Exklusive Zahlen

Fast 40 Prozent der AfD-Wähler wollen sich „notfalls mit Waffen verteidigen“

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Die Kriegsangst in Deutschland erreicht einen Höchststand – ebenso die Anzahl an Waffenscheinen. Ein Experte sieht eine „gefährliche Dynamik“.

Angst ist nützlich: Sie erfüllt eine evolutionäre Schutzfunktion, sichert seit Jahrtausenden unser Überleben. Es gibt viele Gründe, Angst zu haben – vor Spinnen, vor Schicksalsschlägen, Naturkatastrophen oder vor Krieg. Wie groß die Kriegsangst in Deutschland ist, zeigen aktuelle Umfrageergebnisse des gemeinnützigen Centers für Monitoring, Analyse und Strategie (Cemas), die der Frankfurter Rundschau (FR) von Ippen.Media vorab exklusiv vorliegen.

Cemas hat zwischen dem 24. April und 18. Mai 2025 2.136 Menschen mit dem Online-Tool „Bilendi“ befragt. 41 Prozent der Befragten stimmten der Aussage, dass sie Angst vor einem Dritten Weltkrieg haben, eher oder vollkommen zu. So viel wie nie zuvor, seit Cemas 2022 angefangen hat, die Kriegsangst abzufragen. Eine Mehrheit von 52 Prozent hält neue Kriege in Europa für wahrscheinlich, 54 Prozent erwarten, dass sich die Sicherheitslage in Deutschland in den kommenden fünf Jahren verschlechtert.

Zwischen dem 24. April und dem 18. Mai wurden für eine Cemas-Umfrage 2.136 Personen über „Bilendi“ befragt.

AfD-Wähler setzen auf Selbstverteidigung: Welche Auswirkungen Kriegsangst haben kann

„Ich vermute, dass die Furcht vor Krieg zu einer wabernden Angst wurde, weil bei den meisten Menschen keine wirkliche Kompetenz im Umgang damit vorhanden ist“, sagt die Leiterin des Projekts, Psychologin und Autorin Pia Lamberty gegenüber der FR. Das mache die Lage „schwer einschätzbar und oft leichter ideologisch aufzuladen“. Diese diffuse Kriegsangst könne anfälliger für Desinformation und Verschwörungsideologien machen, warnt die Expertin.

Zwischen dem 24. April und dem 18. Mai wurden für eine Cemas-Umfrage 2136 Personen über „Bilendi“ befragt.

Der Aussage „Ich habe das Gefühl, dass ich mich bei einer Eskalation der Lage selbst verteidigen können muss“ stimmen fast ein Viertel der Befragten (24 Prozent) eher oder vollkommen zu. Bei der Antwort zeigen sich signifikante Unterschiede in Bezug auf politische Parteipräferenz. Während über 38 Prozent der AfD-Anhänger und Anhängerinnen dieser Aussage zustimmen, gibt es bei den anderen Parteien deutlich niedrigere Zustimmungswerte (FDP: 30 Prozent; CDU: 23 Prozent; BSW: 20 Prozent; Die Linke: 20 Prozent, SPD: 20 Prozent; Bündnis 90/Die Grünen: 16 Prozent).

Zwischen dem 24. April und dem 18. Mai wurden für eine Cemas-Umfrage 2136 Personen über „Bilendi“ befragt.

Krieg in Europa: „Da müssten sich jetzt auch AfD-Wähler nicht selbst verteidigen“

Dass so viele glauben, sie müssen sich selbst verteidigen, spreche für eine falsche Vorstellung von Krieg, sagt der Politikwissenschaftler Marcel Lewandowsky von der Johannes Gutenberg Universität Mainz der FR. Eine realistische militärische Eskalation im Ukraine-Krieg beispielsweise wären keine russischen Truppen, die auf Berlin marschierten. „Wir würden zunächst einen Angriff auf das Baltikum sehen und da müssten sich jetzt auch AfD-Wähler nicht selbst verteidigen.“

Lewandowsky forscht zu Demokratie, Partei und Populismus. Es überrascht ihn nicht, dass besonders AfD-Anhänger glauben, sich selbst verteidigen zu müssen. „Im rechten Milieu zeigen sich immer wieder recht stark ausgeprägte Gewaltfantasien.“ Wie die taz berichtet, verhandeln aktuell Gerichte in mehreren Bundesländern, ob AfD-Mitgliedern aufgrund einer „kämpferisch-aggressiven“ Haltung und Verfassungsfeindlichkeit Waffen entzogen werden dürfen.

