Porträt

„Der Laden läuft“ – Wie SPD-Einpeitscher Wiese die fragile Merz-Koalition zusammenhalten muss

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Die Koalition will endlich Einigkeit vermitteln, der „Herbst der Reformen“ läuft an. Auf SPD-Seite zieht Dirk Wiese maßgeblich die Fäden im Hintergrund. Eine Grundeigenschaft könnte ihm dabei helfen.

Berlin – Mitte September ist zwar ganz schön spät fürs Angrillen – aber es geht immerhin um nicht weniger als den Koalitionsfrieden. Die schwarz-rote Koalition unter Kanzler Friedrich Merz hatte einen holprigen Start, erst die Kanzlerwahl mit Hindernissen, dann die vergeigte Richterwahl im Juli. Ein Grillabend in der gediegenen parlamentarischen Gesellschaft vor gut zwei Wochen sollte die Wogen glätten.

Dirk Wiese (li.) und Steffen Bilger: Sie sind maßgeblich für den Koalitionsfrieden mitverantwortlich.

Einer der Grillmeister, jedenfalls im übertragenen Sinne: Dirk Wiese. Er ist seit Mai Erster Parlamentarischer Geschäftsführer (PGF) der SPD im Bundestag – und damit Strippenzieher im Hintergrund. Hauptaufgaben: für Koalitionsfrieden sorgen und die Fraktion auf Linie halten. Ein Job, der selten mit so viel Verantwortung beladen war wie in dieser Legislatur, denn die Mehrheiten sind dünn, die AfD im Bundestag ist stark wie nie.

Grillen der schwarz-roten Merz-Koalition: „Es gab Würstchen“

Wieses neues Büro im Bundestag ist schon komplett eingerichtet, der Umzug vom Abgeordneten-Büro in die PGF-Räume vollzogen. Die Wände und Regale sind übersät mit BVB-Devotionalien, der Mann ist Fan des Dortmunder Fußballvereins. „Schwarz-Gelb ist allerdings nur beim Fußball gut“, sagt Wiese trocken. Wie war es denn nun beim Grillabend? Die lakonische Antwort: „Es gab Würstchen. Dazu das westfälische Grundnahrungsmittel.“ Sprich: Pils.

Der 42-Jährige holt rhetorisch selten allzu weit aus. Man könnte den Eindruck gewinnen: Dirk Wiese ist der Prototyp des Westfalen. Den Westfalen sagt man nach, wortkarg, bodenständig und zuverlässig zu sein und Hindernisse mit Gelassenheit aus dem Weg zu räumen. Und Wiese stammt aus Brilon im Sauerland tief im Osten von Nordrhein-Westfalen, wo das Westfälische nachgerade in Reinform gelebt wird. In Berlin trägt Wiese dunkle Anzüge, gern mit Krawatte, rein äußerlich bedient er kein Sauerländer Karohemd-Klischee. Dabei geht der Familienvater am liebsten in die Natur, zum Wandern, wenn er daheim ist. Das Sauerland ist eine hügelige Mittelgebirgsregion. Vielleicht lernt man dabei, den Überblick zu behalten.

Wiese hält mit seiner Sauerländer Heimatverbundenheit nicht hinterm Berg. Auf seinem Notizbuch prangt neben einem BVB-Sticker auch das Wappen des Sauerländer Schützenbundes, er ist Mitglied zahlreicher Heimatvereine. Muss er die jetzt abknibbeln, nachdem Bundestagspräsidentin Julia Klöckner Aufkleber im Bundestag verboten hat?Bis jetzt hat sie mich noch nicht ermahnt“, sagt Wiese. Und dann merkt man die Verschmitztheit, die bei ihm immer wieder durchbricht, den hintergründigen Humor: „Wir haben ja auch den Parlamentskreis Schützenwesen im Deutschen Bundestag. Und es gibt die Bundestags-Borussen als Institution des Deutschen Bundestages. Da kann die Präsidentin ja gar nichts gegen sagen.“

