US-Sanktionen

Nach Drohung vor Nawalny-Tod: Biden gehen die Druckmittel gegen Putin aus

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Die USA haben neue Sanktionen gegen Russland vorgestellt - zumindest offiziell als Reaktion auf Nawalnys Tod. Doch Washington gehen die Optionen aus.

Washington, D.C. – US-Präsident Joe Biden hat ein neues Paket von Sanktionen gegen Russland angekündigt. Nach der offiziellen Darstellung handelt es sich dabei, zumindest teilweise, um eine Reaktion auf den Tod des Kremlkritikers Alexei Nawalny. Die US-Regierung versucht, handlungsmächtig zu wirken, obwohl ihr langsam die Druckmittel ausgehen.

Das Maßnahmenpaket, das am Freitag (23. Februar) verabschiedet werden soll, ist in Wahrheit keine kurzfristig ersonnene Strafe für den Tod Nawalnys. Vielmehr ist es schon seit längerem in Arbeit und markiert in etwa den zweijährigen Jahrestag von Russlands Ukraine-Krieg, so das US-Magazin Politico unter Berufung auf drei mit dem Prozess vertraute, anonyme Beamte. Zwar habe es am Mittwoch noch Diskussionen über das Hinzufügen neuer Sanktionen gegeben, dies sei jedoch laut einem der Beamten als zu kurzfristig verworfen worden.

Joe Biden gehen die Druckmittel gegen Putin aus.

„Verheerende“ Konsequenzen bei Tod von Nawalnys – Was kann Joe Biden wirklich ausrichten?

Schon 2021 hatte Biden nach einem Treffen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin „verheerende“ Konsequenzen für Russland angedroht, falls der inhaftierte Oppositionsführer Nawalny sterben sollte. Fast drei Jahre später ist sich die Biden-Regierung jetzt wohl bewusst, dass sie kaum über zufriedenstellende und schnell implementierbare Optionen zur Bestrafung Moskaus verfügt.

Dennoch hatte der US-Präsident am Dienstag angekündigt, dass man Ende der Woche „bedeutende Sanktionen“ vorstellen werde. Drei Hauptoptionen, zwei wirtschaftliche und eine militärische, werden dafür von der Regierung Bidens erwogen – bei keiner ist allerdings gewiss, dass sie so „verheerend“ ausfallen wird, wie 2021 angekündigt. Das schreibt Politico unter Berufung auf die drei US-Beamten.

Wirtschaftliche und militärische Optionen - Waffen für die Ukraine als Strafe für Moskau?

Zum einen könnten die USA sowohl weitere Sanktionen gegen Russland verhängen als auch die Wege abschneiden, auf denen Moskau die derzeitigen Sanktionen umgeht. Möglich wäre beispielsweise, die Versorgung wichtiger Teile der russischen Industrie mit sensiblen Technologien zu unterbinden. Beide Methoden würden die Fähigkeit des Kremls, den Krieg in der Ukraine zu führen, weiter beeinträchtigen. Die militärische Option wäre, die Ukraine in großem Stil mit fortschrittlicheren Waffen zu versorgen, um die Kiewer Streitkräfte im Konflikt gegen Moskau zu stärken.

Laut den drei Beamten werden auch aggressivere und kompliziertere Maßnahmen erwogen. Die USA könnten demnach Russlands Ölexporte drosseln – auch in befreundete Länder wie Indien und in gegnerische Länder wie China. Auch die Beschlagnahmung eingefrorener russischer Vermögenswerte zur Finanzierung des Wiederaufbaus der Ukraine werde debattiert. Allerdings sei unwahrscheinlich, dass dies zu den unmittelbar bevorstehenden Maßnahmen gehören werde, so die Beamten gegenüber dem Magazin.

