Bericht von der Sommerreise

Cem Özdemir, der andere Grüne

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Grüner im Grünen: Cem Özdemir auf seiner Sommertour in Mecklenburg-Vorpommern.
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Cem Özdemir ist anders als viele Grüne. Deutlich wird das auf seiner Sommerreise an den Themen Migration und Parteikritik. Über allem schwebt zudem die Frage nach dem nächsten Karriereschritt.

Dieser Tage sind viele Kabinettsmitglieder auf Sommerreise. Wohl kaum jemand tourt dabei so umtriebig durchs Land wie Grünen-Politiker Cem Özdemir. Der Bundeslandwirtschaftsminister macht in fünf Tagen in fünf Bundesländern Halt. Seine grüne Kabinettskollegin, Umweltministerin Steffi Lemke, war zwei Tage unterwegs. Doch nicht nur in der Reisefreude unterscheidet sich der Schwabe von Parteifreunden – auch politisch. IPPEN.MEDIA war mit dabei.

Cem Özdemir: Der „grün lackierte Schwarze“?

Die Tour mit dem Titel „Die Kraft unseres Landes” führt Özdemir in die ländlichen Räume in Deutschland. Dort lebt mehr als die Hälfte der Bevölkerung. Fernab der Großstadt besucht er Vorzeigeprojekte gelungener Dorfentwicklung wie ein Mehrgenerationenhaus in Nordrhein-Westfalen und spricht mit Menschen vor Ort. Auch wenn es bei dieser Reise nicht im Schwerpunkt um Landwirtschaft geht, immer wieder trifft Özdemir auf Bauern.

In Niedersachsen will er ein Projekt für besseren ÖPNV besuchen, da empfangen ihn rund 40 Bauern und blockieren mit Traktoren den Weg. Özdemir weicht aufs Fahrrad aus und stellt sich anschließend dem Gespräch mit einem Bauernvertreter. 20 Minuten geht es um zu viel Bürokratie, fallende Getreidepreise und vorgegebene Nitratgrenzwerte. Özdemir erklärt, hört zu. „Das hätte ich nicht erwartet”, sagt der Bauer danach.

Bei der ersten Station in Mecklenburg-Vorpommern macht ein Schweinebauer seinem Ärger Luft, sieht die konventionelle Landwirtschaft benachteiligt. Özdemir widerspricht, er sei der „Landwirtschaftsminister aller”. Manche würden ihm aber eine „verstecke Agenda” für mehr Ökolandwirtschaft unterstellen, andere wiederum meinten, er sei ein „grün lackierter Schwarzer”, in seinen Positionen also CDU-nah.

Özdemir über Kriminalstatistik: „Ich kenne die Zahlen sehr genau“

In der Landwirtschaft mag das mitunter nicht so sein, in anderen Bereichen zeigt Özdemir durchaus konservative Positionen. So etwa bei der Migration. Anders als manche Grünen-Politiker aus dem linken Flügel umschifft er das Thema keineswegs. „Wir müssen da glasklar sein, damit wir die Akzeptanz nicht verlieren” sagt Özdemir während seiner Sommertour bei einem Bürgerdialog in Rheinland-Pfalz. Özdemir, selbst Migrationshintergrund, ist glasklar.

Er fordert bessere Unterstützung für Zuwanderer, spricht aber auch über die Kriminalstatistik. „Ich kenne die Zahlen sehr gut”, sagt er zur erhöhten Straffälligkeit junger Männer. Da überwiegend diese Gruppe ins Land käme, dürfe man das nicht wegdiskutieren. „Ansonsten gehen die Leute zur AfD, weil sie sagen, die anderen reden nicht darüber.” 

Es scheint, als hadere er mit dem Grünen-Kurs oder zumindest mit der Kommunikation in der Migrationsfrage. Seine Partei gerate zum „Symbol für Dinge, die sie nachweislich nicht gewesen sein kann”, sagt er mit Blick auf die Situation 2015/16, ehe ein bemerkenswerter Satz fällt: „Die Grünen hätten nicht eine Million Leute ins Land gelassen. Das hätten wir uns gar nicht getraut.” Zu groß wäre der Vorwurf gewesen, man betriebe Parteipolitik.