Historische Momente bei der Kanzlerwahl von Friedrich Merz

NRW-Ministerpräsident Hendrick Wüst herzte CDU-Parteichef Friedrich Merz
Vor dem ersten Wahlgang zur Kanzlerwahl im Bundestag war die Stimmung bei der Union noch bestens. NRW-Ministerpräsident Hendrick Wüst herzte CDU-Parteichef Friedrich Merz. Der wirkte entspannt und lächelte. Kurz darauf kippte die Stimmung. © RALF HIRSCHBERGER/AFP
Lars Klingbeil plauderte mit Friedrich Merz und Jens Spahn
Auch beim eigentlichen Koalitionspartner der CDU herrschte vor dem ersten Wahlgang der Kanzlerwahl im Bundestag noch eine gelöste Atmosphäre. SPD-Parteichef Lars Klingbeil plauderte mit Friedrich Merz und Jens Spahn. Klingbeil soll im schwarz-roten Kabinett unter Merz den Posten des Finanzministers übernehmen. Dafür muss der CDU-Chef aber erst einmal die Kanzlerwahl gewinnen. © TOBIAS SCHWARZ/AFP
Bundestag - Kanzlerwahl
Bei der Wahl des Bundeskanzlers waren auch Prominente anwesend. Auf der Besuchertribüne im Bundestag zu sehen waren unter anderem Altkanzlerin Angela Merkel (CDU), Astronaut Alexander Gerst (hinten) und DFB-Präsident Bernd Neuendorf (rechts). © Kay Nietfeld/dpa
Bundestag - Kanzlerwahl
Da schien die Welt noch in Ordnung: Der designierte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) gab im Bundestag bei der Kanzlerwahl seinen Stimmzettel ab.  © Michael Kappeler/dpa
Bundestag - Kanzlerwahl
Eine erste Krisenrunde? Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU, Mitte) sprach kurz vor Bekanntgabe des Ergebnisses der ersten Wahlgangs der Kanzlerwahl mit Angehörigen des Bundestagspräsidiums.  © Sebastian Gollnow/dpa
Bundestag - Kanzlerwahl
Dann war es so weit: Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) verkündete das Ergebnis des ersten Wahlgangs der Kanzlerwahl. Friedrich Merz erhielt in geheimer Abstimmung 310 von 621 abgegebenen Stimmen und damit sechs weniger als die nötige Mehrheit von 316. Die Koalitionsfraktionen CDU/CSU und SPD haben zusammen 328 Sitze im Parlament. © Sebastian Gollnow/dpa
Bundestagspräsidentin Julia Klöckner
Sie hatte sich ihren ersten wichtigen Arbeitstag als Bundestagspräsidentin sicher anders vorgestellt: Julia Klöckner leitete die Sitzung, in der das Parlament den Bundeskanzler wählen sollte. So fiel der CDU-Politikerin auch die Aufgabe zu, die Niederlage ihres Parteichefs Friedrich Merz im ersten Wahlgang der Kanzlerwahl zu verkünden. © TOBIAS SCHWARZ/AFP
Bundestag - Kanzlerwahl
Die Union hatte auf ein anderes Ergebnis gehofft: Friedrich Merz (CDU) zwischen Alexander Dobrindt (CSU) und Jens Spahn (CDU).  © Michael Kappeler/dpa
Jens Spahn und Friedrich Merz
Nachdem Bundestagspräsidentin Julia Klöckner das Ergebnis des ersten Wahlgangs der Kanzlerwahl verkündet hatte, unterbrach sie die Sitzung. Im Plenarsaal des Reichstags wurde es kurz hektisch. Fraktionsvorsitzender Jens Spahn kam mit Friedrich Merz und weiteren CDU-Politikern zusammen, um das weitere Vorgehen zu besprechen. © TOBIAS SCHWARZ/AFP
Bundestag - Kanzlerwahl
Danach war erst einmal Pause angesagt: „Sitzungsunterbrechung“ stand nach dem ersten Wahlgang auf einem Bildschirm im Plenarsaal im Bundestag. Die Kanzlerwahl war zunächst vertagt. © Kay Nietfeld/dpa
Bundestag - Kanzlerwahl
Im ersten Wahlgang brachten CDU, CSU und SPD die Kanzlermehrheit nicht zustande. Es galt, Fragen zu klären. Der designierte Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD, Mitte) suchte dabei auch das Unions-Fraktionsbüro auf. © Michael Kappeler/dpa
Klingbeil dabei sicher auch mit Friedrich Merz