Alexej Nawalny ist tot: Protest, Anschläge, Gefängnis – sein Leben in Bildern

Wahlen 2012 in Russland: Nawalny protestiert gemeinsam mit Schach-Großmeister Garry Kasparow (l.) für faire Wahlen in Russland – am Ende gewann Wladimir Putin.
Wahlen 2012 in Russland: Nawalny protestiert gemeinsam mit Schach-Großmeister Garri Kasparow (l.) für faire Wahlen in Russland – am Ende gewann Wladimir Putin. © Anatoly Maltsev / dpa
Nawalny – damals bereits sozusagen der Superstar der Protestbewegung in Russland – mit seiner Ehefrau Julija, vor Gericht. Nach seinen Protesten kam er damals vorerst frei.
Nawalny – damals bereits sozusagen der Superstar der Protestbewegung in Russland – mit seiner Ehefrau Julija, vor Gericht. Nach seinen Protesten kam er damals vorerst frei. © Valentina Svistunova / dpa
Kreml-Kritiker Nawalny 2017 nach einer Farbattacke vor seinem Büro.
Kreml-Kritiker Nawalny 2017 nach einer Farbattacke vor seinem Büro. © Evgeny Feldman / dpa
2017 rief Nawalny im ganzen Land zu Protesten gegen Korruption in Russland auf – und wurde zu 15 Tagen Arrest verurteilt.
2017 rief Nawalny im ganzen Land zu Protesten gegen Korruption in Russland auf – und wurde zu 15 Tagen Arrest verurteilt.  © Str/AP/dpa | Str
2015 wird der Oppositionsführer Boris Nemzow in Russland auf offener Straße erschossen. Nawalny beteiligt sich an den Protesten – und wird immer mehr zum neuen Gesicht der Opposition.
2015 wird der Oppositionsführer Boris Nemzow in Russland auf offener Straße erschossen. Nawalny beteiligt sich an den Protesten – hier bei einer Gedenk-Demo 2018 – und wird immer mehr zum neuen Gesicht der Opposition. © Alexander Zemlianichenko / dpa
2018 plante Nawalny, als Kandidat bei der Präsidentschaftswahl gegen Wladimir Putin anzutreten. Allerdings beschloss ein Gericht vorab seinen Ausschluss von den Wahlen.
2018 plante Nawalny, als Kandidat bei der Präsidentschaftswahl gegen Wladimir Putin anzutreten. Allerdings beschloss ein Gericht vorab seinen Ausschluss von den Wahlen. © Evgeny Feldman / dpa
Nawalny vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte im Jahr 2018. Dort war Russland zuvor wegen Festnahmen des Kreml-Kritikers verurteilt worden.
Nawalny vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte im Jahr 2018. Dort war Russland zuvor wegen Festnahmen des Kreml-Kritikers verurteilt worden. © Jean-Francois Badias / dpa
Familie Nawalny: Der russische Oppositionsführer Alexej Nawalny (M), seine Frau Julija (r), seine Tochter Daria (l) und sein Sohn Sachar stehen nach der Stimmabgabe bei einer Stadtratswahl im Jahr 2019 zusammen.
Familie Nawalny: Der russische Oppositionsführer Alexej Nawalny (M), seine Frau Julija (r), seine Tochter Daria (l) und sein Sohn Sachar stehen nach der Stimmabgabe bei einer Stadtratswahl im Jahr 2019 zusammen. © Andrew Lubimov / dpa
September 2020: Nach einer Nowitschok-Vergiftung wird Nawalny in der Berliner Charité behandelt.
September 2020: Nach einer Nowitschok-Vergiftung wird Nawalny in der Berliner Charité behandelt. © Daria Nawalny / dpa
Nach seiner Genesung und Rückkehr aus Deutschland wurde Nawalny in Russland festgenommen – hier zeigt er in Handschellen das „Victory“-Zeichen, begleitet von einer Polizei-Eskorte.
Nach seiner Genesung und Rückkehr aus Deutschland wurde Nawalny in Russland festgenommen – hier zeigt er in Handschellen das „Victory“-Zeichen, begleitet von einer Polizei-Eskorte. © Sergei Bobylev / dpa
Ein großes Portrait von Alexej Nawalny mitten in St. Petersburg. Nach nur wenigen Minuten ließ man es wieder überstreichen.
Ein großes Portrait von Alexej Nawalny mitten in St. Petersburg. Nach nur wenigen Minuten ließ man es wieder überstreichen. © Alexander Demianchuk / Imago
Alexej Nawalny (r) und seine Anwälte im Moskauer Stadtgericht 2021 – ihm droht eine lange Haftstrafe.
Alexej Nawalny (r) und seine Anwälte im Moskauer Stadtgericht 2021 – ihm droht eine lange Haftstrafe. © Moscow City Court Press Service / dpa
Alexej Nawalny Anfang des Jahres 2022 hinter Gittern bei einer Anhörung bezüglich Beschwerden zu seiner Unterbringung während der 3,5-jährigen Haftstrafe.
Alexej Nawalny Anfang des Jahres 2022 hinter Gittern bei einer Anhörung bezüglich Beschwerden zu seiner Unterbringung während der 3,5-jährigen Haftstrafe. © Anna Ustinova / Imago
Kurzer Glücksmoment in schweren Zeiten: Nawalny und Ehefrau Julija Arm in Arm rund um eine weitere Anhörung des Kreml-Kritikers vor Gericht im Februar 2022.
Kurzer Glücksmoment in schweren Zeiten: Nawalny und Ehefrau Julija Arm in Arm rund um eine weitere Anhörung des Kreml-Kritikers vor Gericht im März 2022. Wegen angeblicher Veruntreuung von Spendengeldern wurden 13 weitere Jahre Haft gefordert. © Sergei Fadeichev / Imago / ITAR-TASS
Bilder wie dieses aus dem Mai 2022 von einer weiteren Anhörung schüren Sorgen um den Gesundheitszustand von Nawalny.
Bilder wie dieses aus dem Mai 2022 von einer weiteren Anhörung schüren Sorgen um den Gesundheitszustand von Nawalny. Der Kritiker trat während seiner Haftzeit immer wieder beispielsweise in Hungerstreik. Seine Haft-Unterbringung soll teils dürftig gewesen sein. © IMAGO/Sergei Karpukhin / ITAR-TASS
Nawalny wieder vor Gericht im August 2023.
Nawalny wieder vor Gericht im August 2023. Der Oppositionsführer war erneut zu 19 Jahren Haft unter anderem wegen Extremismus verurteilt worden. © IMAGO/Sofya SandurskayaITAR-TASS
Ende 2023 galt Nawalny kurz als verschwunden
Ende 2023 galt Nawalny kurz als verschwunden. Dann hieß es, er sei in ein Strafgefangenenlager nach Sibirien gebracht worden. Das Foto zeigt ihn im Januar 2024 bei einer weiteren Video-Schalte. © Alexander Zemlianichenko / dpa
Am 16. Februar 2024 kommt überraschend dann die Info aus Russland, Nawalny sei im Strafgefangenenlager gestorben
Am 16. Februar 2024 kommt überraschend dann die Info aus Russland, Nawalny sei im Strafgefangenenlager gestorben. Weltweit wird um den Kreml-Kritiker getrauert. © IMAGO/Vuk Valcic / ZUMA Wire

