Erster Merz-Minister in Peking

Seltene Erden, Taiwan, Russland: Klingbeil vor schwierigem China-Debüt

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Als erster Vertreter der „neuen“ Bundesregierung reist Lars Klingbeil nach China. Er will über Taiwan, Russland und Seltene Erden sprechen – Themen, bei denen Peking kaum mit sich reden lässt.

Auf den ersten Blick ist es ein Routinetermin. Am Montag wird Lars Klingbeil, Vizekanzler und Finanzminister, zum vierten deutsch-chinesischen Finanzdialog in Peking erwartet, einem Gesprächsformat, das seit 2019 regelmäßig stattfindet. Geplant war die Reise des SPD-Politikers schon länger, und wahrscheinlich würden ihr auch nur sehr wenige Menschen hierzulande Aufmerksamkeit schenken, wenn der Trip nicht gleichzeitig auch eine Premiere wäre. Denn Klingbeil ist der erste hochrangige Besucher der nicht mehr ganz so neuen schwarz-roten Bundesregierung, der in China empfangen wird. Entsprechend hoch sind die Erwartungen, die von allen Seiten nun an Klingbeil herangetragen werden.

Lars Klingbeil wird am Montag in China erwartet.

Eigentlich wollte Außenminister Johann Wadephul den Anfang machen, Ende Oktober war der CDU-Mann in Peking erwartet worden. Doch Wadephul sagte kurzfristig ab. Die Begründung: China wollte dem deutschen Außenminister außer einem Treffen mit dessen Amtskollegen Wang Yi keine weiteren Termine zusichern. Es war ein diplomatischer Eklat sondergleichen.

„Das deutsch-chinesische Verhältnis befindet sich an einer kritischen Wegscheide“

Hintergrund waren nämlich nicht etwa Terminschwierigkeiten auf chinesischer Seite, sondern Aussagen Wadephuls, die Peking offenbar sauer aufgestoßen waren. „China unterstützt die russische Aggression gegen die Ukraine – auch um eigene hegemoniale Bestrebungen zu rechtfertigen“, hatte Wadephul Mitte Oktober in einer Rede gesagt. Ähnlich klang der CDU-Politiker ein paar Wochen zuvor, als er Peking ein „zunehmend aggressives Auftreten“ in der Straße von Taiwan vorwarf. „Mikrofon-Diplomatie“ nannte Wang Yi das in einem Telefonat mit Wadephul, das kurz nach dessen Absage einberaumt wurde.

Nun also macht Klingbeil den diplomatischen Auftakt der Merz-Regierung in Peking. „Wir sollten nicht über China reden, sondern mit China reden“, sagte er am Donnerstag in einem Interview mit der dpa. „Es gibt viele Probleme auf dieser Welt, die wir nur mit China zusammen lösen können.“ Zu besprechen gibt es in der Tat so einiges. „Das deutsch-chinesische Verhältnis befindet sich an einer kritischen Wegscheide“, sagte Reinhard Bütikofer, langjähriger grüner EU-Abgeordneter und ausgewiesener China-Kenner, der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media.

Militärparade in Peking: China präsentiert unter den Augen von Putin und Kim neue Superwaffen

