VonStefan Brändleschließen
Die Tötung eines 17-Jährigen im Pariser Vorort Nanterre durch einen Polizisten könnte in Frankreich ähnliche Banlieue-Unruhen auslösen wie 2005. Der Leitartikel.
Die Rentenproteste hatte Emmanuel Macron soeben gemeistert; mental dürfte er sich schon auf ein paar friedliche Sommerabende gefreut haben. Jetzt geht es aber bereits an einer anderen Sozialfront los – den Banlieues, diesen ebenso endlosen wie elenden Bannmeilen vor den Grenzen der Großstädte, dort, wo Frankreich seit über einem halben Jahrhundert seine Migrantinnen und Migranten einquartiert. Und dort, wo der Begriff „Parallelgesellschaft“ zutreffender denn je ist. Wie viele „eingeborene“ Französinnen und Franzosen wissen, dass diese Viertel diese Woche das größte islamische Fest des Jahres feiert – das Opferfest?
In diese festliche, bisweilen feierliche Atmosphäre platzte am Dienstag (27. Juni) ein katastrophaler Schuss: Ein behelmter Motorradpolizist erschoss einen 17-Jährigen mit Vornamen Nahel in einem Auto, als sich dieser der Kontrolle seines Fahrausweises – er hatte wohl keinen – mit einem Durchstart entziehen wollte. Man muss sich fragen, wie ein Polizist dazu kommt, seine geladene und offenbar entsicherte Waffe auf einen Automobilisten zu richten. Weil dieser eben dem Profil des maghrebstämmigen Banlieue-Kids entspricht?
Steht Frankreich erneut vor einer Banlieue-Krise mit der Meuterei eines Teils ihrer Jugend?
Für seine Kumpels ist der Fall klar: Nahel wurde erschossen, weil die französische Polizei rassistisch ist, wie am Mittwoch auch Grünenchefin Marine Tondelier ohne Umschweife anmerkte. Im Jargon nennt man das „délit de faciès“, wörtlich: Gesichtsdelikt. Es besteht darin, Menschen mit nordafrikanischer Migrationsgeschichte anders anzupacken als die übrigen Menschen in Frankreich. Wobei das längst nicht nur eine Frage der Kriminalstatistik ist, sondern der generellen Diskriminierung im Alltag. Die Banlieue-Bewohnerinnen und -Bewohner haben den Eindruck, Bürger:innen zweiter Klasse zu sein; entsprechend fühlen sie sich von jener Republik verraten, die doch die „égalité“ – die Gleichheit – in ihrer Devise führt.
Dieses Gefühl steht am Ursprung der meisten Banlieue-Krawalle. So war es schon bei den „historischen“ Unruhen von 2005, als zwei Primarschüler in Clichy-sous-Bois bei ihrer Flucht vor der Polizei umkamen. Wochenlang kam es zu schweren Ausschreitungen. Steht Frankreich jetzt erneut vor einer Banlieue-Krise mit der Meuterei eines Teils ihrer Jugend?
Video lässt Banlieues erbeben: Erlebt Frankreich seinen George-Floyd-Moment?
Erschwerend kommt heute dazu, dass im Unterschied zu 2005 ein Video zirkuliert, das kaum Zweifel zulässt. Sein emotioneller Impakt ist in den französischen Banlieue-Vierteln so groß wie das Video vom Tod George Floyds, das in den USA 2020 die seit 2013 existierende Bewegung „Black Lives Matter“ erstarken ließ. Und von den leidenschaftlichen Emotionen bis zum Volksaufruhr ist es in Frankreich, dessen republikanisches Fundament die ebenfalls in den Straßen ausgetragene Revolution von 1789 bildet, kein weiter Weg.
Die französischen Behörden können deshalb gar nicht anders: Sie reagieren auf die Polizeigewalt mit der Entsendung von noch mehr Polizei. Am Dienstag waren null Einsatzpolizistinnen und -polizisten an die Banlieue-Front delegiert worden, am Mittwochabend waren es deren 2000, am Donnerstagabend schon 40.000. Präsident Macron verurteilt zwar die randalierende „Gewalt gegen die Republik“; zugleich bemüht er sich wie die gesamte Staatsführung, den Schüssen des Polizisten kein falsches Wort nachzuschicken.
All das ist natürlich sehr politisch. Die Rechte wirft dem Staatschef vor, er markiere zu wenig Härte. Die Linke beteiligte sich am Donnerstag an dem „Marsch für Nahel“, was wenigstens etwas mithalf, den Eindruck einer gesellschaftlichen Spaltung zwischen Menschen mit und ohne nordafrikanische Migrationsgeschichte abzubauen. Ob das genügt, die Wogen der Entrüstung zu beruhigen? Die Aussichten sind nicht gut. Vielleicht entdecken die Banlieue-Kids, von denen viele gar nicht die Mittel für Ferienreisen haben, gerade eine neue Betätigung für laue Sommerabende. (Stefan Brändle)
Polizist erschießt 17-Jährigen – dann brennen in Frankreich die Vororte




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