Interview zur Europawahl

Volt-Kandidat Boeselager vor Europa-Wahl: „Bürger sind von der Leyen egal“

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Damian Boeselager kam als Einzelkämpfer für Volt ins EU-Parlament – und hofft auf eine eigene Fraktion. Ein Interview.

Herr Boeselager, als Sie 2019 ins EU-Parlament eingezogen sind, waren Sie der einzige von Ihrer Partei Volt. Sie haben sich der Fraktion der Grünen/EFA angeschlossen. Wie war die Zusammenarbeit?
Wir hatten am Anfang mit den Liberalen und den Grünen verhandelt. Es war klar, fraktionslos kann man nichts erreichen. Und die Grünen haben uns die Ausschüsse gegeben, die wir haben wollten. Das ist einmal der Verfassungsausschuss, da unser Anliegen die Verbesserung der EU ist. Und dann sind es noch der industriepolitische Ausschuss und der Innenausschuss, außerdem war ich noch im Haushaltsausschuss. Es hat gut funktioniert, die Fraktion von meinen Themen bei meinen Gesetzen zu überzeugen, sodass ich dann mit 75 Stimmen gegenüber den anderen Fraktionen auftreten konnte.
Das ist aber nicht ausgemacht, dass so etwas klappt, oder?
Man muss seine Fraktion überzeugen, dass man bei dem Gesetz, das man verhandelt, die richtigen Prioritäten setzt. Die Arbeitsmigration ist zum Beispiel ein Thema, das die Grünen auf europäischer Ebene nicht so intensiv verfolgen, deshalb hatte ich da viel Raum. Am meisten Überlappung gab es beim Thema Asyl, aber da bin ich relativ nah an der Position der europäischen Grünen.
Ein Sitz ist erst der Anfang: Damian Boeselager will sich weiter vortrauen in die EU.

Unterschiede zu den Grünen: Volt zeigen sich „technologieneutraler“ vor Europawahl

Gab es auch Themen, wo sich Ihre sehr von der Position der Grünen unterscheidet?
Wenn ich der einzige bin, der dagegen stimmt und 74 stimmen dafür, führt das nicht unbedingt zu großen Konflikten (lacht). Aber klar: Ich bin stark für die Diversifizierung von China. Das geht aber nur mit Handelsabkommen mit anderen Regionen, was für die Grünen nicht die Priorität war. Bei Technologien wie Atomkraft oder Gentechnik sind wir bei Volt etwas technologieneutraler als die Grünen. Zum Beispiel können wir mit neuen Atomkraftwerken nicht unsere Klimaziele erreichen, weil es viel zu lange dauert, die zu bauen. Das ist für uns aber keine Fundamentalopposition zur Atomkraft. Aber das meiste erreicht man nicht durch die eine Stimme, die man im Plenum hat, sondern dadurch, dass man Chefverhandler bei einem Gesetz ist. Ich war es zum Beispiel beim Corona-Wiederaufbaufonds im Haushaltsausschuss.

Zur Sache und Person

Damian Boeselager (36) geboren in Frankfurt, sitzt seit 2019 für die Partei Volt Deutschland im EU-Parlament.

Die Idee für Volt kamen ihm, Andrea Venzon aus Italien und Colombe Cahen-Salvador aus Frankreich 2016. Nach der Wahl von Trump wollten sie sich für Europa engagieren. Bei der EU-Wahl 2019 trat Volt in sieben Ländern an und gewann in Deutschland als einzigem mit 0,7 Prozent einen Sitz.

In Deutschland sitzt Volt in mehreren Stadtparlamenten, etwa in Darmstadt, Wiesbaden, München und Frankfurt. Ansonsten gibt es Volt-Leute in den Niederlanden, Bulgarien und Zypern. fme

