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„Dröhnend gleichgültig“: Rechtsextreme in Sachsen werden immer stärker

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Sebnitz in Sachsen hat alles, was es für ein gutes Leben in der Demokratie braucht. Trotzdem werden die Rechtsextremen dort immer stärker – und die Angst vor den Folgen.

Der Magnet am Marktplatz im sächsischen Sebnitz ist an diesen heißen Julitagen nicht der „Goldene Hirsch“, sondern 50 Meter weiter das Café „La Vita“. Hier serviert Zaher Okdeh – Deutscher mit syrischen Wurzeln – Eis und Getränke, dazu läuft Italo-Pop. Wer um die Ecke arbeitet, nimmt hier kurz einen Espresso, Ukrainerinnen kaufen Waffeleis für ihre Kinder. Hier darf, wer will, auch mal stundenlang an einem Wasser nippen.

Heute sitzt hier Paul Löser, 24. Der Lehramtsstudent und „jüngste Stadtrat Sachsens“, wie ihn das Sachsen-Fernsehen im Januar nannte, ist seit 2019 für die Grünen im Stadtparlament, jetzt kandidiert er für den sächsischen Landtag. Der gebürtige Sebnitzer ist gerade erst vom Studienort Dresden zurückgezogen und lernt fürs Staatsexamen. Ein „Hallo“ hier, ein „Wie geht’s“ da – sie kennen ihn hier.

Hübsch und gemütlich: Dass die AfD in Sebnitz 40-50 Prozent bekommt, sieht man der Altstadt nicht an.

Rechtsextreme in Sachsen omnipräsent

Sebnitz, Große Kreisstadt in der wunderschönen Sächsischen Schweiz direkt an der tschechischen Grenze, Bevölkerung so 10 000. Ein gemütliches, nahbar wirkendes Städtchen. Hier sieht man trotz Wahlkampf nicht viele AfD-Plakate und wenig Nazi-Schmierereien. Und doch sind die Rechtsextremen irgendwie omnipräsent: Seit Jahren ist der Stimmenanteil für sie stabil bei an die 40 Prozent. Seit der Wahl im Juni ist die AfD im Stadtrat sogar stärkste Fraktion mit sechs von 18 Sitzen, die entthronte CDU hat nur noch vier. Bei der Europawahl im Juni brachte die AfD es gar auf 47,2 Prozent.

Wie wird man in so einem Umfeld Grüner? Bei ihm, wird Löser beim Rundgang erzählen, sei es wohl die Schule gewesen. Im örtlichen Goethe-Gymnasium hat ihm der Debattierclub Spaß gemacht, er hat sich dann im Schülerrat engagiert und in der evangelischen Jugend, „und ich hatte halt die richtige Clique“. Dann die tolle Natur: Der Vater, Handwerker, ist ehrenamtlich im Artenschutz aktiv, als Junge ging Paul Löser oft mit zum Fledermäuse-Zählen.

Bevor wir losgehen, setzt sich mit einem „Hallo Paul“ Zaher Okdeh an den Tisch. Kürzlich sei eine AfD-Stadträtin im Café gewesen, erzählt er. Er hat sie gefragt, ob ihre Partei denn ein Konzept habe, „wer all die Jobs der Ausländer übernehmen soll, wenn sie die alle rausgeworfen haben“. Okdeh weiß, wovon er spricht: Seit 2010 lebt er, der eigentlich Bauingenieur ist, in Sebnitz, seine ebenfalls syrischstämmige Frau ist Ärztin am örtlichen Krankenhaus. Auch mehrere leitende Ärzte dort seien Zugewanderte, „vom Pflegepersonal ganz zu schweigen. Die kann doch keiner ersetzen.“ Die AfDlerin hat nicht geantwortet, sagt er.

Café-Betreiber Zaher Okdeh.

