Die Unbeugsame?

Genossin ganz oben: SPD-Parteitag soll zum Triumph für Bärbel Bas werden

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Sie verkörpert den sozialdemokratischen Aufstieg wie aus dem Lehrbuch. Jetzt soll sie die unbeliebte Saskia Esken ersetzen: Bärbel Bas (SPD).

München – Sie hatte an diesem Abend zwei, drei Gläser Wein. Es war ein einfacher Kino-Abend im Jahr 2021, Bärbel Bas und eine Fraktionskollegin schauten sich den Film „Die Unbeugsamen“ an, eine Doku über die Politikerinnen Westdeutschlands – und den Sexismus im männerdominierten Bundestag. Danach haben sich die beiden SPD-Frauen Bas zufolge geschworen: „Wenn uns ein Amt angeboten wird, sagen wir Ja. Nicht hinterfragen, nicht zweifeln. Wir fackeln nicht lange.“

Kurz darauf hat der damalige SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich Bas gefragt, ob sie sich vorstellen könnte, Bundestagspräsidentin zu werden. Plötzlich hatte die Duisburgerin, die zuvor kaum jemand kannte, das zweithöchste Amt in der Republik inne, trat in die Fußstapfen starker CDU-Männer wie Norbert Lammert und Wolfgang Schäuble. Viel höher geht es auf der Karriereleiter kaum – deshalb wurde zuletzt lange gerätselt, welchen wichtigen Posten Bas in dieser Legislaturperiode bekommt. Sie wurde als Arbeitsministerin oder als SPD-Chefin gehandelt. Nun wird sie wohl beides.

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke

Vom Stahl zur Spitze: Bärbel Bas auf dem SPD-Parteitag

Bärbel Bas, Jahrgang 1968, kinderlose Witwe. Eine Frau aus dem Pott, die Fußball spielt, Harley fährt und das Schweißen gelernt hat – sie will den Platz der unbeliebten Saskia Esken übernehmen und sich gemeinsam mit Lars Klingbeil an die Parteispitze wählen lassen. Ihr Lebenslauf liest sich wie eine Blaupause für den sozialdemokratischen Aufstieg: Als zweitälteste von sechs Geschwistern ist sie in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, der Vater Busfahrer, die Mutter Hausfrau. Wenn das Geld knapp war, erzählte sie einst dem Spiegel, dann ging sie mit ihrer Mutter zum Sozialamt. „Da haben wir die Schuhe einem Sachbearbeiter gezeigt, und der hat entschieden, ob es neue gibt oder nicht.“

Traumberuf: Technische Zeichnerin. Daraus wurde nichts. Bas, Hauptschulabschluss im Jahr 1984, lernte stattdessen in der Berufsfachschule, wie man einen perfekten U-Stahl feilt und ließ sich dann später zur Bürogehilfin bei der Duisburger Verkehrsgesellschaft ausbilden. Dann folgten Umschulungen, Weiterbildungen, Abendstudium. Als sie 2009 als Direktkandidatin in den Bundestag einzog, betreute sie als Abteilungsleiterin bei einer Betriebskrankenkasse mehr als 200 Mitarbeiter.

Eckt gern an: Als Arbeitsministerin hat sich Bärbel Bas schon den ersten Koalitionsstreit eingehandelt.

SPD-Parteitag nach Wahlklatsche: Personalrochade statt Erneuerung – Esken geht, Bas kommt

Mit Bas als Co-Chefin stellt sich die SPD zumindest so halb neu auf. Nach dem historisch schlechten Wahlergebnis muss allein Saskia Esken die Konsequenzen tragen. Sie kündigte am Wochenende ihren Rückzug an, um vor allem jungen Frauen in der Partei Platz zu machen. Die 57-jährige Bas dürfte sie damit nicht gemeint haben. Und so wirklich freiwillig war ihr Abgang auch nicht: Esken wurde von den eigenen Reihen aus ihrem Amt gedrängt, nachdem sie sich immer wieder grobe Patzer in Talkshows geleistet hatte (können aus Solingen „nicht viel lernen“). Derweil ist es Klingbeil gelungen, seine Macht immer weiter auszubauen.

Der Finanzminister und Vizekanzler schneidert die SPD auf sich zu. Die Ministerriege der Genossen besteht allein aus Vertrauten und Freunden. Die Klingbeilisierung der Sozialdemokraten ist inzwischen so auffällig, dass sich vor allem die Frauen und der linke Flügel immer mehr über ihren Parteichef echauffieren. Dort heißt es, es sei „unanständig“, wie Klingbeil mit Kollegin Esken umgegangen sei.

Bärbel Bas mischt nicht nur die SPD auf: „Renten-Hammer“ führt vor Parteitag zu Koalitionsstreit

Bärbel Bas, selbst aus dem linken Flügel, ist da eher zurückhaltend. Sie sprach sich bereits vor einigen Wochen dafür aus, dass Klingbeil weiterhin Parteichef bleibt – und schwieg zur Personalie Esken. Auch der neue Generalsekretär der SPD, der 33-jährige Tim Klüssendorf aus Lübeck, ist zwar Sprecher der Parlamentarischen Linken – pflegt aber ein gutes Verhältnis zu Klingbeil, der dem konservativen Seeheimer Kreis angehört. Genau solche Personalien braucht Klingbeil an seiner Seite, um die verschiedenen Strömungen in der Partei zusammenzuhalten.

Bas, Klingbeil und Klüssendorf müssen sich noch beim Parteitag Ende Juni auf ihre Posten wählen lassen. „Es ist mir nicht ganz leichtgefallen, aber ich freu mich drauf“, sagte Bas gestern zu ihrer Kandidatur. Als neue Arbeitsministerin hat sie bereits einen Vorgeschmack auf ihren Führungsstil gegeben. Mit ihrer Forderung, auch Beamte und Selbstständige in die gesetzliche Rente einzubeziehen, hat sie am Wochenende prompt einen Koalitionsstreit mit der Union entfacht. Kaum im Amt – und schon auf Krawall gebürstet.

Rubriklistenbild: © Thomas Koehler

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