Sie sind mit großen Zielen angetreten, zum Beispiel die EU zu reformieren, sodass das Parlament mehr Befugnisse bekommt, etwa ein Initiativrecht. Was haben Sie erreicht ?
Ich habe viel innerhalb des Systems gearbeitet. Die systemische Veränderung werden wir nur hinbekommen, wenn wir es schaffen, in allen Mitgliedsländern die traditionellen Parteien vor uns herzutreiben. Im Moment gibt es keine Regierungschefin oder Regierungschef der Mitgliedsstaaten, der oder die Interesse daran hat, die EU weiterzuentwickeln – stattdessen werden die Nationalisten stärker.
Haben Sie trotzdem versucht, etwas zu ändern?
Ja. Ich war Sprecher der Fraktion im Verfassungsausschuss und habe die Agenda des Ausschusses mitbestimmen können. Ich war auf einer Konferenz zur Zukunft Europas. Da haben wir mit Bürgerinnen und Bürgern gemeinsam Veränderungsvorschläge erarbeitet, die wir dann auch Kommissionspräsidentin von der Leyen vorgestellt haben, zum Beispiel das Veto im Europäischen Rat abzuschaffen. Wir haben auch das europäische Wahlrecht neu verhandelt, um eine zusätzliche Zweitstimme für europäische Parteien einzuführen. Das haben wir auch mit knapper Mehrheit durchs Parlament bekommen, jetzt hängt es aber – und da sind wir wieder beim System – bei den Staats- und Regierungschefs, die da keine Lust drauf haben.

Volt-Kandidat über EU-Kommissionschefin von der Leyen: „Die Bürger sind ihr egal“

Ihre Partei stellt auch eine transnationale Liste auf. Die kann aber niemand wählen, oder?
Nein. Die wäre dann wählbar, wenn mein Wahlrecht durchkommt. Wir haben das gemacht, um zu zeigen, dass wir eine europäische Partei sind, dass unsere Kandidaten für die Kommissionspräsidentschaft tatsächlich Wahlkampf machen und auch sagen, wofür sie stehen. Wir haben ja auch das gleiche europäische Programm in allen EU-Ländern. Frau von der Leyen macht nirgendwo Wahlkampf, außer bei den 27 Regierungschefs. Die Bürgerinnen und Bürger sind ihr egal.

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Dass es in Deutschland keine Sperrklausel für die EU-Wahl gibt, ist für Sie essenziell. 2029 soll es aber dann eine geben. Was halten Sie davon?
Bis dahin wird es uns egal sein. Wir haben ja nicht den Anspruch, eine kleine Partei zu bleiben. Aber abgesehen davon ist eine Sperrklausel für die Demokratie schlecht. Das Bundesverfassungsgericht hat mit gutem Grund die Sperrklausel abgeschafft. Das EU-Parlament zwingt einen ohnehin in Fraktionen. Es gibt sehr viele Abgeordnete, die alleine oder zu zweit aus ihrem Land und ihren Parteien gewählt werden. Die Arbeitsfähigkeit und die Willensfindung ist dadurch nicht gefährdet.
Mit wie vielen Abgeordneten rechnen Sie realistischerweise in der nächsten Legislaturperiode?
Als wir Volt gegründet haben, waren wir zu dritt. Da waren unsere realistischen Chancen, zwei Jahre später mit einer Person ins Parlament einzuziehen, sehr gering. Was wichtiger ist: Wir bauen hier etwas auf, mit aller Energie, die wir haben, dem Rechtsruck etwas entgegenzusetzen, mit einer anderen Vision von Europa. In Deutschland sieht es gut aus. Wir sind nicht Teil der Ampel und auch nicht der unsympathische Friedrich Merz auf der anderen Seite. Wir sind aber auch nicht die Anti-Europäer. Das ist attraktiv auch für junge Leute und wir haben ja diesmal das Wahlalter 16. In den Niederlanden sind wir gerade bei fünf oder sechs Prozent, das würde sich in zwei Abgeordnete übersetzen. Unser Ziel ist es, mit 23 Abgeordneten aus 7 Ländern eine eigene Fraktion aufbauen zu können.

