Syrien

„Die Angst in den Kurdengebieten in Syrien ist sehr groß“

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Überstürzt fliehen viele vor den islamistischen Milizen in die kurdisch dominierte Region.
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Anita Starosta von Medico International über die Kämpfe in Syrien, Zehntausende auf der Flucht und was der Westen tun muss. Ein Interview.

Frau Starosta, die islamistische Miliz Hayat Tahrir al-Sham (HTS) hat in den vergangenen Tagen ein großes Gebiet in Syrien erobert und Assads Streitkräfte zurückgedrängt. Gleichzeitig dringen Milizen in bisher kurdisch gehaltenes Gebiet ein. Das hat massive Fluchtbewegungen ausgelöst. Wovor fliehen diese Menschen?

Die Fluchtbewegungen aus Gebieten, die bisher unter Kontrolle der kurdischen Selbstverwaltung standen, sind vor allem darauf zurückzuführen, dass die kurdische Bevölkerung und auch andere Minderheiten große Angst vor islamistischen Übergriffen haben. Es gibt zwei Orte, die das aktuell betrifft: Zum einen der kurdische Stadtteil in Aleppo, Sheikh Maksud, wo noch Verteidigungseinheiten der kurdischen Selbstverwaltung (SDF) präsent sind. Diese verhandeln gerade mit der HTS über die Zukunft des Viertels. Bisher ist unsere Info, dass die Kurdinnen und Kurden noch bleiben und auch andere Minderheiten, die sich dorthin zurückgezogen haben, erst mal abwarten, was das Ergebnis der Verhandlungen ist.

Dann gibt es eine weitere Region, Tel Rifat. Dort leben in dem Flüchtlingslager Shebha und anderen Ansiedlungen seit 2018 über 100 000 Menschen. Sie sind damals vor den Angriffen der Türkei und ihrer Söldnergruppen aus Afrin geflohen. Bis heute ist Afrin, ursprünglich eine Region in der mehrheitlich Kurd:innen und Jesid:innen lebten, von den Milizen der Syrischen Nationalen Armee (SNA) besetzt. Die aktuelle Offensive der HTS nutzen sie nun, um Angriffe auf die Gebiete der Selbstverwaltung zu intensivieren ...

Kämpfe in Syrien: „Viele Berichte von Übergriffen auf kurdische Menschen“

... so konnte die HTS-Miliz Tel Rifat übernehmen.

Ja, die Angst unter den kurdischen Bewohner:innen in Shebha war enorm, es gab viele Berichte von Überfällen und Übergriffen auf Kurd:innen. Die SDF verhandelte einen Fluchtkorridor und über Nacht sind dann Zehntausende Menschen in die Gebiete der kurdischen Selbstverwaltung weiter östlich geflohen, nachdem sie bereits tagelang unter freiem Himmel und in der Kälte und ohne Nahrung ausgeharrt hatten. Zudem gibt es mindestens 50 000 Binnenvertriebene im Westen Syriens, auch weil die syrische Luftwaffe mit russischer Unterstützung großflächig zivile Ziele bombardiert, als Reaktion auf die Offensive.

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Was erwartet die Menschen dort?

Eine langjährige Partnerorganisation von Medico International, der Kurdische Rote Halbmond, kümmert sich um die Erstversorgung der Vertriebenen. Die Nothelfer:innen sind mit mobilen Kliniken vor Ort und versorgen die oft unterkühlten und unterversorgten Ankommenden, darunter viele Kinder. Zudem errichten sie erste Zeltstädte in Tabqa und Raqqa zur Unterbringung.

Offizielle UN-Zahlen zu Geflüchteten gibt es noch nicht

Woher wissen Sie denn, wie viele Menschen geflohen sind?

