Analyse vor dem Wahltag

Comeback des Populisten – oder eine wilde Rochade: Was die Tschechien-Wahl für Europa bedeutet

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Andrej Babiš könnte in Tschechien wieder übernehmen. Doch in Prag gibt es vor allem: viele Fragezeichen. Die Analyse vor der Wahl im Nachbarland.

Prag/München – Hinter der Südostgrenze wettert Robert Fico gegen die EU, der nördliche Nachbar hat gerade erst einen Rechtspopulisten zum Präsidenten gewählt. Verglichen mit den Nachbarn Slowakei und Polen könnte Tschechien wie eine proeuropäische Trutzburg erscheinen. Jedenfalls bei oberflächlicher Betrachtung. Und vor allem: noch. Denn am Freitag und Samstag (3./4. Oktober) wählt das Land ein neues Parlament. Die Wahl könnte einiges umwälzen. Vielleicht ein Regierungs-Comeback des Populisten Andrej Babiš bringen, auch tragende Rollen für Extremisten scheinen nicht undenkbar. Vor allem aber gibt es viele Fragezeichen.

Andrej Babiš Ende September im Straßen-Wahlkampf in Tschechiens Hauptstadt Prag.

In den Umfragen liegen Babišs Partei ANO und das konservativ-proeuropäische Regierungsbündnis aus SPOLU („Gemeinsam“) und STAN („Bürgermeister und Unabhängige“) nahezu gleichauf – aber mit jeweils rund 30 Prozent weit entfernt von einer Mehrheit. Klar scheint nur, und das ist europäischer Sicht nicht ganz unbedenklich: Damit Tschechien seinen aktuellen Kurs behält, müssten „sehr, sehr viele Bedingungen“ eintreffen, wie Marco Arndt der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media sagt. Nicht ausschließen würde der Leiter der Auslandsbüros Tschechien und Slowakei der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) aber, dass Babiš und sein Widersacher, der aktuelle Regierungschef Petr Fiala, beide abtreten.

Phänomen Babiš bei der Tschechien-Wahl: Parallelen zu Trump und Orbán

Eine Hauptfrage: Wie viele ihrer Wählerinnen und Wähler von 2021 können die Regierungsparteien mobilisieren? Damals kam die Mehrparteienliste SPOLU auf 27,8 Prozent, ein Verbund aus STAN und Piraten auf 15,6 Prozent. Eine Sozial- und Rentenreform der Regierung habe aber „geschmerzt“, sagt Arndt. „Angeblich sind bis zu sieben Prozent der ehemaligen SPOLU-Wähler momentan nicht bereit, wieder zur Wahl zu gehen – die fehlen natürlich.“ Auch der Wahlkampf laufe nicht gut. SPOLU habe stark auf Polarisierung gesetzt und vor Babiš gewarnt. „Vielleicht hätten noch mehr positive Botschaften gesetzt werden müssen.“

Fragt sich, wie gefährlich Babiš ist. Allein seine Rückkehr wirkt aus der Ferne wie ein Phänomen. Im Jahr 2019 forderten hunderttausende Demonstrierende in Prag den Rücktritt des ANO-Chefs. Ein Vorwurf war damals Korruption. Babiš gibt sich zwar als Mann des Volkes, ist aber der Kopf hinter einem weitverzweigten Agrarkonzern. Noch immer läuft ein Verfahren wegen mutmaßlichem Subventionsbetrug um ein Erholungsressort mit dem Spitznamen „Storchennest“. Nahezu wie Donald Trump präsentiert sich Babiš als Opfer der Justiz. Und nahezu wie Viktor Orbán greift er nach Medieneinfluss. Lange gehörte ihm ein großes Verlagshaus. Nun will er die Rundfunkgebühren abschaffen, die öffentlich-rechtlichen Sender wären damit abhängig von Geldzuweisungen der Regierung.