Wandel in Europa: Die Geschichte der EU in Bildern

Karte der Europäische Union
Die Europäische Union ist eine wirtschaftliche und politische Vereinigung von 27 europäischen Ländern. Insgesamt leben etwa 450 Millionen Menschen im Gebiet der EU. Ursprünglich als Wirtschaftsverbund gegründet, hat sie sich zu einer Organisation entwickelt, die eine Vielzahl von Feldern abdeckt. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt ist der europäische Binnenmarkt der größte gemeinsame Markt weltweit. Er ermöglicht die freie Bewegung der meisten Waren, Dienstleistungen, Kapital und Menschen. © PantherMedia (Montage)
Römischen Verträge EU
Der Grundstein für die heutige EU wurde am 25. März 1957 gelegt. Die Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, Italien, Belgien, die Niederlande und Luxemburg unterzeichneten damals die Römischen Verträge. Für Deutschland setzten Kanzler Konrad Adenauer (links) und Walter Hallstein, der Staatssekretär im Auswärtigen Amt, ihre Unterschriften unter das Dokument. Damit waren die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und die Europäische Atomgemeinschaft (Euratom) besiegelt. © dpa
Margaret Thatcher und François Mitterrand
Am 1. Januar 1973 traten Dänemark, die Republik Irland und das Vereinigte Königreich der EG bei. Einfach war das Verhältnis zwischen Großbritannien und Europa nie. Auch Premierministerin Margaret Thatcher (links) war keine Freundin Europas. Mit der Forderung „We want our money back“ setzte die Eiserne Lady 1984 beim Gipfel in Fontainebleau einen Rabatt bei den Zahlungen Großbritanniens in die Gemeinschaftskasse durch. Verhandlungspartner wie der französische Präsident François Mitterrand (rechts) waren machtlos. © Daniel Janin, Gabriel Duval/afp
Militärjunta in Griechenland
Zum 1. Januar 1981 trat Griechenland der Europäischen Gemeinschaft bei. Die Aufnahme des Landes war heftig umstritten. Europa befürchtete, sich einen unangenehmen Partner ins Nest zu holen. So sorgte zum einen das konfliktreiche Verhältnis Griechenlands zur Türkei für Unbehagen. Noch schwerer wog die Diktatur der rechtsextremen Militärjunta, die erst im Juli 1974 zu Ende gegangen war. Ein interner Machtwechsel am 25. November 1973, als Panzer im Athener Zentrum auffuhren (im Bild), konnte den Wandel nicht mehr aufhalten. © Imago
Von wegen grenzenlos - Ärger in Schengen über Grenzkontrollen
1985 unterzeichneten Deutschland, Frankreich und die Benelux-Staaten das „Schengener Abkommen“ über den schrittweisen Abbau der Personenkontrollen an ihren gemeinsamen Grenzen. Die weitgehende Reisefreiheit erleichterte das Leben und Arbeiten in anderen europäischen Ländern erheblich. Alle Bürgerinnen und Bürger der EU haben das Recht und die Freiheit, selbst zu entscheiden, in welchem EU-Land sie arbeiten, studieren oder ihren Ruhestand verbringen möchten.  © Harald Tittel/dpa
Franco und Juan Ćarlos
1986 nahm die EG zwei neue Mitglieder auf: Portugal und Spanien. Damit konnten beide Staaten ihre Isolation auf dem Kontinent beenden. Vor allem für Spanien war der Beitritt in die EG ein markanter Wendepunkt, um die Folgen der jahrzehntelangen Diktatur unter Francisco Franco (rechts) zu überwinden. Juan Carlos (links), der zwei Tage nach Francos Tod am 20. November 1975 zum König proklamiert worden war, spielte eine entscheidende Rolle bei der Überwindung der Diktatur. Bei der Aufnahme des Bildes im Jahr 1971 hatte er noch im Schatten Francos gestanden. © afp
Silvester 1989 am Brandenburger Tor
Eine Erweiterung im eigentlichen Sinne war es nicht. Doch als am 3. Oktober 1990 die Länder der DDR der Bundesrepublik Deutschland beitraten, wurde die EG automatisch um ein gutes Stück größer. Mit der Wiedervereinigung erstreckte sich das gesamte Gemeinschaftsrecht nun auch auf das Beitrittsgebiet. Mit einer Bevölkerungszahl von mehr als 80 Millionen Menschen ist Deutschland seitdem der bevölkerungsreichste Mitgliedsstaat. © Wolfgang Kumm/dpa
