VonSven Haubergschließen
Berichten zufolge leidet die Bevölkerung Nordkoreas an Hunger. Ein Experte macht Kim Jong-un massive Vorwürfe – der Diktator gebe sein Geld lieber für Waffen aus als für Lebensmittel.
München/Pjöngjang – Wer wissen will, was in Nordkorea vor sich geht, kann meist nur spekulieren, Berichte auswerten, Kaffeesatzleserei betreiben. Vor einigen Tagen etwa machte die Meldung die Runde, die abgeschottete Diktatur habe die Maskenpflicht abgeschafft, als letztes Land der Welt. Beobachtern war aufgefallen, dass in Nordkoreas Staatsfernsehen zunehmend Menschen ohne Gesichtsmaske gezeigt werden. Ein Indiz, mehr nicht. Umso erstaunlicher war, dass die britische BBC Mitte Juni erstmals Augenzeugen präsentierte, „gewöhnliche Menschen aus Nordkorea“, die davon berichteten, wie das Land derzeit an Hunger leidet. Solche Einblicke sind selten. In diesem Fall waren sie zudem: ziemlich schockierend.
Eine Frau in der Hauptstadt Pjöngjang etwa erzählte, dass eine dreiköpfige Familie in ihrer Nachbarschaft verhungert sei, ein Bauarbeiter sprach von fünf Hungertoten in seinem Heimatdorf an der Grenze zu China. Menschen würden bettelnd durch die Lande streifen, sich aus Verzweiflung umbringen, die Märkte seien leer. Das genaue Ausmaß der Hungerkrise ist indes unklar; die Vereinten Nationen sowie der südkoreanische Geheimdienst gehen allerdings davon aus, dass das Regime nicht mehr in der Lage ist, seine Bevölkerung zu ernähren. „Die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln ist wahrscheinlich unter das für den menschlichen Bedarf notwendige Minimum gesunken“, schrieb bereits Anfang des Jahres die US-Denkfabrik Stimson Center. „Nordkorea steht am Rande einer Hungersnot.“
Nordkoreas Diktator Kim Jong-un fordert „grundlegende“ Reformen
Wie schlimm die Lage wirklich ist, kann man auch daran ablesen, dass Diktator Kim Jong-un öffentlich eingestanden hat, dass sein Land Probleme habe, die Reisschüsseln der rund 25 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner Nordkoreas zu füllen. Der Staat müsse „grundlegende“ Reformen auf den Weg bringen und die Kontrolle über die Landwirtschaft verstärken, erklärte der Machthaber in ungewohnter Offenheit.
Für Lee Sung-yoon, Korea-Experte an der Tufts University im US-Bundesstaats Massachusetts, kommen die Berichte aus Kim Jong-uns Diktatur nicht überraschend. Vor Beginn der Corona-Pandemie seien bis zu 90 Prozent der nordkoreanischen Lebensmittelimporte aus China gekommen. „Dann aber hat Nordkorea seine Grenzen geschlossen.“ Seitdem kämen kaum noch Waren in das Land, und auch der lebenswichtige Schmuggel über den Grenzfluss Yalu sei weitgehend zum Erliegen gekommen. „Jeder, der sich der Grenze zu China genähert hat, wird erschossen“, sagt Lee der Frankfurter Rundschau.
Der Forscher, der unlängst ein Buch über Kims Schwester Kim Yo-jong veröffentlicht hat, fühlt sich an die große Hungersnot der späten 90-er erinnert. Wohl zwischen 500.000 und 3,5 Millionen Menschen verhungerten in den Jahren von 1994 und 1998, einer Zeit, die Nordkoreas Propaganda verharmlosend als „beschwerlichen Weg“ bezeichnet. Schuld an der Katastrophe waren Misswirtschaft, Umweltkatastrophen – und der Zusammenbruch der Sowjetunion einige Jahre zuvor, die Nordkorea zuverlässig mit Nahrungsmitteln versorgt hatte.
