AfD-Kanzlerpläne nicht vom Tisch

„Ich bin nicht queer“ - Weidel laviert in ARD-„Sommerinterview“ und lobt Extremist Höcke

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Einige Fragen hört Alice Weidel im ARD-„Sommerinterview“ offenbar nicht gerne. Dafür stellt die AfD-Chefin klar: „Ich bin nicht queer.“

Berlin - Eine lesbische Vorsitzende für eine rechtspopulistische und teils deutlich homosexuellenfeindliche Partei - diese Konstellation sorgte schon vor Jahren für einiges Stirnrunzeln. In einer Fragerunde vor ihrem ARD-„Sommerinterview“ am Sonntag (10. September) hat AfD-Chefin Alice Weidel nun auf eher erstaunliche Weise ihre Haltung erklärt. ARD-Moderator Matthias Deiß hatte sie mit einer Zuschauerfrage zur „offenen Queerfeindlichkeit“ der AfD konfrontiert. Weidels Verdikt lautete: „Ich bin nicht queer.“

Sie sei vielmehr „mit einer Frau verheiratet, die ich seit 20 Jahren kenne, wir haben zwei gemeinsame Kinder“. Sie fühle sich nicht diskrimiert - „warum auch?“, fragte Weidel. Die Gender-Politik der Ampel-Koalition nannte sie hingegen „bescheuert“. Man solle sich „jetzt einmal im Jahr das Geschlecht aussuchen können“, behauptete Weidel in dem Gespräch; das sei ein Eingriff in die Privatsphäre. Zuvor hatten auch schon andere Polit-Promis mit kruden Aussagen für Irritation gesorgt.

Tatsächlich soll jeder Mensch in Deutschland künftig sein Geschlecht und seinen Vornamen selbst festlegen und in einem einfachen Verfahren beim Standesamt ändern können. Das Bundesverfassungsgericht habe festgestellt, dass das bisherige Verfahren die Grundrechte der Betroffenen verletze, erklärte Justizminister Marco Buschmann (FDP) erst am Donnerstag (7. September). „Jeder einzelne Mensch hat es verdient, dass seine Grundrechte respektiert werden - völlig unabhängig davon, ob er einer großen oder einer kleinen Gruppe angehört“, sagte er. Das Gesetz muss den Bundestag noch passieren.

Weidel schließt Kanzlerkandidatur nicht aus - AfD-Chefin ignoriert teils Fragen

Anderen Fragen wich Weidel geflissentlich aus. „Nochmal zu den Staatsanwaltschaften...“, antwortete sie zunächst auf die Frage, ob sie sich manchmal für Äußerungen von Parteifreunden schäme. „Hm?“ entgegnete sie, als Deiß auf einer Stellungnahme beharrte. „Warum sollte ich das?“, fragte Weidel schließlich. Konfrontiert unter anderem mit Verschwörungstheoretiker-Jargon wie dem Schlagwort „Globalisten“ erklärte sie schlussendlich, solcherlei Äußerungen spiegelten „den Unmut der Bevölkerung“.

Im eigentlichen „Sommerinterview“ hielt sich Weidel eine Kanzlerkandidatur zur Bundestagswahl offen. Ob die AfD einen Kanzlerkandidaten aufstelle, werde im kommenden Jahr geklärt, sagte sie. „Ende Juni haben wir den Parteitag, wo das entschieden wird.“ In dem Moment, wo sich manifestiere, dass die AfD zweitstärkste Kraft sei, „da müssen wir natürlich auch einen Führungsanspruch stellen“. „Und das tun wir auch“, sagte Weidel. Die Frage einer Kanzlerkandidatur oder Kampfkandidatur darum sei aber „noch völlig offen“.

AfD-Sprecherin Alice Weidel am Sonntag beim ARD-„Sommerinterview“ in Berlin.

Weidel und ihr Co-Parteivorsitzender Tino Chrupalla hatten im Juni angekündigt, die AfD wolle für die kommende Bundestagswahl einen eigenen Kanzlerkandidaten aufstellen. Zu ihren eigenen Ambitionen auf die Kanzlerkandidatur hielten sich die beiden Parteivorsitzenden bedeckt. Weidel sagte in einem Interview, sie habe „Lust“, andere hätten das aber auch. Der AfD-Ehrenvorsitzende Alexander Gauland bezeichnete eine Kanzlerkandidatur aus den Reihen seiner Partei als „nicht realistisch“.

ARD-„Sommerinterview“: Weidel lobt Faschisten Höcke - „Hat sich gut entwickelt“

Nach einem Regierungschef-Posten für die AfD will unterdessen womöglich auch Thüringens Parteilandeschef Björn Höcke streben, wie er im August im MDR sagte.. Weidel verteidigte ihren Parteifreund, der laut Gerichtsurteil nicht nur „Faschist“ genannt werden darf, sondern auch einem vom Thüringer Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuften Landesverband vorsteht. Höcke habe sich „sehr gut entwickelt“, er sei ein „hoch erfolgreicher“ Parteichef. Zuletzt hatte die CDU im Thüringer Landtag indirekt Unterstützung der AfD genutzt - just an dem Tag, an dem eine Anklage Höckes wegen Volksverhetzungvorwürfen möglich wurde.

Die AfD legt in Umfragen seit Monaten zu und erreicht aktuell bundesweit Werte von 20 Prozent und mehr. Weidel bezifferte in der Fragerunde das Wählerpotenzial der AfD gar auf bis zu 45 Prozent - „das sind Ihre Zahlen“, konterte Deiß. Allerdings lehnen alle anderen Parteien eine Zusammenarbeit mit der AfD ab.

ARD verteidigt Weidel-Einladung - AfD geht nach Wagenknecht-Plänen zur Attacke über

Der ARD-Moderator verteidigte eingangs der Zuschauerfrage-Runde die Einladung der AfD in das Traditions-Format des „Sommerinterviews“: Weidel sei Parteivorsitzende einer im Bundestag vertretenen Partei - wie auch alle anderen Gäste in der Reihe.

Weidel beschäftigte indes auch die mögliche Neugründung einer Wagenknecht-Partei. Sie änderte den Tonfall nach zuletzt teils sehr freundlichen Tönen aus der AfD für Wagenknecht. Die neue Partei werde das „regierungskritische Lager“ spalten, sagte Weidel. Damit solle die AfD von einer Regierungsbeteiligung abgehalten werden. Wagenknecht sei damit „eine willige Erfüllungsgehilfin für die Ampel“ und auch für die CDU, erklärte Weidel im ARD-„Sommerinterview“. (fn mit Material von AFP)

Rubriklistenbild: © IMAGO/M. Popow

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