Genscher und Waigel unterzeichnen Maastrichter Vertrag
Anfang der Neunziger war die Zeit reif für einen Wandel. Die Römischen Verträge hatten ausgedient. Am 7. Februar 1992 unterzeichneten die Staats- und Regierungschefs der EU ein neues Vertragswerk. Für Deutschland unterzeichneten Außenminister Hans-Dietrich Genscher (links) und Finanzminister Theo Waigel (rechts) das Dokument. Der Vertrag von Maastricht zur Gründung der Europäischen Union trat am 1. November 1993 in Kraft. Mit dem EU-Vertrag entwickelte sich die europäische Gemeinschaft zu einer politischen Union. © dpa
Volksabstimmung zum EU-Beitritt in Norwegen 1994
1995 nahm die EU drei neue Länder auf. In Österreich, Schweden und Finnland hatten zuvor die Menschen in Volksentscheiden dem Beitritt zugestimmt. Auch Norwegen ließ das Volk in einem Referendum darüber abstimmen. Doch hier sah das Ergebnis anders aus. 52,2 Prozent der Wahlberechtigten in Norwegen votierten in einer Volksabstimmung gegen einen Beitritt.  © Berit Roald/Imago
Tschechien feiert EU-Beitritt
Neun Jahre später kam es zur ersten Osterweiterung. Am 1. Mai 2004 traten Estland, Lettland, Litauen, Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn, Slowenien, Malta und die Republik Zypern der EU bei. Die neuen EU-Länder feierten den Beitritt, in Prag (hier im Bild) und anderen Hauptstädten freuten sich die Menschen über eine Zukunft unter dem Dach der EU. Die Europäische Union setzte sich somit aus 25 Mitgliedstaaten zusammen. © Michal Svacek/afp
Rumänien - EU
Der zweite Teil der Osterweiterung ließ nicht lange auf sich warten. Am 25. April 2005 unterzeichneten Rumänien und Bulgarien den Beitrittsvertrag zur EU. Beide Länder wurden zum 1. Januar 2007 in die Europäische Union aufgenommen. Für die Menschen in Bukarest (hier im Bild) gab es also mehr als nur einen Grund, die Nacht zum Tage zu machen. Die Fläche der EU wuchs mit dieser Erweiterung auf etwas mehr als 4,3 Millionen Quadratkilometer.  © Robert Ghement/dpa
Kroatien wird EU-Mitglied
Schon im Juni 2004 war Kroatien der Status eines offiziellen Beitrittskandidaten verliehen worden. Doch die Verhandlungen verzögerten sich mehrmals, erst sieben Jahre später konnten sie erfolgreich abgeschlossen werden. Kurz danach stimmten 66,3 Prozent der Wahlberechtigten bei einem Referendum für den Beitritt in die EU. Am 1. Juli 2013 war schließlich der Zeitpunkt gekommen, um vor dem Europäischen Parlament in Straßburg die Flagge Kroatiens zu hissen. Die EU bestand damit aus 28 Mitgliedsstaaten. © Frederick Florin/afp
EU Parlament Straßburg
Jeder europäische Staat hat laut Artikel 49 des EU-Vertrags das Recht, einen Antrag auf Mitgliedschaft zu stellen. Wichtig dabei: „Europäisch“ wird politisch-kulturell verstanden und schließt die Mitglieder des Europarats mit ein. Das betrifft zum Beispiel die Republik Zypern. Eine wichtige Rolle spielt im Beitrittsverfahren das EU-Parlament in Straßburg (im Bild). Verschiedene Delegationen verfolgen die Fortschritte in den Beitrittsländern und weisen auf mögliche Probleme hin. Zudem müssen die Abgeordneten dem EU-Beitritt eines Landes im Parlament zustimmen. Derzeit gibt es neun Beitrittskandidaten und einen Bewerberstaat. © PantherMedia
Edi Rama Albanian EU
Albanien reichte 2009 den formellen EU-Mitgliedschaftsantrag ein – vier Jahre, bevor Edi Rama (im Bild) das Amt des Ministerpräsidenten übernahm. Es dauerte aber noch eine lange Zeit, bis die Verhandlungen beginnen konnten. Grund war ein Einspruch der Niederlande, die sich zusätzlich zu den EU-Kriterien auch die Sicherstellung der Funktion des Verfassungsgerichts und die Umsetzung eines Mediengesetzes wünschte. Im Juli 2022 konnte die Blockade beendet werden und die EU startete die Beitrittsverhandlungen. © John Thys/afp