Hat er Angst vor der Zukunft? Nein, sagt der Deutsch-Syrer. „Wir sind hier inzwischen respektiert, und wir kennen uns aus“, ist er sich sicher. Die Tochter hat gerade eines der besten Abis in Sachsen gemacht und wird Medizin studieren, das macht ihn sichtlich stolz. „Sie studiert in Dresden, das ist sicherer als Berlin oder Hamburg, mit all den Drogenproblemen.“ Auch Löser hat keine Angst, er kennt das von Kindesbeinen an, die Orte der Heimatstadt mit Rechten teilen zu müssen. Wir passieren den einzigen kleinen Park der Innenstadt: „Da haben wir uns früher getroffen, mal wir, mal die Rechten. Man hat ja gesehen, ob die anderen da waren, dann ist man woanders hingegangen.“

Sebnitz in Sachsen: „Gleichgültigkeit gegen rechts ist dröhnend in der Stadt“

Rabiater wurde es 2015, als die asylkritischen Demos losgingen, als die, die in Sebnitz Flüchtlingen halfen, offen bedroht wurden. Dann die Corona-Spannungen. Ein Schock für die Stadt folgt im Sommer 2023: Erst überfallen Rechtsextreme eine afghanische Flüchtlingsfamilie in deren Unterkunft und verletzen zwei Söhne, dann die Großdemo der „Freien Sachsen“. An die 500 Rechte marschieren auf und machen Stimmung gegen die gerade erst angegriffene Familie. Die Gegenveranstaltung verläuft enttäuschend: Nur 50 bis 60 Menschen kommen zum Friedensgebet in die evangelische Kirche. Pfarrer Sebastian Kreß: „In Sebnitz ist es generell nicht leicht, Menschen für ein Engagement zu gewinnen.“

Genau das stört auch den Grünen Löser. „Die Gleichgültigkeit gegen rechts ist dröhnend in der Stadt.“ Viele zögen sich resigniert zurück. Er selbst ist, seit er politisch aktiv ist, Beleidigungen im Social Web ausgesetzt. Gerade erst wurden sie beim Plakatekleben im benachbarten Neustadt angepöbelt. „,Volksverräter‘ hat einer aus dem Auto gerufen, aber wir haben das Kennzeichen und haben Anzeige erstattet.“

Der Grüne Paul Löser.

Lob zollt Löser aber dem parteilosen Oberbürgermeister. Ronald Kretzschmar, 2022 ins Amt gewählt, habe einiges für mehr Bürgerbeteiligung getan. Alle drei Monate trifft er sich mit Jugendvertreter:innen, es gibt Ideenwerkstätten, und Kretzschmar besucht regelmäßig die umliegenden Stadtteile zu Gesprächsabenden. Der OB ist überzeugt: „Wenn wir es nicht schaffen, der Basis mehr zuzuhören, werden wir die Leute nicht mehr zurückgewinnen“.

Sorgen macht dem OB aber „eine diffuse Reichsbürgerszene“ in der Stadt. Hier und da hingen Reichskriegs- und Reichsflaggen in den Gärten – „ich erstatte da regelmäßig Anzeige, wenn ich so was sehe“. Meist kommt es nicht zu Verfahren, denn die Strafbarkeit der Zeichen ist nicht eindeutig geregelt. „Da ist der Staat leider noch zu weich“, meint das Stadtoberhaupt.

Die wirtschaftliche Lage der Stadt jedenfalls erklärt die wachsenden AfD-Erfolge nicht. Der Tourismus, wichtiges Standbein, hat sich nach Corona gut erholt. Es gibt mehr Zu- als Wegzüge, die Arbeitslosigkeit im Gesamtkreis ist die niedrigste in ganz Sachsen. Laut OB leben gut 650 Asylsuchende und Ukraine-Geflüchtete in der Stadt, da gebe es keine großen Probleme, „auch wenn wir mit den Wohnungen am Limit sind“.

AfD-Erfolge in Sachsen: In Sebnitz liegt es nicht an der wirtschaftlichen Lage

Die eigentlichen Herausforderungen sind andere. Die Unternehmen der Region klagen über Fachkräftemangel, ausländische Arbeitskräfte werden immer wichtiger. Und es sterben mehr Menschen, als geboren werden. Bis 2040 droht ein Bevölkerungsschwund von bis zu 30 Prozent. In der Innenstadt stehen schon Häuser und Läden leer, einiges verfällt. Im weiteren Umkreis sieht es aber anders aus, vieles ist modernisiert oder neu gebaut.

