Pakistan

Flucht aus Afghanistan: Was ist eine deutsche Aufnahmezusage wert?

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Rund 2500 gefährdete Afghaninnen und Afghanen sitzen in Pakistan fest. Sie hoffen auf Schutz vor den Taliban, doch die Merz-Regierung zögert.

Islamabad – Seit mehr als zwei Jahren lebt Rahim in Islamabad und wartet auf ein Visum für Deutschland. Die Telefonverbindung ist stabil, Rahim spricht schnell. Einzelne deutsche Wörter mischen sich in sein Dari-Persisch, und ein deutscher Name. „Nachdem Friedrich Merz gewählt wurde“, sagt er, „hat sich die Lage für uns in Islamabad verändert. Der Stress und der Druck hat extrem zugenommen.“

Rahim heißt eigentlich anders. Sein Name ist der Redaktion bekannt, er möchte aber unerkannt bleiben. Aus Angst vor den Taliban. Er ist einer der rund 2500 Afghaninnen und Afghanen, die mit vorläufigen Aufnahmezusagen für Deutschland in Pakistan festsitzen – und gerade nicht wissen, wie es für sie weitergeht.

Afghan:innen sind schon so lange in Islamabad, dass ihre Visa für Pakistan abgelaufen sind

Im schwarz-roten Koalitionsvertrag steht, dass das Bundesaufnahmeprogramm, aus dem die meisten der Aufnahmezusagen stammen, „soweit wie möglich“ beendet werden soll. Zudem haben Unionspolitiker, unter anderem Kanzleramtschef Thorsten Frei, angekündigt, Aufnahmezusagen zu überprüfen und, wenn möglich, zu widerrufen. Diese Überprüfung findet gerade statt. Eine Entscheidung über die Aufnahme der bereits bewilligten Fälle stehe noch aus, teilt das Bundesinnenministerium mit. Bis dahin seien Einreisen grundsätzlich ausgesetzt.

Für Rahim und die anderen heißt das erstmal: Warten. Doch die Zeit drängt. Viele der Afghan:innen sind mittlerweile schon so lange in Islamabad, dass ihre Visa für Pakistan abgelaufen sind. Eine Verlängerung ist – wenn überhaupt – nur für viel Geld möglich. Wer von den pakistanischen Sicherheitsbehörden aufgegriffen wird, dem droht die Abschiebung nach Afghanistan. Ende März war eine Frist der pakistanischen Regierung abgelaufen. Bis dahin sollten alle Afghan:innen ohne Aufenthaltsgenehmigung das Land verlassen. In den vergangenen Monaten kam es in den Unterbringungen, in denen die Afghan:innen quer über die Stadt verteilt sind, bereits zu Razzien. Rahim musste in seiner Zeit in Islamabad schon mehrfach umziehen. „Nach Afghanistan“, sagt Rahim, „kann ich auf keinen Fall zurück.“

Durch neuen Kurs der Merz-Regierung droht vielen Afghanen die Rückschiebung zu den Taliban

Rahim, so erzählt er, hat sich in Afghanistan für Frauenrechte eingesetzt. Nach der Machtübernahme der Taliban sei er in Kabul auf der Straße gewesen und habe protestiert. Er habe die Protestparolen verfasst und die Kundgebungen mitorganisiert. Daraufhin hätten die Taliban ihn festgenommen. Für zwei Monate sei er im Gefängnis gewesen.

Schläge ins Gesicht habe er dort erlebt – und Elektroschocks. Nur durch Druck internationaler Organisationen sei er freigekommen. Er sei auf eigene Kosten und eigenes Risiko nach Pakistan geflohen. Die Aufnahmezusage habe er erst fünf Monate später erhalten. Eine NGO habe ihn für das Bundesaufnahmeprogramm vorgeschlagen.

Eine NGO, mit der die Frankfurter Rundschau in Kontakt ist, bestätigt das, was Rahim erzählt. Genauer überprüfen, was er in Afghanistan erlebt hat, konnte die Frankfurter Rundschau nicht. Bis Aufnahmezusagen erteilt werden, müssen allerdings engmaschige Prüfverfahren durchlaufen werden, an denen das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf), das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV), das Bundeskriminalamt (BKA) und die Bundespolizei beteiligt sind. Der Wahrheitsgehalt der Gefährdung wird also überprüft – mehrfach.

Klage gegen das Auswärtige Amt, um den Taliban zu entkommen

Was bei Rahim noch aussteht, sind die finalen Sicherheitsinterviews und Sicherheitsüberprüfungen. Die finden in der deutschen Botschaft in Pakistan statt, denn Deutschland hat in Afghanistan keine diplomatische Vertretung. Sie werden von der Bundespolizei, dem Bundeskriminalamt und dem Verfassungsschutz durchgeführt. Sie sind der letzte Schritt. Danach sollte ein Visum für Deutschland ausgestellt werden. Eigentlich.