Gesprochen hat Klingbeil dabei sicher auch mit Friedrich Merz (CDU). In der Union wurde vermutet, dass die fehlenden Stimmen aus der SPD gekommen seien. Doch aus Klingbeils Umfeld hieß es, es gebe keine Hinweise auf Abweichler in den eigenen Reihen. Darauf deute auch das Mitgliedervotum von 85 Prozent für den Koalitionsvertrag hin. „Auf uns ist Verlass.“ © Michael Kappeler/dpa
Friedrich Merz im Gespräch mit Omid Nouripour
Kurz nach seiner Niederlage im ersten Wahlgang der Kanzlerwahl befindet sich Friedrich Merz im Gespräch mit Omid Nouripour. Der ehemalige Vorsitzende der Grünen ist ebenfalls Abgeordneter des Bundestags. © RALF HIRSCHBERGER/AFP
Schloss Bellevue
Eigentlich sollte Friedrich Merz nach der Kanzlerwahl und als frisch gewählter Regierungschef ins Schloss Bellevue fahren, um sich dort von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vereidigen zu lassen. Doch die geplante Zeremonie musste nach der überraschenden Pleite von Merz im ersten Wahlgang der Kanzlerwahl zunächst verschoben werden.  © JOHN MACDOUGALL/AFP
Charlotte Merz, die Ehefrau von CDU-Chef Friedrich Merz
Charlotte Merz, die Ehefrau von CDU-Chef Friedrich Merz, verfolgte die Niederlage ihres Mannes im ersten Wahlgang der Kanzlerwahl auf der Besuchertribüne des Bundestags. Beistand erhielt sie dort von den gemeinsamen Töchtern Carola Cluesener (2.v.l.) und Constanze Merz (l.). Die Stimmung der Frauen aus der Familie Merz dürfte nach Bekanntgabe des Ergebnisses nicht die Beste gewesen sein. © RALF HIRSCHBERGER/AFP
Angela Merkel zu Gast im Bundestag
Das Amt, das Friedrich Merz anstrebt, hatte Angela Merkel ganze 16 Jahre inne. Als Bundeskanzlerin führte die damalige CDU-Chefin in dieser Zeit gleich mehrere Koalitionen. Einen ersten Wahlgang verlor sie bei der Kanzlerwahl genausowenig wie ihre Vorgänger. Das ist in der Geschichte der Bundesrepublik bislang nur Friedrich Merz gelungen. © Imago
AfD Parteichefin Alice Weidel
Selbstredend versuchte die AfD, das Ergebnis des ersten Wahlgangs der Kanzlerwahl medial für sich auszuschlachten. „Herr Merz sollte direkt abtreten und es sollte der Weg geöffnet werden für Neuwahlen in unserem Land“, forderte Parteichefin Alice Weidel. Diese Forderung kommt nicht überraschend. Die AfD, die vor kurzem vom Verfassungsschutz in ihrer Gesamtheit als rechtsextremistisch eingestuft wurde, liegt in vielen aktuellen Umfragen gleichauf mit der CDU. © Christian Thiel/imago
AfD-Chefin Alice Weidel nach dem ersten Wahlgang der Kanzlerwahl mit Alexander Gauland
Noch im Plenarsaal beriet sich AfD-Chefin Alice Weidel nach dem ersten Wahlgang der Kanzlerwahl mit Alexander Gauland. Der ehemalige Vorsitzende der Rechtspopulisten ist der älteste Abgeordnete des Bundestags. Doch auch für ihn ist die Situation, dass ein Kanzlerkandidat wie Friedrich Merz seine Wahl im Bundestag verliert, neu. © IMAGO/Frederic Kern
Thorsten Frei soll im Kabinett von Friedrich Merz den wichtigen Job des Kanzerlamtsministers übernehmen
Thorsten Frei soll im Kabinett von Friedrich Merz den wichtigen Job des Kanzerlamtsministers übernehmen. Das Ergebnis des ersten Wahlgangs bei der Kanzlerwahl ließ auch den 51 Jahre alten CDU-Politiker, der als enger Vertrauter von Merz gilt, zunächst ratlos zurück. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
der Co-Vorsitzende der Linken, Jan van Aken