Einer, der dabei kräftig mitmischt, ist Michael Walldorf. Der Zugezogene aus Frankfurt am Main hat erst den Sebnitzer Immobilienmarkt übernommen und vor einigen Jahren auch die Stadt-CDU, deren Partei- und Fraktionschef er nun ist. Der Mann im pinken Lacoste-Shirt, kurzer Hose und Sneakers nennt sich nicht ohne Stolz den „größten Privatinvestor der Stadt“ und führt zum Sebnitz-Center nahe am Markt. 8000 Quadratmeter, unter anderem mit Edeka-Markt, einem Shop der Elektronik- und Haushaltsgeräte-Kette Expert, Arbeitsagentur, Arztpraxen, Wohnungen. Walldorf übernahm es um 2010 und verhinderte die Schließung.

Seit 2008 lebt er mit Frau Susanne hier, inzwischen hat das Paar etwa 20 Häuser mit fast 200 Wohnungen in Sebnitz gekauft und saniert. Die meisten sind vermietet, viele davon Ferienwohnungen. Ein Glücksfall für die Stadt, sagen einige wohl nicht ganz zu Unrecht.

Zivilcourage gegen Rechts in Sachsen

45 der renovierten Wohnungen hat der Unternehmer an ukrainische Geflüchtete vermietet, die die Miete durch Wohngeld bestreiten. „Klein-Charkiw“ wird der zentrumsnahe Komplex auch genannt, weil die Bewohner:innen aus der bedrängten Metropole im Nordosten des Landes kommen. Dass nicht alle diese Menschen willkommen heißen, ist Walldorf klar – nicht zuletzt, seit die Briefkastenanlage des Hauses in die Luft flog. Der jugendliche Täter wurde gefasst, die Eltern („Reichsflagge im Garten“) mussten den Schaden ersetzen. Auch martialische Drohschreiben hatte Walldorf schon im Briefkasten.

Für den Geschäfts- und CDU-Mann ist klar: Solche Vorfälle sind Gift für ein investitionsfreundliches Klima. „Dagegen Flagge zu zeigen, ist schon wichtig für eine Stadt.“ Er engagiert sich deshalb nicht nur im Lions Club, sondern auch in der Bürgerinitiative „Neulandgewinner“, die unter dem Dach des Vereins Aktion Zivilcourage das friedliche Miteinander in der Stadt stärken will. Sie organisieren das jährliche Fest „Sebnitz trifft sich“, beteiligen sich an Demos und Menschenketten, wie gegen die „Remigration“-Pläne der AfD. Im September steht die Aktionswoche „(D)ein Tag für Sebnitz“ an: Bürger:innen sollen zu Gemeinschaftseinsätzen animiert werden.

