Landtagswahl Hessen

„Kurs oder Chaos“: Die CDU warnt vor einer Ampel in Wiesbaden

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Demonstrative Geschlossenheit bei der CDU in Frankfurt: Der hessische Generalsekretär Manfred Pentz, Bundeschef Friedrich Merz, Spitzenkandidat Boris Rhein, Landtagspräsidentin Astrid Wallmann und die hessische Fraktionschefin Ines Claus (v.l.)
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Hessens Ministerpräsident Boris Rhein und CDU-Parteichef Friedrich Merz starten die heiße Phase des Landtagswahlkampfs mit Attacken auf die Bundesregierung.

Wiesbaden - Scharfe Attacken gegen die Bundesregierung und Warnungen vor einer Ampelkoalition in Hessen: Mit ihrem Spitzenkandidaten Boris Rhein und Parteichef Friedrich Merz hat die CDU die heiße Phase des hessischen Landtagswahlkampfs eingeläutet.

Der 8. Oktober bedeute „eine echte Richtungswahl“, sagte Hessens Ministerpräsident am Samstagmittag vor mehreren Hundert Anhänger:innen in der Union-Halle im Frankfurter Ostend. Die Wähler:innen müssten sich zwischen „Kurs oder Chaos“, „Stabilität oder Streit“ entscheiden.

Hessen werde nun seit fast 25 Jahren von der CDU regiert, seitdem gebe es mehr Lehrer:innen, eine stärkere Wirtschaft und mehr Sicherheit, sagte Rhein. Bundesinnenministerin Nancy Faeser, die Spitzenkandidatin der hessischen SPD, wolle das Land wie im Bund mit einer Ampel aus SPD, Grünen und FDP regieren. „Eine Ampel ist das schlechteste Regierungsbündnis aller Zeiten“, sagte Rhein.

Boris Rhein beschreibt eine von ihm geführte Landesregierung als Gegenmodell zur Ampel

Das gelte in seiner Heimatstadt Frankfurt, wo die Koalition aus SPD, Grünen, FDP und Volt „auf ganzer Ebene“ versage, aber erst recht für die Bundesregierung, deren Streit die Menschen verunsichere. In seiner knapp einstündigen Rede beschrieb Rhein eine von ihm geführte Landesregierung als Gegenmodell zur Ampel.

Weil die Kommunen eine „Verschnaufpause“ bei der Zuweisung neuer Flüchtlinge benötigten, müsse es sofort „lageangepasste Grenzkontrollen an den Binnengrenzen“ und eine „Rückführungsoffensive“ geben, forderte der CDU-Politiker. Während die Bundesregierung mit ihrem Heizungsgesetz eine „Wärmewende mit sozialer Kälte“ umsetze, plane man in Hessen Zuschüsse für Hauseigentümer:innen als „Schutzschirm gegen die Ampel“ und ein „Hessengeld“ für die erste selbst bewohnte Immobilie.

Landtagswahl in Hessen

Am  8. Oktober wählt Hessen einen neuen Landtag. Die Frankfurter Rundschau bündelt ihre umfangreiche Berichterstattung in ihrem Onlinedossier zur Hessenwahl.

Die FR führt Interviews mit den Spitzenkandidat:innen. Zwei Podiumsdiskussionen überlegen, wie die Politik auf die aktuellen Krisen reagieren sollte, und wie sich Hessen engagiert in der Entwicklungszusammenarbeit, im fairen Handel und in der Integration von Menschen aus dem globalen Süden. Schließlich bringen wir Themenchecks zu zentralen Fragen der Hessenwahl - und stellen die Frankfurter Wahlbezirke vor.

Rhein forderte außerdem ein „Nein zur flächendeckenden Einheitsschule“ und neben dem Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs ein Bekenntnis zum Auto, das zur Identität in Deutschland gehöre. Außerdem müsse die Polizei die Möglichkeit bekommen, zur Verfolgung von sogenannter Kinderpornografie IP-Adressen im Internet zu speichern. „Wer die IP-Adressen nicht speichert, schützt Kinderschänder“, rief Rhein.

Rhein appellierte an seine Partei, in Bezug auf die Landtagswahl trotz guter Umfragewerte nicht zu siegessicher zu sein. Wahlergebnisse in Hessen seien immer knapp gewesen. Zugleich warnte Rhein die Wähler:innen davor, einer „Protestpartei“ ihre Stimme zu geben, womit er offensichtlich die teils rechtsextreme AfD meinte. Wer nicht CDU wähle, um eine Ampel zu verhindern, „der stärkt die Ampel, der stabilisiert die Ampel“.