Eine strategischen Interkontinentalraketen von Typ DF-61 wird bei der Militärparade zum 80. Jahrestag der Kapitulation Japans im Zweiten Weltkrieg gezeigt.
Eine strategischen Interkontinentalraketen von Typ DF-61 wird bei der Militärparade zum 80. Jahrestag der Kapitulation Japans im Zweiten Weltkrieg gezeigt. © Andy Wong/AP/dpa
Chinesische Bomber des Typs Xian H-6 während der Militärparade in Peking.
Chinesische Bomber des Typs Xian H-6 während der Militärparade in Peking. © Hector RETAMAL / AFP
Chinesische Kampfflugzeuge - Shenyang J-16 (r.), Chengdu J-20 Mighty Dragon (mitte), and Shenyang J-35 (l.) - fliegen während der Militärparade in Peking.
Chinesische Kampfflugzeuge - Shenyang J-16 (r.), Chengdu J-20 Mighty Dragon (mitte), and Shenyang J-35 (l.) - fliegen während der Militärparade in Peking. © GREG BAKER / AFP
Militärparade in Peking: China hat die interkontinentalen ballistischen Raketen DF-5C zur Schau gestellt.
Militärparade in Peking: China hat die interkontinentalen ballistischen Raketen DF-5C zur Schau gestellt. © GREG BAKER / AFP
Fahrzeuge mit der Laser-Waffe LY-1 fahren während der Militärparade in Peking am Platz des Himmlischen Friedens vorbei. China zeigte erstmals während der Parade diesen sogenannten Hochenergie-Lasers (HEL), der zur Abwehr von Schwärmen kleinerer Drohnen oder Lenkwaffen dienen könnte.
Fahrzeuge mit der Laser-Waffe LY-1 fahren während der Militärparade in Peking am Platz des Himmlischen Friedens vorbei. China zeigte erstmals während der Parade diesen sogenannten Hochenergie-Lasers (HEL), der zur Abwehr von Schwärmen kleinerer Drohnen oder Lenkwaffen dienen könnte. © Johannes Neudecker/dpa
Militärparade in Peking: Ein chinesischer Soldat posiert vor HHQ-9C Boden-Luft-Raketen.
Militärparade in Peking: Ein chinesischer Soldat posiert vor HHQ-9C Boden-Luft-Raketen. © Pedro PARDO / AFP
Eine chinesische Drohne während der Militärparade in Peking.
Eine chinesische Drohne während der Militärparade in Peking. © Pedro PARDO / AFP
Militärparade zum 80. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs: Helikopter fliegen eine Formation über Peking.
Militärparade zum 80. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs: Helikopter fliegen eine Formation über Peking. © Greg Baker/AFP
Militärparade in Peking: Soldatinnen marschieren in Reih und Glied am Platz des Himmlischen Friedens vorbei.
Militärparade in Peking: Soldatinnen marschieren in Reih und Glied am Platz des Himmlischen Friedens vorbei.  © Johannes Neudecker/dpa
Stargast bei der Militärparade in Peking: Kremlchef Wladimir Putin
Stargast bei der Militärparade in Peking: Kremlchef Wladimir Putin © Sergei Bobylev/Pool Sputnik Kremlin/AP/dpa
Ebenfalls zu Gast bei der Militärparade in Peking: Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un
Ebenfalls zu Gast bei der Militärparade in Peking: Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un © Alexander Kazakov/Pool Sputnik Kremlin/AP/dpa
Militärparade in Peking: Xi Jinping bei seiner anschließenden Ansprache
Militärparade in Peking: Xi Jinping bei seiner anschließenden Ansprache © Jade Gao/AFP
Vor Militärparade in Peking
Der chinesische Staatschef Xi Jinping hat zur Militärparade am 3. September illustre Gäste geladen. Darunter ist auch der russische Präsident Wladimir Putin. Schon vor der Parade haben sie bei einem Treffen in Peking ihr gutes Verhältnis betont. Putin und Xi betonten außerdem, zur Militärparade anlässlich des 80. Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkrieges der jeweils anderen Seite gekommen zu sein. © Sergei Bobylev/dpa
Vor Militärparade in Peking - Treffen Xi und Putin
Am 1. September hatten sich Xi und Putin beim Gipfel der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) für eine neue Weltordnung ausgesprochen. Die russlandfreundliche SOZ gilt Gegengewicht zu westlichen Bündnissen. Putin hatte erklärt, das eurozentrische und euroatlantische Modell habe sich überlebt. © dpa
Vor Militärparade in Peking - Ankunft Gäste
544732808.jpg © Pang Xinglei/dpa
Kim Jong un
Kim Jong-un verlässt sein Land überaus selten. Die Militärparade in Peking ist für ihn das erste Treffen mehrerer Staatschefs überhaupt. Es wird erwartet, dass er Xi Jinping und Wladimir Putin in Peking auch zu persönlichen Gesprächen trifft.  © afp
Vor Militärparade in Peking
Wichtige Vertreter aus dem Westen werden bei der Militärparade in Peking nicht im Publikum sein. Dabei ist aber der serbische Präsident Aleksandar Vučić (hier bei seiner Ankunft). © Lintao Zhang/dpa
Vor Militärparade in Peking - Ankunft Gäste