Die AfD-Spitze im Wandel der Zeit: von Bernd Lucke bis Alice Weidel

Die AfD liegt in den Umfragen zur Bundestagswahl 2025 an zweiter Stelle.
Die AfD liegt in den Umfragen zur Bundestagswahl 2025 an zweiter Stelle. Anders als jahrelang üblich, gab es bei ihrem Bundesparteitag im Januar 2025 in Riesa kaum große Streitthemen. Auch die Mitglieder des AfD-Bundesvorstands verbreiteten Harmonie (von links nach rechts): Carsten Hütter, Alice Weidel, Tino Chrupalla, Peter Boehringer und Heiko Scholz. In Riesa beschloss die AfD ihr Wahlprogramm.  © Sebastian Kahnert/dpa
Auf dem Parteitag wurde Parteichefin Alice Weidel zur Kanzlerkandidatin gekürt.
Im Mittelpunkt des Parteitags stand Alice Weidel, die die AfD mit einer schrillen Rede auf den Wahlkampf einschwor. Vor allem mit ihrer rigorosen Wortwahl schien sie den Nerv der Partei zu treffen. So forderte sie Rückführungen im großen Stil: „Wenn es dann Remigration heißen soll, dann heißt es eben Remigration.“ Zuvor hatte sie diesen Begriff vermieden.  © Jens Schlüter/AFP
AfD-Bundesparteitag in Riesa
Tatsächlich ist nach Riesa rhetorisch kein Unterschied mehr zwischen Weidel und den Rechtsextremen auszumachen. Immer wieder gelang es ihr, die düstere AfD-Seele mit ihrer scharfen Wortwahl zu massieren. So prägte sie auch den irren Begriff ,,Windmühlen der Schande“.  © Sebastian Kahnert/dpa
AfD Parteitag 2013 in Berlin
Wie aber kam es zum Aufstieg der AfD? Los ging alles am 6. Februar 2013, als 18 Menschen im hessischen Oberursel (Taunus) die Partei „Alternative für Deutschland“ gründeten. Der erste AfD-Parteitag fand bereits am 14. April 2013 statt (im Bild). Bei der Bundestagswahl im selben Jahr erzielte die neue Partei aus dem rechten Spektrum auf Anhieb 4,7 Prozent – das beste Ergebnis, das eine neu gegründete Partei jemals bei ihrer ersten Bundestagswahl erzielen konnte.  © imago
Landesparteitag der AfD am 11. Januar 2014 in Gießen
Nahezu von Anfang begleiten Gegendemonstrationen die AfD-Veranstaltungen - wie hier der Landesparteitag am 11. Januar 2014 in Gießen. Der rechtspopulistischen Partei werden immer wieder Demokratie- und Europafeindlichkeit vorgeworfen. © imago stock&people
Dr. Konrad Adam, Journalist und Mitgebründer der Alternative für Deutschland (AfD)
Als einer der Gründungsväter der AfD gilt Konrad Adam. Der 1942 in Wuppertal geborene Journalist arbeitete für die Tageszeitungen FAZ und Welt. Zunächst war er Gründungsmitglied der eurokritischen Wahlalternative 2013 und wurde noch im selben Jahr einer von drei Bundessprechern der neu gegründeten AfD. Wie viele andere war Adam ursprünglich CDU-Mitglied, ehe er – vermutlich aus Enttäuschung über die als linksliberal wahrgenommene Politik von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) – eine neue Heimat in der AfD fand. Zwei Jahre blieb Adam Bundessprecher, doch bereits im Dezember 2015 begann er, sich von der Partei zu distanzieren. 2020 kündigte er seinen Austritt aus der AfD an, der am 1. Januar 2021 in Kraft trat. © imago
Konrad Adam, Bernd Lucke und Alexander Gauland auf dem ersten Parteitag der AfD in Berlin.
Das bekannteste Gesicht der AfD-Gründungsphase gehört dem Mann mit erhobenen Armen: Bernd Lucke. Geboren 1962 in West-Berlin und aufgewachsen in Nordrhein-Westfalen, studierte Lucke Volkswirtschaftslehre und wurde später in Hamburg Professor. Mit 14 Jahren trat Lucke in die CDU ein und verließ die Union 33 Jahre später, weil er mit der Eurorettungspolitik nicht einverstanden war. Der Euro und die EU wurden zu den zentralen Kritikpunkten, die Lucke in den folgenden Jahren bezogen auf die Bundespolitik äußerte. Ergebnis dieser Kritik war zunächst die eurokritische Wahlalternative 2013, aus der am 14. April 2013 die AfD hervorging. © imago
rof. Dr. Bernd Lucke im Wahlkampf für die AfD
Bereits im September 2013 engagierte sich Prof. Dr. Bernd Lucke im Wahlkampf für die AfD, wie hier auf einer Veranstaltung in Magdeburg. © IMAGO/Zoonar.com/Axel Kammerer
Bernd Lucke als Vorsitzender der AfD auf einem Parteitag
Auch Bernd Luckes Zeit in der AfD war nur eine kurze. 2014 ging er noch als Spitzenkandidat der „Alternative für Deutschland“ in den Wahlkampf für die anstehende Europawahl. Bis 2019 war Lucke im Anschluss Mitglied im Europäischen Parlament. Doch bereits 2015 deutete sich an, dass Lucke im internen Machtkampf in der AfD den Kürzeren ziehen könnte. Führende Köpfe der AfD wie Björn Höcke gerieten in Konflikt mit dem Vorsitzenden. Lucke ging und trat 2015 aus der AfD aus. Er gründete die nächste Partei: die Allianz für Fortschritt und Aufbruch (ALFA). © imago