„Seine Anhänger sagen, er ist ein hervorragender Manager und führe den Staat wie ein Unternehmen. Seine Gegner sagen, er ist ein Demagoge und Volksverführer, das sind die beiden extremen Pole“, erklärt Arndt. Babiš sei vor allem gut darin, Stimmungen zu erspüren, gerade im ländlichen Raum oder unter Rentnern. 2017 setzte der ANO-Gründer auf einen Anti-Migrationswahlkampf. Aber nicht immer halten Standpunkte: So habe Babiš als Ministerpräsident den „Green Deal“ der EU-unterschrieben. „Jetzt merkt er: Das kann teuer werden und ist dagegen.“

Deutschland nicht in den Top 3: Die Nato-Länder mit den größten Truppenstärken

Nato-Übung „Arctic Defender 2024“
Die Nato ist das größte militärische Verteidigungsbündnis der Welt. Der Nordatlantikpakt („North Atlantic Treaty Organization“) soll die territoriale Souveränität der Mitgliedsstaaten sichern und im Kriegsfall verteidigen. Dafür gibt es die Beistandsklausel im Gründungsvertrag der Nato. Die Truppenstärke aller Nato-Länder zusammengerechnet umfasste 2025 nach vorläufigen Zahlen rund 3,4 Millionen Soldaten und Soldatinnen.  © Kay Nietfeld/dpa
US-Armee Nato
Dem „Global Firepower Index“ zufolge stellen die USA mit rund 1,328 Millionen Soldatinnen und Soldaten die größte Nato-Truppe. Im Kampfeinsatz vertraut die US-Armee auch auf den Chinook-Hubschrauber. Der CH-47 ist bekannt für seine Fähigkeit, schweres Material und Personal in unwegsames Gelände zu transportieren. Im Bild ist eine gemeinsame Übung von Südkorea und den USA in Yeoncheon zu sehen. © Jung Yeon-Je/AFP
Militär Türkei
Das zweitgrößte Militär der Nato-Mitgliedstaaten kommt aus der Türkei (Truppenstärke: 355.200). Die Armee gilt als eine der stärksten der Welt. Anhand von mehr als 60 Einzelfaktoren analysieren die Fachleute von „Global Firepower Index“ die militärische Gesamtstärke der Armeen. Türkei, die seit 1952 Mitglied der Nato ist, belegt hier unter 145 Armeen den neunten Platz. © Tunahan Turhan/Imago
Polnische Armee
In der Nato-Rangliste der Truppenstärke liegt Polen auf Platz drei. Die polnischen Streitkräfte verfügen über 202.100 aktive Soldatinnen und Soldaten. Die Streitkräfte sind seit 2010 eine Berufsarmee und gliedern sich wie folgt: Heer, Marine, Luftwaffe, Spezialkräfte, Territorialverteidigung (Freiwilligenmiliz). © Radek Pietruszka/dpa
Frankreich Macron
Platz vier in der Nato-Rangliste belegt Frankreich (Truppenstärke: 200.000). Frankreich ist seit dem EU-Austritt des Vereinigten Königreichs die einzige Atommacht in der Europäischen Union. Der französische Staatspräsident ist Oberbefehlshaber der Streitkräfte und die einzige Person, die einen nuklearen Angriff befehlen kann. Hier hält Präsident Emmanuel Macron (Mitte) eine Rede vor zwei Kampfjets vom Typ Dassault Mirage 2000 (links) und vom Typ Dassault Rafale (rechts). © Ludovic Marin/AFP
Britische Armee bei einer Übung in Finnland
Die Streitkräfte des Vereinigten Königreichs gliedern sich in drei Teilstreitkräfte und umfassen ungefähr 184.860 Soldatinnen und Soldaten. Bei einer Übung in der Nähe von Rovaniemi am Polarkreis testet die Armee hier die mobile Haubitze Archer.  © Ben Birchall/dpa
Pistorius-Besuch in Litauen
Auf Platz sechs in der Nato-Rangliste liegt die Bundesrepublik Deutschland. Die Bundeswehr umfasst das Heer, die Luftwaffe, die Marine, den Cyber- und Informationsraum, sowie den Unterstützungsbereich. Aktuell gibt es rund 181.600 aktive Soldatinnen und Soldaten in Uniform. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD, rechts) erlebt die Fähigkeiten eines Leopard-2-Panzers auch schon mal aus nächster Nähe. © Alexander Welscher/dpa
Tag der italienischen Streitkräfte 2021
