Die Waffenruhe wackelt – und dann kommt auch noch Trump
VonMaria Sterkl
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Israel blockiert den Zugang zum nördlichen Gazastreifen wegen einer nicht freigelassenen Geisel – und Trump will „das Gebiet gründlich säubern“.
Endlich nach Hause: Zehntausende Menschen machten sich am Sonntag im Gazastreifen auf den Weg in Richtung Norden, aus dem sie vor 15 Monaten vor Israels Luftangriffen geflüchtet waren. Seit neun Tagen herrscht Waffenruhe in Gaza, und als Teil des Abkommens war geplant, dass die Binnenflüchtlinge ab diesem Wochenende wieder nach Nordgaza zurückkehren können.
Doch nun stecken sie dort fest, einige sollen ihre Zelte bereits verkauft haben, um den Transport in den Norden zu finanzieren. Israels Arme hat den Netzarim-Korridor, der den Norden vom Süden trennt, nicht geöffnet. Mehrmals wurden laut Augenzeug:innen Warnschüsse abgefeuert. Vertreter der Hamas behaupten, Israels Armee habe nicht Wort gehalten. Doch Israel reagiert wiederum auf einen Wortbruch der Hamas: Sie hält nämlich immer noch mindestens eine israelische Zivilistin, die 29-jährige Arbel Yehud, gefangen. Laut Waffenruhe-Abkommen hätte Yehud spätestens am Samstag freigelassen werden sollen. Doch dazu kam es nicht. Den Preis zahlen Yehuds Angehörige – und die Menschenmassen in Gaza, die nun auf unbestimmte Zeit feststecken.
Gazastreifen: Trump will sich „mit ein paar arabischen Staaten zusammentun“
Sie erhalten nun eine neue Hiobsbotschaft. Und sie kommt ausgerechnet von US-Präsident Donald Trump, der eigentlich als Friedensbringer gefeiert wurde. Gaza sei eine „Abbruchstelle“, meint Trump. Daher wäre es doch für alle am besten, wenn „wir uns mit ein paar arabischen Staaten zusammentun und ihnen an einem anderen Ort Häuser bauen, wo sie zur Abwechslung einmal in Frieden leben können“. Über diese Idee habe er sich in einem Telefonat mit König Abdullah II von Jordanien bereits unterhalten. Bald wolle er darüber auch mit Ägyptens Präsident El-Sisi sprechen. „Wir reden von ungefähr eineinhalb Millionen Menschen“, sagte Trump zu Journalist:innen, als sie ihn nach Details über seine Gaza-Pläne befragten. Diese könnten entweder vorübergehend oder sogar dauerhaft umgesiedelt werden „Wir reinigen einfach dieses ganze Ding.“
Trumps Ankündigung lässt Nahostexpert:innen nur ungläubig den Kopf schütteln. Abgesehen von Israels rechtsextremen Koalitionsparteien, die einen Bruchteil der israelischen Gesellschaft repräsentieren, hätte ein solcher Plan in der Region keine Anhänger:innen. Schließlich ist es dem Regime in Ägypten ein deklariertes Anliegen, dass die Grenze zu Gaza geschlossen bleibt. Der frühere US-Außenminister Antony Blinken hatte sich zu Beginn des Gazakriegs für eine temporäre Aufnahme von Flüchtlingen aus Gaza in Ägypten starkgemacht – allerdings ohne Erfolg. Jene Zehntausende, die es geschafft hatten, nach Ägypten zu flüchten, bekamen dort keinen Flüchtlingsstatus.
Vor dem Gaza-Krieg: Die Geschichte des Israel-Palästina-Konflikts in Bildern
In den arabischen Ländern will niemand eine Massenimmigration von Palästinenser:innen
Um jeden Preis soll vermieden werden, dass sie sich dauerhaft in Ägypten niederlassen. Ähnlich wenig Interesse an einer Massenimmigration von Palästinenser:innen hat Jordanien. Dort leben laut UN-Angaben jetzt schon über zwei Millionen Palästinenser:innen. Am wenigsten Interesse haben jedoch die Menschen in Gaza selbst: Die Mehrheit der Gazaner:innen hat Vorfahr:innen, die einst selbst vertrieben wurden. Dass Trump jedoch bereits ganz eigene Vorstellungen eines Wiederaufbaus in Gaza hat, wurde schon kurz nach seiner Angelobung deutlich, als er den Küstenstreifen für sein hohes Investmentpotenzial pries. „Das ist ein phänomenaler Standort: am Meer gelegen, bestes Wetter“, sagte Trump. „Fantastische Dinge könnten mit Gaza gemacht werden.“
Wie der US-Präsident sein Modell ethnischer Säuberung mit seiner Agenda einer Normalisierung der Beziehungen zwischen Israel und Saudi-Arabien vereinbaren will, ist unklar. Es geht aber ohnehin erst einmal darum zu verhindern, dass an einer der brodelnden Fronten die Waffenruhe wieder in Krieg umschlägt. Etwa im Libanon: Dort kamen im Grenzgebiet mit Israel laut libanesischen Angaben am Sonntag mindestens 15 Menschen im Feuer der israelischen Armee ums Leben, darunter auch ein Soldat der libanesischen Armee.