Korruption in Frankreich: Marine Le Pen droht das Aus
VonStefan Brändle
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Ein Urteil könnte entscheiden, ob Marine Le Pen 2027 für das Präsidentenamt antreten darf. Der Vorwurf: Veruntreuung von EU-Mitteln.
Paris – Ein für Montag angesagtes Urteil könnte darüber befinden, wer in zwei Jahren das wichtigste Mandat in Frankreich ausüben wird. Konkret, ob die Rechtspopulistin Marine Le Pen in den Elysée-Palast einziehen wird. Dabei hatte die Putin-Versteherin noch nie so gute Chancen wie heute, Präsidentin Frankreichs zu werden.
Kern der Affäre ist eine Unsitte der französischen Politik, die schon einigen Parteien happige Strafen eingebrockt hat. Der Trick besteht darin, vom gut bestallten Europaparlament in Straßburg Saläre für fiktive „Parlamentsassistenten“ zu beziehen, die in Wahrheit für die Pariser Parteizentralen tätig sind. Die Mittepartei Modem des heutigen Premierministers François Bayrou wurde dafür 2024 verurteilt. Bayrou selbst ging aus Mangel an Beweisen straflos aus.
Marine Le Pen hat Frankreich-Wahl 2027 im Blick – trotz Ausschluss
Prozess gegen Marine Le Pen: Eine Verurteilung bedeutet Wahlausschluss
Bei der rechtsextremen Partei Front National fand die Pariser Staatsanwaltschaft klare Belege für die Veruntreuung durch ein „organisiertes und zentralisiertes“ System. Zentralisiert hieß aber, dass die Fäden bei Parteichefin Marine Le Pen zusammenliefen. Ihr droht deshalb eine mehrjährige, wahrscheinlich bedingte Haftstrafe. Gravierender: Ein neueres Gesetz gegen die politische Korruption sieht bei einer solchen Sanktion automatisch Unwählbarkeit von normalerweise fünf Jahren vor. Und selbst wenn Le Pen gegen das Urteil in Berufung gehen würde, hätte dies keine aufschiebende Wirkung. Mit der Folge, dass Le Pen bei den Präsidentschaftswahlen 2027 nicht antreten könnte.
Die Favoritin fiele damit aus. Le Pen hat sich in den drei letzten Präsidentschaftswahlen 2012, 2017 und 2022 von weniger als 20 Prozent auf 41,5 Prozent verbessert. Und da der aktuelle Amtsinhaber Emmanuel Macron nach Absolvierung von zwei Mandaten nicht mehr antreten kann, hat Le Pen in den Monatsumfragen die Nase vorn. Im März lag Le Pen (58) laut dem Institut BVA erstmals vor allen potenziellen Kandidatinnen und Kandidaten.
Marine Le Pen: Ein Urteil mit Sprengkraft
Die Parteigründerin des Rassemblement National (RN) – wie der Front National seit 2018 heißt – präsentiert sich angesichts der erwarteten Verurteilung seit Monaten als Opfer des „Establishments“. Das „System“ zensiere das Volk, behauptet sie in einer Petition, die binnen weniger Tage über 100.000 Unterschriften erhielt.
Hilfe könnte sie ausgerechnet von der Justiz erhalten. So jedenfalls wird ein Vorgänger-Urteil von Freitag gedeutet: Im Fall eines Lokalpolitikers des Überseegebietes Mayotte an der ostafrikanischen Küste hat das französische Verfassungsgericht zwar seine Strafe bestätigt; es befand aber zugleich, dass die angeordnete Unwählbarkeit „verhältnismäßig“ sein und „die Wahlfreiheit der Bürger schützen“ müsse. Die Anhänger:innen von Le Pen sehen darin einen Wink mit dem Zaunpfahl, dass ihre Kandidatin nicht für unwählbar erklärt werden dürfe. Ihre 13 Millionen Wähler:innen würden sich verraten fühlen, wenn ihre Kandidatin nicht zur Wahl zugelassen wird.
Gerichtsprozess gegen Le Pen: Druck auf Frankreichs Rechtspopulistin wächst
Wie das Pariser Strafgericht Le Pen am Montag entscheiden wird, ist schwer zu sagen. Der Druck ist jedenfalls gewaltig: Vom Entscheid der drei Richter hängt die politische Zukunft Frankreichs, ja Europas ab. Eine zur Wahl zugelassene und gewählte Präsidentin Le Pen würde Macrons pro-europäischen und -ukrainischen Kurs radikal ändern. Sie will zwar nicht mehr aus der EU oder dem Euro aussteigen, aber das nationale über europäisches Recht stellen. Die EU sähe sich nicht mehr nur von außen durch Nationalisten wie Donald Trump oder Wladimir Putin bedroht, sondern von innen durch eines ihrer dominantesten Mitgliedstaaten.
Und falls Le Pen für unwählbar erklärt wird? Die Rechte würde vehement die „Demokratieverweigerung“ anprangern und sich zu rächen suchen – zum Beispiel, indem sie im Parlament mit der Linken die Regierung Bayrou stürzt. Neuwahlen würde nötig. Dann könnte Le Pen ihren aufstrebenden Sekundanten Jordan Bardella (29) in die Arena schicken. Wie auch immer dürfte in dem wirtschaftlich angeschlagenen Frankreich auch politisch nicht so schnell Ruhe einkehren.