Die Mitarbeiter:innen unserer Partnerorganisationen und lokale Beobachter:innen halten uns auf dem Laufenden. Offizielle UN-Zahlen gibt es aus der Region (im Nordosten, d. Red.) noch nicht, weil die dort so gut wie nicht präsent sind. Für die Region Idlib und Westsyrien war bis 30. November die Rede von knapp 50 000 Vertriebenen. Es ist eine sehr unübersichtliche Situation, das kann man nicht anders sagen. Es hat Tage gebraucht, um zu verstehen, was passiert und welche humanitären Bedarfe es vor Ort gibt.

Die Milizen könnten auch noch weiter in kurdisches Gebiet vordringen.

Ja, das ist die große Angst, dass sie bis zum Euphrat alles einnehmen wollen, also auch die Gegend um die Stadt Manbidsch, dafür gibt es bereits erste Anzeichen. Deshalb werden die neuen Flüchtlingslager auch östlich des Euphrat aufgebaut.

Medico ruft zu Spenden für die Partnerorganisationen vor Ort auf. Wie kann Hilfe die Menschen dort denn überhaupt erreichen?

Medico arbeitet seit mehr als zwölf Jahren in der Region, unsere Partner:innen mussten schon viele schwere Notlagen und Kriege überstehen. Was wir in diesen Nothilfelagen tun können, ist, den Partnerorganisationen Spendengelder zur Verfügung stellen, damit sie auf den lokalen Märkten Hilfsgüter kaufen können: also Zelte, Nahrungsmittel, warme Decken, Kleidung, Medizin. Es gibt auch einen Grenzübergang zum Irak, über den Güter in die Region gebracht werden können.

Zur Person

Anita Starosta, 39, ist Historikerin und arbeitet bei Medico International als Referentin für Syrien, die Türkei und den Irak.

Die Hilfsorganisation aus Frankfurt unterstützt im Nordosten Syriens die medizinische Organisation Kurdischer Roter Halbmond sowie in Idlib ein Frauenzentrum. Ein weiterer Partner vor Ort dokumentiert Menschenrechtsverletzungen. FR

Die Syrien-Expertin Kristin Helberg sagte, dass sich die HTS nach der Eroberung Aleppos gemäßigter gezeigt habe als früher. Also dass Christ:innen etwa weiter in die Kirche gehen können.

Es gibt da unterschiedliche Einschätzungen. Es scheint so, als ob die HTS – eine eindeutig islamistische und gewalttätige Miliz, die aus den terroristischen al-Kaida entstanden ist – sich gerade zurückhält. Auch weil sie Interesse haben, die Gebiete zu halten. Besonders aus den Anfangstagen der Offensive gibt es aber zahlreiche Berichte von gewalttätigen Übergriffen auf Zivilist:innen und Vertreibungen. Was ich besonders von unseren kurdischen Partner:innen vernehme, ist, dass sie der Lage nicht trauen und dass es eine große Angst vor den nächsten Tagen und Wochen gibt. Hinzu kommt die Unterstützung der Türkei und das Interesse, die kurdische Selbstverwaltung zu bekämpfen. Die von der Türkei gestützten SNA haben in Afrin und in einem besetzten Grenzstreifen im Norden des Gebietes der Selbstverwaltung gewaltvolle und kriminelle Bandenstrukturen aufgebaut, die gegen Kurd:innen wüten und angreifen.

Die Bedrohungslage ist also unklar.

Ja, es ist schwer zu beurteilen, wie es weitergeht. Es gibt ja auch Szenen, wo sich Menschen aus Idlib und Aleppo das erste Mal nach Jahren wiedersehen und in die Arme fallen und wo es wirklich eine Freude darüber gibt, dass das syrische Regime zurückgeschlagen werden konnte. Während in den Gebieten der Selbstverwaltung große Angst und Unsicherheit über die Zukunft besteht.

„Angst, dass der IS die Lage nutzt, um sich zu reorganisieren“

Auch im Osten Syriens wird gekämpft, unter anderem greift die US-Luftwaffe dort proiranische Milizen an. Und kurdische Einheiten versuchen, Dörfer einzunehmen, „zum Schutz vor dem IS“, wie es in sozialen Medien heißt. Wie ist das einzuordnen?