Olaf Henkel GER Berlin 20150112 Alternative für Deutschland Prof Hans Olaf Henkel Veranstaltun
Anfang 2014 wurde die AfD-Mitgliedschaft von Professor Hans-Olaf Henkel bekannt. Einen Namen machte sich Henkel als erfolgreicher Manager bei IBM. Später wechselte er auf die Verbandsebene und wurde Präsident des BDI (Bundesverband der Deutschen Industrie). 2014 zog er für die AfD ins Europaparlament ein. Für ein Jahr war Henkel sogar stellvertretender Bundessprecher der „Alternative für Deutschland“. 2015 trat Hans-Olaf Henkel wieder aus der AfD aus. © imago
Hans-Olaf Henkel, hier mit Ehefrau Bettina und ihrer Zwillingsschwester Almut
Seinen Bruch mit der AfD begründete Hans-Olaf Henkel, hier mit Ehefrau Bettina und ihrer Zwillingsschwester Almut beim Bundespresseball 2019, mit dem Rechtsruck der Partei. Gegenüber dem WDR bezeichnete Henkel die AfD im Jahr 2015 als „eine Art NPD-light, vielleicht sogar identisch mit der NPD“. Sein Engagement bei der AfD sieht Henkel mittlerweile offenbar kritisch: „Wir haben ein Monster erschaffen.“ © VISTAPRESS / G. Chlebarov via www.imago-images.de
Deutschland Essen Grugahalle 4 Ausserordentlicher AfD Parteitag Bernd Lucke nach der Wahl von F
Auf Bernd Lucke folgte an der Parteispitze der AfD Frauke Petry. Die studierte Chemikerin wurde 1975 in Dresden geboren. 2013 war sie bereits neben Lucke eine der drei Parteisprecherinnen der AfD. Außerdem wurde sie im selben Jahr zur Vorsitzenden der AfD Sachsen gewählt.  © imago
Frauke Petry AfD
Im Juli 2015 schließlich kam es zum internen Machtkampf in der AfD, den Petry für sich entscheiden konnte. Doch schon zwei Jahre später war auch für sie wieder Schluss. Ende September 2017 trat sie aus der AfD aus und gründete wie Lucke ihre eigene kleine Partei: Petry nannte sie „Die blaue Partei“. © Michael Kappeler/dpa
Prof. Dr. Jörg Meuthen (M.), Bundessprecher der AfD, Deutschland, Berlin, Bundespressekonferenz, Thema: AfD - Zu den Bu
Ein ähnliches Schicksal wie Petry und Lucke ereilte auch Jörg Meuthen (Mitte). Der 1961 in Essen geborene studierte Volkswirt wurde 2015 zu einem der zwei Bundessprecher der AfD gewählt. 2019 gelang ihm der Sieg bei der Wahl zum ersten Bundesvorsitzenden der AfD. Doch schon 2021 erklärte Meuthen, nicht erneut für den Vorsitz kandidieren zu wollen. 2022 folgte dann der endgültige Austritt aus der Partei. Der ließ sich auf seine Niederlage im Machtkampf mit Björn Höcke und den rechtsextremen Kräften innerhalb der AfD zurückführen. © M. Popow/Imago
Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (PEGIDA)
Auftrieb erhielt die AfD auch durch ihre Nähe zur Pegida-Bewegung. Die „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (Pegida) demonstrierten ab 2014 in Dresden und später in weiteren Städten. Immer wieder schlossen sich AfD-Leute den Demonstrationen an, darunter 2018 in Chemnitz auch Björn Höcke. © Ralf Hirschberger/dpa
Beatrix von Storch, geborene Herzogin von Oldenburg
Auch Adel findet sich unter den Führungspersönlichkeiten der AfD: Beatrix von Storch, geborene Herzogin von Oldenburg, war einst bei der FDP und gehörte 2013 zu den Gründungsmitgliedern der AfD. Sie war von Dezember 2019 bis Juni 2022 stellvertretende Bundessprecherin ihrer Partei. Seit Oktober 2017 ist sie eine der stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der Bundestagsfraktion. © Moritz Frankenberg/dpa
Doris Fürstin von Sayn-Wittgenstein im Sitzungssaal des schleswig-holsteinischen Landesverfassungsgerichts.
Auch Doris Fürstin von Sayn-Wittgenstein wurde aus der AfD ausgeschlossen. Sayn-Wittgenstein soll für einen rechtsextremistischen Verein geworben haben, der auf der sogenannten Unvereinbarkeitsliste der AfD stand. Doch die 1954 geborene Rechtsanwältin wehrte sich erfolgreich gegen den Parteiausschluss, den ein Bundesschiedsgericht 2019 beschlossen hat. Im April 2021 urteilte das Landgericht Berlin, dass der Ausschluss aufgrund formaler Fehler unwirksam sei. Damit war sie wieder Parteimitglied. Im Februar 2024 zog der AfD-Bundesvorstand seine Berufung beim Berliner Kammergericht zurück, wodurch das Urteil rechtskräftig geworden ist.  © Marcus Brandt/dpa
Alexander Gauland, heute AfD-Mitglied, früher Herausgeber der Märkischen Allgemeinen Zeitung