Auch der slowakische Regierungschef Robert Fico ist vor Ort (hier am Flughafen von Peking). Beide stehen vor allem dem russischen Präsidenten Wladimir Putin nahe. © Jade Gao/dpa
Militärparade China
China erinnert am 3. September an den Sieg über Japan im Zweiten Weltkrieg. Nach 2015 zum 70. Jahrestag hält die Volksrepublik damit zum zweiten Mal eine Militärparade anlässlich des Gedenkens an den Sieg über Japan im Zweiten Weltkrieg ab. Die letzte große Militärparade in Peking fand 2019 statt. Damals erinnerte die herrschende Kommunistische Partei an den 70. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik 1949. © Wang Zhao/afp
Militärparade China
Mit Zehntausenden Männern und Frauen will China bei der diesjährigen Militärparade anlässlich des 80. Jahrestages des Sieges im Widerstandskrieg gegen Japan seine Kampffähigkeit unter Beweis stellen.  © Pedro Pardo/afp
Übung zur Militärparade in Peking
Insgesamt sollen 45 Formationen über den Platz des Himmlischen Friedens in Peking laufen und fliegen. Darunter sind ausgewählte Einheiten des Heeres, der Marine, der Luftwaffe, aber auch der Luftabwehrtruppen.  © Johannes Neudecker/dpa
Militärparade China
Zudem will die Staatsführung in der rund 70-minütigen Vorführung Hunderte Panzer und Militärfahrzeuge sowie Kampfflugzeuge und Hubschrauber zur Schau stellen.  © Pedro Pardo/afp
Militärparade China
Schon seit geraumer Zeit trainieren am Stadtrand von Peking Einheiten in der Sommerhitze für die Militärparade.  © Pesro Pardo/afp
Übung zur Militärparade in Peking
Die Parade fällt in eine Zeit, in der Peking im Südchinesischen Meer und der Taiwanstraße unter westlicher Kritik zunehmend militärischen Druck aufbaut.  © Johannes Neudecker/dpa
Militärparade China
Alle gezeigten Waffensysteme sollen aus chinesischer Herstellung stammen. Darunter soll neue, bisher nicht gezeigte Ausrüstung sein, unter anderem Drohnen, elektronische Störsysteme, Hyperschallwaffen sowie Raketen- und Luftabwehrsysteme. © Pedro Pardo/afp
Militärparade China
Die bei der Parade zur Schau gestellten Waffen könnten Hinweise auf einen möglichen zukünftigen Konflikt mit Taiwan liefern. Es wird erwartet, dass dabei eine neue Serie von Anti-Schiffs-Raketen, die Ying Ji („Adlerangriff“), vorgestellt wird. Diese Marschflugkörper sowie ballistische und Hyperschallraketen könnten entscheidend sein in einem Gefecht mit der US-Marine. © Pedro Pardo/afp
Übung zur Militärparade in Peking
Die Parade wird auch die Rolle der Kommunistischen Partei der Volksrepublik beim Sieg über Japan herausstellen. © Johannes Neudecker/dpa
Übung zur Militärparade in Peking
Dabei sind sich die Historiker außerhalb Chinas weitgehend einig, dass das Hauptverdienst für diesen Sieg Chiang Kai-sheks Nationalisten zukommt, die damals den größten Teil Chinas regierten © Johannes Neudecker/dpa
Übung zur Militärparade in Peking
2015 würdigte die Kommunistische Partei die nationalistischen Soldaten, indem sie Veteranen zur Parade einlud. © Johannes Neudecker/dpa
Übung zur Militärparade in Peking
Auch ausländische Mächte trugen zur Niederlage Japans bei, darunter die als „Flying Tigers“ bekannten US-Piloten. Sie einzubeziehen, wäre eine versöhnliche Geste gegenüber der Regierung in Washington. © Johannes Neudecker/dpa
Siegesparade Moskau
Als Anerkennung der damaligen Unterstützung der Sowjetunion könnten russische Soldaten mitmarschieren – so wie auch chinesische Soldaten an der Moskauer Parade im Mai teilnahmen. © Kirill Kudryavtsev/afp
Übung zur Militärparade in Peking
In der Militärkapelle spielen laut staatlichen Medien 80 Hornisten mit, die für die 80 Jahre seit der Kapitulation Japans stehen.  © Johannes Neudecker/dpa
Übung zur Militärparade in Peking
Die insgesamt mehr als 1000 Musiker stehen in 14 Reihen – Sinnbild für die Jahre des chinesischen Widerstands.  © Johannes Neudecker/dpa
Militärparade China
In der offiziellen Geschichtsschreibung Chinas begann der Krieg mit der japanischen Invasion der Mandschurei 1931. © Wang Zhao/afp
Übung zur Militärparade in Peking
Groß angelegte Militärparaden in China sind selten. Peking selbst will die Parade und seine wachsende militärische Macht als einen Beitrag zum Frieden verstanden sehen. © Johannes Neudecker/dpa
Militärparade China
AFP__20250820__69ZJ7G6__v2__HighRes__TopshotChinaJapanHistoryWwiiMilitaryParade.jpg © Pedro Pardo/afp
Vor Militärparade in Peking - Treffen Xi und Putin
Nach der Parade wird Xi voraussichtlich eine Ansprache halten. Beobachter erwarten Kommentare zu den USA und zu Taiwan, das China als Teil der Volksrepublik betrachtet. © Sergei Bobylev/dpa