Özdemir auf Sommertour: „Grüne gibts hier nicht”

Özdemirs Tour ist eine Gratwanderung. Denn der Minister geht dorthin, wo traditionell wenig Menschen die Grünen wählen. Die Faustregel: je ländlicher die Region, desto weniger Stimmen für seine Partei. Nach dem Gespräch mit dem Bauernvertreter in Niedersachsen ruft eine Frau aus der Menge: „Ein Grund mehr, nicht Grün zu wählen.” Özdemir weiß, dass sich seine Partei auf dem Land schwertut. Die Grünen würden auf dem Dorf als Großstadtpartei wahrgenommen, sagt er in Schwerin. „Wahrscheinlich haben wir hier und da dazu beigetragen, dass das so ist.“

Ergebnisse der Grünen bei der Bundestagswahl je nach Region

Gesamt14,8 %
nicht-ländliche Regionen19,3 %
eher ländliche Regionen12,4 %
sehr ländliche Regionen10,6 %

Quelle: Thünen-Institut. Im Osten sind die Werte noch deutlicher.

In vielen Orten, die er besucht, spielen die Grünen politisch keine Rolle. „Grüne gibts hier nicht”, sagt Steffen Klieme, CDU-Bürgermeister von Neustadt-Glewe in Mecklenburg-Vorpommern. Grüne Politik würde die CDU im Stadtrat mit SPD und Linken „mitmachen”, etwa beim Energiekonzept mit Biogas, Geothermiekraftwerk, Photovoltaik und Windkraft. Özdemir ist begeistert. „Ich wüsste nicht, was die Grünen hier besser machen könnten.“

Özdemirs politische Heimat ist die Stadt, nicht das Land, auch wenn er Landwirtschaftsminister ist. Er holte in Stuttgart bei der vergangenen Bundestagswahl mit 39,9 Prozent das beste Erststimmenergebnis seiner Partei. Nun will er zeigen, dass er auch jenseits der Großstadt Erfolg haben kann. Auf der Tour spricht Özdemir oft über den Zusammenhalt auf dem Land, er gendert nicht, lobt die „Macherinnen und Macher”. Özdemir will sich nahbar zeigen. Zwischen zwei Terminen hält er spontan an einem Pferdebauernhof an, trinkt mit den Besitzern einen Kurzen. Begleiteten Polizisten schüttelt er die Hand, dankt für ihren Einsatz. Als er in Niedersachsen einer am Gartenzaun stehenden Rentnerin zuwinkt, strahlt sie, als hätte sie den Papst gesehen. 

Cem Özdemir bald Ministerpräsident von Baden-Württemberg?

Eines seiner Lieblingswörter ist klasse. Er sagt es, wenn ein Mostbauer Apfelsaft abfüllt, angehende Kfz-Meister an einem Verbrenner werkeln, oder jemand erzählt, dass er aus Baden-Württemberg kommt. Geht es um sein Heimatbundesland, blüht der Schwabe Özdemir besonders auf. Sätze wie, er vertrete „den schönsten Wahlkreis Deutschlands” oder „Alle mögen die Schwaben” sagt er während der Tour oft. Ob solche Aussagen als Bewerbung für das Amt des Ministerpräsidenten in Baden-Württemberg zu verstehen sind, verrät er nicht. Womöglich aber wird sich nach Annalena Baerbock bald auch ein weiterer Spitzen-Grüner mit der Karrierezukunft beschäftigen müssen. Özdemir wird als Nachfolger des scheidenden Regierungschefs Winfried Kretschmann gehandelt. Auch Kretschmann gilt mitunter als konservativer Grüner.

Cem Özdemir gilt seit langem als Favorit für die Spitzenkandidatur der Grünen bei der nächsten Landtagswahl in Baden-Württemberg (Archivbild).

Özdemir schätzt den schwäbischen Landesvater. Auf seiner Tour zitiert er: „Erst das Land, dann die Partei, dann die Person“. Gesagt hat das zuvor: Winfried Kretschmann. Und der wiederum hatte damit den früheren Ministerpräsidenten Erwin Teufel zitiert: einen CDUler.

Mehrmals verweist er auch auf den Spruch: „Schön hier, aber waren Sie schon einmal in Baden-Württemberg.” Es gebe in Berlin sogar das Gerücht, er würde entsprechende Sticker in ganz Deutschland ankleben. Vor lauter Heimatfolklore vergisst er stets, dass der Spruch eigentlich anders heißt – und mit „Nett hier” beginnt. Im Falle einer Zukunft in Stuttgart könnte man die richtige Formulierung aber ja noch lernen. (Andreas Schmid)

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