Experten-Prognose

Verhandlungen im Ukraine-Krieg: „Westen wird zweimal über unbefristete Unterstützung nachdenken“

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Trotz Erfolge scheint ein Sieg der Ukraine im Krieg gegen Russland fern. Ein Historiker äußert erste Zweifel an der zukünftigen Unterstützung des Westens.

Kiew - Die Ukraine versucht seit Juni, mit einer Offensive gegen Russland besetzte Gebiete im Süden und Osten des Landes zurückzuerobern. Doch die ukrainischen Streitkräfte erzielen nur langsam Erfolge, und der Westen scheint zwar genügend Waffen zu liefern, um den Ukraine-Krieg nicht zu verlieren, aber auch nicht genug, um zu gewinnen. Der Historiker Mark Galeotti erklärt, warum ein baldiges Ende des Ukraine-Kriegs nicht in Sicht ist und was das größte Problem für mögliche Verhandlungen im Ukraine-Krieg beider Parteien ist.

Laut Galeotti habe man der Ukraine keinen Gefallen mit optimistischen Prognosen über „einen schnellen und einfachen Sieg“ gemacht, wie er in der britischen The Times schreibt. Die Erwartungen seien nun unrealistisch hoch – ein Nachteil für Kiew. Zwar sei das Land aktuell besser aufgestellt als Russland, doch die Erfolge klein. „Es bleiben noch ein oder zwei Monate, in denen die Ukraine einen Durchbruch erzielen könnte – im November beginnen die Winterregen in der südlichen Region Saporischschja, was die Bedingungen wirklich erschweren würde.“

Verhandlungen im Ukraine-Krieg: Historiker rechnet mit keinem schnellen Sieg der Ukraine

Die Wahrscheinlichkeit auf einen großen Durchbruch an der Südfront vor dem Wintereinbruch sei laut dem Historiker zwar nicht unmöglich, aber immer geringer. Wer gehofft oder erwartet hat, „dass der Krieg in diesem Jahr endet, wird wahrscheinlich enttäuscht sein“, gibt der Historiker eine pessimistische Prognose ab.

Gespräche mit Putin sind für den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj ausgeschlossen. (Symbolfoto)

Statt einem schnellen Ende des Ukraine-Kriegs erwartete Galeotti, dass „dieser Krieg nach einem längeren Zeitplan geführt werden wird“. Laut dem Historiker könnte man einerseits behaupten, „dass die Kämpfe dieses Sommers die Ukrainer auf größere Erfolge im nächsten Frühjahr vorbereiten“. Für größere Erfolge sei jedoch mehr westliche Ausrüstung nötig, „beispielsweise US-amerikanische Abrams-Panzer und F-16-Kampfflugzeuge“ und sie vor allem „mehr Zeit bekommen, sich darin zu üben“.

Verhandlungen im Ukraine-Krieg: „Westen wird zweimal über unbefristete Unterstützung nachdenken“

Genau darin liegt das Problem. Immer wieder betonen Militär-Experten, dass ein Sieg der Ukraine im Kampf gegen Russland maßgeblich von Waffenlieferungen aus dem Westen abhängig ist, insbesondere aus der USA und Deutschland. Doch keines der beiden Länder hat der Ukraine jemals öffentlich die bedingungslose Unterstützung zugesichert. Dieses Problem betonte zuletzt auch der ehemalige Oberbefehlshaber der US-Armee in Europa, Ben Hodges. „Der Westen, angeführt von den USA und Deutschland, [hat] nie gesagt, dass unser Ziel ein ukrainischer Sieg ist“, so Hodges.

Die Folge der Zurückhaltung des Westen beschreibt Galeotti weiter in The Times: Weder Kiew noch Moskau seien aktuell zu sinnvollen Verhandlungen bereit und pochen stattdessen auf unterschiedliche Entwicklungen. Während Kiew alles daran setze, mehr Gebiete zu befreien und damit eine bessere Grundlage für Gespräche mit dem Westen zu schaffen, plane Moskau die diesjährige Gegenoffensive auszuhalten und hoffe, dass „die Pattsituation den Westen dazu veranlassen wird, zweimal über eine unbefristete Unterstützung für die Ukraine nachzudenken“.

Ende des Kriegs: Verhandlungen zwischen USA und Moskau hinter dem Rücken der Ukraine?

Vergangene Recherchen haben bereits gezeigt, dass die USA unter Umständen offen für Gespräche mit Moskau ist. So soll sich ein früherer US-Beamter zu Geheimgesprächen mit Russlands Außenminister Sergej Lawrow getroffen haben, um über Verhandlungen zum Ende des Ukraine-Kriegs zu sprechen. Auch der russische Autor und Aktivist Garri Kasparow schrieb zuletzt in einem Kommentar für die Kyiv Post:

„Meine Befürchtung ist, dass die Regierung Biden davon träumt, mit dem Kriegsverbrecher Putin unmoralische ‚Land für Frieden‘-Deals auszuhandeln, anstatt der Ukraine alle Waffen zu geben, die sie braucht, um den Krieg schnell zu gewinnen und Leben zu retten.“ Die Angst würde aktuell zwar auf Indizien aufbauen, „aber sie stützt sich auf die lange Erfolgsbilanz von Biden-Beamten und ihre unappetitlichen Beziehungen zu Putin und anderen Diktaturen“. Laut dem Historiker Galeotti rechnen einige andere russische Strategen und westliche Analysten wiederum damit, dass Donald Trump nächstes Jahr wieder die US-Präsidentschaftswahl gewinnt und die USA im Zuge dessen aus dem Ukraine-Krieg aussteigen könnten.

Verhandlungen im Ukraine-Kriegs: „Alle Beteiligten müssen ernsthafter über langfristige Kriegspläne nachdenken“

Galeotti zufolge wird sich der Krieg weiterhin in die Länge ziehen und vermutlich von der langfristigen Kampffähigkeit der ukrainischen Streitkräfte abhängen, die aktuell bereits erste Anzeichen von Kriegsmüdigkeit zeigen würde. Der Historiker fordert deshalb: „Stattdessen ist es an der Zeit, dass alle Beteiligten ernsthafter über ihre langfristigen Kriegspläne nachdenken, die schließlich die Voraussetzungen schaffen könnten, über eine Art Frieden nachzudenken.“ (nz)

Rubriklistenbild: © Kay Nietfeld/dpa

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