Russland wurde bereits mit zahlreichen Sanktionen belegt – Wie sehr schaden sie Putins Wirtschaft?

Die Wirksamkeit eines solchen Vorgehens wird jedoch angezweifelt, da die USA ihr Instrumentarium an Sanktionen bereits weitgehend ausgeschöpft hatten, nachdem Russland vor zwei Jahren in die Ukraine einmarschiert war. „Wir haben so viele Maßnahmen ergriffen, dass es schwer wäre, welche zu finden, aber wir werden sie verschärfen – und das sollten wir auch“, so Jim Risch, Senator aus Idaho und ranghöchster Republikaner im Ausschuss für auswärtige Beziehungen des Senats, in einem Interview am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz. Gleichzeitig räumte Risch ein, dass die USA nicht viel mehr Druck ausüben könnten.

Den bisherigen Sanktionen zum Trotz hat sich die russische Wirtschaft als resistent erwiesen – sie scheint, zumindest den offiziellen Zahlen zufolge, in einem gesunden Tempo zu wachsen. Nach einer Rezession im Jahr 2022 ist das russische Bruttoinlandsprodukt (BIP) im vergangenen Jahr um 3,6 % gestiegen. Die Rüstungsindustrie macht inzwischen 10 % des BIP des Landes aus, und die Kriegswirtschaft scheint in vollem Gange zu sein. Das schreibt die Nachrichtenwebsite DW.

Es sei unrealistisch anzunehmen, dass Sanktionen die russische Kriegswirtschaft völlig zum Erliegen bringen können, so Agathe Demarais vom Europäischen Rat für Auswärtige Beziehungen gegenüber der Website. „Die Realität ist, dass Russland die achtgrößte Volkswirtschaft der Welt ist und über enorme natürliche Ressourcen verfügt“, so Demarais weiter. Dennoch könne man die Lage für Russland zumindest etwas erschweren. (tpn)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Pool/ABACA

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