Frankreich unter Le Pens RN: Ein Wahlprogramm wie ein Minenfeld
VonStefan Brändle
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Was sich die französischen Rechtsnationalen vornehmen, sollten sie am Sonntag an die Macht kommen – egal was, es verheißt nichts Gutes. Eine Analyse.
Paris – Kurz vor der finalen Runde der Parlamentswahl in Frankreich sinken die Chancen der Rechtsnationalen auf eine Machtübernahme: Bis Dienstagmittag hätten etwa 200 Kandidatinnen und Kandidaten ihren Verzicht auf die Teilnahme an der Stichwahl erklärt, hieß es im Umfeld von Präsident Emmanuel Macron. Ziel ist es, mit Bündnissen die absolute Mehrheit für Marine Le Pens Rassemblement National (RN) zu verhindern.
RN: Soziale Krankenhilfe soll zugunsten von Steuersenkungen auf Brennstoffe beschnitten werden
Deren Pläne kommen derweil einem politischen Minenfeld gleich: „Das Wohnsitzrecht wird aufgehoben“, lautet zum Beispiel eine „Sofortmaßnahme“ des RN und ihres Parteichefs Jordan Bardella, der nächste Woche zum Premierminister Frankreich ernannt werden könnte. Das „droit du sol“, wörtlich „Bodenrecht“ im Unterschied zum „Blutrecht“ der Familienabstammung, ist ein Grundpfeiler der französischen Republik; es verleiht bei der Geburt auf französischem Boden automatisch die französische Staatsbürgerschaft.
Weitere „dringende“ Themen sind laut RN-Programm die verschärfte Ausweisung irregulär Zugewanderter oder die Beschränkung der Familiennachführung. Die unentgeltliche Krankenhilfe AME („Aide médicale d’Etat“, deutsch: medizinische Staatshilfe), die für die Rechte ein rotes Tuch ist, weil sie ein Magnet sein soll für operationsbedürftige und kranke Ausländer:innen, wird ersetzt durch „lebenswichtige Nothilfe“. Noch so eine politische Mine.
Die Frage der AME macht klar, dass Ausländer:innen buchstäblich die Zeche für das teure Wahlprogramm des RN zahlen sollen. Die Abschaffung der Krankenhilfe soll laut den Lepenisten gut eine Milliarde Euro einsparen. Dieses Geld soll indirekt mithelfen, ein Kernanliegen der Regierung Bardella mitzufinanzieren: die Senkung der Mehrwertsteuer auf Treib- und Brennstoffe von 20 auf 5,5 Prozent.
Le Pen will EU-Energiepreispläne „neu aushandeln“
Aus dem europäischen Energiemarkt will Le Pen zudem aussteigen, um die Preise für Gas und Strom staatlich subventionieren zu können. Profitieren würden vor allem autofahrende Hausbesitzer:innen auf dem Land – große Teile der RN-Wählerschaft. Seriöse Institute wie Montaigne beziffern die Kosten der Steuersenkung, anders als das RN, auf mehr als zehn Milliarden Euro. Die Abschaffung der Krankenhilfe würde dazu nur ein Zehntel beitragen. Die Energiepreis-Pläne widersprechen überdies EU-Direktiven. Le Pen sagt leichthin, sie würde sie „neu aushandeln“. Und wenn die EU nicht mitspielt?
Ins Geld geht auch ihre Absicht, die von Macron vollzogene Erhöhung des Rentenalters von 62 auf 64 rückgängig zu machen; in gewissen Fällen soll sie sogar auf 60 Jahre sinken. Geschätzter Kostenpunkt: neun Milliarden Euro. Bardella behauptet, sein Programm sei durchfinanziert. Er überschätzt allerdings die Einsparungen durch eine AME-Abschaffung – und er behauptet, der Kampf gegen den Missbrauch bei den Sozialhilfen werde 50 Milliarden Euro eintragen. Der französische Rechnungshof kommt nur auf sechs bis acht Milliarden Euro.
Marine Le Pen hat Frankreich-Wahl 2027 im Blick – trotz Ausschluss
Bardella will deshalb den französischen Beitrag an das EU-Budget um zwei Milliarden kürzen – obwohl das nach EU-Recht frühestens in drei Jahren möglich wäre. Ein schwerer Konflikt mit Brüssel wäre unausweichlich. Die Lepenisten planen entgegen dem Sinn der EU zudem mit „wirtschaftlichen Patriotismus“. Der RN-Spezialist Jean-Yves Camus denkt, dass sich die Rechtsnationalen an der Regierung auf ihre zwei traditionellen Sündenböcke – die Ausländer und die EU – einschießen werden, um die gravierenden Mängel ihres Wahlprogramms zu kaschieren.
Und im Minenfeld wartet noch mehr Explosives: Le Pens plant, den öffentlichen Rundfunk zu privatisieren. Die Atomkraft will sie fördern, die nukleare Abschreckung mit niemandem teilen. Und in Sachen Außen- und Ukraine-Politik spricht die prorussische RN-Gründerin dem Staatspräsidenten die Zuständigkeit ab. (mit AFP)