Ein Urgestein der AfD, das all die personellen Wechsel überstanden hat und immer noch da ist: Alexander Gauland. Geboren 1941 in Chemnitz, war Gauland vor seiner aktiven politischen Karriere Herausgeber der Märkischen Allgemeinen Zeitung (MAZ). CDU-Mitglied wurde der gelernte Jurist bereits 1973, ab 1987 übernahm er verschiedene politische Ämter, vor allem für die Union in Hessen. CDU-Mitglied blieb Gauland bis 2013, ehe er die AfD mitgründete. Im Jahr 2017 wurde Gauland Bundessprecher der AfD (bis 2019). Von 2017 bis 2021 war er neben Alice Weidel einer von zwei Fraktionsvorsitzenden der Bundestagsfraktion. 2021 gab er dieses Amt wieder ab, blieb der Partei aber als Ehrenvorsitzender erhalten. © imago
AfD-Chefin Alice Weidel
Alice Weidels Aufstieg in der AfD begann mit ihrem Parteieintritt im Jahr 2013. Zwei Jahre später wurde sie bereits in den Bundesvorstand gewählt. 2017 ernannte sie die Partei zur Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl. Im selben Jahr wurde Weidel neben Alexander Gauland Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion, die sie vier Jahre lang führte. © Sebastian Kahnert/dpa
Alice Weidel wohnt mit ihrer Partnerin Sarah Bossard
Alice Weidel wohnt mit ihrer Partnerin Sarah Bossard in einer eingetragenen Partnerschaft zusammen. Das Paar hat zwei Söhne. (Archivbild) © Michael Buholzer/dpa
Tino Chrupalla bei der AfD
Neben Alice Weidel machte in den vergangenen Jahren vor allem Tino Chrupalla bei der AfD von sich reden. Einst Mitglied der Jungen Union und nach eigenen Angaben langjähriger CDU-Wähler, trat Chrupalla 2015 in die AfD ein. 2017 zog er für die Rechtspopulisten in den Bundestag ein. Im selben Jahr wurde er zu einem von fünf stellvertretenden Vorsitzenden der AfD-Bundestagsfraktion gewählt. © imago
Tino Chrupalla neben Jörg Meuthen
Im Jahr 2019 wurde Tino Chrupalla neben Jörg Meuthen zum Bundesvorsitzenden der AfD.  © Julian Stratenschulte
Alice Weidel und Tino Chrupalla
In den Wahlkampf für die Bundestagswahl 2021 zog die AfD mit einer Doppelspitze, bestehend aus Alice Weidel und Tino Chrupalla. Beide stehen seitdem als Bundessprecherin und Bundessprecher an der Spitze der Partei.  © Kay Nietfeld/dpa
Björn Höcke war zwar nie Vorsitzender der AfD,
Björn Höcke war zwar nie Vorsitzender der AfD, gilt aber dennoch als einer der einflussreichsten Personen innerhalb der rechtspopulistischen Partei. Wie Chrupalla gibt auch er an, einst überzeugter Anhänger der CDU und Mitglied der Jungen Union gewesen zu sein. 2013 trat er der AfD bei. © Christoph Soeder/dpa
Björn Höcke den AfD-Landesverband
Ebenfalls 2013 gründete Björn Höcke den AfD-Landesverband in Thüringen. Kurze Zeit später kam es zum Streit mit dem damaligen Bundesvorstand der AfD, der 2017 sogar den Parteiausschluss Höckes beantragte. Den Machtkampf mit der alten Garde der AfD gewann aber Höcke. Er ist weiterhin Parteimitglied, während Widersacher wie Bernd Lucke, Frauke Petry oder Jörg Meuthen die Partei verlassen haben. © Sebastian Kahnert/dpa
André Poggenburg in Leipzig
Anders erging es da einem einstigen Verbündeten von Björn Höcke: André Poggenburg. Gemeinsam mit Höcke hatte der ehemalige Vorsitzende der AfD Sachsen-Anhalt 2015 ein Positionspapier des „AfD-Flügels“ verfasst und damit wie Höcke den Ärger der Parteiführung auf sich gezogen. 2019 plante der AfD-Bundesvorstand, Poggenburg für zwei Jahre von allen Parteiämtern auszuschließen. Dazu kam es nicht, denn Poggenburg trat kurz darauf aus der AfD aus und gründete in alter Tradition ehemaliger AfD-Politiker eine eigene Partei unter dem Namen „Aufbruch deutscher Patrioten – Mitteldeutschland“. Inzwischen ist er parteilos. © Sebastian Willnow/dpa
AfD-Parteitag Riesa - Proteste
Mit dem Aufstieg der AfD zur bundesweiten Größe und dem Einzug in zahlreiche Landesparlamente sowie den Deutschen Bundestag mehrte sich auch der Protest gegen die Rechtspopulisten. Der AfD-Bundesparteitag in Riesa im Januar 2025 wurde von zahlreichen Demonstrationen begleitet. © Daniel Wagner/dpa
AfD-Bundesparteitag in Riesa mit Alice Weidel
Die Proteste hielten die Delegierten auf dem AfD-Bundesparteitag aber nicht davon ab, Alice Weidel zur Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl 2025 zu ernennen. Die AfD stellt damit erstmals in ihrer Geschichte eine eigene Kanzlerkandidatin. © Sebastian Kahnert/dpa

