Cem Özdemir soll den Grünen im Südwesten die Macht sichern
VonChristine Dankbar
schließen
Der gebürtige Schwabe mit türkischen Wuzeln kehrt in die Landespolitik zurück. Es ist ein Risiko.
Heidenheim – Die Grünen in Baden-Württemberg haben den ehemaligen Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir zum Spitzenkandidaten für die Landtagswahl am 8. März gekürt. Auf einer Landeswahlversammlung am Samstag in Heidenheim erhielt der 59-Jährige 194 von 200 abgegebenen Stimmen und damit 97 Prozent. Özdemir hatte im vergangenen Oktober angekündigt, als Spitzenkandidat seiner Partei in Baden-Württemberg zur Landtagswahl antreten zu wollen. Dafür verzichtete er auf eine neue Kandidatur für den Bundestag.
Der derzeitige Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) will nicht weitermachen. 2011 wurde er zum ersten und bisher einzigen Grünen-Ministerpräsidenten in Deutschland gewählt und ist seitdem an der Macht.
Vorher wurde das Bundesland fast 60 Jahre lang von der CDU regiert. Die macht sich mittlerweile Hoffnung, dass es erneut klappt. Umfragen zufolge könnte die CDU die Landtagswahl deutlich vor den Grünen gewinnen. Eine aktuelle Erhebung des Instituts „Infratest dimap“ sieht die Partei mit 31 Prozent auf dem ersten Platz, gefolgt von den Grünen mit 20 Prozent. Die AfD liegt nur knapp dahinter bei 19 Prozent. Düster sieht es für die SPD aus: Sie liegt mit zehn Prozent nur noch knapp im zweistelligen Bereich. Die Linke dagegen macht sich mit sieben Prozent Hoffnung auf den Einzug in den Landtag und das gleich in Fraktionsstärke.
Özdemir als Grünen-Spitzendkandidat in Baden-Württemberg
Mit seiner Spitzenkandidatur kehrt Cem Özdemir nach vielen Jahren auf der Berliner Bühne wieder in die Heimat zurück. Der aus Bad Urach stammende Politiker steht mit seiner Kandidatur vor der schwierigsten Aufgabe seiner bisherigen politischen Karriere: Er soll für die Grünen die Macht sichern und zum zweiten grünen Ministerpräsidenten in der Geschichte der Bundesrepublik werden.
Dabei hatte der 59-Jährige mit Landespolitik bislang wenig am Hut. Seit 1981 ist er Mitglied der Grünen, von 2008 bis 2018 war er Bundesvorsitzender der Partei. 1994 wurde er zum ersten Mal in den Bundestag gewählt – als erster Abgeordneter mit türkischen Wurzeln.
Cem Özdemir ist Vorbild für viele
Er hat damit eine Vorbildfunktion für viele Politiker:innen mit migrantischen Wurzeln inne, auch wenn diese dann in anderen Parteien Karriere machten. Sowohl Serap Güler, die nun CDU-Staatsministerin im Auswärtigen Amt ist, als auch der frühere FDP-Generalsekretär Bijan Djir-Sarai erzählen, dass Özdemirs Aufstieg ihnen erstmals klargemacht habe, dass auch für Menschen mit nichtdeutschen Wurzeln eine Karriere in der deutschen Politik möglich ist. Es sei ihm nicht in die Wiege gelegt worden, dass er mal Bundesminister werden würde, sagt Özdemir häufig. Sein Vater arbeitete in mehreren Fabriken, seine Mutter betrieb eine eigene Änderungsschneiderei.
Bundestagswahl 2025: Von „Tünkram“ bis zum „Tor zur Hölle“ – denkwürdige Zitate aus dem Wahlkampf
In der Schule tut sich der Sohn türkischer Gastarbeiter schwer. Hilfe habe er bei Nachbarn und Freunden gefunden, die ihn bei den Hausaufgaben unterstützt oder mit zum Wandern genommen hätten, heißt es in seinem Bewerbungsschreiben für die Spitzenkandidatur. Nachhilfelehrerin, Handballtrainer und Freunde hätten ihn bestärkt, etwas aus seinem Leben zu machen, sagt Özdemir.
Özdemir: Rückschläge und doppelter Minister in der Ampel
Doch auch in der Politik gab es für Özdemir Rückschläge. Auf Ärger um dienstlich gesammelte, aber privat genutzte Bonusmeilen und einen Privatkredit folgte ab 2002 eine bundespolitische Auszeit in den USA und Brüssel. Von 2004 bis 2008 war Özdemir Mitglied im EU-Parlament, seit 2013 saß er wieder im Bundestag und holte 2021 in Stuttgart mit 40 Prozent der Erststimmen ein Direktmandat. Dreimal wählte ihn seine Partei als Co-Bundesvorsitzenden an ihre Spitze.
Im Ampel-Kabinett von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) wurde er Landwirtschaftsminister. Als solcher stand er im Proteststurm von Bauern, als die Bundesregierung die Subventionen für den Agrardiesel abschaffen wollte. Nach dem Bruch der Koalition übernahm er zusätzlich das bis dahin FDP-geführte Bildungsressort.
Politische Erfahrung hat er im Vergleich zu seinem mehr als 20 Jahre jüngeren CDU-Konkurrenten Manuel Hagel über viele Jahre gesammelt – und auch für den Wahlkampf im Südwesten bringt er einiges mit. Bei Terminen lässt der selbst ernannte „anatolische Schwabe“ gerne seinen Dialekt durchscheinen. (mit dpa)