Friedrich Merz lobt Boris Rhein und die hessische CDU

Friedrich Merz, Parteichef der CDU und Fraktionschef im Bundestag, lobte Rhein für seine Rede und die hessische CDU für ihre Politik der vergangenen Jahre. Die früheren Ministerpräsidenten Roland Koch und Volker Bouffier hätten gezeigt, wie die Union „ehemals rote Hochburgen“ wie Hessen für sich gewinnen könne, sagte Merz. Zugleich nannte er die Hessen-CDU mit ihrer Kampfbereitschaft und Geschlossenheit als Vorbild: „Hier ist doch immer noch ein bisschen der Geist von Alfred Dregger im Raum.“

Merz betonte ebenfalls die Bedeutung der hessischen Landtagswahl und des Wahlkampfs in den kommenden vier Wochen. „Diese Wahl ist nicht gelaufen, ganz und gar nicht“, sagte er. „Wir müssen bis zum 8. Oktober um jede Stimme kämpfen.“ Auch Merz kritisierte die Ampelkoalition in Berlin mit scharfen Worten. Es handele sich um eine „zerrüttete Bundesregierung, die sich nichts mehr zu sagen hat“.

Bereits mehrfach habe das Kabinett sich zu Klausurtagungen auf Schloss Meseberg bei Berlin zurückziehen müssen, das inzwischen fast eine „psychotherapeutische Anstalt“ geworden sei. „Wenn eine Bundesregierung sich nur noch auf die Rauschmittelfreigabe einigen kann und sonst auf gar nichts mehr, bekommt man ein Gefühl dafür, in welchem Halluzinationszustand die sind“, sagte Merz.