19 Uhr im Treffpunkt „Frei-Raum“ in der Schandauer Straße: Die „Neulandgewinner“ kommen zusammen, auf dem Tisch Flyer, Plakate, Multisaft und Obst. Walldorf kann nicht wegen einer CDU-Sitzung, ein paar sind in Urlaub, es ist Ferienzeit. Es findet sich ein bunter Kreis: die Försterin Annette Schmidt-Scharfe, Iris Gutmann vom Naturschutzbund Sebnitz, BSW-Stadtrat Rainer Böhme, eine Lehrerin, eine kirchlich Engagierte. Was treibt sie an?

Am Anfang, 2015/16, war es Selbsthilfe derer, die Flüchtlingsfamilien unterstützten und dafür von anderen aggressiv angegangen wurden. Die blanke Angst von damals steht wieder im Raum: „Beim ersten Treffen haben wir uns nicht mal getraut, die Vorhänge offen zu lassen“, sagt Schmidt-Scharfe. Die Erfahrung, nicht allein zu sein, habe damals gutgetan. Inzwischen sei mehr daraus geworden: „Wir zeigen ein anderes Sebnitz, eins, das nicht ausgrenzt, sondern den Dialog sucht.“ Auch mit denen, die anders denken: Sie verbuchen es als Erfolg, dass sich bei ihren Festen auch mal AfD-Anhänger sehen lassen, dass zu Treffen während Corona auch Leute von den Montagsdemos kamen.