Die „libertäre, individualistische Vorstellung, man müsse sich als Einzelperson auf seiner Scholle notfalls mit Waffen verteidigen“ überschneide sich mit dem sogenannten „Prepper-Milieu“, sagt Lewandowsky. Prepping sei nicht per se schlecht, „aber wenn es in Richtung Bewaffnung und Gewaltfantasien geht, wird es problematisch.“ Viele diese Menschen seien für demokratische Politik kaum noch erreichbar. „Es entsteht eine Art gesellschaftliche ‚Fortifizierung‘: ein Sich-Einbunkern in Selbstverteidigung und Resilienz gegen gesellschaftlichen Zerfall.“

„Wachsendes Unsicherheitsgefühl“: Immer mehr Waffenscheine in Deutschland

Seit Jahren steigt in Deutschland die Anzahl der beantragten waffenrechtlichen Erlaubnisse und Kleinen Waffenscheine. Das Bundesverwaltungsamt teilt auf Anfrage der FR mit, dass im Nationalen Waffenregister mit über drei Millionen aktuell so viele gültige Waffen-Erlaubnisse geführt sind, wie nie zuvor. 894.000 davon sind Kleine Waffenscheine, die den Besitz von nicht-tödlichen Schreckschuss-, Reizstoff- und Signalwaffen zur reinen Selbstverteidigung erlauben. Welche Parteizugehörigkeit oder Wahlpräferenz diese Waffenscheinbesitzer haben, wird nicht erhoben.

Die Anzahl an Waffenscheinen in Deutschland steigt kontinuierlich. Im Juli 2025 erreicht sie mit mehr als drei Millionen einen neuen Höchststand.

Im April äußerte der Polizeigewerkschaftsvorsitzende in Mecklenburg-Vorpommern, Christian Schumacher, die Sorge, ob die Zunahme an Waffenscheinen Ausdruck eines Gefühls der Bevölkerung sei, in unserer Demokratie nicht mehr ausreichend durch den Staat geschützt zu werden. Auch Lewandowsky sieht einen möglichen Zusammenhang: „Es ist nur Spekulation, aber die Zunahme von Waffenscheinen könnte mit einem wachsenden Unsicherheitsgefühl in der Bevölkerung zusammenhängen. Viele glauben, dass die Behörden nicht mehr in der Lage sind, für Sicherheit zu sorgen.“

Besitzer und Besitzerinnen eines Kleinen Waffenscheins dürfen nicht-tödliche Schreckschuss-, Reizstoff- und Signalwaffen führen.

Er vermutet, dass ein Stück weit auch die Angst und Ablehnung von Migration und die „damit verbundene Vorstellung eines gesellschaftlichen Kontrollverlustes“ zu diesem Misstrauen beitrage. Eine „gefährliche Dynamik“, die sich aktuell in vielen Ländern zeige. Der Verband deutscher Büchsenmacher und Waffenhändler (VDB) beschwichtigt: Natürlich könne ein starker Anstieg an Waffenscheinen ein Indikator für das aktuelle Sicherheitsgefühl der Bürger sein, wie es 2022 nach Kriegsausbruch in der Ukraine zu beobachten war.

Aber man dürfe nicht vergessen, dass es Kleine Waffenscheine erst seit 2003 gebe und diese unbegrenzt gültig seien. Das bedeute, dass es „naturgemäß“ immer mehr Bürger geben werde, die über einen Kleinen Waffenschein verfügen, so der VDB. Der Neuzuwachs sei, mit Ausnahme drastischer Anstiege wie 2023 anscheinend als Folge des Ukraine-Kriegs (56.248), fast durchgehend gleichbleibend oder rückläufig. Von 2023 auf 2024 kamen 38.404 Waffenscheine dazu, von 2024 auf 2025 nur 36.534.

Rubriklistenbild: © Hendrik Schmidt/dpa

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