Bosnien und Herzegowina EU
Auch Bosnien und Herzegowina drängt in die EU. Gut erkennen konnte man das zum Beispiel am Europatag 2021, als die Vijećnica in der Hauptstadt Sarajevo mit den Farben der Flaggen der Europäischen Union und Bosnien und Herzegowinas beleuchtet war. EU-Botschafter Johann Sattler nutzte sofort die Gelegenheit, um das alte Rathaus zu fotografieren. Vor den geplanten Beitrittsverhandlungen muss das Balkanland noch einige Reformen umsetzen. Dabei geht es unter anderem um Rechtsstaatlichkeit und den Kampf gegen Korruption und organisiertes Verbrechen.  © Elvis Barukcic/afp
Georgien EU
Zum Kreis der EU-Beitrittskandidaten gehört auch das an Russland grenzende Georgien. Das Land, in dem rund 3,7 Millionen Menschen leben, hatte kurz nach Beginn des Ukraine-Kriegs die Aufnahme in die EU beantragt. Auf schnelle Fortschritte im Beitrittsprozess kann Georgien allerdings nicht hoffen. Dabei spielt auch ein ungelöster Territorialkonflikt mit Russland eine Rolle. Nach einem Krieg 2008 erkannte Moskau die abtrünnigen georgischen Gebiete Südossetien (im Bild) und Abchasien als unabhängige Staaten an und stationierte Tausende Soldaten in der Region. © Dimitry Kostyukov/afp
Moldau EU
Seit Juni 2022 gehört auch Moldau offiziell zu den EU-Beitrittskandidaten. Das Land, das an Rumänien und die Ukraine grenzt, reichte kurz nach Beginn des Ukraine-Kriegs das Beitrittsgesuch ein. Am 21. Mai 2023 demonstrierten 80.000 Menschen in der Hauptstadt Chișinău für einen Beitritt Moldaus in die Europäische Union. Die damalige Innenministerin Ana Revenco (Mitte) mischte sich damals ebenfalls unters Volk. © Elena Covalenco/afp
Montenegro EU
Das am kleine Balkanland Montenegro will beim EU-Beitritt zügig vorankommen. Direkt nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten Ende Oktober 2023 verkündete Milojko Spajic (im Bild), dass er den Beitritt Montenegros zur EU vorantreiben und die Justiz im Kampf gegen Korruption und organisiertes Verbrechen stärken wolle. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (rechts) hörte es damals sicher gerne. Montenegro verhandelt seit 2012 über einen Beitritt, hatte sich aber vor der Wahl nicht mehr ausgiebig um Reformen bemüht.  © Savo Prelevic/afp
Scholz Westbalkan-Gipfel Nordmazedonien EU
Nordmazedonien kämpft schon seit langer Zeit für den Beitritt in die EU. Leicht ist das nicht. So hat das kleine Land in Südosteuropa aufgrund eines Streits mit Griechenland sogar schon eine Namensänderung hinter sich. Seit 2019 firmiert der Binnenstaat amtlich unter dem Namen Republik Nordmazedonien. Auch Bulgarien blockierte lange den Beginn von Verhandlungen. Bei einem Gipfeltreffen im Oktober 2023 drängte Kanzler Olaf Scholz dann aber auf eine möglichst schnelle Aufnahme der Balkanstaaten in die EU. Nordmazedoniens Ministerpräsident Dimitar Kovacevski (rechts) war sichtlich erfreut. © Michael Kappeler/dpa
Serbien EU
Auch Serbien strebt in die EU. Wann es zu einem Beitritt kommt, scheint derzeit aber völlig offen. Seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine hat sich die serbische Regierung geweigert, Sanktionen gegen Russland zu verhängen. Damit ist Serbien der einzige Staat in Europa, der keine Sanktionen verhängt hat. Offen bleibt, welche Auswirkungen das auf die seit 2014 laufenden Verhandlungen über einen EU-Beitritt Serbiens hat. Die politische Führung in Belgrad, die seit 2012 von Präsident Aleksandar Vučić (im Bild) dominiert wird, zeigt zudem wenig Willen zu Reformen. Demokratie und Medienpluralismus höhlt sie zunehmend aus. © Andrej Isakovic/afp