Gräben überwinden, Menschen beteiligen: Das versuchen auch andere. Es gibt den wöchentlichen Jugendstammtisch, ebenfalls unter dem Dach der Aktion Zivilcourage. Pfarrer Kreß und sein Kollege Lothar Gulbins haben die viel gelobte Gesprächsreihe „Ohne Schubladen“ geschaffen. Diskutiert wird kontrovers über Demokratie, Naturschutz im Nationalpark, Ukraine-Krieg. Oder das erfolgreiche Amateurtheater „Theatre Libre“, das viel Comedy im Programm hat, sich aber vor allem Kinder- und Jugendarbeit widmet: „Wir wollen als Theater ein ,Wir‘ schaffen“, sagt sein Leiter Thomas Beier.

„Müssen Mehrheiten jenseits der AfD schaffen“

Aber zum „Wir“ gehört immer auch die andere Seite. Und die, die sich so leidenschaftlich für das demokratische Miteinander einsetzen, müssen zusehen, wie Parteien wie die AfD trotzdem zulegen. Sozialpädagoge Beier klingt nicht als Einziger ratlos, wenn er von der „Irrationalität vieler Rechts-Wähler“ spricht: „Es gibt hier Leute, die haben große Häuser, und sie klagen trotzdem, ihnen gehe es schlecht. Was fehlt diesen Menschen denn, frage ich mich. Argumente ziehen da nicht mehr.“

Stimmt das? Einer der Gemeinten immerhin, der parteilose AfD-Stadtrat Toni Lustig, reagiert auf die Gesprächsanfrage der FR. Gerade zurück aus dem Ägypten-Urlaub mit den Kindern, erklärt er am Telefon, warum er für die Rechtsextremen im Stadtrat sitzt: vor allem wegen dieser „gigantischen Flüchtlingskrise“ und der „Mauschel-Politik“ des früheren OB. Der gelernte Informationselektronikermeister Lustig führt die Expert-Niederlassung im Sebnitz-Center. „Ich habe nichts gegen viele der Asylanten, aber sie müssen sich benehmen. Und das tun viele nicht.“ Und der rechtsextreme Überfall auf die afghanische Flüchtlingsfamilie 2023? Da, habe er gehört, „soll es vorher ja Angriffe von denen selbst gegen andere gegeben haben“. Der Polizei liegt dazu nichts vor, wie eine FR-Nachfrage ergibt.

Lustig nennt noch Vorhaben seiner erstarkten Fraktion für die neue Wahlperiode. Er spricht von angeblichen „Übergriffen durch Flüchtlinge gegen Frauen, die leider nicht angezeigt wurden, das muss sich künftig bessern“. Und man wolle jetzt grundsätzlich wissen: „Was kosten die Asylanten die Stadt?“ Initiativen gegen Fachkräftemangel und Überalterung erwähnt er nicht. Und was ist mit Projekten wie den „Neulandgewinnern“ und der Aktion Zivilcourage? Die AfD hat schon vor der Wahl deutlich gemacht, dass sie die städtische Förderung dafür nicht mehr will.

News zur Sachsen-Wahl 2024: Umfragen, Prognosen und Parteien

Spannend wird, ob sie dafür Mehrheiten findet. Zum Rechtsaußen-Lager im Stadtrat werden neben der AfD auch die Liste „Wir für Hier“ des Ex-NPD-Landtagsabgeordneten und Arztes Johannes Müller sowie die Liste „Zukunft Sebnitz“ gerechnet. Sie kommen zusammen auf neun von 18 Stimmen im Rat. Die anderen neun: das demokratische Lager. Eine weitere Stimme hat der OB. CDU-Chef Walldorf sieht schwere Zeiten kommen: „Wenn wir die Stadtpolitik gestalten wollen, müssen wir Mehrheiten jenseits der AfD schaffen. Sonst können wir hier zumachen.“

Die erste Nagelprobe steht am 21. August an. Dann müssen in der konstituierenden Sitzung zwei Stellvertreter:innen des OB gewählt werden, die ihn bei Abwesenheit ersetzen. Wenn es schlecht läuft, fürchten viele, kommt einer der beiden aus der AfD.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Hanke

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