Bütikofer nennt den Streit um Seltene Erden als Beispiel – China hatte im Zuge des Handelskonflikts mit den USA seine Ausfuhren der wichtigen Rohstoffe auch nach Deutschland gedrosselt. Peking habe „klar erkennen lassen, dass man dort gewillt ist, einseitige Abhängigkeit Europas von China zu einem zentralen Charakteristikum der Beziehungen zu machen“, so Bütikofer.

Jürgen Matthes, China-Experte beim arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW), sagt deshalb: Klingbeil muss in Peking „eine komplette Abschaffung der Exportkontrollen für Seltene Erden fordern“. Deutschland verfüge durchaus über Drohpotenzial, sagte Matthes unserer Redaktion. „Klingbeil sollte deutlich darauf hinweisen, dass in der EU die Rufe nach einer Abschottung gegenüber China immer größer werden. Das würde China bei seinem exportgetriebenen Wachstum treffen, da es wegen der US-Zollpolitik und seinen zunehmenden Überkapazitäten noch stärker auf den EU-Markt angewiesen ist.“ Klingbeil hat bereits angekündigt, das Problem der Seltenen Erden anzusprechen, Chinas Verhalten könne Deutschland „nicht akzeptieren“.

Auch Chinas Unterstützung für Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine wolle er auf die Tagesordnung bringen, so der Vizekanzler. Er wünsche sich, „dass der Druck auf Russland hochgefahren wird, diesen völkerrechtswidrigen Krieg zu beenden“. China hat sich in dem Konflikt auf die Seite Moskaus gestellt und unterstützt Russland mit Dual-Use-Gütern, die militärisch und zivil genutzt werden können, sowie wirtschaftlich und diplomatisch – und macht bislang keinerlei Anstalten, daran etwas zu ändern. Im Gegenteil: Bei einem Treffen mit dem russischen Ministerpräsidenten Michail Mischustin erklärte Staats- und Parteichef Xi Jinping unlängst, er wolle die Beziehungen zu Russland weiter ausbauen.

Klingbeil vor China-Besuch: „Wir gucken sehr genau, was in Taiwan passiert“,

Auch beim Thema Taiwan – China betrachte den Inselstaat als Teil des eigenen Staatsgebiets – dürfte sich Klingbeil in Peking die Zähne ausbeißen. „Wir gucken sehr genau, was in Taiwan passiert“, erklärte der Vizekanzler nun zwar. Aber auch hier ist China zu keinerlei Zugeständnissen bereit. Mehr noch: Peking fordert zunehmend, dass Deutschland die chinesische Position in dem Konflikt übernimmt. „China verlangt, dass wir unsere Politik gegen unsere eigenen Interessen nach Pekinger Gebot ändern“, sagt Grünen-Politiker Bütikofer. Dem müsse sich Deutschland entschieden widersetzen. Keine leichte Aufgabe für Klingbeil bei seinem China-Debüt. (Quellen: Reinhard Bütikofer, Jürgen Matthes, dpa, chinesisches Außenministerium, eigene Recherchen)

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