Beim historischen Debakel von Friedrich Merz war auch der Co-Vorsitzende der Linken, Jan van Aken, anwesend. Das Ergebnis des ersten Wahlgangs der Kanzlerwahl sei aber nicht nur ein Niederlage für Friedrich Merz, sondern auch für seinen designierten Vizekanzler, SPD-Chef Lars Klingbeil. Er wisse nicht, wie es nach dieser „Klatsche für Merz und Klingbeil“ nun weitergehen würde. „Vielleicht war es nur ein Schuss vor den Bug“, mutmaßte Van Aken im Gespräch mit dem ZDF. Es sei aber auch denkbar, dass Merz sogar die eigene Partei nicht hinter sich habe bringen können. © IMAGO/Emmanuele Contini
Frankfurter Börse
Die politische Unsicherheit durch das Scheitern von Friedrich Merz (CDU) im ersten Wahlgang zum Bundeskanzler machte sich auch an der Börse bemerkbar. Der Deutsche Aktienindex (Dax) sackte nach der Bekanntgabe des Ergebnisses zunächst spürbar ab. Gegen 11.30 Uhr notierte der Index bei rund 22.900 Punkten und somit rund 300 Punkte niedriger als anderthalb Stunden zuvor.  © Arne Dedert/dpa
Kanzlerwahl - Pressestatement CSU
Nach dem Scheitern von CDU-Chef Friedrich Merz im ersten Durchgang der Kanzlerwahl warnte der CSU-Vorsitzende Markus Söder in einem Statement in München vor unkalkulierbaren Folgen für Deutschland und die Demokratie. Die Gefahr eines Scheiterns der neuen Regierung könne „ein Vorbote von Weimar sein, denn die Folgen sind unabsehbar“, erklärte Söder. © Sven Hoppe/dpa
Bundestag - Kanzlerwahl
Die Grünen wollen Merz mit ihren Stimmen nicht zur Kanzlerschaft verhelfen. „Wir sagen ganz klar: Bündnis 90/Die Grünen werden Friedrich Merz nicht wählen“, sagte Fraktionschefin Britta Haßelmann (rechts) nach einer längeren Sitzung ihrer Fraktion im Bundestag. Co-Fraktionschefin Katharina Dröge (links) verwies darauf, dass Bundestagspräsidentin Julia Klöckner nun „Herrin des Verfahrens“ sei und einen Vorschlag unterbreiten müsse, „wie schnell es möglich ist, in einen zweiten Wahlgang einzusteigen“. © Sebastian Gollnow/dpa
Olaf Scholz bezeichnete das Ergebnis des ersten Wahlgangs der Kanzlerwahl als „absurd“
523354871.jpg © Kay Nietfeld/dpa
Bundestag - Kanzlerwahl
Trotz seiner überraschenden Pleite im ersten Wahlgang zeigte sich Merz danach entschlossen, erneut anzutreten. Dafür soll er große Rückendeckung seiner Fraktion bekommen haben.  © Michael Kappeler/dpa
Bundestag - Kanzlerwahl
Noch am 6. Mai hat der Bundestag mit der erforderlichen Zweidrittelmehrheit einen zweiten Wahlgang für die Wahl des Bundeskanzlers am Nachmittag angesetzt. Die Fraktionen von Union, SPD, Grünen und Linken hatten dies nach dem gescheiterten ersten Wahlgang gemeinsam beantragt. Nach einer kurzen Debatte machten sich die Abgeordneten auf den Weg, um ihre Stimme abgeben zu können. © Sebastian Gollnow/dpa
Kanzlerwahl
Im zweiten Anlauf wurde Merz dann doch im Bundestag zum zehnten Kanzler der Bundesrepublik Deutschland gewählt. Er erhielt in geheimer Abstimmung 325 Ja-Stimmen und damit neun mehr als die nötige Mehrheit von 316. Die Koalitionsfraktionen CDU/CSU und SPD haben zusammen 328 Sitze im Parlament. Merz nahm die Wahl an. „Ich bedanke mich für das Vertrauen, und ich nehme die Wahl an“, sagte er auf eine entsprechende Frage von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner. © Tobias Schwarrz/AFP
Kanzlerwahl
Erster Gratulant nach der Wahl war der bisherige Bundeskanzler Olaf Scholz. Jetzt steht dem Regierungswechsel ein halbes Jahr nach dem Bruch der Ampel-Koalition nichts mehr im Wege. Merz muss aber im Schloss Bellevue von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier noch die Ernennungsurkunde erhalten und ist erst dann auch rechtlich gesehen Bundeskanzler.  © Ralf Hirschberger/AFP