Die italienische Kunstflugstaffel „Frecce Tricolori“ fliegt am Tag der italienischen Streitkräfte über das Denkmal des Unbekannten Soldaten hinweg. Mit einer Truppenstärke von 165.500 Soldatinnen und Soldaten belegt Italien in der Nato-Rangliste den siebten Platz.  © Giuseppe Lami/dpa
Griechenland Militär
Kampfjets, Kriegsschiffe, Drohnenabwehrsysteme: Griechenland rüstet auf. Die Regierung will Milliarden investieren, um ihr Militär stärker zu machen als je zuvor. Aktuell verfügen die griechischen Streitkräfte (hier bei einer Militärparade in Athen) über eine Truppenstärke von 142.700 aktiven Soldatinnen und Soldaten. © Kostas Galanis/Imago
Luftlandeübung Swift Response
Noch eine weitere Armee der Nato verfügt über mehr als 100.000 aktive Soldatinnen und Soldaten: Spanien (Truppenstärke: 133.282). Allerdings ist das Land weit davon entfernt, das Zwei-Prozent-Ziel der Nato zu erreichen: Mit knapp 1,3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes ist Spanien sogar Schlusslicht in der Nato.  © Kay Nietfeld/dpa
Air Police Übung der Nato in Rumänien
Ein Kampfflugzeug vom Typ F-16 der rumänischen Luftwaffe steht auf dem rumänischen Luftwaffenstützpunkt in Borcea. Rumänien liegt in der Nato-Rangliste auf Platz zehn (Truppenstärke: 81.300).  © Kathrin Lauer/dpa
Kanada - Snowbirds bei Flugtag
Kanada verfügt über rund 68.000 aktive Soldatinnen und Soldaten. In Canadian Army, Royal Canadian Navy und Royal Canadian Air Force dienen nur Freiwillige. Die Kunstflugstaffel der Air Force ist unter dem Namen „Snowbirds“ bekannt. Die Schneevögel sind ein Symbol Kanadas. © Patrick Doyle/dpa
Ungarn Militär
Die H225M Caracal ist ein taktischer Mehrzweck- und Transporthubschrauber mit großer Reichweite. Benutzt wird er unter anderem von Ungarn (Truppenstärke: 41.600).  © Sergey Kohl/Imago
Abschluss der Nato-Übung Quadriga 2024
Niederländische Kräfte nehmen an der Quadriga-Übung 2024 teil. Die Niederlande liegt auf Platz 13 der Nato-Rangliste (Truppenstärke: 41.380). Die Regierung will die Stärke der nationalen Streitkräfte allerdings deutlich erhöhen. © Kay Nietfeld/dpa
Bulgarien Militär
Seit 2004 ist Bulgarien Nato-Mitglied. Die bulgarischen Streitkräfte bestehen aus den Teilstreitkräften Heer, Marine, Luftstreitkräfte. Derzeit umfasst das Militär in Bulgarien etwa 37.000 Frauen und Männern. © Vassil Donev/dpa
Kriegsende-Gedenken - Tschechien
Flugzeuge hinterlassen am Himmel farbige Spuren in den Nationalfarben Tschechiens anlässlich der Feierlichkeiten zum Tag des Sieges über Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg. Tschechien verfügt über 28.000 aktive Soldatinnen und Soldaten. © Kamaryt Michal/dpa
Belgische Kronprinzessin schwitzt beim Militär-Sommercamp
Die Streitkräfte aus Belgien untergliedern sich in Heer, Marine, Luftstreitkräfte und medizinisches Korps. Es gibt rein niederländisch- und rein französischsprachige Einheiten. Im Jahr 2022 trainierte auch die belgische Kronprinzessin Elisabeth (2. von rechts) in einem Bootcamp der Königlichen Militärschule ihre Führungsqualitäten. Belgien liegt in der Nato-Rangliste auf Platz 16 (Truppenstärke: 25.000). © Erwin Ceupp/dpa
Schwedische Nato-Truppen in Lettland stationiert
Die schwedischen Streitkräfte bestehen aus den vier Teilstreitkräften: Heer, Marine, Luftstreitkräfte, Heimwehr. Seit dem 7. März 2024 ist Schweden (Truppenstärke: 24.400) das 32. Mitglied der Nato. © Alexander Welscher/dpa
80. Jahrestag der Schlacht von Arnheim
Fallschirmjäger aus acht Nato-Mitgliedsländern (Deutschland, Griechenland, Niederlande, Polen, Portugal, Spanien, Vereinigtes Königreich und USA) springen hier zum Gedenken an den Jahrestag der Schlacht von Arnheim auf der Ginkelschen Heide ab. Portugals Truppenstärke beträgt 24.000 Frauen und Männer.  © Ben Birchall/dpa
