Spionage-Anzeige gegen Orbán: EU-Abgeordneter Freund schildert Späh-Attacke
VonJan-Frederik Wendt
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Mitte 2024 griffen Unbekannte das Büro des EU-Abgeordneten Freund mit einer Spionagesoftware an. Im Interview erklärt der Grüne, warum die Spur nach Ungarn führt.
Brüssel/Andelsbuch – Der Grünen-Politiker Daniel Freund hat Strafanzeige gegen den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán und gegen Unbekannt erstattet – nach einem digitalen Spähangriff auf sein Büro. Mitten im Europawahlkampf 2024 hatten Angreifer versucht, eine Spionagesoftware auf den Geräten des Europapolitikers zu installieren. Im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau von Ippen.Mediaerklärt Freund, wie der Spionageangriff verlief und was er mit seiner Strafanzeige erreichen will.
Wie haben Sie bemerkt, dass Sie mutmaßlich Opfer eines Spähangriffs geworden sind?
Die Vermutung kam auf, als plötzlich mehrere Mitarbeiter der Cybersecurity des Europäischen Parlaments in meinem Büro standen. Sie sagten, es habe einen Angriff gegeben und sie müssten alle Computer und elektronischen Geräte inspizieren. Ich selbst wurde darüber von meinen Mitarbeitern telefonisch informiert, weil ich zu der Zeit in Nordrhein-Westfalen wegen des Europawahlkampfes unterwegs war.
Anzeige gegen Orbán: So erlebte der EU-Abgeordnete Freund die Cyberattacke
Welche Gedanken schossen Ihnen als Erstes durch den Kopf?
Die erste Frage war, ob der Angriff erfolgreich war. Und wie genau finden wir das heraus? Hatten oder haben die Angreifer Zugang zu meinen Daten, meinem Kalender und wurden weitere sensible Informationen geklaut? Natürlich hatten wir vorher Sicherheitsmaßnahmen ergriffen und mir war bewusst, dass EU-Abgeordnete ausspioniert werden könnten. Über mich selbst hatte ich mir auch keine Sorgen gemacht, aber um meine Informanten, die mir beispielsweise Korruptionsfälle in Ungarn melden. Ich hoffte, dass andere Leute und deren Arbeit nicht in Gefahr geraten.
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Wissen Sie, ob der mutmaßliche Spähangriff – zumindest teilweise – erfolgreich verlief?
Alle Geräte von mir und meinen Mitarbeitern wurden doppelt geprüft – einmal vom Parlament und von einem unabhängigen Dienstleister. Die Ergebnisse waren gleich: Nirgends wurde Spionagesoftware gefunden und kein Gerät war infiziert.
Wie verlief der Angriff Ihrer Kenntnis nach?
Ich erhielt eine E-Mail von einer ukrainischen Studentin. Sie hatte sich in ihrer Nachricht auf eine meiner Reisen in der Ukraine bezogen. Sie wollte einen Austausch mit Studenten ihrer Universität organisieren. In der Mail befand sich ein Link, der angeblich auf die Uni-Webseite führen sollte. Aber hinter diesem Link war ein zweiter Link der Candiru-Spionagesoftware versteckt. Laut Experten handelt es sich dabei um eine sehr teure und potente Software. Hätten jemand auf diesen Link geklickt, hätten die Angreifer meine Geräte komplett auslesen können und Zugriff auf mein Mikrofon, meine Kamera und meine Geolokalisation gehabt.
Angriff auf Grünen-Abgeordneten: Spionagesoftware offenbar nur von Regierungen genutzt
Und die ukrainische Studentin ist eine reale Person?
Ja, vor der Attacke auf mich hatten die Angreifer ihren Account gehackt.
Warum glauben Sie, dass Ungarn hinter dem Angriff steckt?
Laut dem Hersteller wird diese Spionagesoftware nur Regierungen zur Verfügung gestellt und nicht von Unternehmen genutzt. Natürlich gibt es keine offizielle Liste mit Ländern, die diese Software benutzen. Aber unter Cyberexperten kursiert eine solche Liste. Auf dieser stehen Akteure wie China, Russland, Saudi-Arabien – und eben auch Ungarn. Ich kann nicht rechtssicher sagen, dass der ungarische Geheimdienst hinter der Attacke steckt. Aber mit allen anderen Ländern, die auf dieser Liste stehen, habe ich politisch nichts zu tun. Und immerhin hatte mich der ungarische Regierungschef Viktor Orbán bereits öffentlich im Plenum des EU-Parlaments beleidigt. Und es war ein gezielter Angriff auf meine Person.