Boris Rhein: Werdegang, Wahlen und Skandale des hessischen Ministerpräsidenten

Boris Rhein: Ministerpräsident in Hessen
Boris Rhein galt schon früh als Überflieger und Hoffnungsträger der hessischen CDU. Bereits im Alter von 27 Jahren wurde der Jurist erstmals in den hessischen Landtag gewählt. Mit 38 Jahren übernahm Rhein das Amt des hessischen Innenministers. Im Jahr 2014 wurde der zweifache Vater zum Wissenschaftsminister in die schwarz-grüne Landesregierung berufen. Seit Januar 2019 war er Präsident des hessischen Landtags - inzwischen führt er die schwarz-grüne Regierung an. © Frank Rumpenhorst/dpa
Boris Rhein: Ministerpräsident in Hessen und Volker Bouffier
Den Respekt, den sich Rhein in seiner Amtszeit als Landtagspräsident erarbeitet hat, galt als ein entscheidender Punkt für die Nachfolge von Volker Bouffier als hessischer Ministerpräsident und CDU-Landesvorsitzender. Dass Bouffier noch während der laufenden Legislaturperiode abtrat, hatte vor allem den Grund, seinem Nachfolger die Chance auf einen Amtsbonus zu geben. Als Vertrauter von Bouffier gilt Rhein nicht.  © Sebastian Christoph Gollnow/dpa
Die Frankfurter Goethe Universität
Rhein wurde als Sohn des früheren Frankfurter Schuldezernenten Peter Rhein geboren. Nach dem Abitur am Lessing-Gymnasium in Frankfurt im Jahr 1991 studierte er Rechtswissenschaft an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Das Studium schloss er im Jahr 1997 mit dem Ersten Staatsexamen ab. Nach dem Zivildienst, den er als Betreuer in einem Wohnheim für Schwerbehinderte (Praunheimer Werkstätten) absolvierte, folgte im Jahr 2000 das zweite Staatsexamen. Danach war er bis zu seiner Berufung zum Minister als Rechtsanwalt tätig. © Heike Lyding/Imago
Michel Friedmann
1996 sorgte Rhein als Vertreter der Jungen Union Frankfurt mit einem verbalen Angriff gegen seinen Parteikollegen Michel Friedman für Wirbel. Anlass war die scharfe Kritik des damaligen CDU-Vorstandsmitglieds am rechten Flügel der hessischen CDU. Friedman sei eine „Belastung für die Frankfurter CDU“, sagte Rhein, der Friedman indirekt zum Parteiaustritt und zum Verlassen der Stadt Frankfurt aufforderte. SPD und Grüne missbilligten die Aussage als „skandalöse Entgleisung“. © Thomas Koehler/Imago
Rockergruppe "Hells Angels"
Im Jahr 2011 wurden Vorwürfe gegen Rhein laut, er habe Kontakte zu der Rockergruppe Hells Angels. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ hatte über ein Telefonat berichtet, bei dem ein Mitglied der Rockergruppe Rheins Hilfe bei Auseinandersetzungen um die Straßenprostitution im Frankfurter Bahnhofsviertel gelobt habe. Rhein wies die Vorwürfe weit von sich. „Ich habe weder Kontakte zu den Hells Angels, noch unterstütze ich diese Gruppierung oder treffe Absprachen mit ihnen“, sagte er damals. Im September 2011 erließ er ein Verbot gegen zwei Hells-Angels-Vereine. © Fredrik von Erichsen/dpa
Peter feldmann
Nur wenige Monate später musste Boris Rhein den ersten großen Rückschlag seiner politischen Karriere verkraften. Dass sein Weg nicht fortwährend steil nach oben führte, lag ausgerechnet an den Wahlberechtigten in seiner Heimatstadt. Bei der Wahl um den Frankfurter Oberbürgermeisterposten erreichte Rhein im ersten Wahlgang zwar das beste Ergebnis, musste sich dann aber in der Stichwahl am 25. März 2012 deutlich seinem SPD-Kontrahenten Peter Feldmann geschlagen geben.  © Andreas Arnold/dpa
Fußballfans Frankfurt
Die Wahlniederlage könnte auch mit den Frankfurter Fußballfans zu tun haben. Selten hatten sich wohl so viele von ihnen an einer politischen Wahl beteiligt wie an jener um das Amt des Frankfurter Oberbürgermeisters. Und warum? Um zu verhindern, dass Rhein neues Stadtoberhaupt wurde. Ihre Abneigung machten sie auch auf dem Platz deutlich. „Ob SGE, ob FSV, Boris Rhein will keine Sau“, hieß es da gerne. Und auf Flugblättern der Ultras war zu lesen: „Rhein raus – häng deine Nase ned in Dinge, von denen du keine Ahnung hast!“ Zuvor hatte Rhein „eine härtere Gangart gegen gewaltbereite Problemfans“ angekündigt.  © Imago
Frankfurter Opernplatz
In den Jahren danach präsentierte sich Boris Rhein ohnehin gerne als Vertreter von Recht und Ordnung. Als Innenminister forderte er eine Verschärfung des Strafgesetzbuches, um Gewalttaten gegen die Polizei besonders zu ahnden. „Die Beamten, die täglich ihre Gesundheit für das Allgemeinwohl aufs Spiel setzen, brauchen mehr Schutz“, sagte er 2013. „Die zunehmende Eskalation der Gewalt muss für die Täter besondere Konsequenzen nach sich ziehen.“ Rhein fasste seine Vorstellungen unter dem Stichwort „Schutzparagraf für Schutzleute“ zusammen. © Frank Rumpenhorst/dpa
Blockupy-Proteste in Frankfurt am Main
Für großes Entsetzen sorgten die Vorfälle vom 1. Juni 2013, als die Polizei in Frankfurt massiv gegen eine genehmigte Demonstration der Blockupy-Bewegung vorging. Als damaliger Innenminister verteidigte Rhein die Entscheidung, einen Kessel um rund 1000 Menschen zu ziehen. Dies sei „nachvollziehbar, richtig und vom Gesetz gedeckt“. Schließlich habe es massive Verstöße gegen das Versammlungsrecht gegeben. Im Grundrechte-Report 2013 hingegen war von einem „verfassungsrechtlichen Skandal“ die Rede.  © Boris Roessler/dpa
Ehemaliges Poilzeigefängnis Klapperfeld
Hohn und Spott erntete Boris Rhein im Oktober 2017, als er einmal am späten Abend mit einer Gruppe von teils offenbar angetrunkenen Begleitern mal eben Einlass ins „Klapperfeld“ in Frankfurt verlangt hatte - das alternative Kulturzentrum werde schließlich mit Steuergeld unterstützt. Diejenigen, die im Haus waren, verwiesen auf das Hausrecht der Initiative „Faites votre jeu!“ und die regulären Öffnungszeiten – aus der Besichtigung wurde nichts. Im Netz wurde darüber unter dem Hashtag #Rheinwillrein gelacht.  © Imago

Rhein und Merz erhalten viel Beifall für ihre Reden

Der CDU-Chef sprach auch über den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine, den er als Ende der „Übergangsphase“ nach dem Ende des Kalten Kriegs 1989 deutete. Es beginne eine neue welthistorische Epoche, die von der Rivalität autoritärer und demokratischer Staaten geprägt sein werde. In Bezug auf den menschengemachten Klimawandel warnte Merz davor, diesen zu leugnen oder kleinzureden. Vielmehr müsse man auf Innovation und Marktwirtschaft setzen, um Industrie und Klimaschutz miteinander zu vereinbaren.

Die CDU-Anhänger:innen im Saal bedachten sowohl Merz’ als auch Rheins Rede mit viel Beifall und am Ende auch mit stehendem, rhythmischem Applaus. (Hanning Voigts)

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