In seiner Heimatstadt Brilon war Wiese schon vor über 20 Jahren politisch aktiv. Das prägt seine Art zu arbeiten bis heute. Der schwarz-rote Grillabend in Berlin sei letztlich „wie früher nach der Ratssitzung an der Theke“, sagt Wiese. „Man kann sich auch mal gestritten haben, man kann mal unterschiedlicher Meinung gewesen sein, aber am Ende des Tages muss man immer noch ein Bier zusammen trinken können.“ Das habe ihm „sehr früh ein alter Ratsherr aus dem Sauerland mit auf den Weg gegeben, und das beherzigen wir“.

In der Tat betonen beide Fraktionen in diesen Tagen immer wieder, dass sie an einem Strang ziehen wollen. Die Klausurtagung in Würzburg und zuletzt die Kabinettsklausur sollen das noch einmal untermauern, ein „Herbst der Reformen“ steht an. Zeit für Selbstkritik, aber vor allem einen Blick nach vorn, findet Wiese: „Der 11. Juli, der Tag der abgesetzten Richterwahl, hat gezeigt, wie es nicht geht. Mit der Klausurtagung in Würzburg und in vielen Gesprächen in der Sommerpause und danach haben wir uns gegenseitig die Meinung gesagt, Missverständnisse aus dem Weg geräumt und gemeinsame Ziele für eine erfolgreiche Zusammenarbeit gesetzt.“

Ein erstes Friedenszeichen: die im zweiten Anlauf gelungene Richterwahl. „Wir haben jetzt ein hervorragend besetztes Bundesverfassungsgericht“, so Wiese. Tatsächlich ist die Koalition zum Erfolg verdammt – alles andere würden der Rechtsaußen-Fraktion in die Hände spielen. Wie groß ist da der Druck für einen wie Wiese? Er versucht‘s, wie oft, mit einer Sportlerallegorie: „Um es mit einer Fußballmannschaft zu vergleichen: Man gewinnt zusammen, man verliert zusammen. Wir legen aber Wert aufs Gewinnen“, sagt er.

Sticker auf dem Notizbuch: „Bis jetzt hat mich Julia Klöckner noch nicht ermahnt.“

Im westfälischen Sprachgebrauch manifestieren sich im Grunde nur zwei Gemütszustände: Man ist entweder „schlecht zufrieden“ oder „gut zufrieden“. Sprich: Ohne allzu große emotionale Ausschläge pendelt sich das Grundgefühl immer irgendwie um eine gewisse Grundgelassenheit ein. „Womöglich ist eine ruhige und besonnene Mentalität hilfreich in Verhandlungen“, konstatiert Wiese. Für die Parteispitze um Lars Klingbeil und Bärbel Bas ist er einer der wichtigsten Männer, das Funktionieren der Koalition auf SPD-Seite hängt maßgeblich auch davon ab, die Fraktion angesichts hauchdünner Mehrheiten auf Linie zu halten. „Zwölf Stimmen Mehrheit – klingt erstmal viel über den Durst. Aber es müssen nur mal ein paar Kollegen krank sein und schon sind die Mehrheiten gefährdet“, sagt Wiese.