Experte: Kim Jong-un nutzt den Hunger, um sein Volk zu kontrollieren
„Nordkorea ist das einzige industrialisierte, urbane und gebildete Land, das jemals in der Weltgeschichte eine Hungersnot erlitten hat, und ich glaube, es wird für immer das einzige Land bleiben“, sagt Lee. Verantwortlich für die Lage, damals wie heute, macht er das Regime in Pjöngjang. „Das Problem war nie, dass es nicht genug Nahrung gab.“ Vielmehr horte die Elite in der Hauptstadt Nahrungsmittel, anstatt sie gerecht im Land zu verteilen. Zudem melde Nordkorea jedes Jahr in etwa dieselbe Versorgungslücke von etwas mehr als einer Million Tonnen. „Es scheint fast so, als ob die Verantwortlichen in Nordkorea damit planen, dass das Ausland diese Lücke in der Nahrungsversorgung schließt, damit sie genug Milliarden für Atomwaffen ausgeben können“, vermutet Lee.
Tatsächlich rüstet Kim Jong-un massiv auf. Seit 2011 ließ er mehr als 220 Raketen testen, alleine im vergangenen Jahr mehr als 90 Mal, was einer Schätzung zufolge mit rund einer halben Milliarde US-Dollar zu Buche schlug. Und auch jetzt eskaliert Kim weiter. Im März testet das Regime eine „strategische Unterwasser-Nuklearwaffe“, und unlängst schoss Nordkorea – wenn auch erfolglos – einen Spionagesatelliten in Richtung Weltall. All das folgt demselben Kalkül: Das Kim-Regime fühlt sich von seinem Nachbarn Südkorea sowie dessen Verbündeten, den USA, bedroht. Und es nutzt diese Drohkulisse, um das Volk unter Kontrolle zu halten. Wer Angst hat vor dem angeblich so feindlich gesinnten Ausland, der hält zum eigenen Regime – und erduldet auch Hunger, Armut und Hoffnungslosigkeit.
Und selbst den Hunger setze das Regime als Waffe gegen das eigene Volk ein, glaubt Lee. Denn der Staat kontrolliere die Landwirtschaft und somit auch, wer etwas zu essen bekommt. Kim Jong-un „nutzt das Leiden der Menschen aus – wie sonst lässt sich erklären, dass in einem industrialisierten Atomwaffenstaat wie Nordkorea seit 30 Jahren ununterbrochen eine Lebensmittelknappheit herrscht?“ Dieses Druckmittel funktioniere vor allem auf dem Land. In der Hauptstadt Pjöngjang hingegen sei die Versorgungslage besser, um die dortige Elite bei Laune zu halten.
Nordkorea will keine „vergifteten Süßigkeiten“ aus dem Westen
Südkoreas konservativer Präsident Yoon Suk-yeol kündigte unterdessen an, sein Land wolle dem Norden künftig weniger unter die Arme greifen als noch in der Vergangenheit. Das Vereinigungsministerium in Seoul, das für die Beziehungen zum kommunistischen Nachbarn zuständig ist, habe sich bislang „wie ein Ministerium für Nordkorea-Hilfe verhalten, und das ist falsch“, sagte Yoon Anfang des Monats. Wenige Tage zuvor hatte er den Hardliner Kim Yung-ho zum neuen Chef des Ministeriums bestimmt. Kim will im Umgang mit Nordkorea vor allem die desolate Menschenrechtslage in dem Land zum Thema machen.
Internationale Experten fordern, Nordkorea müsse seine Grenze zu China umgehend öffnen. Und es müsse wieder private, informelle Märkte zulassen, anstatt darauf zu vertrauen, dass das staatliche System zur Verteilung von Lebensmitteln funktioniere. Hilfe aus dem „imperialistischen“ Ausland – also von USA oder Südkorea – will das Regime derzeit nicht annehmen. Die Staatszeitung Rodong Sinmun bezeichnete Lebensmittelspenden im Februar als „vergiftete Süßigkeit“. Kim Jong-il, der verstorbene Vater von Diktator Kim Jong-un, hatte das Bild vom süßen Naschwerk schon einmal heraufbeschworen, während der bitteren Jahre des „beschwerlichen Wegs“: „Man kann ohne Süßigkeiten leben, aber nicht ohne Kanonenkugeln“, rechtfertigte er damals Nordkoreas teures Waffenprogramm – und ließ sein Volk weiter hungern.
