander Dugin darf getrost als „Putins Denker“ bezeichnet werden.
Der rechtsnationalistische Ideologe Alexander Dugin darf getrost als „Putins Denker“ bezeichnet werden. Dugin, der viele Bücher geschrieben hat, gilt als antiwestlicher Hassprediger und Kämpfer für die Idee einer slawischen Supermacht. In seinem Buch „Grundlagen der Geopolitik“ sprach er sich gegen die Ukraine als souveränen Staat aus. Kurz vor Beginn des Ukraine-Kriegs wurde diese Rhetorik aufgegriffen, als Putin das ukrainische Staatsgebiet in einem Aufsatz infrage stellte. © Kirill Kudryavtsev/afp
Dugin wurde 1987 Mitglied der radikal-nationalistischen und antisemitischen Gruppierung Pamjat
Dugin wurde 1987 Mitglied der radikal-nationalistischen und antisemitischen Gruppierung Pamjat. Größere Bekanntheit erlangte er in den 1990er Jahren, als er über Radio und Fernsehen seine Ideologie verbreitete. Zugleich war Dugin auch Mitglied von esoterischen und okkulten Zirkeln. Unklar ist, wie nahe Dugin dem russischen Präsidenten steht. Putins Äußerungen geben aber oft die Rhetorik Dugins wider. Als Beispiel sei das Konzept „Noworossija“ („Neurussland“) geannnt, das Russland benutzt hat, um die Krim-Annexion zu rechtfertigen. Damals gab Dugin in einem Interview auch unmissverständlich kund, wie nun vorzugehen sei: „Töten, töten, töten, das ist meine Meinung als Professor.“ © afp
Zum engsten Putin-Zirkel gehört auch Nikolai Patruschew.
Zum engsten Putin-Zirkel gehört auch Nikolai Patruschew. Der Sekretär des russischen Sicherheitsrates war lange Jahre Leiter des Inlandsgeheimdienstes FSB und gilt als radikaler, europafeindlicher Hardliner. Patruschew verbindet viel mit Putin: Sie sind etwa gleich alt, beide kommen aus dem heutigen Sankt Petersburg, vor allem aber entstammen sie beide dem sowjetischen Geheimdienst KGB. Patruschew wird als engster Vertrauter Putins wahrgenommen und soll von diesem zu seinem Stellvertreter für den Fall einer zeitweiligen Verhinderung der Amtsausübung erkoren worden sein © Zubair Bairakov/imago
Patruschew wird als „Falke“ des Ostens beschrieben.
Patruschew wird als „Falke“ des Ostens beschrieben. Im Herbst 2021 bezeichnete er die Ukrainerinnen und Ukrainer als „Nicht-Menschen“. Noch Ende Januar 2022 bestritt er jede Kriegsabsicht Russlands als „komplette Absurdität“. Ende Februar 2022 beschuldigte er in einem Manifest die USA und die EU, in der Ukraine eine „Ideologie des Neonazismus“ zu unterstützen.  © Aram Nersesyan/imago
Als Chef des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR ist Sergei Naryschkin für seine bissigen Kommentare bekannt.
Als Chef des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR ist Sergei Naryschkin für seine bissigen Kommentare bekannt. Kurz nach Beginn des Ukraine-Krieges warf er den USA und anderen westlichen Staaten vor, Russland zerstören zu wollen: „Die Masken sind gefallen. Der Westen will Russland nicht nur mit einem neuen Eisernen Vorhang umgeben“, zitierte der SWR Anfang März 2022 seinen Chef. „Wir reden über Versuche, unseren Staat zu zerstören, über seine ‚Annullierung‘, wie heutzutage in einem ‚toleranten‘ liberal-faschistischen Umfeld gesagt wird.“ Naryschkin gehörte zu jenen, die schon damals behaupteten, zwischen Russland und dem Westen tobe ein „heißer Krieg“. © Alexander Zemlianichenko/dpa
Wenige Tage vor Beginn dem russischen Einmarsch in die Ukraine war Naryschkin im Gespräch mit Wladimir Putin tüchtig ins Schlingern geraten.
Wenige Tage vor Beginn dem russischen Einmarsch in die Ukraine war Naryschkin im Gespräch mit Wladimir Putin tüchtig ins Schlingern geraten. Der SWR-Chef sprach sich damals versehentlich für eine russische Einverleibung der Volksrepubliken Luhansk und Donezk aus. Putin korrigierte ihn bei der im Staatsfernsehen übertragenen Sitzung und betonte, dass die Frage nicht gestellt sei. „Wir sprechen über die Anerkennung ihrer Unabhängigkeit oder nicht“, kanzelte Putin den SWR-Chef ab. © Valery Sharifulin/imago
Zu den engsten Vertrauten des russischen Präsidenten Wladimir Putin zählt der russische Unternehmer Jewgeni Prigoschin.
Zu den engsten Vertrauten Wladimir Putins zählte Jewgeni Prigoschin. Russlands Präsident und der erfolgreiche Geschäftsmann kannten sich lange. Als Putin noch KGB-Offizier war und in der St. Petersburger Stadtverwaltung arbeitete, soll er in Prigoschins Restaurant eingekehrt sein. Deshalb trug der in den chaotischen 1990er Jahren in Russland zu Reichtum gekommene 61-Jährige den Beinamen „Putins Koch“. Auch wegen Raubes saß er in Haft.  © Mikhail Metzel/imago
Inzwischen ist Prigoschin vor allem als Warlord der berüchtigten Schattenarme „Wagner“ im Auftrag des Kreml international gefürchtet.
Lange war Prigoschin vor allem als Warlord der berüchtigten Schattenarme „Wagner“ im Auftrag des Kreml international gefürchtet. Putin ließ ihn lange schalten und walten, als hätte diese Schattenarmee, eine paramilitärische Organisation mit vielen verurteilten Verbrechern, längst das Zepter der Macht in der Hand. Vom 23 bis 24. Juni 2023 kam es zu einem Aufstand der Wagner-Gruppe in Russland. Danach bezeichnete ihn Putin als „Verräter“. Am 23. August 2023 kam Prigoschin bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. © Vyacheslav Prokofyev/imago

Dennoch hat das Auftreten des Söldner-Bosses in der russischen Gesellschaft Spuren hinterlassen. In jüngster Zeit konnte er an Ansehen gewinnen. In einer aktuellen Umfrage, veröffentlicht in der Zeitung RBK daily, belegt Prigoschin den fünften Platz unter den Persönlichkeiten, denen die Russen vertrauen. Damit liegt er lediglich zwei Plätze hinter Verteidigungsminister Schoigu. Im Winter stand Prigoschin noch auf Platz 151. (jkf)

Bei diesem von der Redaktion geschriebenen Artikel wurde für eine Variante maschinelle Unterstützung genutzt. Der Artikel wurde vor Veröffentlichung von Redakteur Jens Kiffmeier sorgfältig überprüft.

Rubriklistenbild: © Russian Presidential Press Service/AP/Prigozhin Press Service/Uncredited/dpa/Montage

Kommentare