„Er kennt das Risiko“ - Hat Prigoschin mit Putschversuch gegen Putin tatsächlich eine Chance?
VonJens Kiffmeier
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Kurzschlussreaktion oder lang gehegter Plan: Der Putschversuch Prigoschin bringt Russland an den Rand des Bürgerkriegs. Doch hat der Söldner eine Chance?
Moskau - Straßensperren, Militäraufmärschen und Notstandsgesetze - in Russland herrscht am Samstag (24. Juni) die Panik. Vor allem die russische Elite ist alarmiert. Denn die Gefahr für einen Putsch ist real. Nach dem Aufruf von Jewgeni Prigoschin, dem Boss der Wagner-Gruppe, zum Aufstand wächst die Bedrohung eines Bürgerkriegs. Die Lage ist jedoch noch unklar: Kommt der Sturz von Putin tatsächlich näher? Hat die Wagner-Gruppe überhaupt genug Macht, um dies ernsthaft zu versuchen? Oder erhält der Söldner-Chef Unterstützung von mächtigen Verbündeten? Es gibt noch viele offene Fragen, aber hier sind einige mögliche Antworten.
Wagner gegen Putin: Prigoschin zettelt einen Putschversuch in Russland an
Der Machtkampf zwischen Jewgeni Prigoschin und Russlands Präsident Wladimir Putin hat sich seit Monaten zugespitzt. Nun erreicht er seinen Höhepunkt: In einer Rede am Samstag (24. Juni) ordnete der Kremlherrscher eine harte Bestrafung der Aufständischen an. Zuvor hatte Prigoschin zum bewaffneten Widerstand gegen die russische Armeeführung aufgerufen. In einer Sprachnachricht über den Messenger-Dienst Telegram verkündete der Söldner-Boss: „Wir werden alles vernichten, was sich uns in den Weg stellt. Wir werden unbeirrt voranschreiten, bis zum bitteren Ende.“ Er behauptete, 25.000 erfahrene Kämpfer an seiner Seite zu haben.
Putsch gegen Putin: Wagner-Boss weiß laut Experten um „Risiko“
Doch eine Frage bleibt: Reicht dies aus, um einen ernsthaften Putsch gegen Putin anzuzetteln? „Prigoschin ist sich sehr wohl bewusst, wie hoch sein Risiko ist“, erklärte der ehemalige CIA-Geheimdienstoffizier Steve Hall dem US-amerikanischen Nachrichtensender CNN. Diese Tatsache sei interessant, denn sie bedeute, dass Prigoschin wohl davon überzeugt sei, dass er es schaffen kann. Er wisse jedoch auch, dass es für ihn andernfalls äußerst schlecht enden wird.
Im Ukraine-Krieg spielte die Wagner-Gruppe zuletzt eine bedeutende Rolle. Die von Prigoschin gegründete Privatarmee wurde vor allem an den stark umkämpften Frontabschnitten eingesetzt. Dabei erlitten die Söldner schwere Verluste, insbesondere während der blutigen Schlacht um Bachmut. Dies führte zu Spannungen zwischen der russischen Armeeführung und Prigoschin, der dem Kreml öffentlich vorwarf, seine Truppe bei der Versorgung mit Munition im Stich zu lassen. Immer häufiger kritisierte er Verteidigungsminister Sergei Schoigu wegen dessen angeblicher Unfähigkeit.
Seit Wochen gab es zahlreiche Vermutungen, dass Prigoschin möglicherweise einen Staatsstreich vorbereitet. Der ehemalige russische Geheimdienstoffizier Igor Girkin prophezeite einen Aufstand von Prigoschin. In einem im Juni verbreiteten Video erklärte er, dass der Söldner-Boss einen „Krieg“ gegen Teile der russischen Armee und Elite in Erwägung ziehe. Girkin behauptete, Prigoschin plane, die ersten Risse innerhalb der russischen Führung auszunutzen. Er sagte: „Wenn Prigoschin weiterhin Chef der Wagner-Gruppe bleibt, wird die Meuterei schnell und radikal kommen.“
Für Sturz von Putin: Prigoschin auf dem Weg nach Moskau
Dies scheint nun tatsächlich eingetreten zu sein. Am Samstag setzte Prigoschin seine Truppen in Richtung Moskau in Bewegung, auch wenn der Söldner-Boss selbst nicht von einem Putsch sprach. Er betonte: „Das ist kein Militärputsch. Das ist ein Marsch für Gerechtigkeit.“
Bisher waren Experten für Russland immer davon ausgegangen, dass ein Sturz von Putin innerhalb des eigenen Machtapparats angestoßen werden müsste. Angesichts der Schwäche der russischen Zivilbevölkerung sei ein Aufstand von der Straße eher unwahrscheinlich, hieß es in vielen Analysen. Es sei daher logischer anzunehmen, dass innerhalb der Machtelite ein Umsturzversuch initiiert werden könnte, aus Frustration über die Fortschritte im Ukraine-Krieg und den wirtschaftlichen Niedergang infolge der harten westlichen Sanktionen.
Putschversuch in Russland: Potenzielle Nachfolger Putins stehen bereit - eine Liste
Es wurde bereits öffentlich über potenzielle Nachfolger Putins spekuliert, darunter auch Ministerpräsident Michail Mischustin. Auch andere Namen wurden immer wieder als mögliche Kandidaten genannt. Es blieb jedoch am Samstag unklar, ob Prigoschin alleine handelt oder einflussreiche Unterstützer aus den Reihen der Enttäuschten hat.