Raketensschiff Pori der finnischen Marine
Das Raketensschiff Pori der finnischen Marine bricht vom Suomenlinna-Pier in Helsinki zur Nato-Operation „Enhanced Vigilance Activity“ in der Ostsee auf. Auch Finnland verfügt über 24.000 aktiven Soldatinnen und Soldaten. © Vesa Moilanen/dpa
Militärübung „Nordic Response“ in Norwegen
Norwegische Soldaten sitzen während der Militärübung „Nordic Response 24“ auf Schneemobilen. Die Streitkräfte bestehen aus dem Heer, der Marine, der Luftwaffe und der milizartig organisierten Heimwehr. Mit einer Truppenstärke von 23.250 Frauen und Männer belegt Norwegen Platz 20 in der Nato-Rangliste. © Jouni Porsanger/dpa
Deutsche Brigade in Litauen
Litauische Soldaten legen nach einem Schießtraining bei Rudninkai in dem Areal, wo die deutsche Brigade in Litauen stationiert werden soll, eine Pause ein. Die Truppenstärke von Litauen beträgt 23.000 Frauen und Männer. © Kay Nietfeld/dpa
The Royal Life Guards
Rekruten der Royal Life Guards aus Dänemark überqueren auf dem Truppenübungsplatz Kulsbjerg bei Vordingborg das Wasser. Dänemarks Militär verfügt derzeit über etwa 20.000 aktive Soldatinnen und Soldaten. © Mads Claus Rasmussen/Imago
Luftwaffe bildet slowakische Soldaten an Flugabwehrsystem aus
Slowakische Soldaten trainieren an einem Flugabwehrsystem. Seit 2004 ist die Slowakei Mitglied der Nato. Die Truppenstärke des Militärs beträgt 19.500 Frauen und Männer. © Marcus Brandt/dpa
Lettland Militär Parade
imago80894560.jpg © Victor Lisitsyn/Imago
Militärmanöver in Kroatien
Kroatien verfügt über 14.325 aktive Soldatinnen und Soldaten. Die Streitkräfte werden umgangssprachlich meist als „Hrvatska vojska“ (Kroatische Armee) bezeichnet. Kroatien ist seit April 2009 Mitglied der Nato. © dpa
Mazedonien Namensänderung
Die Armee der Republik Nordmazedonien (Truppenstärke: 9000) gliedert sich in ein Heer mit angeschlossenen Luftstreitkräften (Heeresflieger). Aufgrund der Binnenlage des Landes gibt es keine eigenständige Marine.  © Dragan Perkovksi/dpa
Kaja Kallas
Am 15. Mai 2024 besuchte die damalige estnische Premierministerin Kaja Kallas die gemeinsame Übung „Spring Storm“ der estnischen Streitkräfte (Truppenstärke: 7700) und der alliierten Nato-Streitkräfte in Pärnu. © Jussi Nukari/Imago
Slowenien
Sloweniens Truppenstärke beträgt 7300 Frauen und Männer. Die Streitkräfte unterstehen dem Verteidigungsministerium. Die für den Schutz der 46 Kilometer langen Adriaküste zuständige Marine und die Luftstreitkräfte sind keine selbständigen Teilstreitkräfte. © Zeljko Stevanic/Imago
Albanien
Seit 2010 hat Albanien eine Berufsarmee. Sie besteht derzeit aus 6600 aktiven Soldatinnen und Soldaten. Das Joint Force Command bildet ein Hauptquartier, dem die drei Teilstreitkräfte Heer, Luftwaffe und Marine unterstehen. © Imago
Montenegro
Die seit 2006 aufgebauten Streitkräfte von Montenegro umfassen 2350 Frauen und Männer und gelten heute als eine funktionierende Kleinarmee in Europa. Montenegro ist seit Juni 2017 Mitglied der Nato. © Imago
Luxwemburg
Die Armee Luxemburgs umfasst die Streitkräfte des Großherzogtums Luxemburg. Sie besitzt eine leichtbewaffnete, Freiwilligenarmee (Truppenstärke: 1000). Die luxemburgische Armee ist in ein Infanteriebataillon mit zwei Aufklärungskompanien gegliedert. Mit einer dieser beiden Kompanien beteiligt sich Luxemburg am Eurokorps. © Berit Kessler7Imago
Eurofighter über Island. (Archivbild)
Ein Eurofighter fliegt bei der Übung „Rapid Viking 2023“ über Island. Der hohe Norden gewinnt zunehmend an geopolitischer Bedeutung. Nato-Mitglied Island selbst verfügt über keine eigene Armee. © Britta Pedersen