Provisorische Schule für afghanische Kinder in Islamabad: Hunderttausende sind vor den Taliban geflohen.

Denn anders als Rahim haben Dutzende der Afghan:innen diesen letzten Schritt schon genommen und warten trotzdem noch auf die Visa. Dagegen reichte eine Afghanin nun vor dem Berliner Verwaltungsgericht Klage gegen das Auswärtige Amt (AA) ein, das bestätigte ihr Anwalt Matthias Lehnert der Frankfurter Rundschau. In einem Eilantrag dringt die Frau auf Ausstellung von Visa für sich und ihre Familie.

Die Klägerin, sagt Anwalt Lehnert, sei Wissenschaftlerin und Schriftstellerin und habe Deutschland bereits für Forschungsaufenthalte besucht. Vor der Machtübernahme der Taliban hat sie demnach für die afghanische Regierung gearbeitet. Aus Angst vor den Taliban will auch sie nicht erkannt werden.

2023 hatte das Bamf eine Aufnahme im Rahmen des Bundesaufnahmeprogramms zugesagt

Im Oktober 2023 hatte ihr das Bamf eine Aufnahme im Rahmen des Bundesaufnahmeprogramms zugesagt. Diese erstreckt sich auch auf Familienangehörige, die durch die Tätigkeit ihrer Verwandten bedroht sind. Der Klägerin wurde für sie selbst und 13 Verwandte die Aufnahme zugesagt, darunter mehrere kleine Kinder.

Im Fall der Klägerin fanden die Sicherheitsinterviews im Oktober 2024 statt. Mitte März 2025, sagt Anwalt Lehnert, sei dann per E-Mail ein Hinweis gekommen, dass die Visa fertig seien. Im April habe seine Mandantin aber erneut für ein Interview in die Botschaft kommen müssen, ohne dass sie über Sicherheitsbedenken informiert worden sei. Trotzdem seien die Visa noch nicht ausgehändigt worden.

Die Argumentation der Klage lautet: Da das Auswärtige Amt keine Hinweise auf Sicherheitsbedenken gegeben habe, sei zu schließen, dass keine vorliegen und die Visa ausgehändigt werden müssen. Aus zwei Gründen liege auch eine Dringlichkeit vor: Erstens drohe eine Abschiebung nach Afghanistan. Zweitens drohe, dass das deutsche Botschaftspersonal wegen des Konflikts zwischen Indien und Pakistan abgezogen werde. Dann Fall wäre eine Aushändigung der Visa nicht mehr möglich.

Merz-Regierung hat bereits Aufnahmezusagen für bis zu 150 Menschen zurückgenommen

Es ist die erste Klage dieser Art. Eine Entscheidung ist wegen des Eilantrags schon im Juni zu erwarten. Zugleich werden weitere Klagen vorbereitet, wie einige Hilfsorganisationen berichten. Denn sobald die Aufnahmezusagen zurückgenommen werden, müssen die Betroffenen die Unterbringung in Islamabad innerhalb von sieben Tagen verlassen.

Laut einer NGO, mit der die Frankfurter Rundschau in Kontakt ist, wurden in den vergangenen Wochen schon Aufnahmezusagen für bis zu 150 Menschen zurückgenommen. Die betroffenen Leute werden darüber in einem Schreiben auf Deutsch informiert und haben vier Wochen Zeit, einen Einspruch zu schreiben.

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke

Im Oktober 2022 war das Bundesaufnahmeprogramm als großes Versprechen gestartet worden. Ursprünglich war geplant, 30 000 Ortskräften, Frauenrechtler:innen und andere Schutzbedürftigen mit dem Bundesaufnahmeprogramm zu helfen. Bisher wurden allerdings nur etwas mehr als 1500 Menschen nach Deutschland gebracht.

Ob Rahim noch ein Visum bekommt, ist ungewiss. Sollte seine Aufnahmezusage zurückgenommen werden, hat er weder genug Geld, um auf eigene Kosten in Islamabad zu bleiben, noch eine Ahnung, wie er innerhalb von vier Wochen Einspruch einlegen soll. „Wir sitzen hier in unserer Unterbringung aktuell häufig zusammen und sprechen darüber, wie es mit uns weitergeht“, sagt er. Niemand habe wirklich einen Plan. „Deutschland ist aktuell unsere einzige Hoffnung.“

Rubriklistenbild: © Ahmad Kamal/imago

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