Michail Misustin: Der 56-Jährige ist nur für den Übergang gesetzt. Als Vorsitzender der Regierung müsste er qua Verfassung die Amtsgeschäfte übernehmen und Neuwahlen einleiten. Aussichten auf eine dauerhafte Nachfolge: null. Musustin gilt als fähiger Technokrat und Beamter, aber er besitzt keine eigene Hausmacht im Kreml.
Nikolai Platonowitsch Patruschew: Er ist der Sekretär des Nationalen Sicherheitsrates und gilt als die rechte Hand Putins. Manche sagen sogar, Patruschew sei der gefährlichste Mann Russlands. In Fachkreisen gilt er dennoch als der Mann mit den größten Chancen auf die Nachfolge. Er ist ein Vertrauter des Präsidenten und löste ihn einst schon als Chef des Inlandsgeheimdienstes FSB ab. Beide kennen sich seit den 1970er Jahren. Patruschew, der als Oberst der Armee mit mehreren Orden ausgezeichnet ist, gilt als absoluter Hardliner.
Sergej Schoigu: Der Verteidigungsminister stand lange weit oben in der Gunst von Putin. Beide gelten als Freunde und teilen ihre Spleen zum Schamanismus. Doch der Stern von Schoigu sinkt parallel zu Putins. Denn als Chef des Wehrressorts wird auch ihm der verlustreiche Ukraine-Krieg angekreidet. Weiterer Nachteil im Rennen um das Präsidentenamt: Sein Vater war Tuwaner, weswegen Schoigu aus einer ethnischen Minderheit entstammt, was in Russland eher keinen Wahlerfolg verspricht.
Igor Iwanowitsch Setschin: Der Name des russischen Oligarchen wird auch immer wieder bei der Suche nach dem Nachfolger ins Spiel gebracht. Der Vorstandsvorsitzende von Rosneft ist ebenfalls ein Vertrauter des jetzigen Präsidenten. Jedoch räumen Russlandexperten ihm nur Außenseiterchancen ein. Ähnlich sieht es beim Moskauer Bürgermeister Sergej Sobjanin und beim Gouverneur von Tula, Aleksej Djumin, aus.
Geheimdienst warnt: Russland könnte Bürgerkrieg drohen
Der Aufstand der Söldnertruppe Wagner stellt nach Ansicht britischer Geheimdienste jedenfalls die „größte Herausforderung“ für den russischen Staat in jüngster Zeit dar. Das Verteidigungsministerium in London betonte, dass die Loyalität der russischen Sicherheitskräfte, insbesondere der russischen Nationalgarde, in den kommenden Stunden entscheidend für den Verlauf der Krise sein werde. Es gebe bisher nur „sehr begrenzte Beweise“ für Kämpfe zwischen Wagner und den Sicherheitskräften. Dies deute darauf hin, dass einige russische Truppen wahrscheinlich „passiv“ geblieben seien und Wagner nachgegeben habe. Ein möglicher Hinweis auf eine breite Unterstützung für Prigoschin?
Zumindest an zwei Stellen haben Einheiten der Wagner-Gruppe die ukrainische Grenze überschritten. Es wird vermutet, dass Wagner in der südrussischen Stadt Rostow „mit ziemlicher Sicherheit wichtige Sicherheitseinrichtungen, einschließlich des Hauptquartiers, das die russischen Militäroperationen in der Ukraine leitet, besetzt hat“. Berichten zufolge durchziehen nun Wagner-Einheiten das Gebiet im Südwesten Russlands in Richtung Moskau.
Was will der Wagner-Boss? Prigoschin in Russland immer beliebter
Kann Putin den Aufstand noch bewältigen? Noch vor einigen Tagen äußerte die russische Politologin Tatjana Stanowaja die Vermutung, dass der Kremlchef immer noch genug Machtressourcen habe, um in Moskau das Gleichgewicht zu bewahren, berichtete die Nachrichtenagentur dpa. Allerdings betonte sie auch, dass die Wagner-Gruppe im Verlauf des Ukraine-Krieges ein Eigenleben entwickelt habe. „Der Krieg bringt Monster hervor, die mit ihrer Rücksichtslosigkeit und Verzweiflung eine Herausforderung für den Staat darstellen können“, sagte sie und prophezeite: Bei der kleinsten Schwäche könnte das System ins Wanken geraten.
Doch worauf hat Prigoschin es genau abgesehen? Auf den Präsidentenstuhl als Nachfolger von Putin? Bis vor Kurzem betrachteten Analysten dies als unmögliches Szenario. „Prigoschins öffentliches Auftreten spricht eher dagegen, dass er tatsächliche politische Ambitionen hat, ein politisches Amt zu erlangen“, sagte der Russland-Experte Nikita Gerasimov gegenüber dem Portal watson.de. Auch der Politologe Andreas Umland betrachtete Prigoschin trotz aller politischen Ambitionen bisher eher als eine Person „in der zweiten Reihe“.
Putins Zirkel der Macht im Kreml – die Vertrauten des russischen Präsidenten
Dennoch hat das Auftreten des Söldner-Bosses in der russischen Gesellschaft Spuren hinterlassen. In jüngster Zeit konnte er an Ansehen gewinnen. In einer aktuellen Umfrage, veröffentlicht in der Zeitung RBK daily, belegt Prigoschin den fünften Platz unter den Persönlichkeiten, denen die Russen vertrauen. Damit liegt er lediglich zwei Plätze hinter Verteidigungsminister Schoigu. Im Winter stand Prigoschin noch auf Platz 151. (jkf)
Bei diesem von der Redaktion geschriebenen Artikel wurde für eine Variante maschinelle Unterstützung genutzt. Der Artikel wurde vor Veröffentlichung von Redakteur Jens Kiffmeier sorgfältig überprüft.