Offen gegen Ukraine-Hilfen ist Babiš zwar nicht, die tschechische Munitionsinitiative würde er aber gerne an die NATO abgeben. Nach der EU-Wahl 2024 führte Babiš seine Partei in ein europäisches Bündnis mit Viktor Orbáns Fidesz und Herbert Kickls FPÖ, zuvor gehörte die ANO der liberalen Parteienfamilie an. „Das zeigt schon, wie flexibel die Partei ist“, meint der Experte: „Ins Orbán-Lager muss man von den Liberalen erstmal kommen.“ Für einen Freund von Wladimir Putins Russland, wie etwa Orbán, hält Arndt den Tschechen aber nicht. Babiš bekenne sich klar zur NATO und er wolle die EU reformieren, nicht verlassen. Anti-europäische Stimmungen bespiele er aber durchaus – aus Arndts Sicht ein „sehr gefährliches Spiel“. Die EU könnte nach der Wahl weitere Probleme im eigenen Haus bekommen.

Ein buchstäblich pikanter, aber womöglich auch mäßigender Faktor ist Babišs Unternehmertätigkeit. Dem 71-Jährigen gehört der Konzern Agrofert – samt dem deutschen Brot- und Toasthersteller Lieken. Der liegt mittlerweile zwar formal in der Obhut eines Treuhandfonds, aber Babiš führt weiter das Zepter. Die EU sieht darin einen Konflikt mit einem Regierungsamt. Aber Babiš dürfte weiter Interesse an den Agrar-Subventionen aus Brüssel haben.

Sorge bei der Tschechien-Wahl – und Russland mischt mit

Die ganz große Frage nach dem Wahlabend dürfte aber sein, wie sich Mehrheiten organisieren lassen. Im Parlament könnten neben den Genannten die rechtsradikale SPD und das scharf linke Bündnis Stačilo! („Es reicht!) landen. Beobachter fürchten, dass sich Babiš von ihnen tolerieren lässt – mit Folgen für die Außenpolitik. Arndt ist skeptisch. „Ich weiß nicht, ob das wirklich eine realistische Option für ihn ist. Wenn er in Richtung Slowakei guckt, wo die Rechtspopulisten Robert Fico vor sich hertreiben, glaube ich, wird er davon Abstand nehmen.“ Ein weiterer Kandidat sind die „Motoristen“, eine EU-skeptische Partei nach der Maßgabe „freie Fahrt für freie Bürger“ – mit populistischen Zügen. Doch sie allein dürften als Mehrheitsmacher nicht genügen.

Auf der anderen Seite müsste die fest pro-europäische SPOLU neben STAN auch die Piraten wieder an Bord bekommen, die 2024 die Regierung verließen. Vor allem muss sie auf eine hohe Wahlbeteiligung hoffen – und auf für sie glückliche Umstände. Wenn Stačilo! und Motoristen den Parlamentseinzug verpassen, könnte es doch für eine Parlamentsmehrheit reichen. „Das ist eher unwahrscheinlich, aber unmöglich ist es nicht“, sagt Arndt.

Ebenfalls denkbar: eine größere Volte nach dem scharf zugespitzten Wahlkampf. Der Abgang von Regierungschef und SPOLU-Spitzenkandidat Petr Fiala und Babiš. Unter dieser Voraussetzung könnten ANO und Fialas ODS, die größte Partei im Bündnis SPOLU, gemeinsame Sache machen, wenn es denn rechnerisch reicht, meint Arndt. Indizien gibt es. Karel Havlíček, zweiter Mann in der ANO hinter Babiš, hat nicht ausgeschlossen, Ministerpräsident zu werden. „Ich denke, er würde sich nicht so äußern, wenn er das mit Babiš nicht abgesprochen hätte“, sagt der KAS-Experte. „Es wird nicht dementiert, aber auch nicht stark propagiert. Ich denke, dass das eine Option ist, wenn es gar nicht weitergeht.“

Unterdessen scheint Tschechiens Demokratie zu leiden. In einer Umfrage des Instituts CEDMO erklärten zuletzt 47 Prozent der Befragten, sie befürchteten Wahlmanipulationen der Regierung. Ein Faktor dabei seien Erzählungen der populistischen Parteien, meint Arndt. Ein weiterer ist wohl – einmal mehr – Einflussnahme von außen. Die Initiative „Online Risk Labs“ stieß zuletzt nach eigenen Angaben auf 286 TikTok-Fakeaccounts mit fünf bis neun Millionen Videoabrufen pro Woche. Sie unterstützten radikale Kandidaten, hetzten gegen EU und Nato. Und befürworteten den Ukraine-Krieg. (Quellen: Gespräch mit Marco Arndt, CEDMO, onlinerizika.cz, eigene Recherchen) (fn)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Tomas Tkacik

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