„Vigipirate“

Frankreich nach Anschlag in Moskau: Höchste Terror-Warnstufe

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Frankreich ruft in Erinnerung an die islamistischen Massaker 2015 die höchste Terrorwarnstufe aus und reagiert damit schneller und härter als andere Länder.

Paris – Wie die Regierung in Paris am Sonntagabend bekannt gab, wird ihr Schutzplan „Vigipirate“ angesichts des Anschlags in Moskau von Freitagabend von der zweiten auf die dritte und höchste Stufe verstärkt. Dies bedeutet, dass Terroranschläge in Frankreich „unmittelbar“ drohen.

Das permanente militärische Kontingent von „Vigipirate“ (ein Akronym für: „vigilance/protection des installations contre les risques d’attentats terroriste à l’explosif“), 3000 Soldat:innen, wird durch Gendarmerie und andere bewaffnete Sicherheitskräfte sofort auf 7000 verstärkt. Vor Bahnhöfen, Museen und Mittelschulen wird Handgepäck kontrolliert. Die Polizeiführungen können Gefährder:innen der Kategorie „ernstliche Bedrohung“ ohne richterlichen Erlass mit Hausarrest belegen und etwa Demonstrationen verbieten.

Kontrollen am Flughafen in Cayenne (Französisch-Guayana): Die Sicherheitsstufe des Schutzplan „Vigipirate“ wird erhöht.

Premierminister Gabriel Attals Kabinett traf am Montag mit den Obersten der Terrorbekämpfung zusammen, um über die Gefahr durch die Terrormiliz „Islamischer Staat Provinz Khorasan“ (ISPK) zu beraten. „Diese Organisation bedroht Frankreich“, sagte Attal und setzte hinterher: „Sie war jüngst erst in mehrere vereitelte Attentatsprojekte in mehreren Ländern verwickelt, darunter Deutschland und Frankreich.“

Frankreich setzt auf Vorsicht: Erinnerung an Bataclan-Massaker

Dass man in Paris gleich zur Tat schreitet und die höchste Terrorwarnung ausgibt, hat mehrere Gründe. Der Anschlag in Russland weckt Erinnerungen an das Massaker von 2015 im Pariser Konzertlokal „Bataclan“. 131 Menschen kamen dort um, über 400 wurden verletzt. Im Anschluss daran verschärfte der damalige Staatspräsident François Hollande den Vigipirate-Plan.

Im vergangenen Oktober erst hatte man für drei Monate Vigipirate auf die Höchststufe gesetzt, als ein aus Inguschetien im Kaukasus stammender ehemaliger Schüler in der nordfranzösischen Stadt Arras einen Lehrer ermordete. Kurz vor der Tat war der jüngste Nahostkonflikt durch den Hamas-Angriff auf Israel ausgebrochen. Die Behörden suchen vor allem einem Übergreifen der nahöstlichen Gewalt auf die französischen Vorstädte mit ihren extrem hohen Anteilen migrantischer, zumeist muslimischer Bevölkerung zuvorzukommen.

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Bombendrohungen in Colmar: Fachleute warnen vor jungen „Lowcost-Attentätern“

Wie groß die Spannungen in Frankreich sind, zeigte sich am Montag in der elsässischen Stadt Colmar, wo wegen Bombendrohungen zwei Mittelschulen geräumt werden mussten. Französische Fachleute warnen seit längerem vor so genannten „Lowcost-Attentätern“, die sich via Internet radikalisieren und weitgehend auf eigene Faust handeln. Ihr Alter sinkt immer tiefer. Am Freitag eröffnete die Justiz ein Strafverfahren gegen einen 14-Jährigen, der beschuldigt wird, ein Attentat in einem Einkaufszentrum der Stadt Lille geplant zu haben.

Die Pariser Behörden machen sich nicht nur Sorgen wegen des kommenden Oster-Wochenendes, sondern vor allem wegen der Olympischen Sommerspiele in Paris. Das Organisationskomitee hat die Zahl der Zaungäste der Eröffnungsfeier entlang der Seine aus Sicherheitsgründen schon von ursprünglich zwei Millionen auf wenige Hunderttausend zusammengestrichen. Der Geopolitiker und Terrorexperte Pascal Boniface sagte am Montag in Paris, die Sicherheitsfrage sei „zweifellos die wichtigste Herausforderung“ der Pariser Spiele. (Stefan Brändle)

Rubriklistenbild: © Michel Euler/AP

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