Tatsächlich gibt es in der Gegend dort noch Zellen der Terrormiliz „Islamischer Staat“. Und es gibt die Angst davor, dass auch der IS die aktuelle Situation nutzt, um sich zu reorganisieren – etwa dass IS-Kämpfer versuchen werden, aus Gefängnissen auszubrechen. Das kurdische Gebiet wäre dann nicht nur vom Norden und Westen, sondern auch vom Süden her bedroht.

Noch einmal zur Türkei. Erdogan ist daran gelegen, dass die Milizen in Syrien erstarken und kurdische sowie Assad-Kräfte zurückgedrängt werden. Wie stark ist aktuell die Rolle der Türkei?

Erdogan hat großes Interesse, syrische Flüchtlinge abzuschieben und die kurdische Selbstverwaltung weiter zu schwächen. Die Milizen konnten, auch in der Vergangenheit, mit Rückendeckung der Türkei in Westsyrien operieren. Wie stark und direkt die Türkei in die aktuelle Offensive involviert ist, wäre zum jetzigen Zeitpunkt Spekulation. Es gibt aus den Reihen der in der Türkei regierenden AKP Zuspruch für die Offensive der HTS. Manche reden von einer „muslimischen Übernahme“ Aleppos und an der Zitadelle wurde eine türkische Fahne gehisst. Außerdem braucht man, um so einen Durchmarsch zu organisieren – die HTS steht ja bei Hama – gute Ausrüstung und militärisches Know-how.

Anita Starosta.

Der Linke Jan van Aken hat eine Sicherheitsgarantie westlicher Staaten für die Kurdengebiete gefordert. Was fordert Medico?

Eine unserer Forderungen an westliche Staaten wie Deutschland ist, jetzt schnell humanitäre Hilfe dorthin zu bringen. Die kurdisch gehaltene Region Rojava hat seit 2021 keinen offiziellen Grenzübergang mehr, Hilfe der UN etwa ist immer nur über das vom Assad-Regime gehaltene Gebiet dorthin gelangt, was zu vielen Verzögerungen und Schwund geführt hat. Es gibt aber noch einen Grenzübergang, der vom Irak aus erreichbar ist, da wäre es durchaus möglich für die UN und internationale Hilfsorganisationen, unkompliziert Hilfe zu leisten.

Angesichts der vielen neuen Flüchtlinge wäre das ein erstes, sehr dringliches Signal – auch vor dem Hintergrund, dass es um die zivile Infrastruktur Rojavas durch die beständigen türkischen Angriffe der letzten Monate und Jahre sehr schlecht bestellt ist. Die zivilen Nothelfer:innen, die vor Ort den Flüchtlingen helfen, brauchen unmittelbar Hilfe. Und dann ist natürlich die Stärkung der demokratischen Kräfte in Syrien wichtig – und da ist die kurdische Selbstverwaltung ein zentraler Akteur. Die internationale Gemeinschaft hat sich bisher vor der Suche nach einer politischen Lösung in der Region gedrückt.

Eine solche politische Lösung ist angesichts der vielen Interessen in Syrien – hier sind ja nicht nur die Türkei und die USA, sondern auch Russland, der Iran und Israel aktiv – aber auch schwer vorstellbar. Russland etwa bombardiert zusammen mit Assads Regime weiter heftig die von Milizen gehaltenen Gebiete.

Mindestens 50 000 Menschen wurden vertrieben, es wurden bereits viele zivile Ziele getroffen. Medico hat auch in Idlib Partner, sie sich um Nothilfe kümmern und gleichzeitig um das eigene Überleben bangen. Russland kann nun zeigen, dass es trotz des Ukraine-Krieges noch militärische Stärke in Syrien hat. Sollten die Luftangriffe auf Zivilist:innen anhalten, kann dies zu einer humanitären Katastrophe in Idlib führen, wo Hunderttausende Flüchtlinge unter schlechten Bedingungen in Lagern leben. (Interview: Fabian Scheuermann)

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