Inwiefern?
Die Täter hatten keine Delegation oder andere Abgeordnete ins Visier genommen, nur mich. Und laut Experten kostet ein einzelner Angriff circa 1,1 Millionen Euro.
Warum Ungarn hinter dem Angriff stecken könnte
Man kann diese Cyberattacke auch als Lob für Ihre Arbeit interpretieren.
Das kann man zynisch so sagen. Seit Jahren bin ich verbalen Angriffen aus Ungarn ausgesetzt. Der ungarische Regierungssprecher, einzelne Minister und Orbáns Propagandamaschine hauen mir ständig etwas um die Ohren. Aber dass man als Abgeordneter an den Pranger gestellt wird, gehört zum Berufsrisiko.
Könnte der ungarische Geheimdienst zu solch einem drastischen Schritt greifen? Immerhin gehen die Täter auch ein großes Risiko ein.
Ich glaube schon, dass dort eine gewisse Nervosität herrscht. In letzter Zeit gab es ja zahlreiche Enthüllungen, dass Ungarn seine EU-Botschaft als Spionagestandort nutzt – im digitalen und klassischen Sinn. Ich verstehe Ungarns Aktivitäten als Angst vor allem, was zu Kritik führen kann. Schon lange ist bekannt, dass Orbáns Regierung investigative Journalisten, Oppositionsmitglieder und zivile Akteure ausspioniert. Und bislang gab es eben die naive Hoffnung, dass sich diese Spionageaktivitäten auf Ungarn beschränken, was offensichtlich nicht der Fall ist.
Fühlen Sie sich sicher?
Ich passe schon immer sehr auf mich auf und seit der Attacke nochmal deutlich stärker. Wir sind uns bewusst, in welcher Umgebung wir arbeiten und meine Mitarbeiter werden regelmäßig geschult. Ich erhalte täglich hunderte Mails und wir passen sehr darauf auf, dass uns kein Flüchtigkeitsfehler unterläuft. Es gehört jetzt leider zur Realität, dass wir unsere Geräte ständig überprüfen lassen.
Spionageangriff erschreckt viele EU-Politiker
Was sagen Ihre EU-Kollegen – insbesondere aus Ungarn – über die mutmaßliche Spähattacke?
Ich habe viel Solidarität erhalten, aber über die Parteigrenzen hinweg gibt es ein großes Erschrecken. Es ist nicht überraschend, dass Abgeordnete und EU-Institutionen von Nicht-EU-Ländern wie Russland und dem Iran ausspioniert werden. Aber dass wir nun sogar Angriffe aus EU-Mitgliedsländern fürchten müssen, ist absolut inakzeptabel. Ein Untersuchungsausschuss muss klären, was genau passiert ist und wie EU-Institutionen besser geschützt werden können.
Mit welchen Zielen haben Sie die Strafanzeige gestellt?
Deutsche Behörden müssen sich stärker bewusst machen, dass es diese Cyberangriffe gibt. Ich habe die Sorge, dass sich keine nationale Behörde für mich als deutschen EU-Abgeordneten verantwortlich fühlt. Durch meine nationale Zugehörigkeit und den EU-Sitzen in verschiedenen Ländern falle ich unter die Zuständigkeitsbereiche von Deutschland, Frankreich, Belgien und Luxemburg. Ich möchte nicht, dass eine Behörde denkt: Ach, es wird sich schon ein anderes Land um den Vorfall kümmern.
Also glauben Sie nicht, dass Ihre Strafanzeige ernsthafte Konsequenzen für die Täter haben wird?
Ich gehe nicht davon aus, dass Orbán verhaftet wird. Die Konsequenz, die ich für realistisch halte, ist, dass meine Anzeige einen Reflexionsprozess bei den staatlichen Behörden unterstützt. Wir dürfen diese Angriffe nicht kleinmachen oder ignorieren. (Interview: Jan-Frederik Wendt)