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Kabinettsklausur von Schwarz-Rot: Merz will Krise beenden – doch sein eigener Experte warnt

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Das Merz-Kabinett trifft sich zur Klausur. Ziel: Aufbruch. Doch ausgerechnet ein Gast ist Gegner der schwarz-roten Politik.

Berlin – Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und sein Kabinett wollen das Ruder herumreißen. Endlich ins Machen kommen, endlich die Streitereien hinter sich lassen und vor allem: endlich raus aus der Wirtschaftskrise. Die am Dienstag gestartete Kabinettsklausur in der Berliner Villa Borsig, benannt nach dem Industriellen Ernst von Borsig, soll symbolisch dafür stehen. Die Regierungsmitglieder sprechen über Hightech, Digitalisierung und eben die Wirtschaft. Als Impulsgeber lud Merz dafür einen Topökonom ein. Doch dieser kritisiert ausgerechnet die von Merz beschlossene Schuldenpolitik von Sondervermögen und Reform der Schuldenbremse.

In der Berliner Villa Borsig soll es neben konkreter Politik auch ums Teambuilding der Ministerinnen und Minister gehen.

„Wir setzen alles daran, dass die deutsche Wirtschaft wieder Tritt fasst“, sagte Kanzler Merz zum Auftakt. Dazu betonte er, wie wichtig neue private Investitionen für das Land seien. „Dass das möglich ist, zeigen die Investitionszusagen, die wir in den letzten Wochen bekommen haben.“ Diese Zusagen sind Merz zufolge aber daran gebunden, „dass die Rahmenbedingungen wieder ertragreiches Investieren zulassen“.

Deutsche Wirtschaftskrise: Topökonom kritisiert Merz-Politik

Bisher bleibt das ersehnte Wachstum aus. Wohl auch deshalb lud Merz den Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Princeton, Markus Brunnermeier, in die Villa Borsig. „Er kennt Deutschland, wird aber auch den Blick von außen auf unser Land werfen“, so der Kanzler. Pikant daran: Brunnermeier, der schon die Bundesbank oder den IWF beriet, unterstützt zwar private Investitionen, steht hoher Staatsverschuldung aber kritisch gegenüber, wie er in einem Interview mit dem Private Banking Magazin erklärte. Das vom Union und SPD eingeleitete Rekordschuldenpaket passt in diese Lesart nicht hinein.

Wie diese Redaktion vor Ort aus Regierungskreisen erfuhr, machte sich der Ökonom auch hinter verschlossener Tür vor dem Kabinett für seinen Kurs stark. Deutschland müsse angesichts der globalen Krisen resilienter werden und sich flexibler anpassen können. Brunnermeier warb für Puffer im Finanzsektor – warnte also vor einer zu hohen Staatsverschuldung.

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke

SPD-Co-Chef und Vizekanzler Lars Klingbeil sagte demnach, die Frage der Resilienz stelle sich überall, im Sicherheits-, wie im Finanzbereich, wie dieser Redaktion aus Regierungskreisen berichtet wurde. Bildungsministerin Karin Prien (CDU) forderte einen Wandel des „Mindsets“ und der „Kultur“, um Angstpolitik in Erwartungspolitik zu wandeln. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) soll in einem leidenschaftlichen Beitrag Veränderungsmüdigkeit beklagt und die Notwendigkeit neuer Visionen gefordert haben.

Die Wettbewerbsfähigkeit sei Aufgabe aller Ministerien, betonte der Kanzler und nannte dabei explizit auch die Sozialpolitik. Seit Wochen herrscht bei Schwarz-Rot ein offener Dissens, wie mit dem Sozialstaat weiter verfahren werden soll. Merz will massiv einsparen, etwa beim Bürgergeld. SPD-Co-Parteichefin sowie Arbeits- und Sozialministerin Bärbel Bas will zwar auch Kosten reduzieren, hält die Sanktionsvorstellungen der Union aber für zu weitreichend. Wie genau das Bürgergeld zur „Neuen Grundsicherung“ reformiert werden soll, dürfte in den kommenden Wochen konkret werden.

Einig sind sich alle beim Schwerpunkt des zweiten Klausurtages am Mittwoch, der Staatsmodernisierung. „Die längst überfällige Modernisierung unseres Staates muss nun wirklich schnell vorangehen. Wir müssen staatliche Leistungen überprüfen, wir müssen effizienter werden.“ Merz und seine Regierung wollen damit Milliarden einsparen und aufbauend auf den Gesprächen „konkrete Kabinettsbeschlüsse fassen“, wie der Kanzler ankündigte.

Minister muss ins Krankenhaus

Bei der Klausur in beeindruckender Herbst-Atmosphäre inmitten eines großzügigen Parks und mit direkter Seelage (im Juli begrüßte Merz schon Frankreichs Präsident Emmanuel Macron in der Villa Borsig), sollen wohl vor allem Signale gesendet werden, neue politische Eingebungen sind nicht zu erwarten. Der streitgebeutelten jungen Koalition könnten Bilder eines lockeren Zusammenkommens und der Einigkeit aber gut bekommen. Aus Regierungskreisen heißt es explizit, dass die Kabinettsklausur auch dem Teambuilding dienen soll.

Der für sein außenpolitisches Engagement bekannte Kanzler ließ es sich vor der Villa am Dienstagmorgen trotz innenpolitischem Fokus nicht nehmen, auch den von US-Präsident Donald Trump und Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu vorgestellten 20-Punkte-Plan für einen Frieden im Gaza-Krieg zu kommentieren. „Wir begrüßen den von Präsident Trump vorgelegten Friedensplan für Gaza. Dieser Plan ist fast nach drei Jahren des Blutvergießens die bislang beste Chance auf ein Ende des Krieges“, so Merz. „Die Tatsache, dass Israel diesen Plan unterstützt, ist ein bedeutender Fortschritt, nun muss Hamas zustimmen und den Weg zum Frieden freimachen. Dies ist nun wirklich der letzte Schritt, der notwendig ist, und ich fordere die Hamas ausdrücklich auf, dem Plan zuzustimmen.“

Bereits wenige Stunden nach Klausurbeginn musste Verkehrsminister Patrick Schnieder nach einer Kreislaufschwäche das Treffen verlassen und wurde zum Check ins Krankenhaus gebracht. „Er ist am Tisch zusammengesackt. Es war gleich wieder gut, zur Sicherheit wird er jetzt zur Überprüfung ins Bundeswehrkrankenhaus gebracht“, sagte Regierungssprecher Stefan Kornelius.(Quellen: Eigene Recherche, Private Banking Magazin)

Rubriklistenbild: © IMAGO/ photothek/ Panama Pictures (Montage)

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