Zusammenarbeit zwischen SPD und Union: „Das kann man hier ruhig mal loben“

Für Mehrheiten muss er vor allem gemeinsam mit Steffen Bilger sorgen, dem Parlamentarischen Geschäftsführer der CDU/CSU-Fraktion, der aus Baden-Württemberg kommt. „Mit Steffen Bilger kann man wirklich hervorragend zusammenarbeiten“, sagt Wiese, schmunzelt, und setzt nach: „Stuttgart-Fans sind unproblematisch. Das kann man hier ruhig mal loben.“ Trifft man sich auch mal privat, als Freunde? Wiese sagt es so: „In der Politik von Freundschaft zu sprechen, ist vielleicht ein bisschen überhöht. Freunde habe ich zu Hause am Stammtisch und im Kegelclub.“ Dass er seine Fraktion im Griff hat, davon ist der Jurist überzeugt. „Wir haben als SPD bei der Aussetzung des Familiennachzugs für subsidiär Schutzberechtigte gezeigt, dass es funktioniert. Das war der erste harte Test, und die SPD-Fraktion hat gestanden.“ Im Juni hatte die Koalition die Aussetzung beschlossen, viele SPD-Abgeordnete hatten hart daran zu schlucken.

Im englischsprachigen Raum nennt man die parlamentarischen Geschäftsführer „Whips“, sie sind die Einpeitscher. „Ich finde diese Jobbezeichnung ganz schön. Im Endeffekt ist man dafür da, dass der Laden läuft“, so Wiese. Laut wird er dem Vernehmen nach allerdings nie. Parteifreunde schätzen indes seine direkte Sprache. Derweil geht es jetzt wohl auch um Profilschärfung beider Koalitionspartner. Zuletzt lag die AfD bei Umfragen gleichauf mit der CDU und deutlich vor der SPD. „Wenn einen in der Politik jede Umfrage nervös machen würde, wäre man diesem Job nicht gewachsen“, sagt Wiese. „Diese Koalition muss und wird jetzt zeigen, dass aus der demokratischen Mitte heraus dieses Land vernünftig regiert werden kann.“

Wenngleich Wiese Kritik an den Plänen der anderen durchaus nicht unterdrückt. Über Bundeswirtschaftsminiserin Katherina Reiche etwa sagt er: „Mich erinnert sie manchmal an Robert Habeck. Der hatte diese Tendenz, über alles und nichts zu philosophieren, aber sich nicht wirklich um die Wirtschaft zu kümmern. Frau Reiche sollte weniger über Rente reden und sich mehr um ihr Kerngeschäft kümmern.“ Ihre aktuelle Energiepolitik finde er „fragwürdig“, zuletzt hatte Reiche Schritte bei der Energiewende und Zuschüsse für Solaranlagen infrage gestellt. „Katherina Reiche verunsichert derzeit Hausbesitzer, die sich eine Photovoltaik-Anlage aufs Dach installieren wollen, und das Handwerk mit ihrer Kommunikation. Das halte ich für nicht zu Ende gedacht.“

Wer mit Wiese ins Gespräch kommt, erfährt früher oder später, dass er Rockmusik mag und die Toten Hosen. „Die haben damals, als ich jung war, Alben rausgegeben wie ‚Reich und sexy‘. Dann kam damals das Album ‚Unsterblich‘ mit dem Bayern-Song, den fand ich sehr gut“, erzählt er jetzt.  Und kommt dann doch ein bisschen ins Plaudern. „Die Toten Hosen haben übrigens schon in Brilon bei mir zu Hause gespielt. In der Schützenhalle. Danach wurde die Halle nie wieder an eine Punkband vermietet.“ Der Hallenboden habe danach umfassend renoviert werden müssen. Hatte er auch was damit zu tun? Dirk Wiese, ein wilder Pogo-Tänzer? „Nee. Da war ich noch ein bisschen jünger, so 13. Aber der Hallenboden musste eh mal neu gemacht werden“, sagt Wiese und grinst.  

Seine absoluten Lieblingsbands sind übrigens Metallica und AC/DC. Fällt ihm ein Songtitel zum gegenwärtigen Zustand der Koalition ein? Vielleicht ja Highway to Hell? Oder Thunderstruck? So leicht lässt sich Wiese nicht aus der Reserve locken. Er überlegt, dann kommt die kurze Antwort: It‘s a long way to the top if you wanna rock‘n‘roll.“ Wieso denn das? „Es geht nicht von heute auf morgen an die Spitze. Wenn diese Koalition das Land erfolgreich regieren will, hat sie einen steinigen Weg vor sich. Aber am Ende lohnt es sich und man wird gemeinsam wiedergewählt.“

Rubriklistenbild: © Kay Nietfeld/dpa

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