Türkei EU
Die Türkei ist bereits seit 1999 Beitrittskandidat. Die Verhandlungen selbst haben im Oktober 2005 begonnen. Inzwischen hat die EU-Kommission vorgeschlagen, die Beziehungen wieder auszubauen, sofern sich die Regierung in Ankara unter Präsident Recep Tayyip Erdoğan (im Bild) in einigen Punkten bewegt. Zuvor waren Projekte wie die geplante Modernisierung der Zollunion und eine Visaliberalisierung wegen Rückschritten bei Rechtsstaatlichkeit, Grundrechten und Meinungsfreiheit in der Türkei auf Eis gelegt worden. Ein EU-Beitritt scheint aktuell weiter entfernt denn je. © Adem Altan/afp
Ukraine EU
Im Dezember 2023 wurde der Beginn von Verhandlungen mit der Ukraine grundsätzlich beschlossen. Allerdings muss die Ukraine sämtliche Reformauflagen erfüllen. So waren nach dem letzten Kommissionsbericht manche Reformen zur Korruptionsbekämpfung, zum Minderheitenschutz und zum Einfluss von Oligarchen im Land nicht vollständig umgesetzt. Ohnehin gilt es als ausgeschlossen, dass die Ukraine vor dem Ende des Ukraine-Kriegs EU-Mitglied wird. Denn dann könnte Kiew laut EU-Vertrag militärischen Beistand einfordern – und die EU wäre offiziell Kriegspartei. © Roman Pilipey/afp
Kosovo EU
Kosovo hat einen Mitgliedsantrag eingereicht, jedoch noch nicht den offiziellen Status eines Beitrittskandidaten erhalten. Das Land hat 2008 seine Unabhängigkeit von Serbien erklärt. Die Freude darüber war damals bei den Menschen riesengroß. Das Bild macht auch deutlich, dass vor allem Menschen albanischer Herkunft im Kosovo beheimatet sind. Die Flagge Albaniens (links) ist ebenso zu sehen wie die des neuen Landes (hinten). Mehr als 100 Länder, darunter auch Deutschland, erkennen den neuen Staat an. Russland, China, Serbien und einige EU-Staaten tun dies aber nicht. Ohne die Anerkennung durch alle EU-Länder ist eine Aufnahme von Beitrittsverhandlungen aber nicht möglich.  © Dimitar Dilkoff/afp
Banksy-Kunstwerk zu EU und Brexit
Seit dem 31. Januar 2020 besteht die EU nur noch aus 27 Staaten. Nach 47 Jahren verließ das Vereinigte Königreich als erstes Mitgliedsland die Europäische Union. Im Juni 2016 hatte eine knappe Mehrheit in einem Referendum für den Abschied aus der EU gestimmt. Der britische Street-Art-Künstler Banksy kommentierte den Brexit auf seine Art. In der Hafenstadt Dover malte er eine riesige EU-Flagge an eine Hauswand – zusammen mit einem Handwerker, der einen der Sterne entfernt. © Glyn Kirk/afp
Friedensnobelpreis für EU.
2012 wurde die Europäische Union mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Herman Van Rompuy, José Manuel Barroso und Martin Schulz (von links nach rechts) nahmen den Preis bei der Verleihung im Osloer Rathaus am 10. Dezember 2012 in Empfang. © Cornelius Poppe/afp
Was wollen Sie in der nächsten Legislatur inhaltlich erreichen?
Was die EU-Reform angeht, werden wir den EU-Rat wegen der verschleppten Wahlrechtsreform auf Untätigkeit verklagen. Im Bereich Wirtschaft gibt es zum Beispiel die große Frage, wie wir eine Freizügigkeit schaffen können für Arbeitsmigranten, um Europa attraktiver zu machen für internationale Talente. Und das dritte große Thema ist für mich Asylpolitik. Das war für mich eines der schwierigsten Themen im Parlament, weil ich glaube, dass wir einen Schritt in Richtung Unmenschlichkeit gemacht haben mit den Grenzlagern. Im Fall der Ukraine haben wir es geschafft, die Zeit zwischen dem Verlassen des Heimatlandes und dem Wiedereintreten in den Arbeitsmarkt massiv zu reduzieren. Wir müssen die Leute also nicht an den Außengrenzen traumatisieren. Interview: Friederike Meier

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